Breath of the Wild Erweiterungspass



Schreibwettbewerb 2006 - Rollentausch
Der Hylianer rieb sich den Schweiß von der Stirn. Seine zittrigen Hände fuhren wieder zu dem, an dem seine Seele so hing, ihn festigte, ihm Halt gab und doch... sein Untergang war. Er drückte es an sich, spürte die dunkle Aura, die davon ausging. Und doch... war es sein Wunsch gewesen, was mit Hyrule passierte? Oder der Wunsch von IHM?
Er sah zerfetzte Banner, Blut grausam hingeschlachteter Menschen, das Massaker zweier aufeinanderprallende Welten...
Brauchte es nur jemanden, der den Wunsch aussprach? Seine Hände zitterten. Er hätte die Macht, wenn er den Wunsch aussprach und doch... wäre er nur eine Marionette. »Tu es!«, drang die verführerische Stimme aus dem, was er vor sich hielt. Langsam dämmerte ihm, was für ein Wissen er haben könnte, wenn er es tun würde. Doch in Wirklichkeit wäre er... »Du wärst der Herrscher über alle!«, kamen die Worte. Sie fluteten seinen Körper, durchdrangen jede sowieso schon angefressene Barriere, fraßen sich in sein Gehirn und blieben dort hängen, als wären sie in das klebrige Netz einer Spinne geraten.
Dem Mann schwindelte. Ein Satz, ein ganz normaler Satz. Er würde das Weltbild zu seinen Gunsten verändern. Er hängte sich das verführerische Medaillon um und sprach den Wunsch... –

Was ist das denn für ein seltsamer Anfang, werdet ihr euch jetzt sicher fragen. Nun, drehen wir die Zeit doch einfach ein wenig zurück, bis zum eigentlichen Zeitpunkt unserer Geschichte…


Szene 1 ~ Prelude
Etwa eine Woche zuvor, am Rande der hylianischen Hauptstadt
Langsam schritt er über die Straße zum Marktplatz. Er war erschöpft, seit Tagen war er marschiert, nur um rechtzeitig hier zu sein.
Es war sein Traum gewesen, einmal die Königstochter zu sehen, und das noch vor ihrer Vermählung mit dem Helden der Zeit. Nur einmal wollten seine Augen bewundernd über ihren Körper wandern, denn sie wurde als Heldin verehrt. Zusammen mit Link, ihrem Verlobten, hatte sie Hyrule vor den Klauen des finsteren Ganondorf gerettet, und ihn in den Abgrund der Hölle verbannt. Vor vielen Jahren hatte er selbst noch davon geträumt, ein Held zu sein. Link war derjenige, dem es gelungen war. Aus dem Nichts war er gekommen, zog das legendäre Master-Schwert aus dem Zeitenfels und rettete Hyrule vor dem Bösen. Gleich danach war er verschwunden und lange nicht zurückgekehrt. Doch dann, sieben Jahre später, war er wieder aufgetaucht und hielt beim König um Zeldas Hand an.
Wie zu erwarten war, hatte der Souverän eingewilligt. Und jetzt sollte in wenigen Tagen die Vermählung stattfinden, um ein neues Zeitalter des Friedens einzuläuten. Denn solange die Prinzessin des Schicksals und der Junge aus dem Wald glücklich miteinander lebten; so erzählte man sich; würde niemand es wagen, den Frieden zu zerstören.
Solche Gerüchte verachtete er. Kleinbürgerlicher Unfug, der eine Welt der Idylle schaffen sollte. Er wußte, daß das Böse nie ruhen würde.
Endlich stand er auf dem großen Platz. Die Stände, an denen sonst vielerlei Waren verkauft wurden, von alltäglichen bis exotischen, waren leer, ihre Besitzer hatten sich wie viele andere der Bewohner auf den Pflastersteinen des Marktplatzes versammelt. Alle drängelten sie sich auf den weißen, an einigen Stellen leicht beschädigten Steinen, um Zelda und ihren Bräutigam zu empfangen. Sie warteten auf die Klänge der Trompeten, die den Beginn der Zeremonie ankündigen sollten.
Eine uralte Zeremonie, die in den vergangenen Jahrhunderten mit so vielen unterschiedlichen Bedeutungen belegt worden war. Mal hieß es, der Segen der Götter würde dem Ehepaar viele Kinder schenken, dann wieder lange Gesundheit oder langes Leben. Ging es jedoch um Verliebte königlicher Abstammung, so sagte man dem Segen vor allem nach, er schenke dem Königspaar die Kraft, die Weisheit und den Mut, Hyrule gerecht zu regieren.
Weisheit, Kraft und Mut…
Die drei Grundtugenden, welche die hylianische Religion beherrschten. Vereint in den drei Göttinnen Din, Nayru und Farore und ihrem Symbol, dem Triforce, das Relikt unglaublicher Macht. Dieses Artefakt, ein goldenes Dreieck, das wiederum aus drei gleichseitigen Trigonen bestand, besaß die Fähigkeit, seinem Besitzer jedweden Wunsch zu erfüllen. Egal ob finster wie die Nacht, oder rein wie Bergwasser, das Triforce machte keinen Unterschied.
Da man um die Gefahr wußte, welche das Triforce in den Händen eines Menschen mit bösem Herzen bringen konnte, hatte man es gut versteckt. Die sechs unsterblichen Wächter Hyrules hatten es im Heiligen Reich verborgen. Über dem Eingang in dieses mystische Land war die Zitadelle der Zeit erbaut worden. Der Eingang dahin wurde durch das sagenumwobene Master-Schwert verschlossen, welches wiederum durch die Kraft der drei heiligen Steine versiegelt ist. Diese Steine sind an die Souveräne der drei anderen Völker verteilt.
Er schnaubte. Und doch hatte es so wenig gegen das Böse gebracht, denn durch List und Tücke war es Ganondorf gelungen, das Triforce an sich zu reißen. Jedenfalls einen Teil davon. Er hatte nur das Fragment der Kraft für sich beanspruchen können. Zelda und Link waren nun die Träger der verbleibenden Fragmente.
Ein seltsames Trio. Ganon, dem die Kraft der Göttin Din innewohnte, Zelda, deren Körper von der Weisheit Nayrus durchströmt wurde, und Link, in dessen Körper Farores Mut floß. Es mochte anmuten wie ein Streit unter Göttinnen, verfügten sie doch alle drei über große Fähigkeiten.
Die feierlichen Töne der Trompeten, die das künftige Ehepaar ankündigten, rissen ihn aus seinen Erinnerungen. Erst jetzt wurde ihm klar, daß sein Traum ein lächerlicher war. Er hatte Zelda schon oft gesehen. Denn er war bei jedem der Schritte, die sie, Link und Ganon getan hatten, als stummer Beobachter dabei gewesen. Aber jetzt wollte er sie von Angesicht zu Angesicht sehen. Sie und auch Link.
Ein heller Ton, der das Lied anstimmen sollte, war zu hören, und die sanften Klänge der »Kantate des Lichts« erfüllten den gesamten Platz.


Szene 2 ~ Minuet
Einige Stunden vorher, Schloßhof
Auf den weiten Grasflächen des Hofes konnte man zwei Personen sehen, ein Mann und eine Frau, die augenscheinlich versuchten, förmliche Haltungen einzuüben. Die Frau, sie war noch jung, ihre langen blonden Haare glänzten im Licht der morgendlichen Sonne, schien völlig verzweifelt. »Jetzt sei doch nicht so versteift, Link!« Entnervt blickte der junge Mann, dessen grüne Kleidung kennzeichnete, daß er vor langer Zeit im Wald gelebt hatte, Zelda an. Kurz strich er sich sein blondes Haar aus dem Gesicht. »Ich will nichts verkehrt machen. Ich meine, wir nehmen heute den Segen der Göttinnen entgegen!« »Du übst jetzt schon seit Tagen. Stell nicht so hohe Ansprüche an dich. Sei du selbst, daß gefällt den Leuten mehr, als wenn du total verkrampft bist.« »Aber…« – »Glaub mir einfach…« Sie lächelte ihn an und er konnte nicht anders, als aufzugeben. Jedesmal, wenn sie ihn so ansah, hatte er schon verloren. »Komm, wir gehen lieber den Tanz üben!«
»Den Tanz?« Link schluckte. Er konnte Horden von Monstern besiegen, darin hatte er Übung, aber Tanzen? Er schien zwei linke Füße zu haben, Zelda hatte schon öfters unangenehme Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Aber sie war nicht willens, aufzugeben. Also folgte er ihr gehorsam in das Schloß. Der Hochzeitssaal lag nur wenige Meter entfernt, denn er hatte einen Durchgang zum Garten. Gegen Abend sollte dort eine noch größere Feier stattfinden. Die großen Fenster waren dekoriert worden, die Tische für das Bankett waren bereits aufgestellt, direkt dahinter war die Bühne für das Orchester. Der Hochzeitstanz, der auf dem großen Parkettboden des Saales stattfinden sollte, war der einzige Teil dieser heiligen Zeremonie, vor der Link sich gerne gedrückt hätte. Doch das konnte er nicht. Der künftige König mußte den Tanz eröffnen.
Daher übte er seit mehren Wochen das Tanzen. Bisher relativ ergebnislos. Langsam schritt Zelda auf Link zu, als die Musik anfing. Es war eine feierliche Musik. Der Tanz begann.
Vorsichtig faßte Link Zelda um die Hüfte und fing an, sich die so häufig eingeprägten Tanzschritte ins Gedächtnis zurückzurufen und sie umzusetzen.
Und wieder scheiterte er. Schon nach wenigen, zaghaften Schritten trat er Zelda erneut auf den Fuß. »Au!« »Es tut mir Leid, Zelda. Ich kann das einfach nicht!« »Ich glaube, wir gehen ganz einfach verkehrt an die Sache ran. Stell dir vor, die Tanzschritte wären deine Ausweichstrategie gegen einen Feind. Und wenn du daneben trittst, wärst du wehrlos und dem Tode nahe.« »Du meinst, daß soll klappen?« »Wenn das nicht klappt, bin ich mit meinem Althylianisch am Ende.«
Link war skeptisch, das konnte man auch verstehen. Aber da Probieren bekanntlich über Studieren geht, riskierte er einen Versuch. Zu seiner Überraschung klappte es hervorragend. Nicht einmal trat er Zelda auf die Füße. »Siehst du? Hat doch prima geklappt!« – »Du hattest wie immer Recht, Zelda…« Er trat näher an sie heran, umarmte sie. Immer mehr näherten sich ihre Gesichter, und als ihre Lippen sich trafen, schlossen sie die Augen und genossen die Wärme des anderen.
Ein Bediensteter hinter ihnen räusperte sich. Sofort fuhren Link und Zelda verlegen auseinander. Sie sahen, wie er sich belustigt durch seinen kurzen Bart strich. Sein Haar, das nach hinten zurückgekämmt war, besaß an einigen Stellen bereits Lücken, die auf sein Alter hinwiesen. Die typische weiß-rote Gewandung der Bediensteten war hier noch mit einigen goldfarbenen Stickereien versehen, ein Zeichen dafür, daß er relativ hoch stand. »Was gibt es?«, fragte Link, leicht rot im Gesicht. »Verzeiht, daß ich störe, doch ich muß darauf hinweisen, daß sehr bald die Zeremonie der Segnung beginnen soll.« »Dann werden wir uns darauf vorbereiten.«, antwortete Zelda. Nach einer tiefen Verbeugung entfernte sich der Diener und ließ die beiden wieder alleine. »Darauf vorbereiten? Wie meinst du das, Zelda?« »Das wirst du noch früh genug sehen!« Mit einem Lachen löste sie sich von Link und eilte davon. »Versteh einer die Frauen…«
Als Link sich umblickte, drangen die Töne des »Menuett des Waldes« an seine Ohren. Der Rhythmus erinnerte an einen Walzer, doch es trug den Klang des Friedens mit sich.


Szene 3 ~ Bolero
Wenige Minuten später, Zeldas Gemach
Zelda saß vor dem Spiegel, hinter ihr das große Himmelbett, auf dem ihr Kleid lag, das sie für die Hochzeit anziehen würde. Es war extra für diese Zeremonie geschneidert worden. Es bestand aus einem violettem Oberteil, das sich nach unten aufspaltete und in das weiß gehaltene, eigentliche Gewand überging. Der Saum des Kleides war nicht hell, sondern in einem dunklen Kontrast gesetzt. Direkt darüber waren aufwendige Stickungen gesetzt. Zu dem Kleid gehörten edle Samthandschuhe. Zelda setzte sich gerade das Diadem auf, dessen Mitte auf ihre Stirn zeigte, direkt darüber ein tiefblauer Saphir. Danach zog sie das Kleid an. Dabei mußte sie immer wieder daran denken, was sie gemeinsam mit Link erlebt hatte. Sie hatte ihn auf die Suche nach den restlichen beiden Heiligen Steine geschickt, als er zu ihr gekommen war, im Gepäck den Kokiri-Smaragd. Sie war es gewesen, die ihm die Okarina der Zeit gab und ihn dazu verdammte, sieben Jahre seines Lebens aufzugeben. Sieben Jahre, die sie verborgen verbrachte, verkleidet als Shiekah-Junge. Sie war es gewesen, die ihm nach seinem Erwachen geholfen hatte, das Böse zu bezwingen.
Und doch war all dies nicht ihre Schuld. Sie wußte, daß sie auserwählt waren, auserwählt von den Göttinnen, den Frieden aufrechtzuerhalten. Wehmütig betrachtete sie ihren linken Handrücken. Auf ihm war das Triforce zu sehen, zwei Fragmente durchsichtig, das bleibende leuchtete, es war das Zeichen dafür, daß in ihrem Körper ein Fragment des Triforce verweilte. Das Fragment der Weisheit. So viel Leid war mit dem Triforce verbunden und würde es immer sein, denn Macht brachte Schuld und Schuld brachte Leid. Und nichts anderes war das Triforce, als reine Macht.
Sie schüttelte den Kopf. Die Zeit des Leids war vorbei. Ganondorf war verbannt, der Frieden hergestellt. Seit mehreren Jahren schon hatte kein Unheil mehr Hyrule heimgesucht. Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als es an der Tür klopfte.
»Verzeiht, die Zeremonie soll beginnen.«, wurde von draußen gerufen. »Ich komme schon.«, antwortete Zelda eilig. Sie legte sich noch kurz die Halskette um, die ein Erbstück der Königsfamilie war und in der edle Steine enthalten waren. Dann ging sie nach draußen, wo bereits ihre Garde, die zehn Hohen Generäle des Reiches, auf sie wartete. An jeder Uniform waren etliche Orden zu sehen, die von ihren großen Taten kündeten. Zelda verabscheute die Haltung der Soldaten, so steif und leblos...
Sie nickte, dann setzte sich der Zug in Bewegung, zum Tor des Schloßes, wo Link auf sie wartete. Sie achtete nicht länger auf die Garde, ging wie gewohnt den Weg nach unten. Es war ihr zuwider, sich führen lassen zu müssen, doch es war ein fester Brauch.
Die Heiratende wird von ihrem Zimmer aus durch Familienangehörige, in adligen Familien häufig auch die Leibgarde, zum Heiratenden geführt, der vor dem Haus wartet. Danach werden sie von der Familie zur Zitadelle begleitet. Während die Liebenden zum Altare treten und um den Segen Dins bitten, bleibt die Familie weiter hinten in der Zitadelle stehen.
Ist der Segen Dins erfolgt, so treten die beiden Trauzeugen vor und bitten Nayru um ihren Segen. Anschließend bitten die Eltern um den Segen Farores.
Eine sehr alte hylianische Tradition. Mittlerweile weiß niemand mehr, warum die Bitte um den Segen der Göttinnen von bestimmten Leuten durchgeführt wird.
Zelda und Link faßten sich an den Händen und traten den Weg zur Zitadelle an. Als der Klang des »Bolero des Feuers« ertönte, stieg die Spannung der Beteiligten nur noch. Der schnelle Wechsel zwischen hoffnungsvollen Tönen und solchen, die einen Kampf verdeutlichten, ließ den Teilnehmern das Herz schneller schlagen.


Szene 4 ~ Serenade
Einige Minuten später, Zitadelle der Zeit
Vor Link und Zelda marschierten die Trompeter. Die feierlichen Klänge ihrer Instrumente, die speziell für diese Art von Zeremonie hergestellt wurden, kündigten dem Volk an, daß es bald so weit war. Man konnte es schon jubeln hören, doch die Geschwindigkeit der Gruppe änderte sich nicht. Auch sie ist fest vorgeschrieben.
Nach ewig währenden Minuten setzten sie endlich den ersten Fuß auf die Pflastersteine des Marktplatzes. Lächelnd schauten Link und Zelda in die Runde, winkten dem Volk zu – wie es von ihnen erwartet wurde. Kurz trafen die Blicke von Link und einem unscheinbaren Mann zusammen, der nicht wie all die anderen jubelte. Ein süffisantes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als Link ihn musterte. Sieh mich ruhig ganz genau an… Link wandte den Blick wieder ab, als die Wanderung zur Zitadelle weiterging. Die Trompeter vornean, dann Zelda und Link, anschließend Zeldas Familie und hinterdrein das Volk von Hyrule. Auch der seltsame Fremde war immer noch dabei.
Kurz darauf wurde der Klang der Trompeten durch helles Glockengeläut abgelöst. Vor ihnen lag die Zitadelle der Zeit. Sie traten durch die großen Türen in diese heilige Halle ein. Die Trompeter stellten sich an den Seiten des Saales auf, Zelda und Link schritten weiter auf den Altar zu, hinter dem ein Priester der Göttinnen stand. Nebeneinander knieten sie sich nieder und falteten die Hände. Sie baten Din, die Göttin der Kraft, um ihren Segen.
»Heilige, die du
Bist in Eden. Bitte
Gib uns deinen Segen,
Bitte gib uns die Kraft,
All Böses zu überstehen.«
Eine alte Litanei, die vormals zur Abwehr böser Kräfte diente und nun zur Segnung des Heiligen Bundes benutzt wird.
Langsam erhoben Link und Zelda sich wieder, faßten sich an den Händen und sahen dem Priester in die Augen. Allein an ihm lag es nun.
Der Segen Dins muß vom Priester bestätigt werden. Gleichwohl auch der Segen Nayrus und Farores, doch Din gilt auch als Göttin der Liebenden und gibt sie ihren Segen nicht, so gilt der Bund als nicht geschlossen.
»Der Segen Dins…«
Alle blickten ihn erwartungsvoll an, nur der Fremde lächelte wissend.
»… ist nicht gegeben worden. Die Göttin ist nicht zugegen.«
Mit versteinerter Miene blickte Zelda den Priester an. Langsam legte sie die Hand auf ihre Brust. Tränen rannen aus ihren Augen und ihre Lippe zitterte. Niemand merkte, wie ein Mann die Zitadelle verließ.
Zelda ging einen Schritt zurück, dann zwei. Dann drehte sie sich um und rannte davon.
»Zelda!«, rief Link ihr noch hinterher, doch es hatte keinen Zweck. Sie hörte ihn nicht, wollte ihn nicht hören. Sie wollte nur allein sein, allein.
Das Getuschel der Leute erfüllte die Halle und übertönte das leise Wehklagen der »Serenade des Wassers«, deren Melodie ruhig war und doch voller Wehmut. Der Klang der Töne wurde durch die Reihen der Gäste getragen, klar wie das Wasser und doch traurig wie Zeldas Tränen.


Szene 5 ~ Nocturne
Wenige Augenblicke darauf, vor der Zitadelle
Leise schluchzend sank Zelda zu Boden. Langsam zog sie das Medaillon, das ihre Mutter ihr geschenkt hatte, hervor und blickte es lange an. »Warum? Warum ich?« Sie wurde immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt. »Ist es, weil wir Ganondorf verbannt haben? Den Auserwählten Dins? Muß ich nun bis an mein Lebensende ohne Gemahl bleiben?« Wieder schluchzte sie. »Bitte, seid nicht so traurig, Prinzessin.« Zelda erschrak, sofort verbarg sie das Medaillon. »Wer ist da?« Ein junger Mann trat aus dem Schatten neben Zelda. Sein tiefschwarzes Haar hing ihm ins Gesicht und sein Blick schien freundlich. Auch seine Stimme war warm, vertraut, sie sprach ihr neuen Mut zu. »Mein Name ist Zee. Ich bewundere Euch sehr.« »Wofür? Ich will nicht bewundert werden. Ich bleibe für den Rest meines Lebens eine alte Jungfer, weil Din ihren Segen verweigert!« »Ich bewunderte Euch stets für Euren Mut, sich Ganondorf zu widersetzen.« – »Und dieser Mut wird so belohnt?« »Ich bezweifle, daß es daran liegt. Was habt Ihr in Eurer Hand verborgen? Ich spüre eine dunkle Aura, die von ihr ausgeht.« »Eine dunkle Aura? Von dem Medaillon meiner Mutter?«
Zelda blickte Zee erstaunt an. Dann holte sie das Medaillon hervor, um es ihm zu zeigen. Irgendetwas sagte ihr, sie könne ihm vertrauen. Es war ein seltsames Gefühl. Als würde sie ihn schon seit Jahren kennen.
»Wie ich es mir dachte! Es ist verflucht!« »Dann liegt es wirklich daran?« »Ja. Ich bin sicher, wenn ich es an mich nehme, wird Din ihren Segen geben.« »Seid Ihr Euch sicher?« »Absolut!« »Dann nehmt es!«
Sie gab Zee das Medaillon, wischte die Tränen weg und eilte zurück in die Zitadelle. Zee blieb zurück, den Blick gierig auf das Medaillon geheftet.
Und von weit entfernt trug der Schall den unheilverkündenden Klang der »Nocturne des Schattens« heran. Ihre Melodie schien alles mit seinen leisen und unruhigen Tönen in einen Schatten zu legen. Zee mutete wie ein Raubtier an, das seine Beute beobachtet, auf den richtigen Moment wartend, um zuzuschlagen.

Szene 6 ~ Requiem
Zur selben Zeit, in der Zitadelle
Immer wieder spielte sich vor Links Augen dasselbe Szenario ab. Immer wieder sah er, wie Zelda weinend aus der Zitadelle rannte. Das Getuschel der Leute konnte er nicht mehr hören. Alles ging an ihm vorbei.
Er merkte nicht, wie das Tor der Zitadelle sich auftat und seine Verlobte selbstsicher auf ihn zuging.
Er merkte nicht, wie das Getuschel der Leute immer lauter wurde, und man bei genauerem Hinhören Sätze hören konnte: »Gibt sie denn niemals auf?«, »Din wird ihren Segen erneut verweigern, ganz sicher.«
Er merkte nicht, daß Zelda schließlich vor ihm stand, zu ihm aufblickte und ihn leise fragte, ob er es noch einmal versuchen wolle.
Erst als Zelda ihn an der Hand nahm und sich an seinen Körper lehnte, wurde er aus seiner Trance herausgerissen. »Z-Zelda? Du willst es noch mal versuchen, nicht wahr?« »Ja, Liebster.«
Sie drehten sich um und traten zum zweiten Male an diesem Tag vor den Altar. Link konzentrierte sich nur noch auf den Priester. Ausdruckslos rezitierte er die Litanei und wartete auf die Antwort des Priesters.
»Der Segen Dins wurde gewährt.«
Gewährt. Gewährt. Gewährt. Dieses eine, erlösende Wort hallte in Links Kopf wieder. Stetig hörte er die Stimme des Priesters. Erst dann verstand Link richtig was geschehen war. Der Segen der Din war gewährt worden… Er und Zelda waren nun den Bund der Ehe eingegangen.
»Der Segen Nayrus wurde gewährt.«
Das Getuschel der Leute verstummte, der König und die Königin, Zeldas Eltern traten vor. »Wir erflehen den Segen der Farore, in unserem und auch in dem Namen der Eltern Links. Es wäre ihr Wunsch gewesen, ganz sicher…«
Eine Zeitlang war es still, niemand sprach, alle warteten auf die Antwort der Göttin, vertreten durch den Priester.
»Der Segen Farores wurde gewährt.«
Von draußen hätte man meinen können, in der Zitadelle sei eine Bombe hochgegangen. Alle Anwesenden brachen in ohrenbetäubendes Jubeln aus, die ganze Menge wollte zu den Besegneten gelangen, ihnen ihre Glückwünsche mitteilen. Link und Zelda jedoch hatten nur Augen für sich. Glücklich sahen sie einander an und schlossen sich in die Arme.
Wer genau zuhörte, der konnte unter dem Lärm des Volkes das »Requiem der Geister« hören. Seine Töne, in denen die Erlösung von sämtlicher Anspannung schwang, hallten durch die Halle. Doch sie brachten auch einen warnenden Klang mit sich, der eine düstere Zukunft ankündigte.


Szene 7 ~ Fog
Unbekannte Zeit, unbekannter Ort
Solange hatte er warten müssen, bis er endlich dieses Medaillon in den Händen hielt…
Jahrhunderte war er auf Suche gewesen, vergeblich. Und jetzt, mit einem Mal, hatte er es am Hals der Prinzessin gesehen.
Dank einer List war das Amulett jetzt sein. Er wußte um die Kräfte, die ihm innewohnten. Siegessicher lachte er auf, niemals würden sie ihn noch stoppen können, wenn er es erst benutzte!
Und selbst wenn er seine Aufgabe nicht erfüllen könnte, andere würden nach ihm kommen. Und nach diesen wieder andere. Niemals würde der Strom des Bösen nach Hyrule versiegen. Niemals…
Zee war schon lange nicht mehr das, was er zu sein vorgab. Dem äußeren Anschein nach war er ein Hylianer, aber das war nur eine Tarnung.
Er war ein Diener des Dunklen, ohne feste Gestalt, und nur nach einem strebend: Macht und Zerstörung.
Das Triforce war außer Reichweite. Niemals würde einer der drei kampflos sein Fragment hergeben, und Zee hatte keine Zeit für sinnlose Kämpfe.
Aber er brauchte das Triforce gar nicht…
Nur wenige wußten, daß es zwei göttliche Relikte von unglaublicher Macht gab.
Jeder kannte das Triforce, auch Goldene Macht genannt.
Doch da war noch dieses Medaillon, die Silberne Macht.
Es besaß dieselben Kräfte wie das Triforce, aber nicht ganz so machtvoll. Und zudem war es bereits verflucht worden. Erfüllte es dem Träger seine Wünsche, so würden diese früher oder später böse Folgen haben. Egal ob finster oder rein, jeder Wunsch wird nach gewisser Zeit in sein Gegenteil verkehrt. Wünschte sich jemand, König zu sein, so würde er gewiß irgendwann Bettler werden.
Und so war es bald im Mantel der Legende verschwunden, denn die Menschen fürchteten das Medaillon und gaben die Kunst, es zu benutzen nicht weiter.
Denn nur unter bestimmten Bedingungen soll der Wunsch erfüllt werden. Zee kannte nur eine: Unschuldiges Blut muß fließen.
Das würde ihm nicht schwerfallen. Er hatte Erfahrung mit Mord. Es wäre nicht das erste Mal, daß jemand durch seine Hand stirbt. Wahrlich, nicht das erste Mal…
Doch jetzt mußte er die übrigen Bedingungen herausbekommen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedachte, daß er erst einmal den Nebel des Vergessens durchstoßen mußte, der die Geschichte des Medaillons umgab.


Szene 8 ~Help!
Nach der Zeremonie, Schloß
Als das frischgebackene Ehepaar wieder im Schloß ankam, hatte die Dienerschaft das Bankett vorbereitet. Die Eingeladenen konnten mit Hilfe aufwendig gestalteter Platzkärtchen sofort ihren Tisch finden. Auch das Orchester begann nun zu spielen. »So laßt uns essen und unsere Vermählung ausgiebig feiern!«, eröffnete Link, immer noch freudestrahlend, das Bankett. Er trat vor und verbeugte sich, so war es in Hyrule üblich, eine Feier zu eröffnen. Sofort traten seine Gäste auf ihn zu, um ihm zu seiner Vermählung zu gratulieren. Danach erst wurde Zelda beglückwünscht. Die Frau nach dem Manne, so schrieb es die hylianische Tradition vor.
Direkt danach setzten sich Link und Zelda auf die vor sie vorgesehenen Plätze. Indem Link seinen Teller füllte und den ersten Bissen nahm, begann er das Essen offiziell.
Er ahnte jetzt schon, daß sich in seinem weiteren Leben nun viel ändern würde. Es wäre ihm nicht mehr möglich, einfach auf Reisen zu gehen, denn als Thronfolger, der er jetzt war, konnte er sich seinen neuen Pflichten nicht entziehen. Aber er nahm das in Kauf. Endlich war seine Liebe mit Zelda legal, denn vorher war es ein Spiel mit dem Feuer gewesen.
Er wußte so gut wie nichts über seine Eltern, und konnte nicht beweisen, daß sein Stand dem Zeldas entsprach. Dennoch liebten sie sich und Zeldas Eltern hatten ihre Augen nicht vor der offensichtlichen Liebe verschlossen.
Auch das Volk wußte schon lange davon, ebenso von dem ungesichertem Stand, doch sie störten sich nicht daran. Link war für sie ein Held, der Junge aus dem Wald, der völlig selbstlos für Hyrules Schicksal eingestanden war und Zelda war für sie eine Heldin, die Prinzessin des Schicksals, die ihre Bestimmung annahm, für Hyrules langersehnten Frieden sorgte und für den Fortbestand dieses Zeitalters des Friedens durch ihre spätere Krönung zur Königin von Hyrule sorgen würde
Doch immer gab es Neider, die nicht damit leben konnten, daß Link und Zelda sich liebten. Diese Zeit war aber nun endlich vorbei. Immer wieder fiel Links Blick während des Essens auf seine Gemahlin, und auch sie konnte ihren Blick nicht von ihrem Gatten abwenden. Sie hatte das Gefühl in seinen blauen Augen ertrinken zu können und ihm erging es ganz genauso.
Doch immer wieder wurden sie von ihren Gästen gestört und beide mußten sich damit trösten, daß sie später genügend Zeit für sich hatten. Ein schwacher Trost… aber es war einer. Geduldig ertrugen beide das Bankett, das sie gerne übergangen hätten. Doch war ihnen dies nicht möglich. So saßen sie denn beide dort, in froher Voraussicht auf den Abend schauend, der allein ihnen beiden gehören würde.
»Sagt, meint Ihr, Ganon könne zurückkehren?«
Link drehte sich zu dem Sprecher um. »Um ehrlich zu sein… Ich weiß es nicht…« Er machte eine kurze Pause, um sich die Worte zurechtzulegen. »Aber ich bin sicher, daß seine Kräfte dazu ausreichen würden. Die einzige Frage, die bleibt, ist folgende: Sind die Kräfte der Weisen stark genug, um das Siegel aufrechtzuerhalten?« – »So bleibt uns denn nur noch zu hoffen übrig, daß die Kräfte der Weisen ungebrochen bleiben?« »Genauso ist es, mein Freund.« Es war schwer für Link, sich daran zu gewöhnen, diesen Satz immer öfter sprechen zu müssen. Denn es war die offizielle Anrede für sein Volk, wie er mittlerweile oft genug hatte erfahren müssen. Anfangs war es ihm schwergefallen, sich diese Anrede anzugewöhnen, aber von Zelda und ihren Eltern hatte er genug Rügen für sein ganzes Leben erhalten. Dann endlich war es bei ihm hängengeblieben, aber immerhin…
Als seine Gäste irgendwann mit Fragen über seine Abenteuer auf ihn eindrangen – ein sehr beliebtes Thema, überhaupt im ganzen Volk… - wurde es ihm zuviel. Zuerst freundlich, aber bestimmt, dann langsam immer ärgerlicher, versuchte er, die Fragesteller abzuwimmeln. Zelda sprang schließlich in die Bresche und half ihm.
»Haben die werten Herren etwas dagegen, wenn ich das Gespräch unterbreche?« Es war Link zuwider, daß Zelda ihre Worte so unterwürfig wählen mußte. Nach ihrer Vermählung war eine Frau viel weniger Wert als davor, er begriff nicht warum, aber man hatte es ihm zu erklären versucht. Mit der Heirat, so sagten sie, erwerbe er an Zelda Eigentum. Sie gehöre ihm und habe sich ihm unterzuordnen. Link war entsetzt gewesen, wie selbstverständlich sie das sagten. Sofort hatte er Zelda aufgesucht, um ihr zu sagen, daß er das nicht wolle. Sie hatte ihn nur angelächelt und gesagt: »Ich weiß.«
Dennoch mußte sie in der Gegenwart anderer diese Unterwürfigkeit zum Schein wahren. Auch wenn Link wußte, daß sie es nicht ernst meinte, so sträubte es sich in ihm jedesmal erneut. Aber wieder mußte er über diesen Satz hinwegsehen, um gefaßt zu bleiben. Seine Gesprächspartner reagierten gelassen. »Prinzessin! Wie könnten wir Eurer Anwesenheit abgeneigt sein?« Zelda lächelte sanft. »Ich danke Euch für dieses Kompliment.« Sie setzte sich dazu, blieb zuerst still, denn abgesehen von der Unterwürfigkeit hatte eine Frau nur dann zu sprechen, wenn sie gefragt wurde. Auch sie verabscheute diese – einige nannten sie Tradition – Behandlung. Doch sie konnte nichts dagegen unternehmen. Sie wußte aber auch, daß dies sich ändern würde, träte sie erst die Thronfolge an. Dann müßte sie sich nur noch Link als ihrem Gemahl unterordnen.
Aber sie wußte auch, daß es bis dahin noch einige Zeit dauern würde. Ein König war bis zu seinem Tode Herrscher und sie wünschte ihrem Vater gewiß nicht den Tod!
Sie fuhr zusammen, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. »Wie? Was?« – »Ich fragte Euch soeben, wie Ihr über die Wahrscheinlichkeit von Ganons Rückkehr denkt.« – »Entschuldigt bitte. Ich war abgelenkt.« – »So antwortet mir denn jetzt.« – »Ganon wird nicht zurückkehren. Nicht, solange ich lebe und es zu verhindern weiß!« – »Ich bewundere Euch für Euren Mut.« Zelda fuhr heftig zusammen und stand auf. »Es… tut mir Leid. Ich gehe jetzt besser.« – »Wie ihr meint.«
Zelda wandte sich um und schritt aus dem Saal. Link sah ihr hilflos hinterher, er kam hier jetzt einfach nicht weg.
Vorsichtig schloß sie die Flügeltüren hinter sich und lehnte sich an die Wand. Für einen kurzen Moment – so kurz, daß sie schon wieder meinte, sich geirrt zu haben – hatte sie anstatt des Gastes den mysteriösen Fremden, Zee, gesehen. Warum verfolgt er mich so?
Sie ahnte, daß es irgendeinen tieferen Sinn haben mußte, aber sie wußte nicht, welchen. Schon so lange hatten ihre Sinne ihr keine Warnungen mehr gegeben. Sie wußte, daß es eine gewesen war, er hatte nur einen Satz gesagt, und noch dazu einen belanglosen. Warum? Was hat das zu bedeuten?
Sie ging weiter, sie brauchte Ruhe, um nachdenken zu können, und die fand sie im Gang nicht. Sie wurde nicht sonderlich beachtet, das Dienstpersonal hatte alle Hände voll zu tun, und alle anderen waren in Gespräche vertieft.
Geräuschlos schloß sie die Tür ihres Gemachs hinter sich. Tief seufzte sie, und ließ sich auf ihr Bett fallen. Während sie versuchte, darüber nachzudenken, wurde sie schläfrig. Zuerst döste sie nur, aber dann begab sie sich in den wohligen Schleier der Sorglosigkeit, die auch Schlaf genannt wurde…
Sie wurde wieder wach, als sie ein Geräusch hörte, das irgendwo aus ihrem Zimmer kam. Vorsichtig öffnete sie die Augen, bewegte sich aber nicht. Ihre geistige Anspannung übertrug sich auch auf ihren Körper.
Erleichtert entspannte sie sich, als sie entdeckte, wer das Geräusch verursachte. Es war Link. »Liebster! Da bist du ja endlich!« – »Entschuldige Zelda. Ich wollte dich nicht wecken.« – »Keine Sorge. Ich bin froh, daß du endlich hier bist.« – »Wirklich? Dann ist ja gut.«
Er trat näher an Zelda ran, beugte sich nieder und küßte sie. Voller Begehren erwiderte sie seinen Kuß. »Ich bewundere dich, Zelda…« Zelda mußte lächeln, als sie dies hörte. »… für deinen Mut…« Erschrocken stieß Zelda ihn weg. Und stieß einen spitzen Schrei aus.
Vor ihr stand nicht mehr Link, sondern derjenige, dem sie heute schon zweimal begegnet war. Zee.
»Erinnert Ihr Euch noch an mich, Prinzessin? Scheinbar ja. Doch warum seid ihr so erschrocken?« – »Was wollt Ihr von mir?« Sie versuchte, ihre Stimme nicht zittern zu lassen, doch es gelang ihr nur halbwegs. »Im Moment nichts. Fast nichts. Ich werde Euch vorerst mitnehmen, damit Ihr mir einige Fragen beantworten könnt…« – »Was für Fragen?« »Nicht hier. Wir bekommen Besuch… Euer Gemahl scheint sich Sorgen um Euch zu machen.« – »Link ist auf dem Weg hierher?« – »Allerdings.« Er packte sie, und zog sie hinter sich her. Auf dem Gang konnte man die schweren Schritte Links hören. »Link! Beil dich! HILFE!!«


Szene 9 ~ Callings
Fast zur selben Zeit, Schloß
Link rannte, wie er bisher nur selten in seinem Leben gerannt war. Er war gerade auf dem Weg zu Zelda gewesen – eine Stunde, nachdem Zelda gegangen war, hatte er sich endlich losreißen können –, als er einen Hilfeschrei hörte. Die Schloßgänge waren wie leergefegt, niemand außer ihm schien Zelda gehört zu haben. Er sah die Tür zu Zeldas Gemach bereits, beschleunigte seine Schritte noch einmal. Kaum bekam er die Klinke zu fassen, da riß er die Tür auch schon auf. Sofort spürte er den kalten Nachtwind, der durch das offenstehende Fenster in den Raum hineinwehte. Fassungslos sank er in die Knie, sie war weg…
Einfach weg.
»ZELDA!!!«, rief er noch in die Nacht hinein, dann brachte er keinen Ton mehr heraus. Langsam rollte eine Träne über seine Wange und fiel auf seine Knie.

Wie durch einen Schleier bekam ich mit, daß noch andere Leute in den Raum traten. Jemand faßte mir auf die Schulter, ich reagierte nicht. Gedämpft vernahm ich Stimmen, die sich an mich zu wenden schienen. »Komm.«, klang es in meinem Ohr wieder. Mechanisch setzte ich mich in Bewegung. Bevor die Tür hinter mir geschlossen wurde, hörte ich noch das Rascheln eines Pergaments. Dann nur noch meine Schritte, und die Schritte eines anderen, ich wußte nicht, wer es war. Immer wieder die Stimme, die mir sagte, daß sie Zelda finden würden. Von mir kam keine Reaktion, im Moment ging mir nur eins durch den Kopf: Zelda wurde entführt. Wie in einer Endlosschleife konnte ich nur noch daran denken, alles andere ging an mir vorüber.
Nach einigen Minuten wurde ich sanft runtergedrückt. Ein Bett., dachte ich. Eine neue Stimme, wieder eine vertraute, die fragte: »Wie geht es ihm?« Wieder die andere Stimme, eine alte Stimme, ein wenig heiser. »Er steht unter Schock. Verständlich.« Die neue Stimme – es war eine weibliche, sie klang ein wenig nach Kind – antwortete darauf. »Was können sie von Zelda wollen?« Die alte Stimme lachte – es wirkte künstlich. »Sie ist die Prinzessin des Schicksals, Thronfolgerin, Trägerin des Fragmentes der Weisheit und der Inbegriff des Guten. Und da fragst du, Salia, was sie von ihr wollen?« Die kindliche Stimme – es mußte Salia sein, den Namen kannte ich, das wußte ich – wurde leiser. »Aber warum jetzt…« Ich hörte, wie die Tür sich öffnete, feste Schritte auf dem Steinboden verklangen und die Tür wieder geschlossen wurde. Eine dritte Stimme ertönte. Sie war streng, aber doch die Stimme einer Frau. »Impa! Was gibt es?«, wurde sie von der alten Stimme unterbrochen.
»Wir haben dies hier gefunden, wenige Momente, nachdem ihr gegangen wart.« Wieder das Rascheln, als der Fund weitergegeben wurde. »Ein Pergament?« Überraschung lag in der alten Stimme. »Ja, Rauru. Es scheint eine Art Botschaft des Täters zu sein.« »Unschuldiges Blut erweckt alte Macht.« »Was soll das bedeuten?«, fragte Salia ohne lange zu zögern. »Wenn wir das wüßten. Ist Link immer noch so apathisch?« »Sieh selbst.« Ein unwilliges Seufzen, dann ein lautes Klatschen. Anschließend ein brennender Schmerz auf meiner Wange. Automatisch griff ich dorthin.

»Au!« Es schmerzte zwar, doch es hatte sein Gutes. Impas Ohrfeige hatte ihn aus seinem Schock herausgeholt. »Warum schlägst du mich, Impa?« – »Es mußte sein. Wenigstens bist du jetzt wieder zur Vernunft gekommen.« Link rieb sich noch einmal seine schmerzende Wange, dann kam er nicht umhin, zu grinsen. »Du hast ja Recht. Ich sollte lieber was tun. Wer auch immer das getan hat… er wird seine gerechte Strafe erhalten.« – »Aber bevor du strafen gehen kannst, mußt du noch warten, bis wir wissen, wer es getan hat, und wo Zelda jetzt ist.« »Geduld ist angesagt.«, schloß Link daraus. Rauru, Impa und Salia nickten. Er seufzte. »Sind die anderen Weisen auch hier?« – »Ja. Darunia kümmert sich um die Gäste, damit diese nicht in Panik geraten. Ruto und Naboru sind bestimmt noch in Zeldas Gemach, nach weiteren Spuren suchend, oder?« Der letzte Satz war an Impa gerichtet. »Naboru, ja. Ruto hat das Schloß verlassen, um draußen nach Spuren zu suchen.« – »Meint ihr, es war ein Diener Ganons?« – »Bisher… Nein. Naboru sagte, dies wäre nicht Ganons Schule.« – »Das bedeutet?« – »Ein Diener Ganons hätte ihr nicht heimlich aufgelauert. Sie suchen Aufmerksamkeit, wollen Leid und Verzweiflung sehen.«
Link stand auf. »Ich werde die Gäste jetzt heimschicken. Die Feier ist vorbei.« Rauru wollte ihn erst noch zurückhalten, doch Link war nicht zu stoppen. Sicheren Schrittes ging er in die Halle, aus der er vor etwa einer Viertelstunde selbst gegangen war. Alle Augen blickten zu ihm, als er eintrat. Begierig warteten sie auf eine Erklärung, was hier vorging. Bereit, jedes Wort von seinen Lippen aufzusaugen und weiterzuerzählen.
»Zelda ist entführt worden. Die Feier ist zu Ende. Geht nach Hause.«
Ein Entsetzenslaut, aus hunderten Kehlen entronnen, erfüllte den Saal. Darunia brachte sie zum Schweigen und scheuchte sie davon. Erst, als außer Link und ihm keiner mehr im Saal war, gab er sich zufrieden. »Ob das klug war, Bruder?« – »Sollen sie doch tratschen. Ich werde Zelda retten, das ist sicher.« – »Du weißt doch noch nicht einmal, was du gegen dich hast!« – »Und es ist mir auch egal! Ich werde sie retten, komme, was da wolle!« Zornig über das Unverständnis Darunias drehte Link sich um und verließ den Saal wieder. Sein Ziel: Zeldas Gemach.
Naboru war dort, und sie wußte bestimmt weiter. Wenn nicht…
Nein! Daran wollte er nicht denken. Er fing wieder an zu rennen, so schnell es nur ging, wollte er Genaueres wissen. Zelda retten. Glücklich werden. Diese positiven Gedanken behielt er im Bewußtsein und verdrängte das Negative.
Er kam Zeldas Zimmer zum zweiten Male an diesem Tag entgegen, öffnete die Tür und fragte sofort, leicht keuchend: »Was wißt ihr?«
Naboru blickte ihn an. »Was tust du hier, Link?« – »Na, was schon? Sag mir, was weißt du schon?« – »Ich weiß nicht, ob ich das tun sollte.« Völlig sprachlos sah Link Naboru an. »Versteh doch, ich weiß, daß du Zelda retten willst. Aber du darfst nicht überstürzt handeln.«
Außer sich vor Zorn schrie er Naboru an. »Nichts versteht ihr! Nicht überstürzt handeln, gedulden, warte noch… Ihr habt keine Ahnung, wie ich mich fühle!« Wutentbrannt drehte er sich um, lief aus dem Zimmer und achtete nicht auf Naborus Rufe.
»Link! Bitte!« Sie seufzte. Aber sie konnte ihn verstehen.


Szene 10 ~ Honest
Unbekannte Zeit, unbekannter Ort
Als Zelda ihre Augen wieder aufschlug, fand sie sich in einem bizarren Raum wieder. Die Wände schienen schräg zu sein, dennoch war der Raum groß und wirkte rechteckig.
Das letzte, woran sie sich erinnerte, war die Entführung durch Zee. Wer war er? Und was wollte er von ihr? Als hinter ihr ein Knarren ertönte, drehte sie sich um. »Du. Was willst du von mir?« – »Ich dachte, daß hätte ich Euch schon gesagt. Vorerst nichts.« – »Was führst du im Schilde?!« – »Da ihr ja noch eine Weile meine Gastfreundschaft genießen dürft, kann ich es Euch sicher sagen…« – »Dann sprich endlich!« – »Gern. Ich will das Medaillon der Wünsche.« – »Das was?« – »Ihr kennt es nicht? Das tut mir leid. Es wird auch die Silberne Macht genannt.« – »Die Silberne Macht? Was hat das alles zu bedeuten?« – »Ganz einfach: Es gibt zwei göttliche Relikte, die Wünsche erfüllen können. Das Triforce, die Goldene Macht. Das Medaillon der Wünsche, die Silberne Macht.« Zelda fing laut an zu lachen, als sie dies hörte. »Warum hat es mir dann nie Wünsche erfüllt? Ich trage es, seit ich ein Kind war.« – »Auch das Triforce erfüllt nicht ohne weiteres die Wünsche einer Person. Nur dann, wenn in ihrem Herzen Kraft, Mut und Weisheit ausgewogen sind. Ähnlich ist es beim Medaillon…« – »Und wie willst du es benutzen? Du kennst die Bedingungen nicht!« – »Eine kenne ich… Und Ihr werdet mir dabei helfen, die anderen zu erfahren.« – »Niemals!« – »Ich werde Euch keine andere Wahl lassen. Ich hätte mich auch mit dem Triforce begnügt, aber leider ist es zersplittert und in Ganon, Link und Euch verankert. Zu schade. Aber das Medaillon reicht vollständig.« – »Niemand weiß mehr von dem Medaillon. Und das wird seinen Grund haben!« – »Richtig. Es ist verflucht.« – »Verflucht? Ein göttliches Relikt?!« – »Allerdings. Auch das Triforce ist nicht vom Bösen unberührt. Seine Macht ist aber so stark, daß es bisher noch nicht befleckt werden konnte.« – »Wer bist du?« – »Das wißt Ihr doch. Mein Name ist Zee.« – »Was, wenn du mich auch dort belogen hast?« – »Nein. Das entsprach der Wahrheit. Ich bin Zee.« – »Woher kenne ich den Namen bloß…« – »Ich helfe Euch gern auf die Sprünge… Gestatten? Zee, ehemaliger Thronprinz der hylianischen Lande.«
Zelda wich einen Schritt zurück. Das bedeutete ja…
»Ganz recht, meine Liebe. Ich bin dein Bruder, der angeblich im Krieg gestorben ist!« – »Das ist unmöglich!« – »Nein, denn ein alter Mann kümmerte sich um mich. Ich war schwer verletzt, doch nicht tot. Ein Wink des Schicksals, denn er war ein Schwarzmagier…« – »Mein eigener Bruder hat sich den Mächten des Bösen verschrieben?!« Zee nickte nur. »Aber… warum?« – »Ich ahnte nicht, daß er mit dem Finsteren paktierte. Er brachte mir einige seiner Künste bei, doch immer wenn ich fragte, ob das alles wäre, sagte er: ‚Schwöre meinem Meister die Treue, dann steht der Pfad der Macht auch dir offen.’« – »Du hast es tatsächlich getan?« – »Zuerst nicht. Aber die Neugier trieb mich schließlich dazu. Kaum war der Treueschwur von meinen Lippen gedrungen, da sagte er mir, daß ich nun ein Dunkler Novize sei.« – »Der erste Rang bei Schwarzmagiern…« – »Ganz genau. Ich erschrak, wollte meine Entscheidung rückgängig machen, vergebens. Also nahm ich mein Schicksal in Kauf und übte die Kunst der Schwarzmagie. Schon bald war ich ein Dunkler Meister, der höchste Rang, den man erlangen konnte. Ich war besser als mein Lehrer geworden! Also tötete ich ihn…« – »Du hast ihn getötet?!« – »Ganz recht. Er hatte es nicht anders verdient. Und jetzt brauche ich deine Hilfe, um das Medaillon benutzen zu können, Schwester!« »Ich werde dir nicht helfen! Egal ob du mein Bruder bist, oder nicht. Du bist ein Diener der Finsternis und nie sollst du das Medaillon benutzen!« »Versteh mich doch, ich will mir meine Freiheit wünschen! Ich will mich von dem Bösen lossagen, doch das kann ich nicht, alleine bin ich nicht stark genug. Nur das Triforce oder das Medaillon der Wünsche können das!« »Aber du sagtest doch, es sei verflucht!« »Das ist mir egal! Ich will wieder frei sein, nicht langer an das Böse gebunden! Ich wurde reingelegt!« »Naja, wenn es so ist…« »Bitte hilf mir, Schwester! Ich brauche unbedingt deine Hilfe!« »Gut. Ich werde dir helfen. Aber ich werde nicht viel für dich tun können.« »Du mußt mich in der Zeit zurückschicken, so daß ich sehen kann, wie es benutzt wurde.« »Aber das ist Ewigkeiten her!« »Du bist die einzige, die dazu in der Lage ist!« Zelda sah sich bedrängt, auch wenn sie verstehen konnte, daß Zee es sehr eilig hatte. Aber sagte er ihr wirklich die Wahrheit? Konnte sie sicher sein, daß er sie nicht belog? Doch dann war da noch dieses Gefühl der Vertrautheit, das sie sicher machte, daß er ehrlich zu ihr war…


Szene 11 ~ Life
Zu einer unbestätigten Zeit, Schloß
»Link, jetzt hör uns wenigstens zu!« »Warum? Ihr wollt doch eh nur, daß ich hier bleibe, bis ihr etwas herausgefunden habt!« Zum ersten Mal seit langem stritt er sich mit Salia. Er hatte gehofft, sie würde sich auf seine Seite stellen, doch es war nicht so. Sie meinte – wie alle anderen Weisen auch – er solle warten, bis sie Zelda gefunden hätten. Dann könne er sie retten gehen. »Aber ich will nicht mehr warten! Während wir hier sprechen, könnte Zelda schon tot sein!« »Ich sehe schon, nichts und niemand kann dich davon abbringen. So sei es denn. Mach dich auf den Weg, Link. Wir werden in Verbindung bleiben, und dir durch meine alte Freundin Methusa Nachrichten zukommen lassen.« »Methusa ist eine Bekannte von dir?« »Ja. Sie ist eine Weise, die selbst nach ihrem Tod nicht aufhören wollte, Hyrule zu schützen. Deshalb wurde sie als Eule wiedergeboren.« Rauru schien ihn doch zu verstehen. Link bedankte sich noch bei ihm, dann drehte er sich um und eilte los. Wo würde ich mich verstecken, wäre ich böse? Ihm wollte kein Ort einfallen, also beschloß er, vorerst durch Hyrule zu reisen, Leute zu fragen. Er betrat die hylianische Steppe, rief Epona herbei und ritt in die Nacht hinein. Er schwor sich, nicht zum Schloß zurückzukehren, bevor er Zelda gefunden hätte. Warum nur immer sie? Warum hatten die Götter nur uns beide auserwählt…, fragte er sich auf seinem Ritt. Warum nur? Wir könnten so ein schönes Leben haben…


Szene 12 ~ Feeling
Unbekannte Zeit, unbekannter Ort
»Worauf wartest du noch? Beeil dich!« Zelda öffnete die Augen. »Wenn du mich ständig unterbrichst, werde ich mich nie konzentrieren können!« Zee öffnete den Mund, als wolle er noch etwas sagen, doch er ließ es sein. Alles, was er tun konnte, war Zelda einen bösen Blick zuwerfen. Selbige seufzte, dann konzentrierte sie sich wieder. Doch irgendwie wollte es ihr nicht gelingen. Es war, als sperre sich etwas in ihr dagegen, ihm zu helfen. Lag es daran, daß er – wenn auch unfreiwillig – im Bunde mit der Finsternis war? »Es klappt nicht, Zee! Es tut mir Leid.« Als sie Zee wieder anblickte, schien es ihr, als stände jemand anderes vor ihr. Jedoch nur für einen kurzen Augenblick. »Aber es muß gehen! Ich will endlich wieder frei sein!« »Ich habe alles versucht!«
Jetzt war Zelda sicher: Zees Blick hatte sich verändert. »Was… was hast du vor?« »Ich habe es im Guten versucht. Doch wenn das nicht hilft, werde ich andere Maßnahmen ergreifen müssen, Schwesterherz!« »Was… meinst du damit?« »Wenn du mir deine Kräfte nicht zur Verfügung stellen willst, muß ich dich halt zwingen!« »Aber…« Kein Widerspruch half ihr. Er murmelte etwas, in einer Sprache, die sie nicht verstand. Dann spürte sie, wie langsam ihre Kraft aus ihrem Körper wich. Er eignete sich ihre magische Kraft an, die Zeit zu manipulieren. Seine Miene war triumphierend, seine Augen glänzten – war es Wahnsinn oder Siegestaumel?
Erneut sprach er eine Formel, doch diesmal erkannte Zelda sie. Mit ihr konnte man seinen Geist in eine längst vergangene Zeit versetzen. Sie beobachtete, wie sein Blick trübe wurde, ein Anzeichen für die Abwesenheit des Geistes… Dann sank er zu Boden, die Augen geschlossen. Er hatte sein Ziel erreicht, er war in der Vergangenheit angelangt, erfuhr nun, wie das Medaillon zu bedienen war… War Hyrule verloren? Oder wollte er wirklich nur wieder er frei sein? Sie hatte das Gefühl, es bald erfahren zu müssen, ob sie wollte, oder nicht…


Szene 13 ~ Amulet
Vor einigen hundert Jahren, Hyrule
Als Zee endlich wieder zu sich kam, befand er sich an einem Ort, der ihm leicht vertraut vorkam. Er erkannte es als Schloß Hyrule, auch wenn es um einiges imposanter aussah, als zu seiner eigenen Zeit. Sofort war ihm klar, daß er mit seiner Formel Erfolg gehabt hatte. Er war in die Vergangenheit gelangt! Zu der Zeit, in der das Medaillon das letzte Mal benutzt worden war!
Alles, was er jetzt tun mußte, war den Träger des Medaillons zu finden. Er wußte, daß er sich hier irgendwo in der Nähe befand. Der Zauber hatte ihn nicht umsonst an diesen Ort gebracht. Er merkte schnell, daß er nicht von anderen wahrgenommen werden konnte. Sie sahen an ihm vorbei, liefen sogar durch ihn hindurch…
Er war nicht mehr als ein Gespenst zu einer Zeit, die längst vergangen war. Er sollte nicht in Versuchung kommen, die Vergangenheit zu verändern, daher ward er zum stummen Beobachter verdammt. In der Vermutung, daß er das Medaillon in guter Verwahrung sein mußte, begab er sich ins Innere des Schloßes. Seine Umgebung erweckte auf ihn den Eindruck, daß ein Fest anstand. Er ging an Girlanden vorbei, überall im Schloß herrschte geschäftiges Treiben, Dekorationen wurden angebracht. Aber was gab es zu feiern? Er konnte Gesprächsfetzen auffangen, während er auf der Suche nach dem Medaillon war. Es schien um eine Krönung zu gehen, die Tochter des Königs war vermählt worden, soviel bekam er mit.
Als er irgendwann den Namen dieser Prinzessin hörte, stutzte er. Sie hieß Zelda…
Genauso wie seine eigene Schwester! Er überlegte kurz. Sollte er diesem scheinbaren Zufall auf den Grund gehen? Oder lieber weiter das Medaillon suchen. Die Neugier siegte, wurde von der Vernunft aber begründet. Anstatt sich selbst einzugestehen, daß er neugierig war, sagte er sich selbst: Das Medaillon ist wertvoll, wird bestimmt als Schmuckstück benutzt. Wer sonst sollte es tragen, außer der Prinzessin? Also suchte er sie, folgte dabei Leuten, die von weit her gekommen waren, um dem Brautpaar ihre Geschenke zu übergeben. Endlich schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben, sie traten in einen großen Saal, in welchem sich die Leute tummelten. Alle drängten sie zum anderen Ende, er konnte hören, wie sie von der Schönheit der Prinzessin sprachen. Er hatte es nicht nötig, zu warten. Er lief einfach durch die Anwesenden hindurch, er wollte die Braut sehen.
Als er sie sah, traf ihn beinahe der Schlag. Die Prinzessin aus der Zeit, in der er sich befand, sah bis ins letzte Detail genauso aus wie seine Schwester! Derselbe Blick, dieselbe Haltung, alles war gleich! Dann fiel sein Blick auf ihren Bräutigam. Erneut keuchte er vor Erstaunen. Das war niemand anderes als Link! Oder nur jemand, der genauso aussah. Gespannt belauschte er die Gespräche und bekam Gewißheit. Ihre Namen waren Link und Zelda. Genau wie in seiner Zeit…
Warum? Was sollte das alles?
Er drehte sich weiter. Jetzt nimmt es überhand!, war das Erste, was er dachte, als er den jungen Mann sah, der etwas abseits von dem Brautpaar stand. Das war er selbst! Aber wie…? Als nächstes bemerkte er das Medaillon, daß ‚er’ um den Hals trug. Es war genau das, was er suchte. Sofort beschloß er, sich dem Mann an die Fersen zu heften. Dabei bekam er auch unweigerlich Gespräche mit. Sein Name fiel. Und es war für Zee nicht weiter verwunderlich, daß der andere denselben Namen trug. Wie kann das alles sein? Warum nur gab es uns bereits?
Eine Zeit lang sah er dem Treiben zu, halb interessiert, halb gelangweilt. Alles, was er wollte, war zu erfahren, wie man das Medaillon benutzte. Der Rest der Geschichte war ihm völlig egal. Nach einiger Zeit waren die Gäste nicht mehr mit dem Brautpaar beschäftigt, sondern mit sich selbst, und ihr Bruder ging auf sie zu, um sie in ein Gespräch zu verwickeln.
Schon als er auf sie zukam, lief sie ihm entgegen. »Zee! Tut mir Leid, daß ich so lange keine Zeit für dich hatte.« »Kein Problem, Schwesterchen. Warum solltest du dich an deinem besonderen Tag auch um mich kümmern? Und jetzt geh wieder zu Link, sonst wird er noch eifersüchtig.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Aber… versprichst du mir, es nicht zu benutzen?«, fragte Zelda ihn noch besorgt.
»Ja. Wir haben uns doch schon ausgiebig darüber unterhalten. Ich benutze es nicht.«
Sie wandte sich erleichtert von ihrem Bruder ab und ging eiligen Schrittes zurück zu ihrem Bräutigam.
Zee hingegen blickte seiner Schwester nach. Dann drehte er sich um und verließ den Saal durch eine Tür im hinteren Bereich. Der stumme Beobachter der ganzen Szenerie folgte ihm. Hinter dem Saal lag ein enger Gang, schwach beleuchtet durch an den Wänden angebrachte Fackeln. Im ganzen Gang hing der Geruch von Ruß und abgebranntem Holz. Zee ging eiligen Schrittes, scheinbar ein festes Ziel vor Augen. Nach einigen Abzweigungen und weiteren, in fahlem Licht liegenden Gängen stoppte er und sah sich kurz um. Als er sich in Sicherheit wähnte, wandte er sich der Steinwand zu, die sich vor ihm erhob. Er tastete sie kurz ab, dann hatte er gefunden, was er suchte. Den Stein, den seine Finger umschlossen hatten, da er eine Winzigkeit herausragte, drückte er energisch in die Wand zurück. Man hörte ein Knirschen und wenige Schritt neben ihm verschwand ein Teil der Mauer im Dunkel. Kurz darauf war auch Zee in den Schatten getreten. Sein unsichtbarer Verfolger schlüpfte ebenfalls durch den geheimen Gang, bevor dieser sich wieder schließen konnte. Nach wenigen Metern traf man auf eine Wendeltreppe, die in tiefere Stockwerke des Schlosses führte.
Nach etlichen Stufen, die an vereinzelten Stellen nicht unbedingt vertrauenswürdig wirkten, aber dennoch ihren Dienst erfüllten, kam man erneut in einen Gang. Auch er wurde von Fackeln erhellt, doch diese flackerten. Ein leicht modriger Geruch lag in der Luft, der stetig zunahm, je näher man dem Ende des Ganges kam. An den Durchgang schloß sich ein großes Kellergewölbe an. An den Seiten zogen sich Abwässerkanäle entlang, die schon lange nicht mehr benutzt wurden. Das Wasser in ihnen war abgestanden, es war die Ursache für den unangenehmen Geruch, der diese Katakomben erfüllte. Von der Decke hingen alte Kriegsbanner, die vor langer Zeit hier gelagert worden waren. Sogar den alten Geruch von Blut konnte man wahrnehmen, er vermutete, daß dies hier einmal eine Folterkammer gewesen war. Inmitten des Gewölbes stand ein Steintisch, auf dem etliche Bücher lagen, einige von ihnen aufgeschlagen, wieder andere waren zwar geschlossen, doch zwischen den Seiten befanden sich Zettel. Auf dem Boden in nächster Nähe des Tisches lagen weitere Bücher, achtlos beiseite geworfen. Über dem Tisch gebeugt, stand Zee, über einem Text brütend. Sein Begleiter warf einen Blick auf den Zettel. Die Schrift konnte er nicht lesen, erkannte sie aber als eine alte Form des Hylianischen. Zee murmelte zusammenhanglose Sätze, in denen man nur den Begriff „Medaillon der Wünsche“ heraushören konnte.
Sofort horchte er auf. Er verfluchte sich, nicht die alte Schrift gelernt zu haben. Und Zee, weil er nicht deutlich sprach. Doch er hatte Glück, denn Zee beschloß, die Textstelle noch einmal laut zu lesen. Vielleicht kam er auf andere Gedanken…
»Von alten Zeiten erzählt eine Geschichte…
Eine Geschichte von Macht. Endloser Macht. Gegeben durch ein Artefakt göttlichen Ursprungs. Denn die Wahrerinnen der Drei Tugenden hinterließen ihrem Werk nicht nur die Goldene Macht, sondern auch die Silberne Macht. Ein Medaillon, so mächtig, daß es seinem Besitzer jeden beliebigen Wunsch erfüllt.
Doch nur einen!
Aber niemand mehr soll es benutzen, denn die Bedingungen dafür sind grausam. Reicht beim Triforce die Berührung und das Gleichgewicht der Drei Tugenden im Herzen…
… so kann nur der niederst’ gesonnene Mensch das Medaillon benutzen. Seine Kraft entfaltet es nur, wenn es im Blut eines Unschuldigen gebadet wird… die Seele des Toten muß durch ein Ritual in das Schmuckstück eingeschlossen werden, dann steht die Kraft der Seele für einen Wunsch zur Verfügung, danach vergeht der Geist des Eingeschlossenen. Doch gelüstet es der verdammten Seele nach Rache, so wird der Wunsch verflucht sein… opfert sie sich freiwillig, so wird der Wunsch in reinster Form erfüllt. Doch niemand kann ein unschuldiges Leben für egoistische Zwecke gebrauchen wollen! Doch es mag immer Leute geben, die skrupellos sind. Aus diesem Grunde soll ihnen das Ritual verschwiegen bleiben. Niemand soll je wieder das Amulett gebrauchen.«


Szene 14 ~ Hoping
30 Minuten später, Katakomben
Endlich hatte er es geschafft. Nachdem er Zeldas Kräfte benutzt hatte, um in die Vergangenheit zu gelangen, hatte er endlich die zweite Bedingung für den Gebrauch des Medaillons erfahren. Alles, was er jetzt noch brauchte, war das Ritual, mit dem er die unschuldige Seele in das Medaillon verbannen konnte. Also hieß es weiterwarten… und beobachten…

Zee grübelte immer noch über dem Pergament, auf dem stand, wie er das Medaillon zu benutzen hatte. Er hatte seine Schwester nicht angelogen, als er sagte, er würde es nicht verwenden. Wie auch? Er kannte das Ritual nicht, mit dem er die Seele fangen und einsetzen konnte. Aber er wollte es nutzen! Er wollte sich endlich zum Herrscher aufschwingen, Hyrule den ewigen Frieden bringen…
Aber dazu brauchte er das Medaillon… Er war nicht der erste Erbe… Zelda hatte geheiratet, laut Gesetz stand ihr als der ältesten Königstochter das Reich zu. Vorausgesetzt, ihr Gatte wurde König. Er mußte das Medaillon benutzen, um sie aus dem Weg zu schaffen…
Aber wie? Ohne Ritus würde er das nicht schaffen. Und sämtliche Chronisten, die mutig genug waren, über dieses mächtige Artefakt zu berichten, hatten das Ritual verschwiegen! Er warf einen Blick zu dem Bücherregal, das er entdeckt hatte, als er durch Zufall in diesen Raum gelangt war. Bisher hatte er es nicht benutzt, weil es finsterste Magie behandelte. Er wollte keinen Pakt mit dem Unsäglichen eingehen, um sein Ziel zu erreichen. Aber inzwischen sah er keinen anderen Weg mehr. Es konnte nicht schaden, einmal nachzusehen, ob das Ritual zur Seelenbindung dort verzeichnet war.
Ohne länger zu zögern, ging er zu dem Regal und studierte die Titel. Als er einen vielversprechenden gefunden hatte, zog er das alte, vergilbte Buch heraus. Er klopfte den Staub vom Einband, der, nach seinem Ermessen, in blutrot gehalten war. Große, verschnörkelte Buchstaben, die aussahen, als wären sie in das Leder eingeritzt worden, überzogen den halben Umschlag. Einige sahen nur auf den ersten Blick wie Buchstaben aus und entpuppten sich als seltsame Zeichen, die vermutlich bei einem der Rituale benutzt wurden.
Zee blätterte durch das Buch, auf der Suche nach dem Hinweis auf das Ritual, das er so dringend brauchte. Nach einigen Seiten, die für ihn unwichtige Dinge behandelten, beispielsweise, wie man seine Gegner seinem Willen unterwarf, oder sie mit grenzenloser Furcht vertreiben konnte, fand er, was er suchte.
»Von der Bindunck der Selen:
So der Magister beabsichtige, seyne Gegner zu verdammen, nutz’ Er diezen Ritus, der Ihm dabei hülfe, einen beliebigen Gegenstand mit der Abilitia zur Absorptia von Selen zu belegen. Nachdem der Magister nachstehendes Ritual durchgeführt, so sey die erste Sele, deren Blute das Object benetze, ein Opfer der Bindunck.
Achte der Magister daher stets gestreng darauf, dasz Seyn eig’nes Blute das Object nicht berühre.«
Nach diesem Einleitungstext stand eine genaue Beschreibung zur Durchführung des Rituals. Ausführliche Darlegungen dazu, zu welcher Zeit es durchzuführen sei, welche Vorkehrungen zur eigenen Sicherheit zu treffen seien, welche Dämonen bei dem Ritual zur Hilfe beim Name zu nennen sind. Jedes noch so unbedeutende Detail war beschrieben, denn die Kunst der Beschwörung und der Riten war eine exakte Wissenschaft, bei der kein einziger Kreidestrich, kein einziger Dämonenname fehlen durfte. Zee war überrascht, daß er zuerst das Ritual wirken mußte. Er hatte erwartet, sein Opfer während des Ritus’ umbringen zu müssen. Dennoch… es würde das Ganze ungemein beschleunigen. Er könnte das Ritual hier unten wirken, und dann jemanden im Schloß morden. Wenn er gleich danach seinen Wunsch spräche, würde niemand sich an seine grauenvolle Tat erinnern. Ein leichtes Grinsen zog sich über sein Gesicht. Die meisten Utensilien zur Durchführung hatte er bereits. Wenn er sich nicht völlig irrte, war sogar diese Nacht ein geeigneter Zeitpunkt, das Ritual durchzuführen. Doch bis dahin mußte er seine Schwester in Sicherheit wiegen. Mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen ging er den gesamten Weg zurück, um zum Bankett zurückzukehren. Der Unsichtbare folgte ihm. Noch kannte dieser das Ritual nicht, denn er konnte die alte Schrift nicht lesen. Der einzige Weg an sein Ziel war es, Zee zu folgen und zu beobachten. Er hoffte, daß dieser sich nicht noch mehr Zeit lassen würde.


Szene 15 ~ Murderer
Einige Stunden später, Bankettsaal
Zee hatte es sich auf einem der freien Stühle bequem gemacht. Er hatte kein Interesse an dem Fest, es war Mittel zum Zweck. In wenigen Stunden wäre die Zeit gekommen, das Ritual durchzuführen. Dann würde er endlich das Medaillon nutzen, und sich seinen Wunsch erfüllen lassen können. Bis dahin...
... mußte er vor allem seine Schwester in Sicherheit wiegen. Er ahnte, daß sie ihm nicht vertraute, ständig warf sie einen vorsichtigen Blick zu ihm herüber. Meist tat er, als merke er nichts davon. Sie war inzwischen bestimmt mehr als mißtrauisch geworden, denn jede Dame, die ihn um einen Tanz bat, wies er ab. Er sah, wie sie Link etwas zumurmelte, dieser sie enttäuscht anblickte, es aber dann doch zuließ, daß Zelda sich von ihm trennte. Sie kam auf Zee zu.
»Warum tanzt du nicht auch?«
»Keine Lust.«
»Auch nicht mit mir?« Sie sah ihn an. Schnell erkannte er, daß Zelda ihn beschäftigen wollte. Innerlich verfluchte er sich. Warum war er nicht in den Katakomben geblieben, anstatt zurück auf das Fest zu gehen? »Gut. Aber nur einen, ja? Ich fühle mich nicht so gut...«
Kurz blickte Zelda ihn prüfend an. Sie schien zu dem Schluß zu kommen, daß er sie nicht anlog. Sein Gesicht war ungewöhnlich blaß, und um seine Augen lag ein Schatten, der Erschöpfung andeuten mochte.
Er ließ sich auf die Tanzfläche ziehen und legte seinen Arm um den Körper seiner Schwester. Er spürte die Wärme, die von ihr ausging, doch dafür hatte er den Kopf nicht frei. Er wartete ungeduldig, bis die Musik wieder angestimmt wurde, dann tanzte er.


Einige Minuten waren vergangen, bis die Musik langsam verklang. Zelda dankte ihm für den Tanz, er nickte nur, dann verließ er den Saal, jedoch durch eine andere Tür, als beim ersten Mal.
Zelda zweifelte. War er krank? Oder führte er etwas im Schilde? Sie wollte ihm gerne folgen, doch sie konnte hier nicht weg. Wenn sie ihre Pflichten hier erfüllt hatte, würde sie ihm hinterhergehen. Sie kannte nur einen Ort, an dem er sich verstecken konnte. Die alten Katakomben...

Kaum hatte Zee den Saal verlassen, da wandte er sich in eine Richtung, bei der er zwangsläufig wieder an dem Geheimgang landen würde. Zum dritten Mal an diesem Tage legte er den Weg zurück, der ihn in die Katakomben führte. Er hatte alles hier, was er für den Ritus brauchte.
Zuerst räumte er alles aus dem Weg, um genug Platz für die Kreisfläche zu haben, die er mit spezieller Kreide zeichnen mußte. Kaum war das geschehen, machte er sich an die Arbeit.
Der Kreis war schnell fertiggestellt, jetzt wurde es interessant. In das große Rund zeichnete er einen dreizehnzackigen Stern, ein Tridekagramm, in dessen Inneren er einen weiteren zeichnete, doch diesmal war es ein Heptagramm.
Kurz nachdem die Zeichnung fertiggestellt war, stellte er an jeden der Zacken eine Beschwörungskerze. Dann zeichnete er einen noch größeren Kreis um den ersten herum. In den Zwischenraum schrieb er reihum die Namen der Drei Göttinnen und einiger Dämonen. Besonders darauf achten mußte er, daß er die Namen der Tages- und Stundenherrscher nicht vergaß.
Endlich war er fertig...
Er nahm das Medaillon von seinem Hals und legte es in die Mitte des siebenzackigen Sterns. Bald…
Als nächstes zog er sich ein nachtschwarzes Gewand über, das während des Rituals zu tragen war. Als endlich die Stunde der Entscheidung angebrochen war, breitete er die Arme aus, hielt sie in die Höhe und begann die alte Formel zu rezitieren.

Zelda lief ein kalter Schauer über den Rücken. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte sie. Zee!, schoß es ihr durch den Kopf. Sie mußte zu ihm, jetzt! Sie löste sich von ihrem Tanzpartner, murmelte eine Entschuldigung und eilte zum Ausgang der Halle. Sie lief durch die Gänge, deren fahle Beleuchtung noch schwächer geworden schien. Es war, als würde alles Licht ausgelöscht, um die Ankunft von etwas Dunklem vorzubereiten. Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal, und kam, nach Ewigkeiten, wie ihr schien, bei dem vorstehenden Stein an. Sie drückte ihn hinein, zwängte sich in den Gang, ohne zu warten, bis der Weg sich ganz geöffnet hatte und rannte die Wendeltreppe hinab, so schnell es ihr Kleid ihr zuließ.

Zee spürte, wie das Ritual sich seinem Höhepunkt näherte. Nun war es an der Zeit, das Opfer zu leisten… Er zückte einen Dolch, trat in die Mitte des Kreises und ritzte seine Handfläche. Der Schmerz durchzuckte ihn, dann ließ er nach. Gespannt beobachte er, wie das Blut nach unten tropfte und sich durch seine Bewegungen in einem Kreis um das Medaillon ansammelte. Der Schmerz, die Spannung, all das versetzte Zee langsam in einen Trancezustand, in dem er seine Umgebung nur noch eingeschränkt wahrnahm. Geduldig wartete er, bis das Blut in einem unheilvollen Rot erglühte, dann nahm er das Medaillon und legte es zurück um seinen Hals. Dabei achtete er darauf, es mit der unverletzten Hand anzufassen. Das Ritual war beendet, sein Blut durfte das Amulett nicht mehr berühren.

Zelda bog um die letzte Ecke, die sie von dem Gewölbe trennte. Als wäre sie zu Stein erstarrt, blieb sie stehen, als sie sah, was sich dort abspielte. Zee in mitten eines Kreises, sofort erkannte sie den Zweck:
Ein Ritual.
Ihre Stimme donnerte durch den Raum, als sie seinen Namen rief.

»ZEE!« Er schrak zusammen und drehte sich um. An der Treppe stand Zelda, ihren Blick auf ihn gerichtet. Langsam schritt sie weiter in den Raum hinein. »Bleib, wo du bist!«, rief er ihr entgegen. »Zee, was tust du? Bist du wahnsinnig?«
»Ob ich wahnsinnig bin… Vielleicht… Wer weiß das schon…«
»Komm zu dir! Du läßt dich mit Kräften ein, von denen du nichts verstehst!«
»Meine Schwester… du bist es, die nicht versteht… endlich kann ich das Medaillon nutzen, mir meinen Wunsch erfüllen…«
»Du bist von Sinnen!«
»… und alles, was ich noch brauche, ist eine unschuldige Seele…«
Sie tat den letzten Schritt auf ihn zu. In ihrer Besorgnis um Zee sah sie nicht den Dolch, den er im letzten Moment hinter dem Rücken hervorzog.
Sie spürte, wie der kalte Stahl in ihren Körper drang. Dann nahm sie wahr, wie langsam das Leben aus ihr wich. Sie war tödlich verletzt…
»Du... Mörder…«, hauchte sie.


Szene 16 ~ Present
Kurz nach dem Ritual, Gewölbe
»Du… Mörder…« Zeldas letzte Worte rissen Zee aus seiner Trance. Schockiert sah er auf den leblosen Körper seiner Schwester herunter. Was habe ich getan?! »Zelda! Nein!!« Er kniete sich neben ihr nieder. Noch lebte sie… Im Rhythmus ihres Herzschlages pulste das Blut aus ihrem Körper, versickerte teilweise im wertvollen Kleid, und sammelte sich auf dem Boden. Um ihre sterbliche Hülle bildete sich eine große Lache aus rotem Blut, das im fahlen Licht der Kerzen unheilvollen Glanz warf.
Zee stand unter Schock. Er, ihr eigener Bruder, hatte Zelda getötet! Doch keine Träne lief an seinen Wangen hinab. Er rieb sich den Schweiß von der Stirn, seine zittrigen Hände fuhren wieder zum Medaillon, an dem seine Seele so hing, ihn festigte, ihm Halt gab und doch... sein Untergang war. Er drückte es an sich, spürte die dunkle Aura, die davon ausging. War es sein Wunsch gewesen, was mit Zelda passiert war? Oder der Wunsch des Medaillons?
Er sah zerfetzte Banner, die vor dem Ritual noch ohne Mangel gewesen waren. Er nahm den Geruch vom Blut grausam hingeschlachteter Menschen wahr, der sich mit dem Gestank von Zeldas Blut vermischte. In seiner Seele fand er das Massaker zweier aufeinanderprallende Welten, einer hellen und einer dunklen – zurück blieb nichts als Wahnsinn.
Brauchte es nur jemanden, der den Wunsch aussprach? Seine Hände zitterten. Er hätte die Macht, wenn er es tat und doch... wäre er nur eine Marionette. »Tu es!«, drang die verführerische Stimme aus dem, was er vor sich hielt. Langsam dämmerte ihm, welch Unmengen an Wissen er haben könnte, spräche er nur einen Satz. Doch in Wirklichkeit wäre er... »Du wärst der Herrscher über alle!«, kamen die Worte. Sie fluteten seinen Körper, durchdrangen jede sowieso schon angefressene Barriere, fraßen sich in sein Gehirn und blieben dort hängen, als wären sie in das klebrige Netz einer Spinne geraten.
Zee schwindelte. Ein Satz, ein ganz normaler Satz. Er würde das Weltbild zu seinen Gunsten verändern. Er hängte sich das verführerische Medaillon um, dann holte er tief Luft und sprach: »Ich wünsche mir ewigen Frieden für Hyrule, mit mir als König!«

Im selben Moment verblaßte die Szenerie vor den Augen des Unsichtbaren. Zuerst verschwammen die Konturen der Umgebung, dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er spürte noch, wie ein mächtiger Sog an ihm zerrte, anschließend verlor er das Bewußtsein. Zurück in die Gegenwart…


Szene 17 ~ Ownership
Jahrhunderte später, unbekannter Ort
Ungeduldig wartete Zelda darauf, daß Zee die Augen aufschlug. Er war schon viel zu lange ohne Bewußtsein! Zwar hatte sie hier kein besonders gutes Zeitgefühl, doch es mochten mehrere Tage gewesen sein! Stetig lief sie auf und ab, warf immer wieder einen Blick zu ihm. Leblos lag er da, die Augen geschlossen… War er tot? Hatte ihre Kraft ihn überwältigt und entrissen?
Als sie ein leichtes Stöhnen hörte, riß sie den Kopf herum. Er regte sich wieder! Sie kniete sich neben ihm nieder. »Zee? Geht es dir gut, Bruder?«
Langsam schlug er die Augen auf. Lange blickte er Zelda an, in seinen Augen lag Trauer. Dann richtete er sich auf. Ohne ein Wort stand er auf und verließ den Raum. Völlig perplex blieb Zelda zurück. Was war mit ihm los? Hatte er nicht erfahren, was er wissen wollte? Er hätte doch gewiß vor ihr damit geprahlt, oder?

Im Nebenzimmer atmete Zee tief durch. War das alle Realität gewesen? War er nichts weiter als die Reinkarnation des Mannes, der vor Jahrhunderten seine Schwester kaltblütig ermordet hatte? Er war verwirrt… War es noch richtig, was er vorhatte? Er wollte Zelda anfangs opfern, um die Bedingung für das unschuldige Blut zu erfüllen. Doch jetzt erkannte er, daß die Geschichte sich wiederholen würde, täte er dies… Er faßte einen Entschluß.
Er schritt zu seinem Tisch und durchwühlte ihn. Er war auf der Suche nach einem verzauberten Schriftstück… Es würde ihm sagen, ob die Zeit günstig war, daß Ritual durchzuführen.
Endlich fand er es. Beinahe stieß er einen Jubelschrei aus, als er es durchlas.
Sofort warf er es beiseite und bereitete alles für das Ritual vor. In wenigen Stunden schon könnte er seinen Entschluß verwirklichen, sein selbst gewähltes Schicksal erfüllen.
Er wiederholte alles genau so, wie es sein Vorfahre auch schon getan hatte. Ein großer Kreis, darin ein Tridekagramm, in welchem sich ein Heptagramm befand. Auf jeden Zacken stellte er eine Kerze, dann zeichnete er einen weiteren Kreis um den ersten herum. In den Zwischenraum dieser beiden Kreise trug er die Namen der Drei Göttinnen und die Namen der Tages- und Stundenherrscher ein.
Jetzt legte er das Medaillon in den siebenzackigen Stern. Anschließend warf er sich das Ritualgewand über und wartete, bis die Zeit günstig war.

Zelda hockte immer noch in diesem bizarren Raum. Sie wandte den Blick nicht von der „Tür“, durch die Zee verschwunden war. Was mochte er vorhaben? Hatte er es doch herausgefunden? Welche Rolle spielte sie noch in seinem Plan?

Zee stand immer noch vor dem Ritualzirkel. Endlich war die Zeit gekommen, zu beginnen. Genau wie es sein Vorfahr damals getan hatte, hob auch er jetzt die Arme und rezitierte die Formel…
Er vermied es, in dieselbe Trance zugeraten, wie sein Vorfahr. Er musste nach dem Ritual bei klarem Verstand sein…
Nach scheinbar endlosen Minuten – oder waren es Stunden? – war das Ritual endlich fertig. Dürftig verband er die Wunde, die er sich selbst hatte zufügen müssen, dann nahm er das Medaillon. Diesmal hing er es sich nicht um, sondern hielt es nur fest. Lange würde es nicht mehr in seinem Besitz sein…

Szene 18 ~ Loss
Kurz darauf, Zeldas Gefängnis
Immer noch wartete sie darauf, daß Zee endlich wieder kam. Wo blieb er so lange?
Sie horchte auf, als sich die „Tür“ langsam bewegte und er in ihr kleines Gefängnis trat.
Er kam näher, dabei hielt er ihr seine Hand entgegen. Das Medaillon, das ihnen so viel Leid beschert hatte…
»Nimm es!« Sie zögerte. Was sollte das? »Ich habe gesagt, nimm es!« Immer noch mißtrauisch, griff sie dennoch zu. »Was soll ich jetzt damit?«
»Häng es dir um. Und dann…« Als nächstes zog er den Opferdolch hervor, den er bereits benutzt hatte und an dem noch Blut von ihm klebte. Wortlos warf er Zelda den Dolch vor die Füße. Zuerst blickte sie auf den Boden, dann hob sie den Kopf und sah Zee an. »Was willst du von mir?« Zee sank vor ihr auf die Knie.
»Nimm den Dolch. Treib ihn mir ins Herz, benetze das Medaillon der Wünsche mit meinem Blut und wünsche dir ewigen Frieden für Hyrule. Das ist meine letzte Bitte an dich. Ich flehe dich im Namen deines Bruders an, der vor dir steht, aber auch im Namen meines Vorfahren, der seine Schwester tötete.«
»Ich kann dich nicht töten! Link wird mich hier nie finden, wie soll ich hier je wegkommen?«
»Link weiß, wo wir sind. Er ist bereits auf dem Weg hierher. In einigen Minuten wird er hier sein und mich selbst töten wollen.«
»Aber… das wäre Mord!«
»Nein. Es wäre die gerechte Strafe, die ich verdient habe.«
Zelda sah Zee in die Augen. Sie fand keinen Betrug, keine List. Sein Blick war flehend, ehrlich. Zum ersten Mal seit langem sah sie wirklich ihren Bruder vor ihr. Sosehr sich ihr Gewissen auch dagegen sträubte, sie wußte, daß es sein letzter Wunsch war. Egal wie es für ihn ausging, er würde sterben. Entweder durch ihre oder Links Hände. Sie war es ihm schuldig…
Widerstrebend nahm sie die Klinge in die Hand, schloß die Augen und stach zu.
Sie hörte ihn röcheln. »Danke… Zelda…«, brachte er mit letzter Kraft heraus, dann verlor er das Bewußtsein. Sie hatte gut getroffen…
Mit Tränen in den Augen nahm sie das Medaillon, tauchte es in sein Blut und hängte es sich wieder um. Sie achtete nicht darauf, daß ihr Kleid vom Blut rot wurde, sondern schloß die Augen und sprach leise den Satz, den Zee ihr aufgetragen hatte.
Dann griff sie das Medaillon, riß es sich vom Hals und warf es in eine Ecke. Zuerst leise waren die Schluchzer, die sich ihrer Kehle entrangen, doch immer lauter wurde die Trauer um den Verlust ihres Bruders deutlich.

Szene 19 ~ Peace
Wenige Sekunden später, Zeldas Gefängnis
Warum nur mußte es so kommen? Sie verstand nicht, weshalb er seinen Plan geändert hatte. Gab es einen Grund dafür, daß er sich selbst geopfert hatte? Warum hat er sich nicht endlose Macht gewünscht? Und warum hatte er seinen Tod gewollt?
Sie blickte auf, als er endlich in ihrer kleinen Zelle stand. »Link! Es ist…« Sie konnte nicht zu Ende sprechen, aber Link verstand auch so.
»Er hat… einen Abschiedsbrief geschrieben. Er lag im Nebenzimmer. Komm… laß uns nach Hause gehen, laß uns diesen Ort vergessen. Wir werden ihm ein Grabmal setzen.« Zelda konnte nur noch nicken. Sie ließ sich von ihrem Gemahl aufhelfen, dann verließen sie den Ort, der Zelda nichts als großes Leid gebracht hatte.

In der Ecke lag das Medaillon, sein goldener Glanz schimmerte trügerisch. Die roten, leicht angetrockneten Blutflecke zeugten von dem Ende, das sich in seiner Geschichte ereignet hatte. Das Triforcesymbol, eingraviert in die goldfarbene Oberfläche, zeugte von seiner Herkunft. Niemand sollte es je wieder nutzen, niemand sollte je die traurige Geschichte erfahren, die sich über Jahrhunderte erstreckt hat.
Für immer sollte es an diesem Ort verbleiben, in nächster Nähe zu dem Mann, der es um jeden Preis nutzen wollte, nur um am Ende sein Leben für den Frieden zu opfern.

So endet die Geschichte von Zee und Zelda, dem Geschwisterpaar, das sich gegenseitig tötete.
So endet die Geschichte um zwei Morde, in denen Täter und Opfer vertauscht wurden.
So endet die Geschichte vom Medaillon der Wünsche, das nur Leid bringen konnte.
So endet die Geschichte über einen Schurken, der zum Helden wird.



THE END

von Shiek-kun


The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Creating a Champion - Hero's Edition








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