Autor: Kim
Lin rannte den Gang entlang, mit geschlossenen Augen um ihre Scham nicht sehen zu müssen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein zu einem kleinen unschuldigen Mädchen?
Sie rannte durch die Aula. Ihre Freundinnen, die noch haargenau an derselben Stelle standen, merkten sofort, dass etwas nicht mehr stimmte.
„He, Lin! Was ist denn los?“, fragte Sabrina.
Als Lin aufsah, da erblickten ihre Freundinnen ihre gefährlich glänzenden Augen. Und waren schockiert.
„Lin! War es denn so schlimm?“, machte sich Jenni Vorwürfe. „Es tut mir so leid, ich wollte dich bestimmt nicht mit diesem Unfall ärgern. Es tut mir ja so leid!“
„Das…das ist es nicht…“ Lins Stimme zitterte.
„Was ist es denn dann?“, fragte Maria.
Lin schluchzte. „Bitte, lasst uns einfach ins Klassenzimmer zurückgehen!“
Die Freundinnen sahen sich verwundert an…
Den ganzen restlichen Tag war Lin so übel, dass sie sich von der letzten Stunde befreite und früher nach Hause ging. Wohl auch deswegen, weil da die Chance dem Jungen vom Klo zu begegnen deutlich geringer war als wenn die Schule regulär aushatte.
Tief betrübt torkelte sie nach Hause. Es war einfach so furchtbar! Das vergaß sie nun ihr Leben lang nicht! Tief betrübt betrat sie das Haus.
Ihr Großvater und ihr Bruder saßen bereits am Esstisch und schlugen sich voll. Ihre Mutter empfing sie mit einem Plastikschopflöffel und verhieß ihr, dass sie Pfannkuchen, Lins Lieblingsessen, machte. Doch Lin winkte ab. Sie hatte wirklich keinen Hunger.
Daraufhin betastete ihre Mutter ihre Stirn, weil sie vermutete Lin sei krank.
„Mama!“, klagte Lin.
„Hm…kein Fieber.“, stellte ihre Mutter lachend fest. „Aber was bringt dich denn sonst dazu dich von Pfannkuchen fern zu halten?“
„Mama, bitte!“, stöhnte Lin. „Ich will einfach nur Ruhe!“
Damit stieg Lin in ihr Zimmer hoch und schloss die Tür hinter sich.
Nur um sich seufzend in ihren Sitzsack fallen zu lassen und nach hinten zu lehnen.
Ok, Lin. Komm, beruhige dich! Es ist vorbei! Du bist zu Hause!
Ja, genau! Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet dieser Junge dir jemals wieder über den Weg läuft und dich erkennt? Bei ungefähr dreitausend Schülern und noch einer Menge wechselnder Austauschschüler wohl minimal. Wer weiß, vielleicht ist dieser Junge ja nur ein Austauschschüler, seiner hellen Hautfarbe nach aus Norwegen oder Schweden oder sogar aus Russland! Vielleicht ist er morgen ja gar nicht mehr in deiner Schule!
Das ging ihr alles durch den Kopf. Und beruhigte Lin ungemein.
Ja, sie sollte nicht alles so schwarzsehen! Genau!
Jetzt hatte sie Appetit. Kohldampf!
Nach so erleichternden Nachrichten, wer war da nicht hungrig?
Aber Pfannkuchen wollte sie jetzt nicht! Denn dann müsste sie hinunter und sich von ihrer Mutter mit Fragen durchlöchern lassen warum sie denn so schlecht drauf war.
Da fiel ihr ein, sie hatte in aller Aufregung ja ganz ihr Pausenbrot vergessen, von dem sie gerade einmal vor der ersten Stunde einmal abgebissen hatte!
Das musste sie unbedingt nachhohlen!
Tunfischsandwich! Es gab nichts Besseres!
Euphorisch holte sie ihre dunkelblaue Brotzeitdose heraus. Und freute sich wahnsinnig darauf. Es war wirklich kindisch.
Sie legte sie auf ihre Knie und klappte den Deckel auf. Darin war das Brot in ein paar Zewatücher eingewickelt. Lin ergriff es um es auszupacken – da merkte sie schon, dass etwas nicht stimmte!
Das Brot war viel zu hart!
Stirnrunzelnd wickelte sie den Gegenstand aus den Tüchern.
Es war gar kein Tunfischsandwich!
Es war kein Brot!
Es war nicht einmal etwas zu Essen!
Es war ein Armreif! Ein silberner Armreif mit winzigen roten Rubinen und eingeritzten Symbolen, die Lin leider nicht lesen konnte.
Trotzdem – er war wunderschön! So ein schönes Schmuckstück hatte sie noch nie gesehen. Ihrer Mutter Schmuck aus echtem Gold war nichts dagegen.
Mit leuchtenden Augen drehte sie den Armreif in ihrer Hand.
Woher kam er? Wem gehörte er? Und vor allem – warum war er in ihrer Brotzeitdose?
Ein Pausenbrot konnte sich doch nicht in einen Armreif aus Silber verwandeln! Oder?
Lin konnte einfach nicht widerstehen.
Sachte streichelte das kalte und vollkommene Metall über ihre Haut, glitt ihren Arm hinunter. Bis er wenig unter ihrem Handgelenk zum Erliegen kam und wundervoll glänzte und schimmerte. Ehrfürchtig drehte Lin den Arm und betrachtete das Spiel, wenn das Licht auf die Steine fiel und sie zum leuchten brachte.
„Was machst du in meiner Brotzeitdose?“, flüsterte sie.
***
Kurze Zeit später war auch Kim zu Hause.
Seine Mutter hatte ihn bereits erwartet.
Mit Tahina auf dem Tisch.
Er hatte nur gestöhnt und ihr zu erklären versucht, dass er das doch nicht essen konnte, wenn er morgen Schule hatte! Die würden doch alle tot umfallen, bei seinem Knoblauchatem!
Dann aber hatte seine Mutter ihn aus zusammengekniffenen, gefährlichen Augen angestarrt und ihm gedroht ihn von der Schule zu nehmen, wenn er sich nicht augenblicklich hinsetzte und ihre Mühe zu schätzen wusste.
Tatsächlich musste man sich für Tahina, einer alten Speise aus Ägypten, ungemein viel Mühe machen. Es war eine dicke Soße aus Sesamöl und Hülsenfrüchten, die fein zerrieben wurden, die Standardwürzung mit Salz und Pfeffer und eben viel viel Knoblauch.
Aber auch sehr sehr lecker.
Dazu aßen sie Ayesh El Shams, dem süßen Brot, mit einer herzhaften Kruste, welches traditionsgemäß eigentlich zum Backen einfach im heißen Sand liegen gelassen wurde. Leider hatten sie hier keine Wüste, darum hatte der Backofen herhalten müssen.
Sie tunkten Brotstücke in die Soße, so aß man dieses ägyptische Gericht.
Dazu gab es Granatapfelsaft.
„Wie war dein Tag?“, fragte sie, ehe sie sich ein durchgetränktes Stück in den Mund schob. Er musste sehr breit grinsen als er an seinen Tag dachte. „Oh, sehr gut.“
Seine Mutter, die hochempfindliche Stimmungssensoren besaß, bemerkte es sofort.
„Ach, sehr gut? Das wird er wohl, wenn du so gedankenverloren grinst. Was ist passiert?“
„Nichts bestimmtes, Ummi. Was soll denn deiner Meinung nach passiert sein?“
Noch durchdringender wurde ihr Blick. „Zum Beispiel, irgendetwas mit irgendeinem Mädchen!“
Ganz unverschämt dreist grinste Kim und noch unverschämt dreister war seine Entgegnung: „Keine Sorge, ich sage dir bescheid, wenn ich sie geschwängert habe.“
Sie gab ihm eine Ohrfeige. Aber Kim verging das Grinsen nicht.
„So etwas will ich in meinem Haus nicht hören, ist das klar?“
„Jaja, Ummi. Entschuldigung.“ Dann erhob er sich flink. „Ich bin satt. Ich gehe jetzt schön artig Hausaufgaben machen.“
„Du hast doch noch nie Hausaufgaben gemacht.“
„Naja, dann ist es höchste Zeit mal damit anzufangen.“ Mit diesen Worten war er schon auf dem Weg in sein Zimmer.
Kopfschüttelnd erhob sich Ashanti und räumte die Teller ab. „Dieser Junge raubt mir noch den letzten Nerv!“, fluchte sie auf Arabisch.
Kim schmiss seine Schultasche neben seinen Stuhl und setzte sich dann darauf (auf den Stuhl, nicht auf die Tasche). Und lehnte sich vergnügt zurück.
Eigentlich hatte er noch Hunger!
Deshalb öffnete er seinen Ranzen und holte die dunkelblaue Brotzeitbox heraus. Er legte sie auf den Tisch und öffnete sie.
Darin lag ein hektisch in Zewatücher eingepacktes Brot. Vollkorn mit Salat, zwei Scheiben Tomate, Ketschup und viel Tunfisch. Einmal in aller Eile und aus Heißhunger abgebissen.
Kim biss hinein. „Hm, Tunfisch.“, murmelte er mit vollem Mund.
Die Woche zog sich so elend lang dahin, doch endlich kam der ersehnte Samstag!
Die Aufbauer und Dekorateure hatten wirklich eine Meisterleistung vollbracht. Die Aula war herrlich geschmückt. Girlanden hingen von der Decke herab, die Wände waren mit weißen Leinentüchern mit Glitzerpuder behängt. Sogar eine Discokugel hatten sie besorgen können. Nun wanderten die kleinen weißen Flecken im Raum herum.
Auf dem Podest war eine Band gerade am Spielen, die Schulband. Sie waren nicht schlecht leider aber auch nicht besonders begabt. Darum kicherte die tanzende Menge regelmäßig, wenn sich einer der Spieler verspielte oder die Sängerin die Note nicht traf. Zumal sie eine wirklich fürchterlich schrille Stimme hatte.
Trotzdem war die Band der ganze Stolz der Schule.
Es war also kurz nach neun.
„Sag mal, wann kommen sie denn endlich?“, fragte Jenni ungeduldig. Sie hatte tatsächlich ihren Willen bekommen.
Lin zuckte die Achseln. „Jetzt sei halt nicht so! Immerhin sind wir jetzt fertig!“
„Ja, schon! Aber der Typ da hinten, der ist doch süß!“ Jenni tippte Lin so lange auf die Schulter bis Lin sich geschlagen gab und seufzend Jennis Nicken folgte.
Ein Junge stand lässig an der Wand gelehnt.
„Das ist doch der Spanier aus der C.“, winkte Lin ab und fragte ein Pärchen, das an die Theke getreten war, nach ihrem Begehr.
„Einmal Punsch und einmal Cola.“, sagte der Junge.
„Kommt sofort!“, sicherte Lin ihnen zu, während sie eine Portion aus der Bohle schöpfte. „Das macht dann zweimal fünfzig Cent.“
Der Junge drückte ihr grinsend den Euro in die Hand. „Verdient ihr wenigstens was, wenn ihr schon den Barkeeper spielt?“
„Ne, ist alles ehrenamtlich! Zum Wohle der Schülerschaft!“, zwinkerte sie zurück.
Die drei lachten, dann entfernte sich das Paar.
„Der fährt doch nächste Woche wieder heim.“, kam Lin aufs Thema zurück.
Jenni seufzte. „Lin, du bist viel zu konservativ! Bei dir heißt es immer gleich verliebt, verlobt, verheiratet! Wirklich schlimm mit dir!“
„He, ihr beiden!“, winkte ihnen Maria zu. „Habt ihr uns vermisst?“
Fauchend überreichte Jenni ihr den Schopflöffel. „Na endlich! Wurde langsam Zeit, dass ihr aufkreuzt!“ Dann rieb sie sich die Hände. „Aufgepasst Männerwelt, jetzt komme ich!“
„Ja, lauft weg so lange ihr noch könnt!“, scherzte Lin und fing an zu lachen.
Sabrina und Maria waren sofort dabei.
„Haha!“ Jenni war beleidigt. „Lacht nur solange ihr noch könnt!“
Lin nahm einen Plastikbecher in die Hand und hielt ihn feierlich hoch. „Trinken wir auf Jenni und die Waffen einer Frau!“
Ihre drei Freundinnen waren sofort dabei. Alle griffen sie sich einen Plastikbecher und Jenni schüttete aus.
Lin war die Letzte. Gerade hielt sie Jenni ihren Becher hin, da…
Urplötzlich tippte ihr jemand sachte auf die Schulter. „Entschuldigung…“, sprach da eine männliche Stimme.
Verwundert verstummte Lin und drehte sich um –
Und als sie den Jungen aus dem Klo erkannte, erschrak sie sich so sehr, dass sie zurücksprang. Der Becher flog ihr aus der Hand (Gott sei Dank, war er noch leer gewesen) und überquerte den halben Raum ehe er einem tanzenden Mädchen auf dem Kopf landete. Sie hatte gerade mit ihren Freundinnen seelenruhig getanzt, da hatte sie das Flugobjekt direkt getroffen. Wütend sah sie sich um – und erblickte doch glatt ihren Exfreund, mit dem sie letzte Woche Schluss gemacht hatte, der aber keinen Versuch ungenutzt gelassen hatte sie zurück zu gewinnen. Sie wusste, dass er sie schon die ganze Zeit observierte, aber dass er zu so einem Mittel griff!
„Na warte, du Arschloch!“, fluchte sie und stampfte auf ihn zu. Den Becher in ihrer Hand zerdrückte sie vor kochender Wut.
Ihr Exfreund, der ihr Auf-ihn-Zulaufen völlig anders gedeutet hatte, lächelte ihr freudig entgegen. Bis er ihr zorniges Gesicht sah. Da verging ihm alles.
„Sag mal, du hirnloser Affe, was soll das?“, brüllte sie ihn an, dass sich die Umstehenden zu ihnen herumdrehten.
„Was? Was soll was?“, fragte er kleinlaut.
Sie warf ihm den Becher vor die Brust und brüllte ihn weiter an, was für ein Affe er doch sei, so dumm und blöd, dass er ihr nicht den Unschuldigen vorzuspielen brauche, dass sie etwas besseres verdient habe als ihn und dass er es zu nichts brachte, am allerwenigsten im Bett!
Aber davon bekam Lin gar nichts mit. Sie hatte ihre eigenen Probleme.
Als ob sie einen Geist gesehen hätte, so starr und kreideweiß im Gesicht stand sie da.
„Tut mir leid, wenn du dich erschreckt hast.“, sprach der Junge weiter. „Ich wollte dich nur zum Tanzen auffordern. Wirklich, das war meine einzige Absicht!“
Lin war außerstande etwas zu erwidern. Der Schock saß so tief.
Denn nun, da sie den Klojungen so nahe vor sich hatte, da erkannte sie seine Augen, als die Augen ihres Retters vom Zebrastreifen wieder. Es war also nicht peinlich genug gewesen! Sie hatte sich also bei ihm damit bedankt, dass sie ihm wie eine blöde Kuh auf sein bestes Stück gestarrt hatte!
Boden tu dich auf!
„Äh, hi Kim!“, entgegnete Maria an ihrer Stelle. „Was machst du den hier?“
„Naja“, antwortete er. „Ich wollte mich mal ein wenig umsehen. Es scheint hier ganz schön viel los zu sein.“
„Ja, aber du scheinst unsere kleine Feier doch etwas überbewertet zu haben.“, sagte sie.
Er sah an sich herab.
Tatsächlich war es doch so, dass Kim furchtbar auffiel. In seinem teuren Markenanzug, während alle um ihn herum angezogen waren wie im alltäglichen Schulleben.
Kim stöhnte. „Ich habe es ihr ja gesagt, aber der Mensch, der sich meiner Mutter widersetzt, muss erst noch geboren werden.“
„Kim?“ Nun hatte sich auch Jenni erholt. „Bist du etwa dieser Kim? Der auf Lin steht?“
Nun grinste Kim, und dann auch noch kein kleines bisschen verlegen. „Ich dachte das sei offensichtlich. Aber wenn ihr eine verbale Bestätigung wollt – ja, der bin ich!“ Das Grinsen beibehaltend verbeugte er sich formgerecht und hielt ihr seine Hand entgegen. „Wenn ich dich bitten darf mir einen Tanz zu gewähren.“
Da begriff Lin was hier alles geschah. Und es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Sie merkte wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Das war zu viel für sie. Das konnte sie niemals!
Ihr Herz schien gleich zu explodieren, so schnell schlug es. Ihr Kopf schien vor Gedanken wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Sie musste dem allem irgendwie entkommen! Schnell! Schnell! Sie musste sich eine Ausrede einfallen lassen! Schnell! Schneller! Denk! Denk schneller!!!
„Oh…ich…äh…“, stotterte sie. Dann fiel ihr Blick auf den Schopflöffel, sie packte ihn und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. „Sorry, aber ich kann nicht. Ich bin für den Ausschank eingeteilt.“
Kim runzelte die Stirn.
Ihre Freundinnen aber, die sie nicht mit dieser billigen Ausrede davonkommen lassen wollten, fielen ihr in den Rücken.
Jenni sah theatralisch auf die Uhr. „Lin, unsere Schicht ist gerade zu Ende gegangen. Wir werden jetzt abgelöst.“
Bitterböse funkelte sie Jenni an. Jenni strahlte ihr unschuldig zurück.
„Äh…a…aber Sabrina!“, flehte sie eine andere an. „Warst du nicht verabredet und hast mich gebeten deine Schicht zu übernehmen?“
Doch auch Sabrina gedachte gar nicht sie ungeschoren davonkommen zu lassen. „Nein, Lin. Ich kann mich gar nicht daran erinnern!“
Lin hasste ihre Freundinnen wie eh und je. Sie schwor sich ihre Handynummern zu löschen sobald sie zu Hause war und ihnen am Montag in der Schule die Freundschaft zu kündigen!
Es war so schrecklich peinlich! Sie musste unbedingt die Schule wechseln!
Aus letzter Verzweiflung füllte sie einen Becher mit Punsch, stellte ihn in Kims wartende Hand und lächelte dümmlich. „Ach, mir ist eingefallen, dass ich morgen mal wieder in die Kirche gehen wollte und ich komme morgens nur schwer aus den Federn, wenn ich zu lange aufbleibe. Mach dir einen schönen Abend, der Punsch geht aufs Haus!“
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da drehte sie ihm den Rücken zu und wollte schleunigst verschwinden.
Doch Jenni packte sie an den Haaren, riss sie wieder nach vorne. Nahm dem verdutzten Kim den Becher aus der Hand und drückte ihm stattdessen Lin entgegen.
„Unsere kleine Lin ist einfach nur schüchtern. Ignorier ihr Geschwafel.“, lächelte sie Kim entgegen, ehe sie Lin anzischte. „Und du lass dir gefälligst nicht alle tollen Typen durch die Lappen gehen! Haben wir dir denn nichts beigebracht?“ Dann schob sie beide von hinten Richtung Tanzfläche.
Lin bedeckte ihr vor Scham heißes Gesicht. Sie wollte sich am liebsten verkriechen.
„Bin ich dir so peinlich?“, fragte Kim enttäuscht.
„Meine eigene Blödheit! Die ist mir peinlich!“, gab sie zurück.
Lächelnd drückte Kim ihr die Hände runter. „Weißt du, viele Menschen sterben so dumm wie sie geboren werden. Du bist noch jung und kannst es ändern.“
Nun sah auch Lin etwas verlegen auf. „Danke, nett von dir. Und…äh…d…danke, dass du mich damals gerettet hast…“
Kim lachte. „Ich rette nur schöne Frauen, da hast du wirklich Glück gehabt, dass du eine bist.“ Sie lachten beide.
„Sag mal, dieses Kompliment machst du doch jeder, oder?“
„Nur Mädchen, die mir gefallen und bis jetzt bist du die Einzige!“
Sie hatten ein leeres Fleckchen am Rande der Tanzfläche gefunden.
„…DU HORNOCHSE! ICH WILL DICH NIE WIEDERSEHEN!“ Ein Mädchen brauste an ihnen vorbei. Gefolgt von einem Jungen mit einem zerdrückten Plastikbecher in der Hand. „Aber Tina! Ich schwöre, ich war das nicht! Das würde ich doch nie tun! Tina!“
Lin und Kim sahen ihnen verwundert nach. Bis sie um die nächste Ecke gebogen waren. Dann zuckten sie gleichzeitig die Achseln und lachten.
Applaus erfüllte die Halle, dann setzte ein neues Lied ein.
Kim begann zu tanzen.
Oder viel eher, zu Zappeln wie ein Hampelmann.
Unweigerlich musste Lin auflachen. „Was ist denn das?“
„Na, ich tanze.“, entgegnete Kim, nun seinerseits etwas verlegen.
„Das nennst du tanzen? Vielleicht bei den Marsmännchen, aber sicher nicht hier, auf der Erde!“ Dann war von Lin alle Hemmung abgefallen. Weil Kim sich auch peinlich gemacht hatte, da sah die Welt schon freundlicher aus. „Lass dir mal von einem Profi zeigen wie das richtig geht!“
Dann legte sie einen Tanz hin. Das war ihr Spezialgebiet!
Sie wusste es nicht, denn es war in einem anderen Leben gewesen, aber sie tanzte für Kim einen Tanz, den sie schon einmal nur für ihn getanzt hatte.
Es war eine Mischung aus Hip-Hop, Bauchtanz und Samba. Der Musik angepasst.
Bei jeder ihrer Drehungen flatterte ihr mehrschichtiger Rock (sie hatte den zerrissenen weißen Rock wahlweise auch in schwarz) und ihre Bewegungen waren geschmeidig. Als ob sie selbst zum Wind wurde. Der Rauch, der aus den Rauchmaschinen gestoßen wurde, umflog ihr ganzes Antlitz und tauchte ihre Silhouette in einen weichen Schleier. Ihre Augen erinnerten an einen Stein, den man über Wasser springen ließ.
In diesem Moment gab es für ihn nichts Schöneres…
Irgendwann wurde sie sich wieder der Menge bewusst, die sie umgab und sie hielt verlegen inne.
„Wow“, staunte Kim.
Lin bekam rote Wangen.
Dann berührte ihre Hand seine Schulter. Für einen Augenblick wohl gab es niemanden als sie beide.
Den ganzen restlichen Abend verbrachten sie zusammen.
Sie tanzten (versuchten es zumindest), lachten, redeten, tranken Punsch, zwickten sich und alberten herum. Sie hatten so viel Spaß miteinander, dass sie alles Vorangegangene vergaßen. Sie blieben bis zum Schluss.
Die Feier war offiziell um ein Uhr nachts beendet. Doch nur allmählich wurde das den Jugendlichen bewusst. Die Band hörte pünktlich auf und ab dann lief eine CD durch die Boxen.
Nach und nach gingen die Leute. Die Rauchschwaden hörten auf und Papier, Plastik, verschüttete Flüssigkeit, verloren gegangene unechte Fingernägel und Toilettenpapierstreifen (von irgendwelchen Scherzbuben geworfen) kamen zum Vorschein.
Um halbzwei waren wirklich kaum noch Leute mehr da.
Auch ihre Freundinnen waren bereits gegangen.
Lin und Kim entschieden sich, sich endlich auf den Heimweg zu machen. Sie holte ihren Rucksack, den sie dabei hatte, und mit roten Wangen und durchgeschwitzten Kleidern verließen sie die Schule.
„Dein Musteranzug ist im Eimer!“, lachte Lin. „Den kannst du gleich wegwerfen.“
„Ich konnte ihn sowieso nie leiden. Jetzt habe ich auch einen guten Grund ihn loszuwerden!“ Sie lachten.
Dann kramte sie in ihrem Rucksack herum.
„Was machst du da?“, fragte er.
„Mein Geld suchen. Der Bus kommt in zwei Minuten.“
Kim stutzte. „Es ist doch gar nicht weit zu dir nach Hause.“
Lin sah ihn belehrend an. „Ja schon, aber stell dir das mal vor! Ein braves, kleines, unschuldiges Mädchen so ganz allein mitten in der Nacht! Ein gefundenes Fressen!“ Dann fiel ihr etwas ein, das sie fast überhört hatte. Empört öffnete sie den Mund und stieß ihn gegen die Brust. „Moment mal, woher weißt du wo ich wohne?“
Jetzt grinste Kim wieder. „Weil ich genau neben dir wohne. Du wohnst im Weiße-Lilien-Weg 7 und ich 9!“
„Ach, dann seid ihr die, die ins Haus der Schmidt eingezogen sind!“ Jetzt fiel es Lin wie Schuppen vom Kopf. „Komisch, ihr wohnt jetzt schon eine ganze Weile dort und wir sind uns nie über den Weg gelaufen.“, sie rollte die Augen. „Naja, außer das eine Mal an der Ampel.“ Kim hob die Arme. „Tja, das muss Schicksal sein! Huuuuuuuuuhhhhhh…“
Lin lachte. „Hör auf!“
„Sag mal, was hältst du davon, wenn wir zusammen nach Hause gehen? Mit mir an deiner Seite wird sich keiner in deine brave, kleine, unschuldige Nähe wagen.“ Er hielt ihr seinen Arm hin. Etwas verlegen hackte sie sich bei ihm ein.
Sie liefen den Straßenlaternen erhellten Bürgersteig entlang. Es war unheimlich, aber auch, das musste Lin sich eingestehen, ein wenig romantisch.
Schweigend liefen sie nebeneinander her.
Bis Lin plötzlich leise kicherte und danach peinlich den Kopf schüttelte.
„Was ist?“, fragte Kim.
Ohne aufzusehen nuschelte Lin. „N…nichts…ich musste nur wieder an Dienstag denken… Scheiße!“
Kim lachte. „Ach, ich habe deinen Blick als Kompliment für meinen kleinen Freund aufgefasst!“
Sie stieß ihm in die Seite. Erneut lachten sie. Dieses Mal, bis Lin die Tränen kamen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen.
„Du sag mal“, begann Lin zittrig. Kim blieb stehen, als Zeichen seiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Sie blickte Kim genau in die Augen. Schüchtern. „Könnte ich es wieder gut machen und mich für meine Rettung erkenntlich zeigen…wenn…“ Sie holte tief Luft. „ich dich zu einem Cocktail einlade?“
„Nein.“, entgegnete Kim sachlich.
Lin sank der Mut dahin und sie bereute es gefragt zu haben. Ein Anflug von Enttäuschung überkam sie. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Dann lächelte Kim sie an. „Aber wenn du meine Einladung auf einen Cocktail annimmst.“
Mit rotem Kopf nickte Lin.
Sie setzten sich ins „Hector“, einem der weniger angesagten, Lokale. Es lag auf ihrem Weg. Der Laden schloss um zwei, doch noch war es ja nicht zwei.
Sie spielten ein Spiel. Jeder nahm sich eine Getränkekarte und musste erraten was dem anderen schmecken könnte, weil sie für den jeweiligen anderen bestellten.
Kim bestellte für Lin einen Coconut Kiss und lag total daneben, denn der Cocktail war ihr zu süß. Lin dagegen bestellte einen Fruit Punch und lag genau richtig. Letztenendes lief es darauf hinaus, dass sie gemeinsam erst den Fruit Punch und dann den Coconut Kiss tranken. Und dumm kicherten, dass alle Anwesenden ständig zu ihnen hinüber sahen. Doch es störte sie nicht.
„Da fällt mir ein, wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt.“ Sie zeigte auf sich. „Ich bin Lin Thelen. Und du? Kim ist doch nur eine Kurzform, oder?“
„Ja.“, antwortete Kim. Dann verzog er ganz kurz das Gesicht. „Ich heiße Kimball AlMurrat.“
„Kimball AlMurrat?“ Lins Augen wurden ganz groß.
Woher weiß sie es, woher weiß sie es?, schoss es ihm durch den Kopf. Woher wusste Lin wer Kimball AlMurrat war? Woher konnte sie es wissen? Sein Name war doch so gut wie vollkommen anonym.
Lin lachte auf. „Dein Nachname passt aber überhaupt nicht zu deinem Vornamen.“, stellte sie fest.
Erleichtert atmete Kim aus. Ihm war wieder zum Grinsen zu mute. „Naja, meine Mutter ist Ägypterin und hat sich in der Familiennamensgebung durchgesetzt und mein Vater stammt aus Wales. Er wollte unbedingt, dass ich den Namen meines Urgroßvaters bekomme, der im zweiten Weltkrieg sein Leben gelassen hat.“
„Kimball ist also ein walisischer Name?“
„Ja. Er bedeutet Anführer der Krieger!“
„Hu, wie prahlerisch!“, lachte Lin.
Auch Kim lachte. „Und was bedeutet Lin?“
Lin zuckte die Achseln. „Lin bedeutet einfach nur Lin. Schlicht und langweilig.“
Er legte seine Hand vor ihre, sodass sich die Fingerspitzen berührten. „Mir gefällt er!“
Sie sahen sich an. Jeder in die Augen des anderen. Dunkel und hell. Weiblich und männlich. Sterblich und unsterblich. Yin und Yang.
„Darf ich dich noch etwas fragen, Kim?“, sprach Lin.
Es war so wundervoll wie sie ihre Lippen beim Sprechen bewegte. Er hätte sie am liebsten jetzt schon berührt. „Was denn?“
Langsam beugte sie sich vor. „Sag mal, Kim.“ Sie sprach unendlich langsam. Oder war es die Zeit, die langsamer wurde? „Warum bist du eigentlich auf einem Gymnasium?“
Dahin war die Zeitverzerrung. Die Realität holte sie zurück. Aus war es.
Kim wurde steif. „Äh, was?“
Lins Blick war nun ganz ernst. Sie holte etwas aus ihrem Rucksack, schlug die passende Seite auf und hielt ihn ihm hin – seinen Artikel aus der Platon.
Ein Porträt von ihm, mit dem Bleistift gezeichnet, war in der rechten Ecke und der Untertitel lautete:
Kimball, der wohl erstaunlichste Mensch seiner Zeit
Er hatte doch gewusst, dass das mit dem Porträt eine schlechte Idee war. Es war zu genau!
„Du liest so einen Mist?“, murmelte er.
„Warum nennst du eine Zeitschrift, in der deine Artikel veröffentlicht werden, einen Mist?“
Kim nuschelte vor sich hin. Das hatte er jetzt nicht erwartet. Er war schwer beeindruckt. Er hatte niemals erwartet, dass jemand in seinem Alter so etwas Fachspezifisches und Tiefgründiges las.
„Aber ich bin nicht ganz einverstanden!“, fuhr Lin fort. „Als du das Beispiel mit dem Geldspenden eingebracht hast, dass wir nur spenden, damit es uns selbst nutzt, weil wir damit unser Gewissen beruhigen, da stimme ich dir nicht zu. Welche Gründe haben dann Arme zu spenden? Arme müssten dann gar nicht an Arme spenden, weil sie sich damit herausreden könnten, dass sie selbst nichts haben. Nein, ich denke viele tun es auch aus Menschlichkeit. Ich finde du siehst die Welt fiel zu sehr in schwarz-weiß…“ Kim sah sie erstaunt an. Und als sie Luft holen musste, da fiel ihr sein Blick auf. „Was ist?“
Kim brach in Gelächter aus. „Es ist fast zwei Uhr nachts und du fängst ein Gespräch über Philosophie an!“
Sie grinste breit. „Ich finde Reden kann man immer. Egal worüber! Aber das beantwortet meine Frage nicht. Was macht so jemand wie du bei uns?“
Kim seufzte. „Kannst du mich jetzt nicht mehr leiden?“
Lin hob hysterisch die Arme. „Nein, nein! So habe ich das nicht gemeint. Ich meine nur, wenn ich so berühmt und intelligent wäre, ich glaube nicht, dass ich auf eine einfache Schule gehen würde. Das wäre mir zu…“ Sie wurde rot, als sie im Inbegriff war die Wahrheit zu sagen. „…niedrig.“
Kim lachte. „Gut, dass du nicht so eingebildet bist wie du hättest werden können. Aber du kannst sagen was du willst, diese Schulzeit ist die beste Zeit meines Lebens! Meine sozialen Kompetenzen waren auf minimalstem Niveau, da musste ich was dagegen tun.“
Sie lachten.
„Äh, Entschuldigung. Wir machen jetzt zu. Wenn ihr so langsam mal…ihr wisst schon.“, lächelte die Kellnerin ihnen dämlich zu.
„Oh, klar!“, erwiderte Lin und erhob sich. Und während sich auch Kim erhob, sah sie auf die Uhr. 2:17 Uhr
„Oh, mein Gott!“, hauchte Lin.
„Was ist?“, fragte Kim.
„Ich bin viel zu spät dran! Eigentlich hätte ich schon seit einer eineinhalben Stunden zuhause sein sollen! Nein! Jetzt gibt’s Ärger!“
Kim winkte ab. „Bei mir auch, aber was soll es. Damit müssen Eltern leben.“
Lin war skeptisch. „Du siehst das aber ganz schön locker.“
„Weil es meine Mutter streng genug für uns beide sieht.“, grinste er.
„Deine Mutter scheint ja eine richtige Tyrannin zu sein, so wie du immer von ihr erzählst.“
„Oh, das ist sie! Und wie!“
Sie konnten gar nicht aufhören zu lachen.
Es zog sich hin bis sie endlich in ihre Straße einbogen.
„Du lügst!“, stieß Lin hervor.
„Ganz und gar nicht.“, gab Kim zurück. „Ich beherrsche insgesamt dreizehn Sprachen!“
„Und welche?“
Kim zählte sie an den Fingern ab. „Arabisch, walisisch, englisch, deutsch, russisch, spanisch, französisch, italienisch, türkisch, Latein, altgriechisch, hebräisch, und japanisch!“
Lin stieß einen Pfiff zwischen den Zähnen heraus. „Das ist ja unglaublich!“
„Aber man kommt mit englisch, deutsch, französisch und spanisch überall gut zu recht.“
„Wenn du das sagst, du musst es ja wissen, bei deinen vielen Umzügen.“
Kim stöhnte. „Ich hoffe das war fürs erste der letzte!“ Dann lächelte er verschmitzt. „Wobei ich nun den besten Grund habe hier zu bleiben!“
„Ich dachte Charmeure sind längst ausgestorben.“
„Das ist Ansichtssache!“
„Vielleicht.“
Dann waren sie vor Lins Gartentor angekommen.
Sie war so nervös, dass sie anfing mit dem Armreif zu spielen. Und sie merkte es nicht einmal! Aber Kim merkte es.
„Es ist ein sehr schöner Armreif, nicht?“
Da merkte es auch Lin. Sie drehte den Armreif hin und her. „Ja, und wie! Leider gehört er nicht mir. Ich muss ihn endlich mal im Büro des Hausmeisters abgeben. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen ihn heute zu tragen…“ Nachdenklich nahm sie ihn vom Handge-lenk. „Der Armreif war bestimmt sehr teuer!“
„Er ist ein Erbstück, bis ins Hochmittelalter reicht er zurück.“, erwiderte Kim.
Beeindruckt sah ihn Lin an. „Das erkennst du mit einem Blick?“
Kim verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, ich weiß es nur, weil er mir gehört.“
Als Lin das hörte fuhr sie schockiert zusammen. „Oh, mein Gott! Es…es tut mir leid!“ Hysterisch hielt sie ihm das Schmuckstück entgegen. „Ich schwöre es, ich hätte ihn am Montag dem Hausmeister gegeben. Ich wollte ihn bestimmt nicht klauen! Er lag am Dienstag einfach in meiner Tasche! Ich schwöre es! Ich bin keine Diebin!“
Kim wich lachend zurück. „Keine Sorge, das habe ich auch nicht gedacht! Sag mal, wo hast du ihn gefunden? Etwa in einer dunkelblauen Brotzeitbox?“
„Äh, ja.“ Sie war überrascht.
Nachdenklich rieb sich Kim am Kinn. „Hm…ich habe auch eine, wahrscheinlich genau die gleiche. Irgendein Depp hat das wahrscheinlich bemerkt und die Boxen spaßhalber vertauscht.“
„Warum sollte jemand so was tun?“
„Was weiß ich, sehe ich so aus als wäre das mein Lebensinhalt?“
Aber Lin musste doch stocken. „Warum nimmst du überhaupt einen Silberarmreif in einer Brotzeitbox mit in die Schule?“
Nun war auch Kim überfragt. „Keine Ahnung. Ich mache das eigentlich nicht, aber Dienstagmorgen hatte ich einfach so ein Gefühl ich müsste ihn mitnehmen. Es muss Schicksal gewesen sein.“ Er zuckte die Achseln.
Lin hielt den Reif gegen das Licht der Straßenlaterne. „Warum hast du eigentlich so was geerbt? Ich meine, das ist doch ein Frauenarmreif, oder?“
„Der Reif wurde über hundert Generationen hinweg immer an die erstgeborene Tochter weitergegeben. Meine Mutter ist die Erstgeborene und dann, tja, dann war Schluss mit Töchtern. Meine Eltern wollen keine Kinder mehr und ich bin eben das einzige Kind.“
„Und du musst den Armreif jetzt tragen?“, staunte Lin.
Kim brach in schallendes Gelächter aus. „Das wäre was! Nein, ich schenke ihn meiner zukünftigen Frau.“
„Achso…“ Lin bestaunte den Armreif ein letztes Mal. Und stellte sich einen atemberaubend schönen Moment vor, wenn Kim als der Bräutigam einer Braut in einem langen weißen Brautkleid aus Seide, den Armreif überstreift, genauso wie er es mit einem Ring getan hätte… Dann hielt sie ihn Kim hin. „Mach das.“, sagte sie.
Nun grinste Kim breit. „Ok, dann gehört er jetzt dir!“
„Was?“ Lin war irritiert.
Als wäre es eine kulturelle Geste ergriff Kim den Armreif und Lins linke Hand. „Du hast doch zugestimmt ihn meiner zukünftigen Frau zu schenken!“
„Aber…aber…“, stotterte Lin, als er ihr den Armreif über die Hand streifte.
Kim legte ihr den Finger auf die Lippen. „Es gibt kein aber!“
Sein Gesicht war so nah.
Lin wich zurück, aber mehr als einen halben Schritt konnte sie nicht. Sie hatte den Gartenzaun im Rücken.
Dann bekam sie ihren ersten Kuss… Lang und sinnlich…
„Ich hole dich am Montag um halb acht ab.“, flüsterte er ihr ins Ohr und öffnete das Gartentor.
Mit ganz weichen Knien, aber dafür unnatürlich schnell, war sie am oberen Treppenabsatz und brauchte zwei Anläufe den Schlüssel ins Loch zu schieben. Als sie die Tür öffnete drehte sie sich noch einmal um, er stand immer noch auf dem Bürgersteig und beobachtete sie lächelnd.
Unsicher lächelte sie zurück, ehe die Tür hinter ihr in die Angeln fiel.
Dann war es vorbei.
Ihre Augen sahen ihn nicht mehr, und doch, vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn noch immer genau. Seine leicht arrogante Körperhaltung, sein Lächeln, seine hellen Augen.
Ihre Beine gaben nun nach und sie rutschte an der Tür entlang auf den Boden. Den, von ihrer Körperwärme erwärmten, Armreif fühlte sie so deutlich an ihrer Hand.
„Der macht mir Angst…“, murmelte sie leise für sich.
Mit einem Hauch von Röte auf den Wangen berührte sie ihre Lippen.
In diesem stillen Augenblick ging das Licht an und Lin erschreckte sich fast zu Tode.
Ihre Eltern, beide im Schlafanzug, beide mit übermüdeten Augen, beide mit finsterem Blick.
„So, jetzt erklär uns mal wo du so lange gewesen bist, junge Dame!“, zischte ihre Mutter.
„Und warum du dein Handy nicht angeschaltet hast!“, ergänzte ihr Vater.
Lin sprang auf die Beine. „Papa, Mama! Es tut mir schrecklich leid! Ich…ich habe ganz die Zeit vergessen! Kommt nie wieder vor! Versprochen!!!“
„Das sollen wir dir glauben?“ Ihr Vater war skeptisch.
„Ich schwöre es! Ich…ich habe einen guten Grund! Glaubt mir!“
Ihre Mutter verschränkte die Arme. „Du hast großes Glück, dass wir zu Müde zum diskutieren sind, aber das hat Konsequenzen! Und jetzt ab ins Bett!“
„Natürlich, sofort!“ Lin sprang auf ihre Eltern zu und umarmte sie ganz fest. „Ich habe euch so lieb!“
Dann rannte sie die Treppe nach oben.
Ihre Eltern sahen ihr nach.
„Was ist denn mit ihr los? Sie ist in letzter Zeit so seltsam.“, stellte Herr Thelen fest.
Seine Frau kicherte und streichelte ihm über die leichten Bartstoppeln. „Willst du mir sagen, dass du dich nicht daran erinnerst als du verliebt warst?“
„Verliebt?“, staunte er.
„Es ist ein Junge mit kupferroten Haaren und Sommersprossen im Gesicht.“
„Und wie heißt er?“, forschte Herr Thelen nach, nicht besonders positiv berührt. Er spürte schon den ersten Eindrang in seine Familie. Sein Beschützerinstinkt war geweckt.
„Das weiß keiner.“, lachte seine Frau.
„Wie bitte?“
„Ach Bärchen! Sieh doch nicht alles gleich so streng!“
Er zwickte sie in die Seite. „Wie du mich damals, auf der Party, vor meinen Freunden so genannt hast, schön laut, dass auch jeder es hört, das habe ich ganz bestimmt nicht verges-sen!“
Sie lachten beide.
„Und alle Hausaufgaben gemacht?“
Benny stöhnte. „Jaha!“
„Ich habe sie kontrolliert.“, murmelte Herr Thelen über seine Morgenzeitung hinweg und tastete ohne hinzusehen nach seiner Kaffeetasse.
„Gut.“, schloss Frau Thelen das Thema ab.
Es war Montagmorgen. Die Runde saß gemütlich am Frühstückstisch. Von der alten bis zur jungen Generation.
„Vater, vergiss deine Tabletten nicht!“, erinnerte Frau Thelen ihren Vater. Sie musste es jeden Morgen tun, weil sie ihren Vater ganz genau kannte. Großvater hasste es die vom Arzt verschriebenen Vitamintabletten einzunehmen. Immer wenn seine Tochter nicht acht gab, nahm er sie einfach nicht und tat es später als seniorische Vergesslichkeit ab.
„Jaja.“ Großvater winkte ärgerlich ab.
Benny hatte es beobachtet. „Ich wäre froh, wenn ich nur Tabletten nehmen müsste! Aber mich fragt sie immer“ Benny stemmte die Hände in die Hüften und verzog das Gesicht. „Benny, hast du deine Hausaufgaben gemacht? Benny, hast du dein Zimmer aufgeräumt? Benny, hast du dies und hast du das?“
„Benny! Benimm dich!“, schimpfte seine Mutter.
Großvater hob seinen Zeigefinger. „Du hast es gut! Damals, zu meiner Zeit, da hat die Mama nicht lange nachgefragt, sondern dir gleich die Ohren lang gezogen! Und der Vater hätte dir deinen Hosenboden grün und blau geschlagen! Jaja, wie oft wurde mir Respekt vor den Eltern eingeprügelt! Heute ist es schon strafbar, wenn man frechen Bengeln nur einen winzigen Klaps gibt! Und viele haben das als Mindestes verdient!“
„Vater, bitte!“, seufzte Herr Thelen. „Können wir nicht über etwas anderes reden?“
„Zum Beispiel, dass Lin eine blöde Kuh ist?“
Lin, die, in Gedanken versunken, nur an ihrem Armreif herumgespielt hatte, ohne ihr Müsli überhaupt eines Blickes zu würdigen, sah auf, als sie ihren Namen hörte. „Was?“
Seine Mutter gab ihm eine Kopfnuss.
„Aua! Weißt du nicht, dass das strafbar ist, Mama?“, zischte Benny.
Seine Mutter gab ihm gleich noch eine. „Verklag mich doch!“
„Sag mal, Lin“, begann nun ihr Großvater, der bei ihrem Anblick doch neugierig wurde. „Warum hast du dich denn heute so schick gemacht?“
Lin lief rot an. „Ach…nur so.“
„Und warum hast du dein Gesicht bemalt?“, fragte Benny naiv.
„Das nennt man Schminke!“, fauchte sie zurück.
„Ach echt? Dann schminken sich Zirkusclowns?“, lachte Benny und zeigte mit dem Finger auf sie.
„Du kleiner Plagegeist! Wenn wir jetzt ganz allein wären, würde ich dich umbringen!“
„Dann kommst du ins Gefängnis, dann kommst du ins Gefängnis!“, trällerte Benny, der Spaß daran hatte, seine große Schwester zu provozieren.
„Komme ich nicht, weil ich alle Spuren beseitigen werde!“
Aber Benny hörte nicht auf zu singen, im Gegenteil, er wurde immer lauter.
„Jetzt hört aber auf!“, sprach Frau Thelen ihr Machtwort. „Beeilt euch, ihr müsst gleich los!“
Benny stöhnte und setzte sich wieder hin um sich das letzte Stück Nutella in den Mund zu schieben.
Herr Thelen hatte seinen Kaffee ausgetrunken und sah auf die Uhr. „Ich muss schon los!“ Er erhob sich, schnappte sich das eingepackte Wurstbrot, das seine Frau ihm hinhielt, küsste sie, griff gleichzeitig nach seinem Aktenkoffer (er arbeitete in der Bank) und verabschiedete sich. Ein neuer, langer und harter Arbeitstag lag vor ihm.
Was getan werden musste, musste getan werden!
Er öffnete die Tür.
„Guten Morgen.“, sagte ein Gesicht direkt hinter der Tür.
Herr Thelen erschrak sich wie er sich niemals in seinem ganzen Leben erschrocken hatte. Ihm fiel alles aus der Hand. Der Aktenkoffer und das Brötchen.
Das Brötchen konnte Kim noch retten, er fing es auf halbem Wege. Der Aktenkoffer allerdings knallte auf den Boden und sprang auf. Die Blätter rieselten nur so heraus.
„Entschuldigung, es lag gewiss nicht in meiner Absicht Sie zu erschrecken!“, setzte Kim nach.
„Es ist dir aber trotzdem gelungen.“, entgegnete Herr Thelen und bückte sich zu seinem Koffer.
Das Geräusch war natürlich von allen Hausbewohnern gehört worden. Neugierig lugten sie aus der Küche.
„Kim!“, sprang Lin freudig auf.
„Guten Morgen, pünktlich um halb acht!“, rief Kim ihr zu.
Benny allerdings fiel die Kinnlade herunter. Vor Entsetzen, vor Grauen!
„Ich hole nur noch meine Schultasche!“ Dann verschwand Lin kurz.
Frau Thelen trat neugierig heran. „Du bist also dieser Kim.“, stellte sie fest.
„Sofern ich der einzige Bekannte mit diesem Namen bin, ja. Einen schönen Morgen!“ Kim verbeugte sich, exakt im neunzig Grad Winkel. Wie er es sich in Japan angewöhnt hatte.
Frau Thelen musste lachen. „Na, da habe ich dich ja wirklich gut getroffen!“
„Bitte? Ich verstehe nicht ganz.“, gestand Kim.
„So, da bin ich.“, kündigte Lin sich selbst an. Schwang ihren Rucksack auf den Rücken und hielt Benny seinen hin. Weil seine Grundschule genau neben ihrem Gymnasium lag, brachte sie ihn schultäglich bis ans Tor. „Jetzt beeil dich!“
Benny hörte sie gar nicht. Noch immer entsetzt starrte er Kim an.
Doch auch ihr Großvater war nun neugierig geworden. „Lin hat einen Freund?“ Gemütlich tappte er auf Kim zu und musterte ihn, wie ein Ganzkörperdetektor. „Hm, da hast dir ja einen wirklich gut aussehenden Jungen ausgesucht.“
„Opa! Seit wann begutachtest du denn meine Freunde?“, gab Lin patzig zurück.
Jäh veränderte sich der Gesichtsausdruck des alten Mannes. Es wurde finster und dunkel. „Er ist böse!“
Kim blickte ihn perplex an.
„Vater!“, zischte Frau Thelen, erschrocken über das was ihr Vater da von sich gab.
„Opa!“ Auch Lin war schockiert.
Benny jedoch erwachte aus seiner Starre. „Genau! Er ist böse!“
„Benny!“, zischte Frau Thelen erneut. „Sagt mal, was soll denn das?“
„Allerdings!“ Lin kochte geradezu vor Wut. Dann schupste sie Benny. „Du kannst alleine zur Schule gehen!“ Sie machte anstallten sich an ihrem Vater vorbeizudrängen und sich Kim anzuschließen.
Doch hektisch packte sie eine kleine Hand und hielt sie zurück.
„Du kannst doch nicht mit ihm mitgehen!“ Benny war fassungslos.
Lin schüttelte ihn ab. „Das kann ich und das werde ich!“
„Nein! Das darfst du nicht! Er…“
„Jetzt reicht es aber!“, wurde er von seiner ebenso wütenden Mutter unterbrochen. „Vater, wie kann man in deinem Alter nur so kindisch sein! Und Benny, du gehst jetzt mit Lin in die Schule und hörst sofort auf so gemeine Sachen zu sagen! Wenn dich jemand hört, meint er noch ich habe dich schlecht erzogen!“
„Nein, ich gehe nicht mit! Und Lin auch nicht! Bitte, Mama! Er ist böse!“
Lin schüttelte bitterböse den Kopf und trat durch die Tür. Demonstrativ! Demonstrativ griff sie nach Kims Hand und händchenhaltend zog sie Kim hinter sich her.
Bestürzt schoss Benny aus der Tür. Er konnte seine Schwester jetzt nicht alleine lassen! Sie war total geblendet! Sie war von diesem Bösen verhext worden!
Er musste sie beschützen!
Frau Thelen sah den Dreien hinterher. Und sah, wie sich Benny zwischen sie drängte, ihre Hände auseinanderriss und Lin zur Seite schob, möglichst weit weg von Kim. Lin hätte beinahe ihr Gleichgewicht verloren.
Frau Thelen fühlte sich irgendwie schuldig. Sie wusste, dass Lin der ganze Tag verdorben war.
„Das geht nicht gut!“, murmelte der Großvater in ihrem Rücken.
Wütend drehte sie sich zu ihm herum. „Vater, was sollte das?“
„Ihr…ihr habt es nicht gesehen!“, rechtfertigte sich Großvater. „Dieses Böse in seinen Augen!“
Frau Thelen drehte ihm den Rücken zu.
Herr Thelen hatte sich gesammelt. „Was war denn das gerade?“
Seine Frau seufzte. „Es hätte eine kleine Romanze werden sollen.“ Zornig schielte sie nach hinten. „Aber da konnte sich ja jemand nicht zurückhalten!“
Es war ihm leicht peinlich, die ganze Sache. Kim hatte sich das etwas anders vorgestellt.
Aber natürlich, es war sein eigener Fehler! Sicher, mit dem Greis hatte er nicht rechnen können, aber an ihren Bruder hätte er denken sollen!
Egal! Von niemandem ließ er sich aufhalten, von niemandem!
Er blickte zu Lin. Sie blickte verärgert zu Boden. Doch als sie seinen Blick auf sich spürte, blickte sie hoch und lächelte zierlich. Und rollte die Augen, als stumme Entschuldigung.
Er erwiderte ihr lächeln.
„Sieh Lin nicht so an!“, fauchte eine Stimme.
Nur einige Zentimeter weiter untern stierte ihn ein finsteres, zorniges Kleinkindgesicht an.
Benny drängte sich noch enger an seine Schwester um dem Feind zu zeigen, dass er Lin vor ihm beschützte, dass der Feind gar nicht versuchen sollte sich Lin zu nähern.
Kim war unglaublich wütend, doch er ließ sich äußerlich nichts anmerken. Er zuckte die Achsel und sah sich nach ihrer Schule um. Wann kam denn endlich die Grundschule? Damit er den Störenfried loswerden konnte!
Er musste irgendetwas gegen den Jungen tun! Das stand fest!
Vom Auto überfahren lassen? Im Schwimmunterricht ertrinken lassen? Von einem Blitz treffen lassen?
Nein, nein, nein. Der Bengel blieb besser am Leben! Kim musste das anders managen!
Irgendwie musste er es bewerkstelligen, dass Lins Bruder ihn akzeptierte, oder noch besser – mochte! Der Opa war egal, der starb sowieso bald, auf ganz natürlichem Wege. Ein paar Jahre hielt Kim mit ihm schon durch. Aber mit Benny musste er sich vertragen…
Endlich standen sie vor dem Tor zur Grundschule. Es war ein relativ neues Gebäude. Mit einer großen Schuluhr über der Eingangstür. Wie aus dem Bilderbuch.
„Also dann, bis heute Nachmittag.“, erwiderte Lin kühl und schüttelte ihren Bruder ab. Benny aber blieb stehen, ohne den anderen Ankömmlingen in den Innenhof zu folgen. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken seine Schwester jetzt alleine zu lassen.
Doch Lin ging bereits auf Kim zu, streckte schon langsam die Hand aus um –
„Nein!“, fuhr Benny dazwischen und hielt Lin wieder zurück. Um Kim anzufauchen: „Du darfst Lin nicht anfassen! Verstanden?“ Breitbeinig und mit verschränkten Armen baute sich Benny vor Kim auf. „Das lasse ich nicht zu, klar?“
Da begriff Kim, dass es keinen Sinn hatte, auf freundliche und nachsichtige Weise sein Ziel zu erreichen.
So schnell, dass Benny nicht den Hauch einer Chance hatte. Er packte den kleinen Quälgeist hart an den Schultern. Benny fuhr zusammen.
Ganz langsam ging Kim in die Hocke, damit Benny bewusst wurde was auf ihn zukam. Und damit Benny deutlich den schmerzenden Griff spürte.
Nun waren sie auf einer Augenhöhe.
„Jetzt hör mir mal zu und zwar ohne dazwischen zu funken!“ Kim sah Benny direkt in die Augen. Und seine Stimme war tief und leise. „Deine Schwester und ich sind zusammen - verstehst du das? Ab jetzt werden wir viel, sehr viel, zusammen machen. Wir werden ins Kino gehen, ins Schwimmbad, in Lokale, in den Park, in die Schule und so weiter. Und Lin wird sehr oft bei mir zu Hause sein und ich eben auch bei ihr!“ Mit vor Furcht aufgerissenen Augen blickte Benny zurück. Er war kreidebleich im Gesicht. „Wir werden uns also sehr oft über den Weg laufen und ein harmonisches Verhältnis wäre da mehr als angenehm. Findest du da nicht, dass es nur fair ist, wenn du dich auch etwas bemühst dich mit mir zu vertragen? So wie ich mich bemühe mich mit dir zu vertragen?“
Benny war viel zu eingeschüchtert um zu antworten.
„Findest du nicht auch?“, drängte Kim.
Benny nickte voller Angst.
„Na siehst du, wir fangen an uns zu verstehen!“ Kim ließ los und erhob sich. Benny zitterte am ganzen Leib. „So und jetzt schnell, dass du ja nicht zu spät zum Unterricht kommst.“ Er winkte Benny zu.
Ohne ein weiteres Wort, ohne einen weiteren Blick, machte Benny auf den Absätzen kehrt und rannte davon. Nur an der Eingangstür blieb er stehen und drehte sich um, doch Kim sah ihm immer noch nach. Ein Zucken fuhr durch Benny und er verschwand im Schulgebäude.
Lin hatte ebenfalls starr vor Schreck die ganze Szene beobachtet.
Nun war das endlich geklärt, keiner stellte sich ihm mehr in den Weg. Er hatte den Jungen jetzt genug eingeschüchtert.
Kim schnaufte zufrieden und wandte sich um.
Prompt bekam er eine geknallt.
Erschrocken verschwand Kim jede Genugtuung aus dem Gesicht. „Wofür war das denn?“
„Das war dafür, dass du meinem kleinen Bruder Angst eingejagt hast!“, entgegnete Lin. „Und das ist dafür, dass Benny es verdient hat!“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Aber wir sollten endlich los!“
Sie rannte den Weg voraus. Am Tor blieb sie stehen und winkte ihm lachend zu. Der Armreif funkelte bei jeder ihrer Bewegungen.
Kim lächelte.
Tief, in seiner schwarzen Seele, hallte es:
Jetzt gehörst du mir – für immer!
Dann setzte sich Kim in Bewegung.
