Das Wasser war eiskalt. Er holte sich hier den Tod. Wenn er es nicht draußen tat!
Trotzdem setzte sich Lucias im Bottich mit dem eiskalten Wasser hin. Er hasste es, er hasste einfach alles!
Mit bösem Gesicht saß er in dem eiskalten Wasser und wartete darauf, dass sein Herz einfror.
Die Tür flog auf. Es war Naboru. Es war immer nur Naboru.
„Jetzt bleib doch nicht so lange im Wasser! Du holst dir noch eine Erkältung.“ Mit einem Schwung ergriff sie das Handtuch und zog ihn aus dem Wasser.
„Das Wasser ist eiskalt!“, warf er Naboru vor als wäre es ihre Schuld.
„Natürlich ist es kalt, es ist ja auch aus dem Fluss tief unten in der Schlucht vor der Festung.“ Noch immer starrte er grimmig. Sie packte sein Kinn und schüttelte es spöttisch hin und her. „Jetzt kuck nicht so! Jede Gerudo badet in kaltem Wasser, sogar die kleinen Mädchen. Und keine hat bisher so gejammert wie du!“
Wütend schob er ihre Hand weg. Schon seit zwei Mondrunden war er jetzt in der Gerudofestung. „Ist mir doch egal! Am Tag brennt die Sonne so sehr, dass ich mir einen Sonnenbrand nach dem anderen holte und nachts kann ich vor Kälte nicht schlafen! Ich hasse diese Festung!“
Naboru wusste das, auch ohne, dass er es ständig wiederholte. Sie legte ihm das Handtuch um die Schultern und ging mit ihm auf Augenhöhe. „Ich weiß, dass du wieder nach Hyrule willst, Lucias.“ Sie wickelte ihn fest ins Handtuch ein. „Aber sieh es doch einmal positiv! Du bist hier unter deinesgleichen. Alle haben rote Haare wie du und niemand sieht dich hier schräg an. Keiner hat Angst vor dir. Außerdem scheinst du dich doch langsam an die Wetterverhältnisse zu gewöhnen, deine Schultern sind schon gesund braun. Du trainierst und spielst doch so schön mit den Mädchen!“
Noch zorniger schob er ihre tröstlichen Hände weg. „Ja, jetzt werde ich nicht mehr ignoriert sondern angestarrt! Das ist ja so viel besser! Das was mich in Hyrule unbeliebt gemacht hat macht mich hier beliebt – aber keiner sieht mich!“
„Das ist doch nicht wahr!“
„Und ob das wahr ist! Genau das ist der Grund warum ich hier bin! Deswegen hat man mich verstoßen!“ Er schrie.
Bis Naboru ihn hart packte. „Lucias! Du bist hier, weil du unvorsichtig warst und den Prinzen verletzt hast!“
Schlagartig wurde Lucias wieder blass im Gesicht. „Wie…wie geht es Davin?“
„Davin geht es gut.“, beruhigte sie ihn. „sie wurde genäht, aber sie heilt nur sehr langsam. Magische Wunden heilen viel langsamer als Normale.“
Lucias schluckte. Er versuchte die Tränen in seinen Augen zu unterdrücken, aber Naboru sah wie es ihm nicht gelang.
„Rajah hat uns alles erklärt. Sie hat uns gesagt, dass der Prinz dich dazu gedrängt hat deine Magie zu gebrauchen und dass du plötzlich während des Zaubers die Kontrolle verloren hast. Sie meinte du sähest aus als wäre dir schwindlig geworden. Was ist passiert?“
Lucias seufzte. „Es war wieder dieses Flüstern. Es war in meinem Kopf. Dieses Mal hat es wehgetan!“
Naboru sah den Jungen an, wie er die Lippen aufeinanderpresste um nicht zu weinen und doch träge die Tränen an seinen Wangen hinabliefen. Sie drückte ihn an sich.
„Was stimmt nicht mit mir, Naboru?“, weinte er.
„Mit dir stimmt alles!“, flüsterte sie. „Es war ein Unfall.“
Sie rubbelte ihn trocken. „Jetzt zieh dich schnell an und komm nach draußen! Das Training fängt bald an!“
Lucias stöhnte. Er wollte nicht, er hatte noch Muskelkater von gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern. Und dem Tag davor. Es brachte ihn fast um diese körperlichen Anstrengungen in der glühenden Sonne. Wie hielten die Gerudos das nur aus? Und mit den Waffen konnte er auch noch nicht sonderlich gut umgehen. Mit dem Speer klappte es ganz gut, mit dem Schwert weniger, sie waren alle schwer zu halten, sogar die Kinderschwerter.
Die absolute Katastrophe hatte er aber mit Pfeil und Bogen erlebt. Er konnte damit schlichtweg nicht umgehen. Die Mädchen lachten ihn oft aus. Nun, nicht ihn, nur die Art wie er den Bogen hielt, den Pfeil spannte und die missratene Flugbahn, die der Pfeil dann hinlegte.
„Du hast gleich wieder Schießtraining.“, verkündete ihm Naboru, während er sich anzog. Er stöhnte als sterbe er gleich. „Tu nicht so! Wer nicht gut ist muss eben üben. Irgendwann wirst du es schon können.“
Er warf sich die weiße Kapuze über den Kopf und trabte missmutig an ihr vorbei. „Und wenn ich das gar nicht will? Wenn ich es nicht können will?“
Sie gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Unsinn! Als Gerudo muss man mit allen Waffen umgehen können! Die Mädchen sind dir nur voraus, weil sie – im Gegensatz zu dir – früh genug an die Waffenkünste herangeführt worden sind!“
Lucias warf ihr einen Blick zu. Er wusste, dass sie Link deshalb Vorwürfe machte. Dabei würde er selbst alles tun nur um wieder hinter seinen Schreibtisch zu dürfen. Die geistigen Künste lagen ihm mehr als die körperlichen.
Draußen schien die Sonne mild. Sie war erst vor ein paar Stunden aufgegangen, es war also noch angenehm. Schlimm würde es erst ab dem Zenit werden. Er hasste Sonnenzenit! Und die Zeit zwischen dem Zenit und dem nächsten Sonnenaufgang.
Übertrieben langsam und gelangweilt trat er den kleinen Anstieg an, zum Übungsgelände.
Noch einen Klaps bekam er. Wütend rieb er sich den Hinterkopf und fauchte: „Hey Mann! Wofür war das denn?“
Doch Naboru grinste ihm nur entgegen. „Gegen deine schlechte Laune! Vielleicht bring es ja etwas.“
„Nein, tut es nicht!“, grummelte er.
Sie gab ihm noch einen Klaps. „Und jetzt?“
Er war kurz vorm Explodieren! Aber seinen Dämpfer bekam er schon.
Nämlich als eine schreiende Mädchenherde auf sie zu gerannt kam. Auf ihn!
Er versuchte sich hinter der Weisen der Geister zu verstecken, aber er war nicht schnell genug. Die Mädchen rannten ihn um. Wortwörtlich. Und krallten sich an ihm fest.
„Lucias!“, lachten sie.
„Spielst du mit uns?“
„Bitte Lucias!“
Knurrend schlug er ihre Arme weg. „Nein, ich muss zum Training!“
„Wir kommen mit!“, kreischten sie sogleich wie aus einem Munde und zogen und zerrten ihn voran, hinauf zum Übungsplatz. Nur anfänglich versuchte er sich zu wehren, sie waren schließlich in der Überzahl und jede einzelne ihm körperlich überlegen.
Naboru sah ihnen lachend hinterher. Lucias mochte hier zwar niemanden doch jeder hier mochte ihn. Die Mädchen waren wie besessen von ihm. Vielleicht war es deshalb, weil Lucias charmant aussah und sich auch ab und zu so benahm, wenn ihm danach war. Vielleicht war es aber auch schon allein die Tatsache, dass er ein Junge war und kein Mädchen. Der einzige Junge. Vielleicht war es weniger Neugierde und Spieleuphorie, die die Mädchen verleitete, sondern sie umgarnten ihn. Weil jede sich die Aussicht auf einen festen Mann im Leben nicht nehmen lassen wollte. Eine Heirat gab es im Volk der Gerudos nur alle hundert Jahre. Nämlich wenn ein männlicher Gerudo geboren worden war und sich eine aus dem Volk als Lebenspartnerin erwählte. Genauso wie es Ganondorf mit ihr gemacht hatte.
Hass und Gram kam in Form heißer Galle in ihr hoch, wenn sie an die Zeit zurückdachte.
Ja, sie musste zugeben, dass sie Lucias hier im Volk und nicht in Hyrule verheiratet sehen wollte. Und ihn als einen Mann, der das genaue Gegenteil von Ganondorf war.
Und sie hatte sich da schon das passende Mädchen ausgesucht, da war sich die Weise der Geister sicher. Deshalb grinste sie.
Von all ihren Plänen für seine Zukunft wusste Lucias natürlich nichts. Niemand wusste es, noch nicht einmal der König von Hyrule.
Aber ihn hätte es wahrscheinlich auch nicht interessiert, viel wichtiger war jetzt wie er sich die hysterischen Mädchen vom Hals halten konnte. Sie kreischten alle durcheinander und jede versuchte sich sein Gehör zu verschaffen. Und es stimmte, jede einzelne versuchte tatsächlich ihn für sich zu gewinnen. Im Gerudovolk wurde früh mit der Fortpflanzung begonnen und viele von den Mädchen waren bald oder schon im erlaubten Alter.
„Jetzt reicht es aber!“, rief eine der Lehrerinnen ihnen entgegen. Alle gefroren auf der Stelle.
Die Frau trat zu ihnen hinüber. Sie trug ihr Haar, wie nur wenige Gerudos, nicht zu einem Pferdeschwanz sondern kurz wie ein Junge.
„Los! Geht lieber an eure Bögen als hier herumzuturteln!“, wies Dana sie in scharfem Ton an. Sofort stoben die Mädchen auseinander. Nur Lucias sah sie trotzig an und blieb wo er war. Er mochte die Frau nicht. Aber sie mochte ihn, sie zeigte es nur nicht.
Drohend hob sie die Hand. „Glaubst du, nur weil du ein Junge bist gelten meine Befehle für dich nicht?“
Er streckte ihr die Zunge raus, tat aber was auch für ihn galt. Sie versetzte ihm einen Tritt in den Hintern, damit er sich schneller bewegte.
Auch er ging an die Bogenausgabe und nahm den ungespannten Bogenstiel, zwei dicke Pferdehaare und einen Köcher mit Pfeilen entgegen.
Dann setzte er sich – großzügig weiter weg von der Mädchenansammlung – hin. Nahm das eine Bogenende zwischen die Fußsohlen und versuchte ihn mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, so zu beugen, dass er die Sehne einspannen konnte. Nach dem zwölften Versuch rann ihm der Schweiß von der Stirn.
Ein Schatten beugte sich über ihn. „Oh, soll ich dir helfen?“ Es war eines der älteren Mädchen. Sie hatte ihren Bogen schon gespannt, mit nur einem Griff. Mit starker Bewegung beugte sie den Bogenstiel hinab, damit er die Sehne einspannen konnte. „Irgendwann werden deine Arme kräftig genug sein um den Bogen selbst zu spannen.“ Sie lächelte freundlich und setzte sich ganz dicht zu ihm. Sie machte sich große Hoffnungen und glaubte auch daran.
Aber Lucias interessierte sich nicht für sie. Für überhaupt keine von den Gerudomädchen. Er dachte eher an Rajah. Ob sie wohl auch so stark war einen Bogen zu spannen? Bestimmt! Rajah hatte mindestens genauso kräftige Arme wie die Gerudomädchen in ihrem Alter.
Er vermisste sie so sehr. Mehr als alle anderen. So sehr wie nur Link.
„Antreten!“, brüllte Dana ihnen zu.
Die Mädchen sprangen auf die Beine und eilten zu ihr hinüber um sich in drei Reihen aufzustellen. Auch das Mädchen neben ihm und bot ihm die Hand an.
Er nahm sie nicht, er stand ohne Hilfe auf. Lustlos reihte er sich als letztes ein.
Die Schülerinnen mussten sich anstellen. An einer Felswand war eine gigantische Schießscheibe angebracht. Und zu beiden Seiten jeweils drei kleinere. Die Mädchen mussten sich, jeweils eine an einer, vor die kleineren Zielscheiben stellen, hinter dem Gelände.
Auf Danas Kommando spannten sie ihre Bögen und auf ein weiteres schossen sie den Pfeil ab. Sie zischten von der Sehne. Ehe sie sich in das Holz der Zielscheiben bohrten. Ausnahmslos alle. Denn sie waren geübte Schützen.
So kamen nacheinander alle Mädchen an die Reihe. Und in der Letzten auch er. Oh, wie er es hasste!
„Spannt die Bögen!“, rief Dana aus.
Vollkommen synchron, wie ihre Vorgängerinnen, hoben die Mädchen die Bögen und spannten geschickt ihren ersten Pfeil an. Außer natürlich Lucias.
Seine Bewegungen waren nicht einmal annähernd so fließend und grazil. Stattdessen mühte er sich damit ab die kleine Kerbe im Pfeilbett auf die Sehne zu setzen. Die Mädchen verharrten geduldig in ihrer Ausgangsposition.
Dana verdrehte die Augen. „Lucias, hast du es bald?“
„Jaja!“, gab dieser übellaunig zurück. Dann endlich spannte auch er den Bogen. Ungeschickt nahm auch er die Ausgangsstellung ein.
„Und schießt!“
Die Pfeile zischten von den Sehnen. Sie flogen ihrem Ziel entgegen. Der Zielscheibe.
Nur Lucias Pfeil hatte sich ein anderes Ziel gesucht. Den sandigen Boden gleich hinter dem Geländer.
„Lucias!“, donnerte Dana. „Das war schlecht. Versuch es noch einmal.“
Murrend nahm Lucias den zweiten Pfeil aus dem Köcher. Doch der Pfeil landete nur wenige Schritte weiter. „Versuch es noch einmal.“ Der dritte Pfeil fiel ihm aus der Hand bevor er ihn überhaupt eingespannt hatte.
Lautstark seufzte Dana.
Das brachte Lucias auf die Palme. „Ach Mann!“ Er warf den Bogen in Richtung seiner Zielscheibe, doch dabei blieb es nicht. Er spannte seine Hand an.
Auf seiner Handfläche konzentrierte sich seine Magie. Eine so starke Magie, dass sie sichtbar wurde. Glühendweiß und glühendheiß war sie. Die Kugel, so groß wie seine Faust. Er schleuderte sie auf die Zielscheibe. Sie traf.
Und sprengte den ganzen innersten Kreis der Zielscheibe. Und noch den Fels dahinter eineinhalb fingerbreit.
Mit offenen Mündern starrten die Gerudo das perfekt runde Loch in der Wand an. Sogar die Ausbilderinnen.
„So, jetzt habt ihr was ihr wolltet. Jetzt lasst mich in Ruhe!“, zischte Lucias. Mit verschränkten Armen marschierte er vom Übungsplatz.
Warum war er so übellaunig und unverschämt? Seit wann war er so?
Nicht, dass es ihm auch nur ein bisschen leid tat, dass er Dana und die Mädchen gerade geschockt hatte. Aber er spürte seit er hier war so eine Unruhe in sich. Eine wütende und tobende Unruhe. Warum nur?
Mit einem Schlag hatte sich auch seine Magie entwickelt. Er hatte sie jetzt viel besser unter Kontrolle, er konnte jetzt den ganz großen Hahn anzapfen statt sich nur mit winzig kleinen Tropfen zufrieden zu geben.
Und das alles seit dem Unfall mit Davin. Es tat ihm so leid. Er wollte gar nicht so wütend sein.
Er seufzte als er den Hügel wieder hinab lief.
Aber schnell hatten sie ihn eingeholt. Die Mädchen. Wieder fielen sie über ihn her, um den Hals.
„Das war so toll!“
„Wie hast du das gemacht?“
„Zeig es uns noch einmal!“
„Bringst du es mir bei?“, fragte eine der kleineren.
Verzweifelt versuchte er sie abzuschütteln indem er nicht auf sie einging und stattdessen seinen Gang beschleunigte. Aber sie umschwirrten ihn wie die Fliegen den Misthaufen!
Er dachte er wurde sie niemals los – bis er Pferdehufen hörte, die vom Tal erklangen.
Dann ein Wiehern, das er unter tausenden erkannte.
„Das ist Epona!“, sagte er. Sein Gesicht erstrahlte. Und er begann zu rennen. Die Mädchen, verwundert und neugierig, rannten ihm natürlich hinterher. Aber das störte ihn dieses Mal nicht. Link war da! Nur er ritt Epona und nur Eponas Wiehern klang so!
Er stürmte so eilig die Treppe hinunter, die den Weg hinunter zum Eingangsportal der Gerudofestung führte, dass er beinahe gestolpert wäre. Er hatte weder Link noch sonst jemanden aus Hyrule gesehen seit er hier war.
Als er am Eingang ankam zog gerade der ganze Zug in den Vorhof der Festung ein. Der erste Reiter war der Bannerträger. Mit dem Banner von Hyrule.
Danach kam ein kleiner Trupp Soldaten. Sie umgaben den inneren Kreis aus Weisen. Die restlichen Weisen waren im Gerudotal eingekehrt. Alle waren sie nun hier. Bis auf Zelda.
Doch der König von Hyrule ritt in ihrer Mitte. In rotem Mantel und goldenem Helm.
Lucias wusste nicht wann er sich je mehr darüber gefreut hatte Link zu sehen.
Er lief auf den Trupp zu, lief zwischen den Soldaten auf die Mitte zu, was ihre Pferde zum Scheuen brachte. „He, pass doch auf!“, fluchte ein Soldat ihm hinterher.
Die Gruppe blieb stehen und die meisten stiegen von ihren Pferden. Auch die Weisen.
Sie hatten ihn schon von weitem auf sich zulaufen sehen. Sie wandten sich von ihm ab. Unauffällig, sicher, aber für einen kurzen Moment war Lucias darüber sehr verwundert. Doch er dachte nicht weiter darüber nach. Stattdessen stürmte er Link entgegen, der gerade von Epona gestiegen war.
„Link!“, rief er. „Ich freue mich Euch zu sehen!“
Direkt neben ihm blieb Lucias stehen und wartete auf eine warme Begrüßung. Doch zum ersten Mal in seinem Leben blieb diese aus.
Stattdessen brachte ihm Link nur ein „Ach, hallo Lucias.“ und ein Schulterklopfen entgegen. Lucias erstarrte. Damit hatte er nicht gerechnet.
Eponas Zügel übergab Link einer wartenden Gerudo, diese führte das Pferd mit den anderen an die Trinkstätte, damit sie sich von der Reise erholen konnten.
Link wandte sich ab und schritt Naboru entgegen, die kurze Worte mit Salia wechselte. „Naboru!“ Die Weise der Geister verbeugte sich leicht und trat ihm entgegen. „Und? Hast du schon etwas in Erfahrung bringen können?“
„Später, Link. Ruht euch erst einmal aus und esst. Sonst werdet ihr alle nacheinander wie Dominosteine von den Füßen kippen.“ Sie lachte.
Lucias blieb noch immer wie angewurzelt stehen und starrte dem König von Hyrule nach. Er hatte ihn einfach stehen lassen. Fallen lassen.
Er schluckte schwer. Weil er spürte wie ganz langsam die Tränen in ihm aufstiegen. Es machte ihm Angst. Denn diese Kälte konnte daher kommen, dass er Davin verletzt hatte. Sicher hasste Link ihn nun dafür. Genauso wie Zelda es tun musste.
Eine Gestalt stieß sich gegen seinen Rücken und hätte ihn fast von den Füßen gerissen. Die kräftigen Arme legten sich um seinen Hals und würgten ihn bei aller Freude.
Er erkannte den mächtigen Griff sofort. „Rajah?“, stieß es perplex aus ihm heraus. Und als er sich umdrehte, da erblickten seine Augen was er nicht glauben konnte.
Es war Rajah!
Sie war eingepackt in einem weißen Kindergewand der Gerudo, doch die langen schwarzen Strähnen, die aus der Kapuze herauslugten und die leuchtend grünen Augen, die ihm freudig entgegenfunkelten waren unverkennbar!
Kreischend fielen sie sich um den Hals.
„Was machst du denn hier?“, fragte er jauchzend.
Darauf musste Rajah breit grinsen. „Das wüstest du wohl gerne, nicht?“
Er nickte.
„Die Weise der Geister hat uns besucht. Vor zehn Tagen.“ Sie war so aufgeregt, dass sich ihre Stimme überschlug. Lucias konnte sie kaum verstehen. „Sie hat mich gefragt ob ich dich vermisse und ich habe gesagt, dass ich dich natürlich vermisse, was für eine Frage! Und dann hat sie uns angeboten mich mit ins Gerudotal zu nehmen und mich zu einer Gerudokriegerin auszubilden!“
Sie ergriff seine Hände. Er wollte seinen Ohren nicht trauen.
„Du lügst doch!“, entgegnete er ihr. „Nur im Volk geborene dürfen Kriegerinnen werden!“
Heftig schüttelte sie den Kopf. „Nein! Das hat Naboru wirklich gesagt!“
Lucias starrte sie mit großen Augen an. „Das ist doch nicht…ist das wirklich wahr? Du lügst auch nicht?“
Wider heftiges Kopfschütteln. „Ab jetzt können wir uns sogar jeden Tag sehen!“
Wieder fielen sie sich in die Arme.
Bis Lucias stockte. „Aber…wie hat dir denn dein Vater das erlaubt?“
Lachend verzog Rajah das Gesicht. „Natürlich hat er erst Nein gesagt. Aber als Naboru ihm dann erzählt hat, dass ich nicht nur sportlich bin sondern auch lesen und schreiben kann und damit alle notwendigen Voraussetzungen erfülle, da hat er ganz schön doof geschaut. Und schließlich hat er gesagt, dass er sowieso keinen anständigen Mann für mich finden wird.“
Lucias stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Jetzt wirst du also die erste Gerudokriegerin ohne rote Haare.“
Sie lachten. Sie waren so froh einander wieder zu haben.
Sie waren so froh, dass sie nicht die Blicke und das Getuschel der Gerudomädchen bemerkten, die etwas abseits standen und abgewartet hatten. In ihren Augen stand purer Neid geschrieben.
Alle Reisenden setzten sich zu Tisch. Die Soldaten unten im Speiseraum, der König und die Weisen setzten sich in den Konferenzraum der Höhergestellten um dort zu speisen.
Sie luden auch Lucias und Rajah dazu ein.
Schon als sie die Festung betreten hatten, da war Rajah Feuer und Flamme. Sie kam aus dem Staunen und aus dem Starren nicht mehr heraus. Der sandige Boden, die kühlenden Steinwände im Inneren. Die Waffen und Tierschädel an den Wänden, die Kisten hinter den im Stein eingegebenen Gittern. Sie war so versessen darauf endlich einmal Waffen in die Hände zu nehmen – nicht um sie zu putzen und zu schleifen – sondern um sie zu benutzen! Um mit ihnen zu Üben und zu Kämpfen.
Rajah war so hitzig, dass sie nicht ruhig sitzen konnte. Natürlich bekamen das alle mit.
Deshalb unterbrachen sich die Gespräche auch.
„Rajah, was ist denn mit dir los?“, lachte Naboru. „Hat dir die Sonne den Kopf verdreht?“
Rajah lief rot an. „Entschuldigung, ich bin nur etwas aufgeregt.“
Die Weisen lachten.
„Was für ein aufgewecktes Mädchen.“, stellte Rauru fest. „Man könnte fast meinen sie ist auch eine gebürtige Gerudo.“
Oh, das wird sie auch, dachte Naboru und musste verschmitzt grinsen. Ohne, dass jemand ihr Grinsen durchschauen konnte.
Link, der auf dem Stuhl am Ende des Tisches saß, erhob sich feierlich. Die Anwesenden verstummten. „Nun, es ist mir ein Vergnügen dich“, er blickte zu dem jungen Mädchen. „Rajah, in die Hände des Gerudovolkes zu geben. Du bist nun keine Hyrulianerin mehr… Aber ich hoffe doch, dass du Hyrule wenigstens ab und zu besuchst, sonst läuft dein Vater womöglich noch einmal Amok!“
Die Runde lachte.
Rajah hatte so große und kugelrunde Augen, so viel Aufmerksamkeit hatte sie noch nie bekommen. Für Lucias war es schon sehr lustig sie so begeistert zu sehen. So blickte sie ihn immer an, wenn er ihr ein magisches Kunststückchen vorführte. Er war ja so überaus glücklich sie hier zu haben. Jetzt wirkte die Gerudofestung, die vor der heißen und einsamen Wüste lag, nicht mehr ganz so trist. Vielleicht hielt er es hier doch noch eine Weile aus.
Das Festmahl begann. Das kleine Festmahl, eine kleine Feierlichkeit schon im Voraus. Denn das Ritual zur Aufnahme ins Volk, das musste noch vorbereitet werden.
Sie unterhielten sich die ganze Zeit, ohne jegliche Unterbrechung. Sie erzählten sich was der jeweilige in den Tagen seit ihrem letzten Treffen erlebt hatte.
Bis das Mahl vorbei war und sogar der Nachtisch, Pudding mit Früchten, sicher im Magen zwischengelagert war. Link entließ sie und selbst durch die Gänge hörte man noch ihre glücklichen Stimmen.
Die Weisen unterhielten sich noch lange über Belangloses. Bis sie wirklich ganz unter sich waren. Plötzlich war da eine bedrückende Stille.
„Und?“, begann der König von Hyrule als erstes. „Habt ihr schon etwas gefunden?“
Bestimmt schüttelte Naboru den Kopf. „Ganondorf mag in die verbotenen Räume des Geistertempels gelangt sein, er hat den Weg aber leider nicht ausgeschildert.“ Die Weisen lauschten ihr aufmerksam. „Wir haben einen geheimen Gang entdeckt, der sich vom Raum abspaltet hinter dem du die silbernen Krafthandschuhe einmal entdeckt hast. Wir glauben er endet auf der anderen Seite des Gebäudes wo wir dachten dort wäre der Fels nicht bearbeitet worden.“
Link nickte nachdenklich. Er versuchte sich zu erinnern als er selbst in diesem Raum gegen den Eisenprinz gekämpft hatte. Ihm war nie etwas aufgefallen. „Ich verstehe. Macht weiter, irgendwann müssen wir die verbotenen Schriften finden!“
„Aber wie steht es um Lucias selbst?“, warf Salia ein. „Haben seine Albträume aufgehört?“
Nun wurde Naborus Blick trübe. Und noch einmal schüttelte sie den Kopf, viel besorgter als um den Zugang zu den verbotenen Schriften. „Leider nein. Die Entspannungstechniken und die magischen Behandlungen haben nichts gebracht. Im Gegenteil!“ Naboru seufzte. „Die nächtlichen Albträume haben sich gehäuft…“
„Die Nächtlichen?“, fragte Ruto nach.
„Ja. Er hat mir gesagt er hört dieses Flüstern immer häufiger wenn er wach ist. Es ist die Stimme eines jungen Mannes, aber ob es Ganondorfs ist kann er nicht sagen schließlich hat er Ganondorf nie zuvor gesehen. Und die Sprache versteht auch er nicht. Es ist aber das Gleiche, das er nachts murmelt wenn er träumt.“
Ihre Worte hingen schwer im Raum. Jeder dachte darüber nach und jeder spürte aufkeimende Angst in sich. Die tiefe Angst, die seit Jahren schlummerte und nun wieder erwachte, weil Ganondorf erneut so nah schien. Und dieses Mal sogar unsichtbar.
So schien es.
„Wie geht es Davin?“, fragte Naboru plötzlich. Sie war seit vielen Tagen schon nicht mehr in Hyrule gewesen. Immer, wenn sie vorgegeben hatte nach Hyrule reisen zu müssen war sie stattdessen zum Tempel gegangen um dort die fortschreitende Suche zu begutachten. Nur Eingeweihte wussten davon und die waren nicht viele an der Zahl. Und Lucias schon gar nicht.
Link schloss die Augen. Er hatte noch das viele Blut vor Augen. Das kleine Gesicht seines Sohnes getränkt vom Rot. Die Haare verklebt vom Rot. Die Augen rot vor Schmerz und Angst. Ja, als er Davin gesehen hatte, da hatte er das erste Mal auch Angst vor Lucias gehabt. Er…er hatte ihn fast sogar ein wenig gehasst. Wenn er sich nicht schnell wieder besonnen hatte. Es war nicht Lucias Schuld! Von allem was passiert war und was passierte trug Lucias die geringste Schuld, das wusste er! Und es war wichtig, dass auch die Weisen dies begriffen. Vor allem Zelda.
„Er erholt sich langsam, die Wunde ist jetzt endlich vollständig zugeheilt.“ Er fuhr sich durch seinen blonden Haarschopf. „Aber es wird eine Narbe bleiben. Eine hässliche Narbe an der Schläfe.“
Die Weisen erinnerten sich ebenfalls nur mit Angst und Mitgefühl an die schreckliche Wunde. „Auf jeden Fall ist es das Richtige, dass wir Rajah hierher gebracht haben.“, sprach Impa aus was sie wohl alle dachten. „Sie ist nicht nur eine gute Ablenkung für ihn, sie ist ein starker Bezugspunkt. Solange er weiß, dass er Freunde hat, solange wird Ganondorf auch mit noch so schrecklichen Albträumen ihm nichts anhaben können.“
Die Weisen stimmten zu.
Naboru lächelte erleichtert. Wovon Impa jetzt erst überzeugen wollte, das wusste sie schon lange. Lucias brauchte eine Person, die nur für ihn da war, die ihn bedingungslos liebte. Und das konnte niemand von ihnen, niemand, der wusste wer er war.
Ja, Rajah war genau die richtige Person um den Rest ihres Lebens mit Lucias zu verbringen. Das war Naborus Ziel.
Die Zeit nach Rajahs Ankunft in der Wüste war wohl die schönste, die Lucias je erlebte.
Von nun an konnten sie sich jeden Tag sehen. Vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Außer wenn Lucias Unterricht bei Naboru hatte. Aber was waren diese wenigen verlorenen Stunden schon im Vergleich zu den vielen Bereichernden mit Rajah!
Sie verbrachten jede freie Zeit miteinander. Ob beim Toben, beim Angeln, beim Brettspiele spielen oder einfach nur beim Sonnenbaden. Rajah wurde erstaunlich schnell braun.
Er hatte hunderte von Sonnenbrände über sich ergehen lassen müssen bis seine Haut sich endlich einmal bräunlich gefärbt hatte. Doch sie war schon nach wenigen Tagen so braun wie reife Haselnüsse. Ihre Haut war Hitze, Schweiß und Licht schon gewohnt.
Aber auch wenn sie die gemeinsame Zeit genoss, wie immer, und sie auch vom Training begeistert war und von den Speisen und den starken Gerudokriegerinnen, so hatte sie es doch schwer. Das merkte auch Lucias.
Die Mädchen machten ihr zu schaffen. Sie waren eifersüchtig auf sie, weil er nur sie beachtete. Sie waren gemein zu ihr, schupsten sie herum oder beleidigten sie. Er wusste, dass er Grund der Unruhen war, doch er konnte sie nicht schlichten. Sie wollten sich nämlich nicht mit Rajah vertragen, sie wollten sie loswerden…
Er hob den Stein hoch und schleuderte ihn mit ganzer Kraft.
Der Stein beschrieb einen breiten Bogen, doch er fiel in die Tiefe ohne die andere Seite des Abgrundes zu erreichen.
Lucias könnte schreien, doch stattdessen schleuderte er den nächsten Stein in die Tiefe.
„Wie konnten sie das nur tun?“, rief er. Seine Stimme hallte von den Felswänden wieder. Er drehte sich um und blickte zu Rajah, die stumm auf einem der Felsen saß. Sie wäre von einer Gerudo nicht mehr zu unterscheiden. Sie hatte die kräftige Gestalt, die gebräunte Haut. Die Kleidung, dünne Pumphosen und ein weißes Top mit dem Wappen des Gerudovolkes auf den Rücken genäht. Sie wäre von einer Gerudo nicht mehr zu unterscheiden, wären da nicht ihre rabenschwarzen Haare.
Immer wieder glitten ihre Finger durch ihr Haar. Als könnte das ihre Haare wieder länger machen.
Er trat neben sie und strich ihr unvermittelt durch die Haare. Ihre schönen langen Haare!
„Wie haben sie dir nur deine schönen langen Haare abschneiden können!“, seufzte er vor Bitterkeit.
Sie wurde ganz rot im Gesicht. „Gefällt dir denn mein Haar jetzt nicht mehr? Nur weil es jetzt kurz ist?“ Verwundert sah er sie an.
Für Rajah hatte es keine Sonderbehandlung wie für ihn gegeben. Sie musste mit den anderen Mädchen trainieren, essen und auch schlafen. Und letzte Nacht hatten ihr die Gerudomädchen im Schlaf die Haare abgeschnitten. Oh, wie gerne hätte er jede einzelne von diesen Mädchen geprügelt! Wenn nicht jede einzelne von ihnen ihm körperlich überlegen wäre.
Energisch schüttelte er den Kopf. „Doch, natürlich! Mir gefallen deine Haare immer, egal wie lang oder wie kurz sie sind!“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber du hast dir mit ihnen doch so viel Mühe gegeben! Damit sie irgendwann mal so lange sind wie die deiner Mutter! Sie waren so kurz davor so…!“
Rajah ergriff seine zur Faust geballte Hand und öffnete sie. „Das ist mir jetzt egal!“
Er verstummte.
Ihre Wangen waren so rot. Als hätte sie Sonnenbrand im Gesicht. Ihre Augen sahen ihm direkt in seine. In dem leuchtenden Grün konnte er sich spiegeln sehen.
Da war dieses seltsame Gefühl wieder. Dieses unbeschreibliche, aus dem Nichts kommende Gefühl. Das so warm und schön war, dass es ihm Angst machte. Er spürte sein Herz so heftig schlagen. So heftig, dass er auch Angst hatte Rajah könnte es hören und ihn auslachen.
Rajah beugte sich vor und schloss langsam die Augen.
Lucias hatte das schon öfter gesehen, das was jetzt kommen sollte. Wie oft schon! Bei Link und Zelda, auch wenn es ganz flüchtig war. Ob dabei immer das Herz schlug als würde es jeden Moment zerspringen?
Er presste die Augen fest zusammen als bisse er in eine sauere Frucht. War es nicht so? Seinen Mund legte er auf Rajahs. Ganz schnell und dann drehte er sich weg, weil sein Herz so schnell schlug, das musste sie einfach hören!
Die Frucht hatte komisch geschmeckt. Nicht sauer, ganz und gar nicht! Und auch nicht bitter und auch nicht süß. Er wandte sich wieder zu ihr um.
Sie sah ihn nicht mehr an, sie hatte den Kopf gesenkt und starrte auf ihre Hände in ihrem Schoß. Sie war ganz rot im Gesicht, das ließ sich mit diesen kurzen Haaren nicht mehr verbergen.
Aber er war selber mindestens genauso rot. Das spürte er, das Brennen auf den Wangen.
In diesem Augenblick hatte er das Gefühl gehabt, dass sie nicht auf einem Felsen im heißen und dürren Gerudotal saßen, mit dem Lärm des reißenden Flusses unter sich. Sondern, dass sie am saftigen Ufer eines Baches saßen und nur ein Plätschern zu hören war. Und dass sie die einzigen Menschen auf der Welt waren.
Gestört hätte es ihn nicht.
„Du, Rajah!“, hörte er sich selbst sprechen.
Sie hob den Blick zu ihm. „Was?“
„Du…ich…ich wollte dir sagen, dass ich…dass ich dich…“
„Lucias! Rajah!“
Das Gefühl von gerade eben war verschwunden. So schnell wie es gekommen war.
Sie drehten sich um zu der Gestalt, die ihre Namen schrie. Es war Dana.
„Da seit ihr ja!“, rief sie, als sie die beiden Ausreißer endlich entdeckt hatte, und winkte ihnen zu. „Kommt! Wir suchen euch alle schon!“
Es ärgerte ihn, dass ihm Dana dazwischen gefunkt hatte. Der Mut hatte ihn verlassen.
Sie standen auf und folgten der Gerudo, die sie wieder zur Festung brachte.
Es war laut. Denn die Mädchen hatten Freigang und tobten ausgelassen auf den Wegen oder den Dächern der flachen Steingebäude.
„Du kommst mit mir Rajah.“, sagte sie schließlich und nahm das Mädchen am Arm. Mit einem Kopfschütteln musterte sie deren Haare. „Ich werde sehen, dass du wenigstens noch einen anständigen Haarschnitt bekommst.“
Lucias wollte sich anschließen, doch Dana hielt ihm die ausgestreckte Hand entgegen. „Du nicht. Du gehst zum Training!“
„Zum Training?“, wiederholte Lucias und sah sich demonstrativ um. Um ihr zu zeigen, dass hier absolut kein Training stattfand.
Sie zog ihm eine über den Kopf. „Willst du mit deiner Geste sagen, dass du annimmst ich sei nicht ganz dicht oder was?“
Lucias rieb sich seinen Kopf. „Nein, bestimmt nicht! Aber…“
„Nichts aber!“, fauchte Dana. „Du hast Training! Nicht die anderen!“
Die beiden Kinder machten beide große Augen. Doch bevor einer der beiden den Mund aufmachen konnte zeigte Dana auf ein Tor, das mit einem dicken Gitter verriegelt war. Der Eingang zu den Trainingshöhlen der Gerudos.
Lucias fielen beinahe die Augen aus. „Was? Aber…aber da dürfen nur die erwachsenen Gerudos…“
Dana zuckte die Achseln. „Es ist Links Befehl. Also tu was dir gesagt wird und halt die Klappe!“
Sie zog Rajah hinter sich her. Irritiert sah er ihnen hinterher, bis sie in der Festung verschwanden. Jetzt stand er alleine da.
Die Mädchen lachten noch immer. Mit Holzwaffen kämpften sie, warfen sich gegenseitig zu Boden und stritten. Aber manche von ihnen saßen auch an den Webstühlen oder spielten mit Stoffpuppen. Wie in Hyrule.
Dann blieb ihm aber nichts mehr übrig als Danas merkwürdigen Worten nachzugehen.
Er schritt zu dem schwer bewachten Tor hinüber. Nur die stärksten Gerudo hatten hierzu Zugang. Denn die Trainingshöhlen wimmelten von gefährlichen Fallen. Auch magischen. Und niemand konnte dir helfen, wenn du unterlagst.
Darum wunderte es ihn sehr, dass ausgerechnet er den Befehl erhielt sich in sie hinein zu begeben. Dabei schien es ihm als wäre er allzu überbehütet gewesen. Und jetzt?
Die Torwache öffnete ganz automatisch für ihn das schwere Tor. Sie schien sich darüber keineswegs zu wundern. Das Tor gab ein klägliches Quietschen von sich. Dann gab es die Tür frei, die in den Vorraum der Trainingshallen führten.
Lucias schluckte. Es war nicht so, als hätte er keine Angst.
Die Frau stieß ihn hinein. „Jetzt geh schon! Ich kann das Tor nicht ewig offen halten!“
Hinter ihm zog sie das Gitter wieder zu. Er war empört über diese Grobheit. Darum schenkte er ihr keinerlei weitere Beachtung mehr.
Stattdessen schluckte er erneut schwer und sprang mutig ins kalte Wasser. Er öffnete die Tür und betrat die Trainingshöhlen.
In dem Augenblick, in dem die Tür hinter ihm zufiel, verstummten alle Geräusche. Kein Geschrei, kein Getrampel und kein lauer Wind mehr. Nur noch Stille.
In sich drinnen hörte Lucias sein Herz schlagen. Wild und ängstlich.
Er schritt hinein, während er sich umsah. Das Geräusch seiner Schritte hallte an den kalten Wänden wieder.
Drei Türen langen vor ihm. Von denen er wusste, dass jede in den ersten Raum einer gefährlichen Prüfung führte. Nein, die mittlere nicht. Die führte ins Truhenlabyrinth, das man nur durchforsten konnte, wenn man die Schlüssel aus den Prüfungen sammelte. Für jede Prüfung, für jeden Raum also, einen Schlüssel. Hier hatte der Held der Zeit vor vielen Jahren einmal den Schatz der Gerudo an sich genommen. Die Eispfeile.
„Da bist du ja endlich, Lucias.“ Hände legten sich auf seine Schulter und er erschrak sich so sehr, dass es ihn nicht gewundert hätte gleich tot umzufallen. Er zuckte zusammen und drehte sich um.
Link lachte. „Du bist ja ganz schön schreckhaft. Das kenne ich gar nicht von dir.“
Es war tatsächlich der Held der Zeit, der da vor ihm stand. Er war nur so anders.
Lucias kniff die Augen zusammen. Link wirkte wie ein Trugbild. Wie eine Märchengestalt, die aus ihrem Buch gesprungen war und nun Schabernack in der echten Welt trieb.
Darauf konnte der König von Hyrule nur lachen. „Sehe ich darin nicht gut aus? Ich dachte mir, ich ziehe mal wieder meine alten Kleider an und übe ein wenig mit dem Schwert. Sonst verlerne ich es noch.“
Link, der Held der Zeit, hatte seine Seidenkleider, seinen Mantel und seine schwere Krone aus Gold abgelegt, eingetauscht gegen seine alte Heldenkleidung. Die grüne Hose und das Hemd aus einfachstem Stoff, seine groben Lederstiefel und vor allem seine grüne Zipfelmütze, die an seinen Schultern baumelte. Es war ein wenig knapp geworden, das hatte Link mit Missmut feststellen müssen. War er denn so aus der Form gekommen?
Lucias hatte Link noch nie in seiner Heldenkleidung gesehen. Nur als Illustration in Büchern. Deshalb wohl verspürte er diese leichte Scham vor ihm. Er kam ihm so anders vor als er ihn kannte.
„Was…was soll ich hier? Weshalb hast du mich rufen lassen?“, fragte er stockend.
„Hat man dir das nicht gesagt?“, wunderte sich Link. Doch dann grinste er breit. „Ich dachte mir wir schauen mal wie stark deine Kräfte wirklich sind. Ich dachte mir du könntest mir bei den Prüfungen Gesellschaft leisten und mal so richtig zeigen was du drauf hast!“
Lucias machte große Augen. „Meinst du das ernst?“
„Aber natürlich! Hier kann schließlich niemand verletzt werden, außer die, die es sollen.“, er kramte in einer Seitentasche. „Ich habe übrigens etwas für dich.“ Dann fand Link das was er suchte und zog es heraus. Ein kleines grünes Etwas, das er Lucias auf den Kopf stülpte. „Das ist meine Mütze, mit der ich damals zum Kampf gegen Ganondorf aufgebrochen bin. Da war ich so alt wie du. Naja, drei, vier Jahre älter, aber ich war schließlich nicht so klug und kräftig wie du.“
Als säße auf seinem Kopf ein lauernder Vogel, der nach seiner Hand schnappte, so vorsichtig und ehrfürchtig betastete Lucias die Zipfelmütze, die auf seinem Kopf thronte. Es war unfassbar! Er! Er, der noch nicht einmal hyrulianisches Blut in sich trug, sollte die Mütze des Helden der Zeit tragen!
Link band sich sein Schwert und den Köcher auf den Rücken, zusammen mit seinem alten Schild. Dann hob er auch das kleine Kinderschwert auf und hielt es Lucias hin. „Also, mein Freund. Wollen wir uns in den Kampf stürzen?“
Lucias betrachtete die Hand, die ihm seine Waffe reichte. Das kurze Schwert, das in der Lederscheide steckte. Er nahm es an sich und band es sich ebenfalls auf den Rücken. In diesem Moment war er wohl der glücklichste Junge, den es auf der Welt gab.
Alles schien vergessen. Auch Davins Unfall.
Im Moment gab es nur ihn und Link. Und er fühlte sich das erste Mal nicht nur wie ein Junge, sondern wie ein Sohn. Es war so ein schönes Gefühl!
Gemeinsam passierten sie die rechte Tür. Es war eine runde Halle, ganz verlassen.
„Also, pass auf.“, flüsterte Link. „Traue niemals der Stille. Der Feind lauert nämlich genau da!“ Lucias nickte.
Geschmeidig zog Link sein Schwert. Es war nicht das Masterschwert. Das Masterschwert ruhte seit nunmehr zehn Jahren wieder in der heiligen Halle der Zitadelle der Zeit. Und sollte es auch für immer bleiben, den die Klinge war heilig und gehörte den Göttern.
Darum hielt Link ein anderes Schwert in seiner linken Hand. Doch es war keineswegs von schlechter Qualität. Es war aus gefaltetem und gehärteten Stahl, geschlagen und geschliffen von Herm persönlich.
Auch Lucias zog sein Schwert. Er stellte sich aber weitaus ungeschickter an. Er hasste das Schwert, nicht so sehr wie Pfeil und Bogen aber doch genug um die Schwertkunst nicht zu lernen – wenn man ihn nicht dazu gezwungen hätte. Fest hielt er es mit beiden Händen umklammert.
„Mach dich bereit, Lucias!“, warnte Link. „Gleich offenbart sich uns die Prüfung.“
Wieder nickte Lucias. Dieses Mal mit zusammengepressten Lippen. Ihm war nicht wohl. Aber so viel Angst wie noch gerade eben verspürte er nicht mehr. Denn er hatte Link an seiner Seite.
Sie traten in den Raum hinein. Und kaum hatten sie sich von der Tür entfernt, zischte ein eisernes Gitter nieder und versperrte ihnen sowohl den Rückzug als auch das Weiterkommen.
Lucias sah und spürte wie Link sich anspannte. Wie seine Züge ganz ruhig, sein Atem ganz tief und seine Augen ganz aufmerksam wurden. Er war wirklich ein richtiger Kämpfer.
Währendessen spürte Lucias nur ein panisches Zittern von sich. Wäre er doch mehr wie Link. Er wünschte es sich so sehr. Sein Sohn zu sein.
Jäh sprangen vier Feinde aus dem Boden. Mit gezogenen Waffen, als hätten sie nur auf ihre Opfer gewartet. Feuer loderte wie aus dem Nichts auf und bedeckte die Wände. Es gab kein Entkommen.
Es waren ein Echsenkrieger, der Dolch ganz spitz in seiner Hand, und drei Stalfose. Drei Skelettkrieger mit roten Funken statt Augen und bewaffnet mit Schwertern und einem massiven Schild. Als ob sie befürchten müssten man schneide ihnen ins Fleisch.
Lucias wich zurück. Er hatte Angst. Er hatte noch nie gekämpft. Nicht gegen wirkliche Feinde.
„Hab keine Angst, Lucias.“, sprach Link ohne jedoch die Augen von den Gegnern zu lassen. „Ich weiß, dass du stark bist und sie besiegen kannst!“
Der Echsenkrieger gab ein abscheuliches und lautes Kreischen von sich. Und stürzte nach vorn. Auf die beiden Ankömmlinge zu. Auf ihn zu!
Link schenkte er keine Beachtung, er hatte es ganz allein auf ihn abgesehen.
Und als er nach vorne stürzte, mit dem Dolch voraus, auf ihn zu, da hielt Link ihn nicht auf. Der Echsenkrieger rannte an ihm vorbei als wäre Link ein Stein, nichts von Bedeutung. Nur er war es für dieses Monster.
Lucias stolperte und viel auf seine zwei Buchstaben als er nach hinten weichen wollte. Er konnte es nicht glauben, dass Link ihn so ins kalte Wasser warf.
Der Echsenkrieger zücke den Dolch, richtete ihn genau auf sein Herz um sich auf ihn zu stürzen und es zu durchbohren.
Er umklammerte eisern sein Schwertchen, doch Lucias wusste, dass er das Biest so nicht aufhalten konnte. Dafür war er zu ungelernt. Es konnte nur einen Weg geben.
Der Echsenkrieger sprang um genau auf seiner Beute zu landen. Doch die Spitze der Waffe war noch nicht einmal annährend nah genug an dem Jungen, da streckte Lucias seine Hände aus. Er schloss die Augen und spürte, wie sich seine Magie in den Händen konzentrierte. Angst hatte er, vor dem Gegner aber noch mehr vor der starken Magie, die er in sich spürte. Er hatte Davins Unfall nicht vergessen und die Magie, die er jetzt in den Händen hatte, war hundertmal so stark wie der kleine Funken.
Die Magie schoss aus seinen Händen und bildete einen Schild um ihn. Der Echsenkrieger, noch mitten im Sprung, prallte auf den unerwarteten magischen Schild und wurde von der Wucht und der Kraft zurückgeschleudert. Den Echsenkrieger schleuderte es gegen die Wand aus Feuer. Er verbrannte augenblicklich. Zurück blieb nur der Dolch, der über den Stein rollte. Link starrte kreidebleich zu dem Jungen. Lucias Magie war so stark, dass sie sogar sichtbar war. Ein weißes Schimmern.
Doch lange Zeit war ihm nicht geblieben über Lucias Kräfte nachzudenken. Denn nun waren die drei Stalfose erwacht und stürzten sich gemeinsam auf ihn. Er parierte den ersten Schlag mit seinem Schwert. Dem zweiten musste er ausweichen. Sie waren sehr aggressiv, oder war nur er nicht mehr so stark?
Sie griffen gemeinsam an und immer, wenn er zuzuschlagen versuchte, da verteidigte sich der Angegriffene mit dem Schild, während seine Kumpane angreifen konnten.
Link wusste wo ihr Schwachpunkt war, aus Erfahrung. Die Stelle der Wirbelsäule, zwischen Brustkorb und Becken. Aber es war schwer heranzukommen bei drei Gegnern der gleichen Art.
Während Lucias die Augen geöffnet und dem Verbrennen der Echse mit offenem Mund verfolgt hatte. Er konnte es nicht recht fassen. Er hatte nie gewusst wie stark seine Magie wirklich war, denn er hatte sie nie angewandt. Bis jetzt. Beeindruckt von sich selbst starrte er auf seine Hände. Sie schimmerten in einem leichten Silber.
Jäh hörte er ein Aufschreien. Link schrie und sprang zurück.
Einer der Stalfose hatte ihn erwischt. Am linken Oberarm. Der Schnitt war nicht besonders tief, denn er war noch rechtzeitig ausgewichen um Schlimmerem zu entgehen, doch es rann Blut daraus hervor. Sein Herz raste und sein Atem ging schnell und flach. Er war erschöpft. Zu lange war sein letzter wirklicher Kampf her.
Mit einem Schrei stürzte er nach vorne. Die Klinge stieß in die schwache Stelle des Stalfos, der ihn verletzt hatte und durchtrennte sie. Der Oberkörper fiel einfach von den Beinen herab. Das rote Licht in den Augen des Monsters erlosch und es löste sich auf.
Ein anderer Stalfos hob das schwere Schwert um es auf ihn zu schleudern und ihn in zwei Hälften zu schneiden.
Link machte sich bereit.
Doch dazu kam es nicht.
Denn eine gewaltige Kugel gleißenden Lichtes traf den Stalfos und ließ ihn wie zu Stein erstarren. Ehe er sich einfach so auflöste.
Link folgte der Kugel rücklings zu ihrer Ursache. Ihre Ursache war Lucias rechte ausgestreckte Hand. Link kannte diesen Angriff, er hatte ihn vor zehn Jahren einmal am eigenen Leib erfahren.
Schwer keuchend ließ Lucias die Hand sinken und lächelte Link entgegen. Er schien zu denken er hätte Link mit seiner Hilfe einen Gefallen getan. Dann aber übermannte ihn die Anstrengung und er fiel auf die Knie. Ihm war schwindelig von all der Magie, die er hatte aufbringen müssen. Er war es nicht gewohnt.
Der letzte Stalfos schlug mit seinem Schwert aus, doch Link schützte sich mit seinem Schild, sodass die Bestienklinge einfach abrutschte. Ehe sich der Stalfos noch von seinem misslungenen Angriff aufrichten konnte stieß Link zu. Überrascht parierte der Stalfos, doch Link holte noch einmal aus und dieses Mal war der Stalfos machtlos. Als er besiegt war löste er sich auf. Und die Gitter vor den beiden Toren fuhren nach oben. Sie waren frei.
Etwas schwerfällig richtete sich Link auf und steckte sein Schwert und sein Schild zurück.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er und half dem Jungen wieder auf die Beine.
Lucias nickte mit dem Kopf. Seine Beine zitterten. „Ja. Mir ist nur ein wenig schwindlig.“
„Ich wusste gar nicht, dass deine Magie so stark ist.“, sagte Link.
Lucias blickte zu ihm auf. „Ich auch nicht.“
Sie lachten.
Lucias erholte sich recht schnell. Aus einem Beutel, den Link an die Hüften gebunden hatte, tranken sie frisches Wasser.
„Na? Wollen wir weiter? Oder reicht dir eine Prüfung?“
Der Knabe schüttelte den Kopf. „Nein, ich will weiter machen. Ich bin noch nicht am Limit meiner Kräfte angekommen, das spüre ich ganz deutlich!“
Link zog eine Augenbraue nach oben. „Na schön, wenn du noch fit bist, dann lass uns gehen.“
Etwas weniger enthusiastisch als noch am Anfang durchschritten sie die nächste Tür.
Vor ihnen wartete geduldig ein Labyrinth. Es war fast stockdunkel. Von den Seiten her waren laute und rumorende Geräusche zu hören. Und ein Klirren wie bei Metall. Doch sehen konnten sie nur einen Gang, der zu beiden Seiten abzweigte.
Wieder weniger mutig als noch vor der Tür griff Lucias nach Links Arm, um sich seiner Anwesenheit zu versichern. Link spürte die Furcht deutlich.
Deshalb legte er Lucias seinen Arm um die Schultern. „Keine Sorge, Lucias. Ich lasse dich nicht allein.“ Lucias nickte und Link sah sich um. Als er die Augen zusammenkniff meinte er ein silbernes Glänzen an der Decke über sich zu sehen. „Ich glaube unsere Prüfung hier ist alle silbernen Rubine zu finden.“
Lucias folgte seinem Blick und vernahm das Glitzern auch.
„Aber zu allererst brauchen wir mal etwas Licht.“, entschied Link und griff in seine kleine Tasche, die er neben dem Trinkbeutel hatte. Eigentlich hatte er Dins Feuerinferno herausholen wollen um sich wenigstens für eine Weile Licht verschaffen zu können, doch Lucias kam ihm zuvor.
In seiner Hand bildete sich eine kleine Flamme, die Funken sprühte, bis sie zu einer brennenden Kugel wurde, wie eine Fackel. Sofort erhellte sich ihre Umgebung bis auf sieben Schritte.
„Jetzt haben wir Licht!“, flötete Lucias stolz und hielt dem hyrulianischen Helden das magische Licht entgegen. Link war beeindruckt.
„Gut gemacht, Lucias.“ Er kramte doch und holte ein Ding heraus, das vorne eine metallische Spitze und hinten einen Griff hatte. Es war der Enterhacken. „Dann machen wir uns mal an die Arbeit.“