Kapitel 2
Naboru musterte den Säugling, der brav schlafend in seiner Krippe lag, lange und sorgfältig. Er wirkte so unschuldig und friedlich in seinen Windeln und den Tüchern, in denen er eingewickelt war. Doch sah man ihn nackt, sah man seinen Bauch so ohne Bauchnabel, da jagte es einem einen Schauder durch den Leib. Und besah man sich die rechte Hand, mit dem winzigen goldenen Dreieck, kaum zu erkennen, glaubte man kleine Nadelstiche durchbohrten einem die Haut.
Der Junge war jetzt elf Tage alt. Seine Haut war bleich geworden, weil er seit elf Tagen hier in dieser Kammer in Impas altem Haus in Kakariko lag, verborgen vor aller Augen. Erst gerade eben hatte er die Gelbsucht hinter sich gebracht, die fast alle Neugeborenen befiehl und viele von ihnen dahinraffte. Doch dieser kleine Kerl hatte sie überstanden. Er war etwas mager, aber sein Gesicht war hübsch und voll.
Sie fand ihn trotz allem niedlich. Trotz der Sorgen, die die Weisen äußerten, trotz des Hasses, der aus Zelda sprach, trotz der Tatsache, dass sein feuerrotes Haar sie an Ganondorf erinnerte.
Ganz leicht stecke sie ihm ihren kleinen Finger in den Mund. Sofort begann er daran zu saugen. Er verhielt sich ganz normal, wie jedes Kind in seinem Alter.
„Wenn du einen Sohn hättest haben wollen, warum hast du dann nicht Ganondorf gebeten dir einen einzupflanzen?“, lachte Darunia, der neben sie getreten war. Sein Lachen schreckte den Kleinen auf und brachte ihn zum Weinen. Sogleich hob die Amme das Kind aus der Krippe und wiegte es leicht. Es war schwer gewesen sie aufzutreiben. Wem hatten sie auch trauen können?
Bis Naboru eine ältere Frau aus ihrem Stamm, dem Stamm der Gerudos, von dem auch Ganondorf abstammte, aufgetrieben hatte, die gerade erst aufgehört ihr eigenes kleines Kind zu stillen und sich bereit erklärt hatte ohne Fragen zu stellen dieses anzunehmen, bis es nicht mehr gestillt werden musste.
Gerudofrauen stillten ihre Kinder eigentlich bis zum vierten Lebensjahr, doch diese hatte extra für Naboru schon jetzt (ihr Kind war gerade zweieinhalb Jahre) aufgehört es zu stillen um sich um dieses Fremde zu kümmern.
„Was fällt dir ein so etwas zu sagen!“, faucht Naboru ihren Freund an. „Ich bin nicht aus Liebe oder Hingabe oder Treue Ganondorfs Frau geworden! Er hat mich erwählt, weil er wusste wie sehr ich mich dagegen sträuben würde! Er hat mich zur Frau genommen um mich zu demütigen. Auf alle mögliche Art, wie ein Mann eine Frau demütigen kann, hat er mich gedemütigt! Zur Frau gemacht hat er mich und sich dann mit Huren vergnügt! Weißt du wie sehr ich in meinem eigenen Volk in Schande geraten war?“
Darunia hob verteidigend die Arme. „Hohoho, so war das doch nicht gemeint. Das weißt du doch, Naboru.“
„Dann rede, verdammt noch mal, nicht solchen Mist!“
Das Gesicht wurde Darunia ganz lang und mit jedem Wort wurde er kleiner und kleiner. Bis er nur noch verschüchtert von sich gab: „Der Rat der Weisen ist jetzt vollständig, wir sollten…“ Naboru sah ihn noch immer scharf an. „äh, sollten uns jetzt zu ihnen gesellen.“
Die Nase hoch erhoben lief sie an ihm vorbei und stieg die schmale Treppe ins Erdgeschoss hinunter, dort wo die Weisen sich bereits um den großen runden Tisch versammelt hatten. Auch sie und der Weise des Feuers setzten sich dazu.
Link räusperte sich. „Lasst uns mit dem Rat beginnen. Ihr wisst natürlich, dass es um den kleinen Jungen geht, den ich und Zelda in der Haut der Höllenbestie gefunden haben. Also, weiß irgendjemand was hier vor sich geht?“
Alle schwiegen.
Link legte die Fingerspitzen aneinander. „Das habe ich mir gedacht. Ihr seid so ratlos wie ich.“ Er rieb sich die müden Augen. Er hatte seit vielen Tagen schon nicht mehr richtig geschlafen. Und jetzt, da Ganondorf für immer verschwunden war, hatte er gedacht er würde tagelang schlafen um die versäumte Ruhe nachzuholen. Doch wie denn, mit diesem seltsamen Kind?
Er hatte fortfahren wollen, doch bevor er das konnte, erhob sich Zelda. Sie erhob sich so schnell und entschlossen, dass der Hocker, auf dem sie gesessen hatte, krachend umfiel. „Ich bin immer noch dafür, dass wir ihn töten! Er ist Ganondorf und je früher er stirbt desto besser!“
Niemand stimmte ihr zu. Doch auch niemand widersprach ihr.
„Warum sagt ihr nichts?“, keuchte sie verzweifelt. „Warum sagt ihr nichts dazu, dass Ganondorf noch immer unter uns weilt?“
„Zelda, es ist ein kleines Kind!“, versuchte Link sie zu beruhigen und auch das Kind zu verteidigen.
Nun war es Zelda, die sich von seinem versöhnlichen Arm losriss. „Hör auf! Hör auf ihn zu schützen! Er ist kein Kind, er ist ein Monster!“
„Zelda, bitte!“, mischte sich nun auch Impa ein. Sie war Zeldas Kindermädchen gewesen und sie hatte Zelda vor sieben Jahren aus dem Schloss gerettet, als es damals in schwarzen Flammen untergegangen war. Auf sie hörte Zelda.
Die Prinzessin stellte den Hocker wieder auf und setzte sich darauf. Grazil, wie es von einer Prinzessin erwartet wurde. Obwohl es in ihrem Inneren schrie und bebte.
Eine ganze Weile herrschte Stille.
Dann wagte endlich Salia das auszusprechen, was allen brennend auf der Zunge lag. „Und wie sollen wir nun wegen dem Jungen verfahren?“
Niemand wusste Rat. Zumindest taten sie alle so.
Was sollten sie auch anderes tun? Was sollten sie mit einem mickrigen rothaarigen Knaben ohne Bauchnabel anfangen?
Dann aber ergriff Rauru das Wort. „Ich stimme Zelda zu. Wir dürfen kein Risiko eingehen! Der Junge muss sterben!“ Es war nur eine kurze Ansprache, doch sein Standpunkt war nun allen klar.
Alles schwieg wieder.
Link wollte etwas sagen, doch er unterließ es. Er hatte alleine ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. Er gab den Jungen auf.
Doch dann regte sich Darunia. „Also ich finde du übertreibst, Rauru. Vergesst nicht, wir reden von einem Baby, das…“
Bei seinen Worten fing Ruto das Lachen an. „Darunia hat Recht! Wir reden von einem Winzling. Einem kleinen Hosenscheißer, der weder ein Wort sagen noch auf seinen Beinchen stehen kann! Wie können wir nur so tun, als sei er der neue Großmeister des Bösen?“
„Ich weiß nicht so recht.“, äußerte Salia ihre Zweifel. „Er steckte immerhin in Ganondorfs Überresten. Und die Tatsache, dass er keinen Bauchnabel hat beunruhigt mich erst recht.“
Ruto winkte abfällig ab. „Was hat denn hier ein Kind mitzubestimmen!“
„He!“, fuhr Salia sie an. „Ich bin älter als du! Ich bin zweihundertvier Jahre alt!“
„Und hast sie allesamt im heiligen Wald verbracht, wo ihr nie altert. Wo nie einer von euch ein Kind bekommen hat!“
„Wir hatten Link, falls du es vergessen haben solltest! Er kam zu uns als er gerade einmal ein Jahr zählte! Und bei Link war mir nie so unwohl wie bei diesem Jungen!“
Die beiden Frauen musterten sich aus zusammengekniffenen Augen.
„Hört auf ihr Beiden!“, wies Impa sie zurecht. „Ruto, du scheinst mir mehr Kind als Salia. Denn du scheinst die Gefahr noch immer nicht erkannt zu haben, die von diesem Knaben ausgeht!“
Nun sahen die beiden sie an. Ruto wandte schnaufend ihr Gesicht ab.
Naboru war die Einzige, die sich noch nicht geäußert hatte.
„Was sagst du dazu, Naboru?“, wandte Link sich nun an sie. Er hatte sie nicht angesprochen, weil er das Bedürfnis hatte jeden am Gespräch zu beteiligen. Nein, er tat es, weil er irgendwie das Gefühl hatte, dass sie die Antwort auf ihren Streit wusste.
Naboru lehnte sich auf den Tisch und sah Link herausfordernd an. „Was ich dazu zu sagen habe? Zu eurem Streit um dieses Kind?“ Die Anwesenden hatten aufgehört sich böse Blicke zuzuwerfen. Sie waren jetzt ganz Ohr.
Naboru donnerte ihre flachen Hände auf den Tisch. „Gar nichts habe ich dazu zu sagen! Ich kann weder bestätigen noch ausschließen, dass dieses Kind Ganondorf ist. Ich kann weder bestätigen noch ausschließen, dass es gefährlich ist. Ich kann weder vermuten noch wissen was er ist! Wie kommst du also darauf, dass ich dazu etwas zu sagen habe?“
Naborus Rede hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Jeder war verstummt.
Nur Link lächelte. Denn instinktiv wusste er, dass er in der Weisen der Geister eine Verbündete hatte.
„Was schlägst du also vor um das herauszufinden, Naboru?“
Naboru lehnte sich wieder zurück und tat als müsse sie sich ihre Antwort ganz genau überlegen. Und das musste sie auch. „Wir müssen mit der Priesterin der Wüste sprechen!“
„Mit der Priesterin der Wüste? Mit der Götterpriesterin Shjra?“, riefen alle wie aus einem Munde.
Shjra, die Götterpriesterin, hauste im versteckten Keller des Geistertempels. Sie war das heilige Orakel von Hyrule. Doch niemand hatte sie jemals zu Gesicht bekommen. Denn nur als Weise der Geister hatte man als Einziger Zugang zu der Botin der Götter. Nur ein einziges Mal im Leben. Naboru hatte dieses Mal noch nicht genutzt.
Daran hatte keiner gedacht. Denn jeder verehrte diese Unsterbliche nicht nur, jeder fürchtete sie auch.
Seit hunderten von Jahren hatte niemand mehr das heilige Tor durchschritten.
Link sah die Weise der Geister lange an.
„Bist du wirklich sicher, dass du das willst? Du weißt, dass jeder Weise der Geister nur einmal im Leben die Götterpriesterin besuchen und um Rat bitten darf.“
Fesch klatschte Naboru in die Hände. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“
Kapitel 3
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