Er wusste, dass er nur träumte.
Es war ja klar, schließlich hatte er das Bewusstsein verloren.
Und schließlich war er hier und hier war nur ein Traum.
Denn er stand im weißen Nichts.
Es war wieder gleißendweiß um ihn herum, überall. Und es war warm und vollkommen still. Auf diesen Traum fiel er nicht mehr herein!
Auch nicht, obwohl vor ihm gleich die schwarze Wand stand!
In jedem seiner Albträume war sie von Anfang an noch nicht da gewesen, war immer erst nach einer Weile erschienen und das nur allmählich.
Jetzt stand er genau davor.
Eine Wand aus Schwärze.
Lucias trat zurück. Auf die schwarze Wand würde er nicht noch einmal hereinfallen. Ganz sicher nicht!
Er musste möglichst weit weg vom Schwarzen bleiben. Und nur noch warten bis er aufwachte. Wo würde das wohl sein?
Denn er war von seinem Traum dieses Mal nicht so gepackt, als dass er vergessen hätte wie er bewusstlos geworden war und was vor seiner Bewusstlosigkeit geschehen war.
Vielleicht wollte er ja gar nicht wieder aufwachen.
Er wandte der schwarzen Wand den Rücken zu. Um ihr zu zeigen wie wenig er von ihr hielt. Und dass er keine Angst vor ihr hatte. Er dachte schließlich auch er stehe weit genug von ihr weg um in Sicherheit zu sein.
Er sah sich um. Natürlich sah er immer noch nichts außer weißem Licht. Seine Füße bohrte er in den weißen Sand, er war so herrlich warm für seine geschundenen Füße, die hier gar nicht mehr so geschunden aussahen.
Eventuell ließ es sich hier ganz gut leben? Für immer bewusstlos sein? Wer wusste schon was die beiden Hexen mit ihm vorhatten. Vielleicht töteten sie ihn, vielleicht war er auch schon tot und dies war das Jenseits. Seine Träume hatten ihm die nahe Zukunft gezeigt.
Allerdings konnte er sich dann die schwarze Wand nicht erklären…
In diesem Augenblick seiner vielen Gedanken hörte er ein Lachen. Ein dunkles, kaltes und grausames Lachen. Erschrocken blickte er über sich weil er im ersten Moment dachte die beiden Hexen würden gleich erscheinen.
Doch dann erkannte er, dass dies nicht sein konnte. Denn das Lachen war das eines Mannes und es kam aus dem Schwarz. In dem Moment, in dem er sich zur schwarzen Wand umwandte bewegte sich die Oberfläche.
Da war sie wieder. Die Hand, die ihn am Hals packte, ohne dass er es verhindern konnte und die ihn festhielt, ohne dass er sich wehren konnte. Trotzdem versuchte er es.
Er wollte schreien, aber die Hand hielt ihn so fest umklammert, dass er keine Ton herausbrachte. Er versuchte die Finger zu lösen, er kratzte den Arm und wand sich. Aber keinen Augenblick wurde der Griff schwächer.
Dann kam er dem Schwarzen immer näher. Aber es war nicht wie in seinem Traum. Nicht er wurde von der Hand ins Schwarze gezogen, die schwarze Wand schwoll an, breitete sich in seine Richtung aus. Die Hand hielt ihn vom Davonlaufen ab.
Er konnte nichts dagegen machen.
Nur mit Angst in den Augen zusehen wie sie immer und immer näher kam.
Wach auf, schrie es in seinem Kopf. Wach auf! Wach auf! WACH AUF! BITTE!
Aber er wachte nicht auf. Auch nicht als ihn das Schwarz berührte. Als es über ihn hinwegfegte wie ein Sandsturm.
Als er darin eintauchte war es als spränge er in kaltes Wasser. Das Flüstern kam von allen Seiten als der schwarze Sog ihn erfasste und als er seine Augen schloss, weil er sich kaum halten konnte.
Und dann war es vorbei. Auf einmal.
Und als er seine Augen wieder öffnete.
Die schwarze Hand um seinen Hals war weg und er war wieder alleine wie zuvor.
Doch war es anders.
Denn nun war er im Schwarzen. Es war genau wie mit dem Licht. Das Licht hatte ihn nicht geblendet, das Schwarze nahm ihm nicht die Sicht. Obwohl alles völlig dunkel war konnte er sehen.
Er selbst aber war nicht schwarz geworden. Er leuchtete weiß. Seine Haut, seine Haare, sein ganzer Körper war weiß geblieben. Rein und unbefleckt.
Es war eiskalt und er fror. Es war noch kälter als in der Wüste, nur war dies eine völlig andere Kälte.
Sich die Oberarme reibend sah er sich um. Es war ein schwarzes Nichts. Und er hatte schon Angst gehabt! Als hätte ein Monster hinter der schwarzen Wand gelauert.
Aber wem hatte die schwarze Hand dann gehört?
Er sah zum Boden herab. Er war spiegelglatt und kalt. Nicht weich und warm wie der weiße Sand. Es war hier so hässlich und kalt.
„Wo bin ich?“
Weil er noch immer dachte es wäre trotz allem nur einer dieser Träume hatte er auch keine Antwort erwartet. Schließlich hätte das bedeutet alleine zu sein. Deshalb erschrak er sich maßlos als er eine Antwort erhielt.
„Du bist im Inneren meiner Seele.“
Mit einem Ruck drehte er sich um.
Da leuchteten zu anfangs nur zwei Augen. Von der gleichen Farbe wie die seinen.
Lucias wusste nicht was hier geschah, darum trat er langsam zurück. Er wusste nicht wer der Fremde war, der gesprochen hatte.
Ein eiskalter Wind kam auf und riss ihn fast von den Füßen. Der Wind kam von allen Seiten und wirbelte pechschwarzen Rauch auf. Sein Mittelpunkt waren die leuchtenden Augen.
Er formte sich zu einer Gestalt. Gab den Augen einen Körper.
Und als der Wind erlosch war die Gestalt vollendet.
Es war ein Mann. Ein Mann, den Lucias schon einmal gesehen hatte. Auf einer Zeichnung.
Nur war dieser um Jahre jünger.
„Wer bist du?“, fragte Lucias. Obwohl er die Antwort bereits kannte.
Der Mann blieb regungslos. Starrte ihn nur an.
Da sprach Lucias das erste Mal seinen Verdacht aus. Die Worte kamen ihm nur stotternd über die Lippen. „B…bist du mein…mein Vater?“
Jetzt regte sich der Mann. Er lächelte.
Aber es war kein freundliches Lächeln. Sondern das Lächeln auf der Zeichnung.
Er streckte die Hand aus und in ihrer Innenfläche bildete sich ein schwarzer Wirbel. Lilafarbene Funken sprühten darin. Bis sich eine Kugel geformt hatte, eine dunkle Kugel, die doch so voller Magie war, dass gleißende Blitze daraus hervorzüngelten.
Die Kugel aus Magie traf Lucias an der Brust. Eigentlich ganz sanft, sie tat ihm nicht weh, sie schlug ihn nicht und sie verbrannte ihn nicht.
Was wehtat war die Wucht. Die Wucht, mit der er von den Füßen gerissen und nach hinten geschleudert wurde. Vierzig, fünfzig Fuß weit. Ehe er auf den Boden knallte und selbst dann noch hatte er eine solche Geschwindigkeit, dass er wie ein Ball wieder in die Höhe und wieder auf den harten Boden geschleudert wurde. Um nach weiteren zehn Schritten endlich zum Erliegen zu kommen.
Er hatte Schmerzen, an seinem ganzen Körper.
Schwerfällig setzte er sich auf und weinte dabei. Weil er solche Qualen noch nie gespürt hatte. Er hatte nicht gewusst wie schrecklich Magie sein konnte.
Während er sich aufmühte und seine Tränen den Blick verklärten wuchsen winzige schwarze Ranken aus dem Boden. Wie kleine Schlangen, die sich um ihn winden wollten um ihn ganz langsam einzuhüllen. Um ihn zu beißen und bis in sein Innerstes, sein Herz, zu schleichen.
Aber es gelang ihnen nicht. Sie konnten den Jungen noch nicht einmal berühren. Sie lösten sich auf, als wäre er so heiß, dass sie einfach dahinschmolzen. Das sah der Mann.
Der Einzige, der davon nichts mitbekam war Lucias. Er war immer noch zu sehr mit den Schmerzen beschäftigt.
Die Ranken verschwanden wieder im Boden und der Mann setzte sich in Bewegung. Er kam direkt auf Lucias zu.
Dass war so unübersehbar, dass Lucias davon aufwachte.
„Nein!“, schrie er und schleifte sich rücklings von dem Mann weg. „Nein, bitte! Tu mir nicht mehr weh! Bitte!“
Der Mann hatte ihn schnell erreicht und packte ihn. Lucias versuchte sich zu wehren, zu treten, zu schlagen und schrie. Aber der Mann packte ihn am Hals und hob ihn hoch. So hoch, dass er den Boden unter den Füßen verlor.
Lucias versuchte die Finger um seinen Hals zu lösen, diese echten Finger, viel echter als die schwarze Hand. Aber er schaffte es nicht. Er war panisch, er schrie, er weinte.
Der Mann lachte. „Haben sie dich betrogen, Lucias?“
Mit einem Schlag war Lucias ruhig. Er schrie nicht mehr, er weinte nicht mehr, er bewegte sich nicht mehr.
Der Mann ließ ihn wieder zu Boden und löste seine Hand.
Sein Blick war gläsern.
„Armer Lucias, du hast sie so geliebt und sie haben dich fallen lassen.“, sprach der Mann und legte ihm seine dunkle Hand auf die Schulter.
Aber Lucias schlug sie weg. „Was weißt du schon!“
Der Körper des Mannes löste sich wieder in Rauch auf.
„Mehr als du denkst, Lucias.“, flüsterte es.
Der Rauch umgab ihn, bildete einen Kreis um ihn und zog seine Bahnen. Streifte ihn am Arm, streifte ihn am Bein, streifte ihn am Kopf. Er versuchte ihn davon abzuhalten, aber der Rauch war immer schneller.
„Du weißt wer ich bin.“, sagte der Mann neben seinem rechten Ohr. Das Gesicht hatte sich aus dem Rauch geformt. Lucias schlug danach und es wurde wieder zu Rauch.
„Du bist Ganondorf, der Großmeister des Bösen!“, antwortete Lucias.
„Ja, der bin ich.“, hörte er die Stimme. „Und ich bin hier um dir zu helfen. Ich bin auf deiner Seite…“
„Nein!“, schrie Lucias. „Ich weiß genau was du für ein schlechter Mensch bist! Ich weiß bescheid über dich!“
Der Rauch lachte. Eine Hand legte sich auf seinen Kopf, sofort sprang er zur Seite.
„Du meinst du hast über mich gelesen? Und sie haben dir von mir erzählt? All die Lügen!“ Lauter wurde das Lachen. Und kälter. So kalt, dass es Lucias einen Schauder über den Rücken jagte. „Ja, sie sind geschickt darin. Die Wahrheit so zu verdrehen, dass sie als die Guten dastehen.“
„Hör auf!“, schrie Lucias in das Lachen hinein und drückte sich die Hände auf die Ohren, als könne er nichts mehr hören. „Link würde mich nie belügen!“
Doch das Lachen verstummte nicht. „So? Der Held der Zeit belügt dich nicht? Und wie war das mit deiner Mutter? Die angebliche Zofe, die aus dem Fenster des königlichen Schlafgemachs gefallen ist? Oder doch vom Balkon? Oder vom Dach?“ Lucias erstarrte wie zu Stein. „Oder was ist mit dem Zeichen auf deiner Hand. Das angebliche Muttermal, von dem du doch selber weißt, dass es in Wahrheit das Fragment der Kraft ist. Wie glaubst du ist es in deinen Besitz gekommen? Weil wir beide entfernte Verwandte sind?“
Lucias ließ die Hände sinken. Er wollte es abstreiten, aber er konnte es nicht.
Link hatte ihn belogen. Sie alle hatten ihn belogen.
„Aber…aber sie sind…meine…“
Aus überall her ertönte eine Stimme. Links Stimme.
„Wir müssen ihn einsperren – ein für alle male! Er darf niemals mehr einen Weg aus seinem Gefängnis finden!“
„Glaubst du sie sind deine Freunde?“, fragte Ganondorf.
Und dann hörte er Naboru sprechen.
„Er ist ein Monster…“
„Glaubst du sie sind deine Familie?“
Wieder legte sich Lucias die Hände auf die Ohren. „Aufhören!“ Die Tränen liefen ihm die Wangen hinab. „Bitte! Ich will nichts mehr hören!“
Zwei schwere Hände legten sich auf seine Schultern. Ganondorf stand in seinem Rücken. „Genauso haben sie mich auch behandelt. Als sie sahen wie mächtig ich war haben sie mich verbannt. In die ewige Einsamkeit. Während sie sich vergnügten, lachten und Familie hatten saß ich hier. Ich hatte niemanden. Und das nur, weil sie Angst vor jemanden haben, der stärker ist als sie. Und bei dir ist es genauso. Du bist ihnen nur so lange etwas wert wie sie dich benutzen können. Dann werden sie dich ebenso einsperren wie mich! Willst du wirklich zu ihnen zurück?“
Ganondorf beugte sich zu ihm hinunter. Dicht an sein Ohr. „Du brauchst sie nicht. Und du brauchst keine Mutter. Du brauchst nur mich!“
Lucias liefen erneut Tränen die Wangen hinunter.
Doch diese Tränen waren nicht mehr weiß und leuchtend. Sie waren pechschwarz. Und kalt.
„Was ist dieses Gefühl?“, fragte er. „Diese Kälte in mir.“
„Das sind dein Zorn und dein Hass. Sie werden dich stark machen.“
„Stark wofür?“
Ganondorf verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. „Für Rache.“
„Rache?“, wiederholte Lucias.
„Für all die Demütigungen und die Abneigung und die Einsamkeit, die du ertragen musstest ohne daran Schuld zu haben! Dafür, dass sie sich ein schönes Leben machen während du ins Nichts verbannt bis!“
Durch Lucias fuhren Bilder. Bilder der Stadtbewohner, die ihn immer ignoriert hatten. Die Erwachsenen, die ihre Kinder aus seiner Nähe gezehrt hatten. Die Verkäufer, die ihm nichts verkaufen und die Vergnügungsbudenbesitzer, die ihn nicht hereinlassen wollten.
Und Zelda, wie sie ihn immer abgewiesen hatte. Wie sie ihren Sohn vor seinen Augen gelobt und liebkost hatte ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Und Rauru, der ihn wie ein dummes Kind behandelt hatte.
Und Link, wie er ihn belogen hatte wo es nur ging. Mit seiner Geheimnistuerei.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Lass uns Rache nehmen, Lucias.“, flüsterte Ganondorf ihm ins Ohr. „Für jeden Augenblick, in dem wir einsam waren. Lass uns ihnen das antun was sie uns angetan haben.“
Lucias nickte.
Ganondorf legte seine rechte Hand direkt auf Lucias Herz. „Aber vorher müssen wir unsere Kräfte vereinen um uns zu befreien. Nur gemeinsam können wir Rache nehmen.“
Wieder hörte Lucias das Flüstern in sein Ohr. Das Flüstern in einer anderen Sprache. Dieses Mal jedoch verstand er die Worte. „Vertrau mir, Lucias.“, flüsterte Ganondorf. „Und lass mich in dein Herz!“
Die Hand lag erwartungsvoll auf der Brust. Und doch ganz ruhig.
„Ja.“, sprach Lucias und das Wort war in dieser fremden Sprache.
Und dann öffnete sich der Schutz um Lucias Seele. Aus Ganondorfs Hand floss purer schwarzer Hass. Ein schwarzer Fleck blieb auf der Brust zurück, dort wo das Herz lag. Verunreinigte das reine Weiß von Lucias Körper.
Sofort fuhren Lucias Hände an die Brust. „Es ist…so kalt!“, keuchte er. Es tat so weh. Er fiel auf die Knie.
„Wehr dich nicht dagegen, Lucias, lass es zu. Du wirst dich schon bald daran gewöhnt haben.“
Lucias brach entgültig zusammen und blieb auf dem kalten Boden liegen. Ihm war so kalt, dass er vom Schmerz schnell atmete.
Wieder wuchsen die schwarzen Ranken aus dem Boden. Doch dieses Mal lösten sie sich nicht auf, als sie den weißen Körper berühren wollten. Dieses Mal konnten sie sich ungestört um ihn schlingen.
Da spürte Lucias zum ersten Mal schreckliche Angst. Eine Angst, wie er sie noch nie gespürt hatte. Die Angst machte ihn benommen. Die Kälte machte ihn benommen.
Er fühlte gar nichts mehr. Nur, wie er müde wurde. So müde, dass er die Augen nicht mehr offen halten konnte.
Ganondorf verschränkte die Arme vor der Brust. „Hab keine Angst, Lucias. Schlaf nur.“ Die Ranken wandten sich um den strahlenden Leib und ließen nichts mehr von ihm übrig, sie deckten ihn für den Schlaf zu, mit einer Decke aus schwarzer Seele.
„Du wirst jetzt sehr lange schlafen, Lucias.“, sagte der Großmeister des Bösen, der schon spürte, wie er neue Kraft gewann. „Und je mehr du schläfst, desto mehr erlange ich Kontrolle über dich!“
Und dann lachte er.