The Legend of Zelda - Kind der Rache

Kapitel 8


Lucias war so glücklich, als er eingekuschelt in seinem Bett lag. Nicht einmal das Pfeifen des eiskalten Wüstenwindes störte ihn heute.
Es war mitten in der Nacht und eigentlich war er auch todmüde, doch er konnte trotzdem nicht schlafen.
Weil er immer und immer wieder daran denken musste wie toll es gewesen war mit Link in den Trainingshöhlen. Wie sie eine Prüfung nach der anderen gemeistert hatten und wie er Link immer und immer wieder mit seinen klugen Ideen und seiner magischen Kraft hatte beeindrucken können.
Und als sie dann die Höhlen verlassen und wieder auf den Vorplatz der Gerudofestung geschritten waren – er war aus lauter Erschöpfung bei der letzten Prüfung zusammengebrochen und Link hatte ihn sogleich Huckepack genommen – da waren ihnen Naboru, Dana und Rajah, mit ordentlicher Frisur, entgegen gekommen. Als Naboru gefragt hatte wie er sich so schlug, da hatte Link doch tatsächlich gesagt, dass er unheimlich stolz auf ihn war.
„Ich bin unheimlich stolz auf Lucias.“, wiederholte Lucias leise Links Worte. Er flüsterte es immer und immer wieder und hatte dabei Links Stimme im Kopf. Wie glücklich war er gewesen solche Worte aus Links Mund zu hören. Solche Worte wie von Vater zu Sohn! So etwas hatte Link noch nicht einmal jemals zu Davin gesagt. Jedenfalls hatte Lucias es noch nie gehört.


Unwillkürlich fasste sich Lucias an den Kopf. Wo noch immer die grüne Mütze saß. Link hatte sie ihm geschenkt. Nicht seinem eigenen Sohn sondern ihm! Das hieß doch, dass Link in ihm so etwas wie einen Sohn sah!
Nie wieder würde er sie absetzen, das schwor er sich. Auch wenn sie einmal zu klein für seinen Kopf werden sollte. Lieber hatte er ein Leben lang Kopfschmerzen!
Er walzte sich auf seiner Matte herum. Er konnte einfach nicht einschlafen, nicht jetzt! Dafür war er einfach zu aufgeregt!
Ich könnte noch einmal zum Abort, überlegte er. Das war ein guter Grund um sich die Beine zu vertreten.
Augenblicklich sprang er aus dem Bett. Vielleicht tat ihm ein kleiner Spaziergang ganz gut. Auf leisen und nackten Sohlen trippelte er aus seinem Zimmer in den Flur. Die Gänge waren menschenleer. Seit Link den Tyrannen besiegt und damit das Land wieder vereint hatte, wurde im Gerudotal nicht mehr patrouilliert. Weder in den Gängen noch vor der Festung. Es gab einfach keinen Grund mehr dazu.
Der nächstgelegene Abort führte in den untersten Stock und sein Zimmer lag ganz oben. Er musste also die ganzen Treppen nach unten steigen und vom Speisesaal aus ins unterste Geschoss.
Es war sehr spät und er selbst war eigentlich todmüde. Er hatte sich heute so angestrengt, in den Trainingshöhlen. Nicht einmal mehr einen kleinen Funken Magie brachte er auf. Er brauchte eigentlich ganz gewaltig tiefen und erholsamen Schlaf.
Darum wollte er nach dem Abort auch strickt wieder ins Bett und sich zum Schlafen zwingen. Aber dann war dieses Vorhaben mit einem Male verworfen.
Denn aus dem Speisesaal drang schwaches Licht.
Verwundert rieb Lucias sich den Schlaf aus den Augen. Wer war denn zu so später Stunde noch wach?
Wie jedes Kind seines Alters besaß auch er eine mehr oder weniger gesunde Neugierde. Deshalb gähnte er herzhaft und kam von seinem eigentlichen Weg ab, er schritt dem Licht entgegen.
Es dauerte nicht lange und das Geräusch eifrig miteinander flüsternder Stimmen drang an sein Ohr. Verwundert blieb er stehen. Er erkannte die Weisen. Und da war auch Links Stimme. Was hatten sie denn jetzt, um diese Nachtzeit, Dringliches zu bereden?
Verschmitzt grinste er. Lucias wusste, dass es nicht die feine Art war zu Lauschen, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen.
Deshalb schlich er so leise, dass er nicht zu hören war, den Gang entlang. Es war nicht schwer sich zu verstecken und unbemerkt zu lauschen. Denn der Gang mündete auf der linken Seite des Speisesaales und der große Tisch, an dem die Anwesenden redeten, war auf der rechten Seite. Wenn er sich also gegen die rechte Korridorseite drückte konnte er lauschen ohne, dass ihn irgendjemand sehen konnte.
„…müssen wir diese unterdrücken!“, hörte er den Goronen Darunia sagen.
„Und wie soll das gehen, du Schlaumeier?“, gackerte Ruto. „Du hast doch gesehen was Davin zugestoßen ist, einfach nur durch einen Funken.“
„Link, du hast doch die Macht seiner Magie gespürt.“, meldete sich Salia zu Wort.
Verwundert spitze Lucias nur noch mehr die Ohren. Es ging um ihn.
„Sie war gewaltig.“, stimmte Link zu. „Sie ist zu gefährlich! Nicht auszudenken was er damit alles anrichten könnte!“
„Aber was sollen wir tun?“, fragte Rauru mit beunruhigter Stimme. „Was sollen wir gegen ihn unternehmen?“
„Ich werde nicht zulassen, dass Lucias etwas tut, was er später bereuen wird. Wir müssen ihn einsperren – ein für alle male! Er darf niemals mehr einen Weg aus seinem Gefängnis finden!“
Lucias schlug sich seine Hand auf den Mund. Um nicht vor plötzlichem Schmerz aufzuweinen. Einsperren? Ihn?
„Das stellst du dir so leicht vor? Wie sollen wir denn an ihn herankommen? Er ist schließlich nicht mehr wie wir!“, warf Impa ein.
„Wir müssen aber!

“ Das war Naborus Stimme. „Er ist ein Monster und er wird nicht eher ruhen…“
Lucias hatte genüg gehört! Sich die Ohren zuhaltend rannte er davon. Er konnte nicht mehr! Das war er also für sie – ein Monster!
Er rannte die Gänge entlang, seinem ursprünglichen Weg entlang. Doch er bog nicht zum Abort ab, er verließ die Festung am Westausgang.
Die Nacht war klar und kalt. Der Wind hatte sich gelegt, doch es war so kalt, dass er auch jetzt schon in seiner dünnen Nachtkleidung fror. Aber es war ihm egal, ihm war alles egal.
Lucias weinte.
Sie hatten ihn alle betrogen. Belogen und betrogen.
Die Aufnahme in die Burg, die gemeinsamen Essen, der Unterricht, die Trainingshöhlen. Das war alles nur gewesen, damit sie sehen konnten wie stark er war? Wie gefährlich?
War er ein Monster? Warum? Weil er magische Kräfte hatte? Hätte er ohne sie als normaler kleiner Junge aufwachsen können?
Monster hatte Naboru gesagt. Und Link man müsse ihn für immer einsperren.
Wollten sie es gleich bei Sonnenaufgang tun? Vielleicht wollten sie ihn ja in die Trainingshöhlen stecken, in die einsamen Höhlen wie ein Tier. Vielleicht war er deshalb dorthin beordert worden. Um zu sehen wie gut er sich zurechtfand, wie tief sie ihn hineinstecken mussten, damit er aus ihnen nicht mehr herausfand.
„Er ist ein Monster…“, klang es immer wieder in seinen Ohren. „…ein Monster…“
Lucias riss sich die Mütze vom Kopf. Wollte sie zerreisen, auf sie drauf treten, auf sie spucken. Dafür, dass er nur belogen worden war. Dafür, dass ihre Akzeptanz und ihre Fürsorge nur geheuchelt war.
Doch er schaffte es nicht.
Seine Finger hielten den grünen Stoff umklammert. Eine Böe kam auf und ließ ihn aufwehen. Die Tränen fielen darauf.
„Sie hassen mich…“, flüsterte Lucias.
Er wollte nicht mehr. Er wollte nicht mehr hier bleiben und so weiter machen. Er wollte ganz weit weg sein. An einem Ort wo man ihn nicht kannte. Wo er normal sein konnte. Wo ihn niemand mochte dafür aber auch niemand hasste, weil niemand ihn hassen konnte, weil er ein Fremder war.
Mit seinen Fingern strich er über den dünnen Stoff und erinnerte sich daran wie glücklich er noch heute gewesen war. Und wie weh es tat zu merken, dass man nicht geliebt wurde.
Dann öffnete er die Hand. Die Mütze wurde sofort vom Wind erfasst und stieg in die Höhe. Seine Augen folgten der Mütze, wie sie durch die Luft wirbelte wie ein Blatt, wie sie höher stieg und herabsank und wie sie davongetragen wurde.
Bis sie hängen blieb.
Sie hatte sich am Holzgitter verhackt, hinter dem direkt die Wüste begann.
Lucias Innerstes gefror.
Die Wüste.
Dort war er alleine. Von niemandem umgeben, der ihn hassen konnte.
Er zögerte, denn er hatte Angst vor der Einsamkeit. Aber schließlich war Einsamkeit der einzige Weg um dem Hass zu entkommen.
Darum schritt er schweren Herzens zu dem Holztor. Die Mütze wehte an einem Spliter, an dem sie sich gehaftet hatte.
Er legte die Hand auf das Holz. Es zerbarst als wäre es nichts, als wäre es Glas. Lucias war innerlich taub. Nichts erfüllte sein Herz mehr. Nur noch Magie.
Er schritt hindurch.
Seine nackten Füße berührten den Sand.

Ganz leise stellte Naboru die Öllampe auf dem Tisch ab.
Bis gerade eben war sie durch die Gänge geschlichen und hatte kontrolliert ob auch wirklich niemand mehr wach war.
Die anderen Weisen und der König von Hyrule hatten sich bereits zu dem geheimen Treffen eingefunden. Sie war die Letzte.
„Sie schlafen alle.“, versicherte sie ihnen.
Die Weisen schwiegen, doch jedem einzelnen merkte man seine Unruhe und seine Besorgnis an. Niemand wollte mit dem Sprechen beginnen.
Darum tat sie es schließlich. Denn ihre Neuigkeit war dringend.
„Wir haben es geschafft.“, sprach sie. „Wir haben die Kammer mit den verbotenen Schriften gefunden.“
Die Weisen hoben erstaunt den Kopf. Ganz besonders Link.
„Warum sagst du uns das erst jetzt?“


„Ich wollte warten bis wir wirklich allein sind. Niemand darf schließlich von den Schriften erfahren. Ganz besonders Lucias nicht. Waren das nicht deine Worte?“
Die Weisen nickten und murmelten noch beunruhigter.
„Und wie sieht das weitere Vorgehen aus?“, wollte Salia wissen. Sie wirkte wie ein Kind unter den anderen Weisen, doch sie war eine der ältesten.
„Sie sind in einer alten Sprache geschrieben, die nicht ganz unserer entspricht.“, fuhr Naboru fort. „Aber wir haben auch einige Schriften mit Übersetzungshilfen gefunden. Fünf meiner engsten Freunde haben bereits mit den Übersetzungsarbeiten begonnen, es wird aber noch Tage dauern. Ich vermute diese Sprache ist die Sprache, die Lucias nachts immer vor sich hin flüstert.“
Wieder murmelten die Weisen leise für sich.
„Gut.“, sagte Link und kratzte sich müde an der Wange. Vom Training war er sehr erschöpft und musste sich zwingen konzentriert zu bleiben.
Nun ergriff Ruto das Wort. Sie wirkte etwas blass und mager, das heiße und trockene Klima hier bekam ihr nicht gut. „Dann lasst uns auch erst in ein paar Tagen wieder reden, wenn wir mehr wissen über…“
„Nein!“, warf Rauru mit einem bestimmten Ton ein, der jedes Widerwort ihrerseits nicht zuließ. „Wir dürfen nicht tatenlos abwarten. Sonst könnte es zu spät sein.“
„Das stimmt.“, stimmte Impa zu. „Link, du warst doch genau deshalb mit Lucias in den Trainingshöhlen. Um zu sehen wie fortgeschritten seine Kräfte sind. Hast du uns nicht beschrieben wie gewaltig sie sind?“
„Das ist wahr, sie sind es.“, stimmte Link zu und rieb sich die Hände. Ihm war etwas kalt. Die Nächte im Gerudotal waren grässlich, wie hatte er das vergessen? „Sie sind mächtiger als wir gedacht haben. Sie sind schon jetzt so mächtig wie die von Ganondorf bevor er das Fragment der Kraft besaß. Aber im Gegensatz zu ihm ist Lucias noch ein Kind.“
Die Weisen schüttelten fassungslos den Kopf. Link hatte ihnen erzählt was Lucias alles geleistet hatte, allein durch seine Magie. Zu allererst von dem gewaltigen Schild, der den Echsenkrieger mit einem Schlag in den Tod geschickt hatte.
„Ich will mir gar nicht ausmalen was passiert, wenn er unser Feind wird.“
Link nickte. „Eben genau deshalb!“, stieß er hervor. „Dass Lucias Ganondorf in die Hände fällt, das darf nicht geschehen. Ob magische Kräfte, ob gleiches Aussehen, ob Albträume und mysteriöses Flüstern. Wir dürfen das nicht zulassen!“
Darunia legte die Hände auf den Tisch. Er hatte es möglichst sanft tun wollen. Doch bei seiner Feinmotorik klang dieses sanfte Auflegen lauter als beabsichtigt. „Da stimme ich Link zu. Wenn Ganondorf irgendwie durch Magie mit Lucias Verbindung aufnimmt, dann müssen wir diese unterdrücken!“
„Und wie soll das gehen, du Schlaumeier?“, gackerte Ruto und musterte ihn, als rede er davon den Himmel grün anzumalen. „Du hast doch gesehen was Davin zugestoßen ist, einfach nur durch einen Funken.“
„Link, du hast doch die Macht seiner Magie gespürt.“, meldete sich Salia zu Wort. Ihre Beine zitterten unentwegt. Auch sie war das Klima nicht gewöhnt. Doch ihr machten eher die Tage zu schaffen.
„Sie war gewaltig.“, antwortete Link. „Sie ist zu gefährlich! Nicht auszudenken was er damit alles anrichten könnte!“
„Aber was sollen wir tun?“, fragte Rauru mit beunruhigter Stimme. „Was sollen wir gegen ihn unternehmen?“
„Ich werde nicht zulassen, dass Lucias etwas tut, was er später bereuen wird. Wir müssen ihn einsperren – ein für alle male! Er darf niemals mehr einen Weg aus seinem Gefängnis finden!“
Impa lehnte sich zurück. Sie wirkte als wäre sie völlig unbeteiligt, doch ihr Geist war scharf. „Das stellst du dir so leicht vor? Wie sollen wir denn an ihn herankommen? Er ist schließlich nicht mehr wie wir!“
„Wir müssen aber!“, rief Naborus ein. „Er ist ein Monster und er wird nicht eher ruhen bis er Lucias bekommt. Ich kenne ihn, er gibt nicht auf und er wird es schaffen sogar vom Jenseits an ihn heranzukommen. Hat er das nicht schon durch die Träume bewiesen?“
„Wir…wir sind uns aber nicht ganz sicher ob es wirklich er ist, der…“
„Nein, Link! Schluss mit den Lügen und den Heimlichtuereien!“, unterbrach sie den Helden der Zeit. „Du weißt, dass der erste Schritt ist Lucias aufzuklären. Du kannst ihn nicht wie einen normalen Jungen behandeln, weil er einfach kein normaler Junge ist! Ganondorf wird immer in seinem Schatten lauern und wir müssen ihn dafür endlich sensibilisieren. Sonst wird Davins Unfall schon bald kein Einzelvorfall sein. Verstehst du endlich? Oder willst du, dass dein Sohn bald noch eine Narbe auf die zweite Schläfe bekommt? Oder vielleicht sogar stirbt!“
Link schluckte schwer. Diese Worte hatten gesessen.
Und nicht nur bei ihm, sondern auch bei den Weisen. Ja, sogar bei ihr selbst. Denn so klar hatte sie ihre Gedanken, ihre Gefühle und Ängste noch nie ausgedrückt.
Es herrschte langes Schweigen. In dem die Weisen ihren Helden anblickten, ihn musterten und auf eine Antwort von ihm warteten. Obwohl sie alle schon längst die Antwort kannten.
Und es war Zeit, dass auch Link sich zur Antwort bekannte. Das wusste Link.
Und dennoch zögerte er.


Deshalb legte Naboru ihm ermutigend die Hand auf den Arm. „Er ist ein kluger Junge, er wird das verstehen.“
Link sah sie an. Und schließlich war er bereit dazu. Er spürte, dass er nicht mehr länger warten konnte.
Er erhob sich. „Du hast Recht. Lucias ist ein kluger Junge.“ Er blickte in die Runde der Weisen. „Wenn ihr mich dann entschuldigt, ich werde das sofort tun.“
Ruto sah ihn schräg an. „Willst du nicht lieber bis morgen warten?“
Link schüttelte den Kopf. „Nein, ich mache es gleich. Bevor mich der Mut verlässt.“
Auch Naboru erhob sich. „Ich komme mit dir. Ich werde vor der Tür warten.“
Entschlossen nickten sie sich zu. Niemanden anderen als Naboru hätte er jetzt an seiner Seite gewollt. Denn sie war die Klügste von ihnen allen gewesen. Weder hatte sie wie die anderen Weisen stets nur den Abkömmling Ganondorfs in Lucias gesehen, noch hatte sie ihre Zuneigung zu Lucias blind gemacht.
Als sie die Gänge entlang schritten, da ging ihm genau das durch den Kopf.
Deshalb berührte er ihren Arm. Verwundert wandte sie ihren Blick zu ihm. Die Öllampe in ihrer Hand schwankte leicht. „Was ist?“
„Naboru, du bis Lucias immer nur mit Liebe begegnet, aber nie hast du aus lauter Liebe den Verstand verloren. Wahrlich bist du eine Mutter, die beste, die Lucias haben kann.“
Naboru lachte leise. „Ich tue nur das, was ich Lucias schulde. Unsere Schwäche war sein Verhängnis.“
Sie schritten den Gang entlang. „Nein“, entgegnete Link. „Unsere Schwäche war der Grund seiner Geburt. Und deshalb bin ich froh, dass wir so schwach sind.“
Sie lachten.
Sie mussten die grob gehauene Treppe bis ganz hinauf. Denn Lucias Zimmer lag im obersten Stock. Der einzige Stock, in dem sich ein Wohnzimmer gefunden hatte, in dem sich noch keine Frau einquartiert hatte.
Während des Aufstieges bereitete sich Link in Gedanken vor. Er überlegte was er sagen sollte, wie er überhaupt anfangen sollte. Und versuchte sich auszumalen wie Lucias darauf reagierte. Zu erfahren warum er keinen Bauchnabel hatte.
Er konnte es nicht. Er konnte sich nicht einmal ausmalen wie er reagierte. Nicht einmal, wie ihm die verfluchten Worte über die Lippen kamen.
Naboru war es, die ihre Hand auf die Klinge der Tür legte. „Bist du bereit?“
Die kleine Flamme in der Öllampe flackerte und warf einen langen Schatten auf die Tür. Seinen Schatten.
Er nickte.
Die Tür glitt einen Spalt auf. Sie knarrte, denn die Scharniere waren alt.
Er klopfte Naboru auf die Schulter und zwängte sich durch den Spalt. Ein schwacher Streifen Licht fiel ins Zimmer. Auf die untere Bettkante.
Link seufzte. Es war soweit. Und dieses Mal wirklich, ohne Ausrede und vor allem ohne Lügen!
„Lucias!“, flüsterte er sachte. „Lucias, wach auf. Ich muss mit dir reden.“
Von einem Kind seines Alters hatte er als Antwort ein müdes Murren, ein Quengeln über die nächtliche Ruhestörung erwartet. Das Beginnen von Weinen oder zumindest ein leiser Protest. Doch er erhielt eine völlig andere Antwort. Nämlich keine.
Natürlich, Worte halfen nicht. Lucias hatte sich am Tage so verausgabt. Noch dazu war er ein Kind. Sein Schlaf musste so tief sein wie der Brunnen am hyrulianischen Marktplatz.
Link musste ihn wachrütteln.
Deshalb ging Link zum Bett hinüber. Um Lucias sachte über den Kopf zu streicheln und ihm zu flüstern: „Lucias, lass uns reden. Ich bin jetzt bereit dir die Wahrheit zu sagen. Ich muss es tun, verzeih mir. Ich muss dir sagen, dass du mit Ganondorf näher verwandt bist, als du geglaubt hast…“
Doch er konnte es Lucias nicht zuflüstern. Denn Lucias war nicht da!
Sofort warf Link die Decke zurück. Nichts. Nur ein Kissen.
Sofort sah er sich in dem kleinen provisorischen Zimmer um. Nichts.
Er rannte zur Tür. Und erschreckte Naboru so heftig, dass sie Öl verschüttete. Sie sprang zurück, denn das Öl war heiß.
„Link! Sag mal was…“
„Lucias! Er ist nicht in seinem Zimmer!“
Für einen Moment war Naboru perplex. „Was…?“
„Geh sofort zu den Weisen und sucht ihn. Ich fange schon einmal ohne euch an.“
Naboru hatte ihn eigentlich beruhigen wollen. Lucias wäre sicher nur beim Abort.
Doch sie konnte nicht.
Denn sie hatte ein eben so furchtbares Gefühl wie er. Instinktiv spürten sie, dass etwas nicht stimmte.
Sie reichte ihm die Öllampe und rannte ins Dunkel des Ganges.

Es war eiskalt.
Die Luft war eiskalt. Der Wind war eiskalt. Der Sand war eiskalt.
Aber so sehr spürte er die Kälte gar nicht. Weil da eine andere Kälte war, die noch kälter und noch schmerzhafter war. Die Kälte in seinem Herzen.
„Warum?“, flüsterte Lucias. Sein Wort wurde sofort vom Wind verschluckt.
Warum war er ein Monster? Was hatte er getan? Was hatte er an sich?
Er war so tief in die Wüste gelaufen, längst hatte er die Orientierung verloren.
Natürlich wäre ihm das nicht passiert, wenn er es nicht gewollt hätte. Der Himmel war klar und er verstand sich darin die Sternenbilder zu lesen. Er wusste genau wo Norden war. Denn er kannte den Polarstern.
Aber er hatte nicht darauf geachtet. Er hatte bewusst nicht verfolgt wohin er ging. Er wusste, dass er aus der ungefähren Richtung des Osten kam, doch er wusste nicht mehr genau woher und gerade nach Westen war er auch nicht gelaufen. Selbst wenn er wieder genau nach Osten lief, vor dem Tor landete er dann nicht mehr.
Er war verlassen und allein. So hatten sie es doch gewollt.
Eingesperrt in der Wüste.
Nie wieder! Nie wieder ging er zurück!
Die Wüste war sein Grab.
Und wenn schon! Er hatte sowieso niemanden, der ihn vermissen würde. Sie waren doch sowieso alle froh ihn los zu sein! Dann mussten sie ihn nämlich nicht einsperren.
Heiße Tränen liefen an seinen Wangen hinab. Wieder einmal. Dabei wollte er nicht weinen!
Aber er musste einfach! Weil er nicht glauben konnte, dass sein Leben nur eine Illusion war. Dass seine Freunde nur Lügner waren. Dass jeder, der ihm etwas bedeutet hatte, ein falsches Spiel mit ihm gespielt hatte.
Warum? Warum nur?
Seine Füße taten ihm weh. Sie waren taub und eingefroren. Doch Schmerzen spürte er bei jedem Schritt. Und unglaublich müde war er.
Er konnte nicht mehr! In dieser Kälte einzuschlafen war tödlich. Aber was blieb ihm anderes übrig? In diesem Nirgendwo war nun einmal nichts.
Und hatte er sein Schicksal nicht selbst bestimmt? Lieber in Freiheit sterben als eingesperrt leben.
Er brach zusammen. Seine Füße wollten nicht mehr.
Er versuchte den Saum seines Nachtgewandes um seine eisigen Füße zu wickeln. Auch seine Hände waren eiskalt. Er blies hinein.
Wenigstens war es endlich windstill.
Er schloss die Augen und dachte noch einmal an die Zeit zurück. An den vorherigen Tag mit Link in den Höhlen. Und an Rajah, mit ihren neuen kurzen Haaren. Sie würde er vermissen.
Und vielleicht vermisste sie ihn auch. Ein bisschen wenigstens. Er wünschte es sich so sehr!
„Hihihihi!“


Jäh war da dieses Lachen am Himmel und Lucias erschrak sich. Über ihm erschien eine gleißend blaue Lichtkugel. Wie gebannt folgte er dem Licht. Sie war der Ursprung dieses eklig schrillen Gelächters.
„Du behältst Recht, Koume, meine liebe Schwester. Er ist gekommen um sein Schicksal anzutreten.“
„Hihihihi!“, erklang nun eine zweite Stimme und plötzlich erstrahlte auch ein rotes Licht. Wie zwei riesige Sterne, so viel näher als die anderen.
„Armer kleiner Junge.“
Das rote Licht war das erste, aus der eine Gestalt erschien. Eine hässliche Gestalt.
Eine krüppelige alte Hexe auf einem schwebenden Besen. Die Haut schimmerte fällig grün und war alt und faltig. Ihre Nase war für ihr kümmerliches Gesicht riesig groß und ihre Fingernägel gelb.
Ihr Haar bestand nicht aus Haar sondern aus Feuer.
„Hat geglaubt er hat Freunde. Hat geglaubt er hat Familie. Hat geglaubt er könnte so sein wie die hyrulianischen Würmer!“ Sie lachte.
Aus dem blauen Licht erschien eine weitere Gestalt. Eine Hexe, die der ersten glich, nur das Haar, es war aus Eis.
„Dabei ist er doch zu etwas Höherem bestimmt – ja gar zu der höchsten aller Ehren. Dazu hat ihn unser Herr auserwählt.“
Lucias erhob sich. „Wer seid ihr?“
Die beiden Hexen verdeckten ihren Mund mit dem Stoff eines Ärmels. Dabei taten sie es völlig synchron.
Mit der anderen Hand fassten sie einander fest und wirbelten dreimal umeinander. Als führten sie für ihn einen Tanz auf.
„Wir sind die Hexen Gothama. Die mächtigen Hexen der Wüste, die Weisen der Finsternis.“
„Gothama…“, wiederholte Lucias. Er konnte seinen Blick nicht von ihnen wenden. Er war fasziniert von ihrer magischen Aura. Und doch spürte er tiefe Furcht. Er spürte, dass von ihnen Gefahr ausging.
Denn er hatte über sie gelesen. Die Hexen Gothama, die im Wüstentempel auf den Helden der Zeit gelauert hatten. Und die die Weise der Geister entführt und manipuliert hatten. So hatte Naboru sieben Jahre dem Tyrannen, dem Großmeister des Bösen, gedient ohne es zu wollen.
Ihnen konnte er nicht trauen, sie waren böse.
„Was wollt ihr von mir?“, rief er zu ihnen herauf.
Die Hexen lachten. Ihre Stimmen waren so schrill und schneidend, dass ihm die Ohren davon wehtaten.
„Wir wollen dich abholen, mein kleiner Junge.“, lachte Koume. „Du wirst bereits erwartet.“
„Komm schön brav mit uns, dann wird es dir an nichts fehlen.“, fuhr Kotake fort. Und wieder lachten sie.
Lucias trat einige Schritte nach hinten. „Nein! Ich will nicht! Lasst mich allein!“
Die Hexen lachten erneut.
„Mir scheint, meine liebe Schwester“, sagte Kotake. „als hätte der kleine Junge nicht ganz verstanden. Es war keine Bitte, es war ein Befehl. Der Befehl unseres Herrn selbst!“
Er wich noch einen Schritt zurück.
„Lasst…lasst mich in Ruhe! Ich will nicht mit euch gehen!“, schrie er.
Die Hexen lachten.
Die Rote war die erste, die eine rote Kugel in ihrer Hand formte. Eine magische Kugel.
„Du hast keine Wahl, kleiner Junge!“
Die Blaue tat es ihr nach. Nur war ihre blau. „Du hast zu gehorchen!“
Gleichzeitig schrieen sie „Hier!“ und schleuderten ihre Kugeln direkt auf ihn.
Die Kräfte der Hexen war gewaltig. Dagegen war alles, was er in den Trainingshöhlen erlebt hatte nichts! Doch er wehrte sich mit genau dem, womit er sich gegen den Echsenkrieger verteidigt hatte. Er bildete einen silbrigen Schild um sich.
Die Magie der Hexen berührten noch nicht einmal die Oberfläche, da erlosch sie schon. Die Hexen erschraken.
„Er ist stärker als wir dachten.“, flüsterte Koume ihrer Schwester zu. „Was tun wir jetzt?“
„Wenn er zu stark für uns ist, dann müssen wir ihn eben schwächer machen, Koume!“, antwortete ihr die Schwester. „Wir machen ihn müde!“
Die rote Hexe grinste verschmitzt. „Was für eine hervorragende Idee, meine liebe Schwester.“
In ihren Händen bildeten sich nun gleißend weiße Kugeln.
Lucias nutzte seine Chance. Blitzschnell löste sich der Schild auf und er rannte davon. In Richtung Osten. Es war lächerlich aber er hoffte trotzdem das Tor zum Gerudotal erschien im nächsten Moment am Horizont. Damit er sich retten konnte. Und damit er Link in die Arme fallen konnte um ihn anzuflehen ihn nicht einzusperren, egal was für ein Monster er war. Er hatte solche Angst.
Die Hexen waren in seinem Rücken und lachten ihm hinterher.
„Sinnlos!“, schrillten sie gleichzeitig und warfen ihre Magie. Sofort sprossen aus dem kalten Sand unzählige Skelettkrieger. Solche, gegen die er und Link gekämpft hatten.


Nur waren es fünfzehn an der Zahl, die ihn umringt hatten. Er drehte sich im Kreis, aber es gab keine Lücke zum Entkommen. Die leuchtenden Augen sahen ihn an. Er saß in der Klemme.
Sofort begannen ihn die Hexen wieder zu umkreisen.
„Gib auf, kleiner Junge.“, sprach Kotake. „Du kannst nicht entkommen. Sei ein braver Junge und komm freiwillig mit uns mit!“
Lucias sah sich panisch um. Die Stalfose kamen näher und näher. Die Schilde fest im Griff, die Schwerter gezückt. Er konnte nicht entkommen!
„Sei nicht dumm, kleiner Junge!“, entgegnete auch Koume. „Wir wollen dir nicht wehtun. Dein Körper muss frisch und unversehrt bleiben.“
In seiner Hand formte Lucias eine kleine Lichtkugel. Eilig und ungeschickt, deshalb war sie nicht ganz rund und als er sie schleuderte traf er nicht den Stalfos, den er angezielt hatte, sondern den rechts neben ihn. Doch Wirkung zeigte es trotzdem.
Der Stalfos zerbarst in alle seine einzelnen Knochen.
Erleichtert atmete Lucias auf. So konnte er sie besiegen. Es war hart, denn er hatte nicht mehr viel Kraft, aber er konnte sie besiegen.
Die Hexen schüttelten nur belustigt den Kopf. „Zweglos!“
Mit einem Wink aus Kotakes Hand schwebten die Knochen auf und setzten sich wieder zusammen. Der Stalfos trat weiterhin näher als wäre nichts gewesen.
Verzweifelt starrte Lucias zu den beiden Hexen auf, die in der Luft schwebten.
„Schnappt ihn euch!“, befahl Koume. „Aber passt auf, dass ihr ihm nicht den geringsten Kratzer zufügt!“
Die Stalfose beschleunigten ihren Schritt. Die Schwerter ließen sie zu Boden fallen, doch sie wichen nicht von ihrem Vorhaben.
„Nein!“, schrie Lucias. „Geht weg! Ich will nicht!“
Die Hexen lachten schrill.
„Kleiner Junge! Du weißt wohl noch immer nicht wem du gehörst!“, lachte Kotake.
Lucias sah sich um. Von allen Seiten kamen die Stalfose auf ihn zu. Er konnte nicht entkommen. Er konnte nicht!
„Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!“
Aus seinem ganzen Körper quoll seine Magie hervor. Gleißende Magie, so gleißend, dass sie die Nacht erhellte. Das Licht blendete die beiden Hexen.
„Was ist das, Koume?“, schrie die blaue Hexe.
„Diese Magie! Sie ist so stark!“

Die ganze Festung war durchsucht worden. Alle Kriegerinnen waren aufgeweckt worden. Denn Lucias war nirgends zu finden.
Getrampel in den Gängen, Schreie und Rufe aus den Zimmern. Die ganze Festung war in Aufruhr.
Die Mädchen waren unruhig. Viele von ihnen waren aufgewacht und auf den Gang getreten um dieser Hektik auf den Grund zu gehen. Man hatte sie mit knappen Bemerkungen und Befehlen sofort wieder ins Bett zu gehen abgespeist.
Während Link noch immer wie ein gehetztes Tier in der Festung herumirrte.
Sogar im Verließ hatten sie nachgesehen. Und auf den Dächern. Und auf den Trainingsplatz und in den Trainingshöhlen wurde gesucht.
Und es wurden sogar Truppen aufgestellt um im Gerudotal zu suchen.
Währenddessen hatte Naboru die Spuren, die sie gesucht hatten, längst gefunden. Doch die Boten, die sie nach Link geschickt hatte, fanden ihn erst spät.
Natürlich stürmte er, als er die Nachricht erhalten hatte, sofort aus der Festung, über den Hof, dorthin, wo das hölzerne Gitter das Tal von der Wüste trennte.
Dort hatte sich ein Menschenhaufen gebildet, der sich dicht an das Gitter drängte. Es war fast unmöglich da hindurch zu kommen. Er zwängte sich durch die Frauenleiber.
„Macht mir Platz! Ich bin der König! Lasst mich durch, verdammt!“ Einige machten ihm tatsächlich Platz, doch die meisten hörten ihn gar nicht.
Darum schien es ihm wie eine Ewigkeit, bis er sich endlich zu Naboru, Ruto und Darunia durchgedrängt hatte.
Er wollte fragen, doch dann blieben ihm die Worte im Halse stecken.
Er erblickte die zerborsteten Balken.
Naboru wandte sich zu ihm um. In ihren Händen hielt sie eine kleine grüne Mütze.
„Er ist in die Wüste gelaufen.“ Ihre Stimme klang so verzweifelt. Wie die Stimme einer Mutter.
„Dann müssen wir…“
„He! Nein! Lasst mich durch! Weg da!“, kreischte eine Stimme. „Nein!“
Eine kleine Gestalt zwängte sich zu ihnen. Eine kleine Gestalt, die ebenfalls nicht hierher zu gehören schien. Denn sie hatte schwarzes statt rotes Haar.
Rajah.
„Was ist mit Lucias?“, kreischte sie sie an. „Was ist mit ihm? Sagt es mir!“
Verwundert darüber sie hier zu sehen statt in ihrem Bett blickte Link sie nur an. Ohne ihr zu antworten.
Zwei Gerudofrauen traten ebenfalls zu ihnen. „Rajah!“, rief die eine tadelnd.
„Verzeiht, König. Sie hat uns gehört als wir nachfragten ob es schon eine Spur von Lucias gibt. Da ist sie davongelaufen.“, erklärte die Zweite.
Doch das kleine Mädchen ließ sich nicht beruhigen. Trotzig wehrte sie die Gerudo ab, die sie packen und mit sich in die Festung ziehen wollte. „Ich will sofort wissen was mit Lucias ist! Sonst gehe ich hier nicht weg!“
Link legte ihr die Hand auf die Schulter. „Beruhig dich, Rajah.“
Doch sie schlug seinen Arm weg. „Wo ist Lucias!“ Sie hatte Tränen in den Augen. Und ihre Stimme zitterte vor Angst.
Link konnte es ihr nicht verschweigen. „Er ist weggelaufen, Rajah.“
Jäh leuchtete ein Fleck am Horizont hinter der Wüste auf. Ein gleißender Fleck in der Dunkelheit.
„Was ist das?“, unterbrach Darunia alle Gespräche, alles Geflüster, alles Gemurmel.
Wie gebannt blickten alle Augen auf die Erscheinung.
„Ich brauche sofort ein Pferd!“

Das Licht erlosch nicht sofort. Nur allmählich.
Und die Wellen der Magie klangen noch nach.
Lucias stürzte in den Sand. Er war schwach und müde.
Die Hexen lösten ihr rotes und blaues Schutzschild. Um sich vor der Magie zu retten hatten sie mit ihren Besen rasch an Höhe gewonnen und augenblicklich einen starken Schild erbaut. Die Magie war gefährlich nahe an sie herangekommen, viel länger hätten die Schilde ihr nicht standhalten können.
Von den Stalfosen fehlte jede Spur. Die Magie hatte sie einfach aufgelöst. Und der Sand war so heiß geworden, dass er um Lucias herum glänzte wie Kristall. Die Stelle beschrieb einen exakten Kreis.
„Was für eine gewaltige Kraft!“, stieß Koume zwischen den Zähnen hervor.
„Ja, Koume.“, stimmte Kotake ihr zu. „Was für ein Meisterwerk ist unserem mächtigen Herrn gelungen!“
Lucias spürte wie ihm die Sinne schwanden. Aber er wollte jetzt nicht bewusstlos werden. Ihm war übel. Speiübel! So viel Magie hatte er noch nie freigesetzt. Kaum noch konnte er sich bewegen, er hatte sich bis ans Ende verausgabt.
Und trotzdem hatte es nichts gebracht.
Er zwang sich auf alle Viere. Schweiß tropfte ihm von den Schläfen. Sein ganzer Körper war von kaltem Schweiß bedeckt.
„Nun ist es aber genug gespielt.“, kicherte Kotake. „Jetzt sei ein braver Junge und wehr dich nicht mehr!“
Beide hoben ihre Hand und schleuderten ihre Kugeln aus Magie vor Lucias auf den Boden. Die Kugeln gingen in den Boden über und färbten den Sand lila.
Lucias versuchte von dem lilanen Sand wegzukommen, doch er breitete sich so rasch um ihn aus, so schnell konnte er einfach nicht mehr davonkriechen.
Der lila Sand umgab ihn und wurde schließlich zu Treibsand. Er spürte wie er darin versank. Mit letzter Anstrengung versuchte er seine eingesunkenen Füße daraus zu befreien und seine Magie gegen den Sand einzusetzen. Doch es war keine mehr da. Er war am Ende seiner Kräfte. Mit seinen Händen versuchte er nach etwas zu greifen, nach irgendetwas an dem er sich festhalten konnte, aber da war nichts außer Sand.
Seine Beine waren bereits eingesunken. Er resignierte und ließ es zu.
„So ist es brav!“, lobte Koume. „Endlich bist du vernünftig geworden.“
Tränen flossen ihm wieder über die Wangen, während der Sand ihm die Brust hinauf stieg.
„Link…“, sagte er. „Hilfe…“ Der Sand stieg seinen Hals hinauf, erreichte sein Gesicht. „Hilfe Link!“
Dann verschlang ihn der Sand.

Durch Link fuhr ein Zucken, als hätte ihm jemand ein Schwert in den Leib gerammt.
„Was ist, Link?“, brüllte Naboru zu ihm hinüber. Sie musste, denn sie ritten schnell und der Gegenwind war scharf.
Doch er antwortete ihr nicht, er trieb sein Pferd nur noch mehr an.
Link wusste, dass Lucias etwas Schlimmes zugestoßen war. Er wusste es und er spürte es.
„Lucias“, flüsterte er für sich. „Halt durch, ich komme!“
Sie ritten so schnell, er, Naboru und Impa, dass die zehn Gerudokriegerinnen, die als Verstärkung mit ihnen kamen, kaum hinterher kamen. Doch Link war es egal. Er wollte nur Lucias finden.
Das Licht war erloschen, darum konnten sie nur hoffen, dass sie auf dem richtigen Weg waren. „Da!“, rief Impa plötzlich. „Da vorn!“
Direkt vor ihnen kamen ihnen zwei Schatten entgegen. Es waren ebenfalls Reiter, genauso schnell.
In der Mitte trafen sie sich. Naboru erkannte sie sofort.
Die eine Reiterin war ihre beste Freundin und engste Vertraute, Ashanti. Sie hatte Naboru mit der Aufgabe betraut die Suche nach der Kammer mit den geheimen Schriften zu leiten und nun die Übersetzungsarbeiten zu beaufsichtigen. Wenn sie ihnen entgegenkam, dann bedeutete es nichts Gutes.
„Ashanti!“, schrie sie. „Ashanti!“
„Naboru!“
Die Reiter hielten ihre Pferde. Es war dunkel und trotzdem konnte Naboru sehen, dass Ashanti verletzt war. Eine tiefe Fleischwunde blutete ihren rechten Unterarm aus.
Die Freundin taumelte ihr entgegen.
„Oh Gott! Ashanti!“ Sofort wickelte Naboru ihrer Freundin den Arm ab. Es war so ein furchtbarer Anblick.
Ashanti konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sackte zu Boden.
„Was ist passiert, Ashanti? Erzähl mir was geschehen ist!“, drängte die Weise der Geister.
„Monster…“, keuchte Ashanti. „Monster!“
„Monster was? Ashanti! Du musst es mir sagen!“
Die verletzte Gerudo war schwach. Zu schwach zum Reden.
Deshalb übernahm es die junge Frau, die mit ihr geritten war.
„Monster haben uns angegriffen!“, stotterte diese.
„Monster?“, stieß Link fassungslos hervor. „Aber…wie kann das sein? Nach Ganondorfs Verbannung sind nie wieder welche gesichtet worden!“
„Ich schwöre es ist wahr!“, weinte die junge Gerudo. „Sie haben uns angegriffen. Sie haben die Schriften in Brand gesteckt! Der ganze Tempel brennt!“ Dann brach auch sie zusammen. „Sie haben so viele von uns getötet! Nur wenige sind entkommen!“ Sie legte sich die Hände auf die Augen, die Bilder waren noch so frisch. „Es war so schrecklich!“
Impa schritt zu ihr und nahm sie in den Arm. Sofort klammerte sich die Gerudo an sie.
Naboru und Link sahen sich an.
Die Schriften waren vernichtet. Damit gab es keine Möglichkeit der Informationen mehr.
„Wir müssen Lucias finden!“, sprach er und blickte zum Horizont. „Wir müssen ihn unbedingt finden!“



Kapitel 9

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