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Die Erben der Macht 2



Autor: Kim




12. Kapitel

„Nein! Nein, bitte! Nein!“, heulte der kleine Junge unentwegt. Ganon riss die kleinen Hände von sich, deren Fingernägel sich in seine Haut krallten. „Jetzt hör auf!“, schrie er den Jungen an. Aber es half nichts. Kim wehrte sich noch immer, strampelte und kratze und trat nach ihm. „Ich will nicht, ich will nicht!“ Er versuchte sich mit dem Bündel voranzuarbeiten, was schwerer war als er gedacht hatte. Sie befanden sich kurz vor dem Gerudotal, dort wo aus einem Sprung in der großen Felswand die Quelle herausfloss, die einen winzigen Teich nährte. Der schmale Holzsteg führte nach oben, zu der massiven Brücke über dem Abgrund. Man konnte den reißenden Fluss tief unten im Abgrund bis hierher hören. Thunder stand angebunden an dem Holzsteg. Ab und zu hob er vom Trinken den Kopf und verfolgte das Geschehen, blieb aber trotz der Schreie gelassen. Ganon, nur im Lendenschurz bekleidet, stand mit einem Bein bereits im Wasser. Es war schon schlimm genug gewesen seinen Sohn gewaltsam ausziehen zu müssen, aber jetzt weigerte sich der Bengel strikt sich zu waschen. „Das Wasser ist nicht tief, verflucht noch mal!“ Er hatte sich schon bis zur tiefsten Stelle hineinbegeben, gerade einmal bis knapp über den Bauchnabel, um Kim davon zu überzeugen, dass er nicht in Gefahr geriet zu ertrinken. Aber das Balg wollte einfach nicht wie er wollte! In diesem Moment packte er den nackten Kim unter den Achseln und zerrte ihn ins Wasser. Kim schrie wie am Spieß und trat und zappelte, wie ein Fisch es getan hätte, wenn er an Land gezogen worden wäre. Doch nur bis Ganon so tief ins Wasser gewatet war, dass es keine Aussicht mehr gab dem Wasser zu entkommen. Ganon, dem allmählich der Schmerz in den Gliedern pochte wollte so gutmütig sein und ihn ganz langsam in das eiskalte Wasser (was im Übrigen ja eigentlich völlig bedeutungslos war) herabzulassen. Doch Mit jedem Zentimeter, den Ganon ihn hinunterließ, zog er sich noch enger zusammen, er zog die Beine fest an sich, damit sie das Wasser nicht berührten. Ganon kochte vor Wut. „Kinder sind kein Geschenk – sondern eine Plage!“, spuckte er aus. Kim funkelte ihn beleidigt an. „Dich zum Vater zu haben ist nicht besser!“ Ebenfalls beleidigt warf Ganon ihn von sich und ließ ihn haushoch ins kalte Nass plumpsen. Panisch ruderte Kim mit den Armen und als er ins Wasser tauchte strampelte er panisch an die Luft. Seine Beine berührten den Boden und er bemerkte, dass er stehen konnte. Wenn ihm auch das Wasser bis zum Kinn reichte. Den Schock hatte er noch nicht verarbeitet. Genau aus diesem Grunde fing er von neuem an zu weinen. Entnervt verdrehte Ganon die Augen. „Hör auf zu Jammern!“ Gleich darauf wurde Kims Kopf unter Wasser gedrückt. Panisch schlug er mit den Armen. Sein Kopf wurde wieder nach oben gezogen. „Na? Hast du dich jetzt beruhigt?“, spottete Ganon. Kim riss sich los und stolperte wieder ins Wasser und wieder an die Luft, keuchend und hustend, und kämpfte sich ins seichtere Wasser und hinaus, ins Trockene. Ganon lachte ihm in den Rücken ehe er sich ins Wasser stürzte. Es war erfrischend und die erste echte Wohltat seit ihrer Reise. Eineinhalb Jahre waren sie unterwegs gewesen, recht zügig. Eineinhalb Jahre voller Unbequemlichkeit, Muskelkater, Kälte, Hitze, Schweiß und Dreck. Doch nun hatte alles ein Ende! Endlich! Eigentlich konnte Ganon es kaum erwarten sein Reich zu betreten. In sein Gemach, im heißen Wasser zu baden, sich Wein bringen zu lassen und dann in seinem sauberen Bett einzuschlafen. Vielleicht zuvor noch eine kleine Massage? Trotzdem hatte er seine Sehnsucht unterdrückt um hier Rast zu machen. Er konnte einfach nicht so stinkend, verschwitzt und verdreckt wie er war vor sein Volk treten, sein Stolz verbot es ihm. Er musste Haltung annehmen! Dazu gehörte ganz sicher Sauberkeit. Erfrischt stieg auch er aus dem Wasser und griff nach dem Mantel, mit dem er sich abtrocknete. Kim stand noch immer reglos da, mit vor der Brust verschränken Armen, und beobachtete ihn gallig. Das Wasser tropfte kontinuierlich an ihm herab. „Jetzt sieh mich nicht so an!“ Ganon fuhr ihm durchs Haar. Er hatte es selbst geschnitten. „Du kannst nicht verschwitzt und verdreckt vor all die Frauen treten!“ „Lass mich!“, zischte Kim. Ganon legte ihm den schweren Mantel um die Schultern und ging in die Hocke um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein. Kim war um ein großzügiges Stück gewachsen und sein Körper hatte rasch an Masse zugenommen. An Muskelmasse. Was seinen Wachstumsschub verursacht hatte. Das tägliche Training zahlte sich aus. „Jetzt hör mir mal zu! Wenn wir uns vertragen sollen, dann verlange ich von dir, dass du mir aufs Wort gehorchst!“ Kim stöhnte. „Langweilen dich meine Worte?“, äußerte Ganon verärgert. Kim antwortete nicht. Darum gab ihm Ganon eine Ohrfeige. „Ich habe dich gefragt ob dich meine Worte langweilen!“ Kim rieb sich mit giftigem Blick die Wange. „Nein, deine Worte langweilen mich nicht, mir ist nur aufgefallen, dass es immer die gleichen sind!“ Ganon zog eine Augenbraue nach oben. „So?“ Jetzt hatte Kims Frust ein Ventil gefunden. „Immer willst du was von mir! Ich soll dies machen und jenes und ich soll absolut gehorchen!“ „Und dir passt das nicht.“, paraphrasierte Ganon. „Ich muss immer geben, geben, geben! Ich will auch mal etwas bekommen!“ „Zum Beispiel?“ „Mehr Freiheit! Ich will nicht gezwungen werden! Wenn du willst, dass ich etwas für dich mache, dann frage mich! Außerdem will ich mehr Bewegungsraum! Ich darf mich gerade einmal zehn Schritte von dir entfernen ohne, dass du mich zurückpfeifst!“, sprudelten die Worte aus Kims Mund. „Mein Verstand ist genauso gut entwickelt wie deiner! Darum verlange ich unser beider Kompromissbereitschaft!“ Ganons Stirn legte sich in Falten. „Hm… Ich muss sagen, dass deine Worte außerordentlich klug sind.“ Er kratzte sich am Kinn. „Sehr einleuchtend.“ Kims Augen strahlten voller Hoffnung. Plötzlich erhob sich Ganon. „Leider hat dein Begehr einen Hacken!“ Kims Hoffnungen zerplatzten wie die kleinen Bläschen einer Schaumkrone, von denen es so viele an den Rändern der Seen gab. „Ich bin dein Vater! Erst das Zutun meines Freudensaftes hat dir die Ehre ermöglicht zu leben. Durch deine Adern fließt mein Blut – also gehörst du mir!“ Mit herrscherischem Gesicht zeigte er auf ihr Gepäck. „Und jetzt marsch und zieh dich an!“ Kim sah ihm mit bitterem Gesicht in die Augen, ehe er ohne weiteres Zögern gehorchte. Wütend aber ohne Widerworte. Währenddessen machte auch Ganon sich fertig und sattelte den Rappen. Kim war die restlichen hundert Schritte über ganz übellaunig. Wie eine leblose Puppe saß er im Sattel, die Arme vor der Brust, der Kopf gesenkt. Zu keiner Konversation mehr bereit. Nun, Ganon störte es herzlich wenig. Mit jedem Schritt stieg mehr und mehr Aufregung in ihm auf und eine unbändige Vorfreude machte sich in ihm breit. Endlich, endlich, endlich! Sie passierten das Eingangstor zu seinem Reich, ein einfacher Rahmen aus Holzbalken, mit dem Wappen des Wüstenvolkes darauf. Dann stieg er ab und ließ auch seinen Sohn absteigen, damit sie Seite an Seite den schmalen Pfad zur Festung hinaufstiegen. Noch immer trotzte Kim, aber das war nicht weiter schlimm. Kompromissbereitschaft, pah! Wer war er denn, dass er sich von einem Kind etwas vorschreiben ließ, wo ihm ein ganzes Volk unterstand. Er sorgte schon dafür, dass der Bengel ihm gehorchte! Als sie aber auf die erste Wache stießen war die skurrile Feindseeligkeit zwischen ihnen vergessen. Es war eine einfache Wächterin, in der rosanen Kleidung der Wächterinnen und mit dem Speer in der Hand. Sie erschrak sich nicht minderer als Kim sich erschrak. „Herr! Gebieter!“, rief sie aus. „Ihr seid zurück! Willkommen!“ Als sie Kim erblickte ließ sie vor Schreck ihre Waffe fallen. „Bei der ehrerbietigen Shjra! Das ist…das ist…“ „Hör auf zu stottern und kündige unsere Ankunft an!“ Ihr ganzer Körper zitterte. „Natürlich, verzeiht mir, Herr!“ Auf den Absätzen machte sie kehrt und rannte den Weg voraus. Den Speer hatte sie vergessen. Sie traten über die Waffe hinweg ohne sie zu beachten. Auf halbem Wege kam eine Dienerin, die sich ebenfalls ehrfürchtig verneigte und sie willkommen hieß. Sie war geeilt um ihm das Pferd abzunehmen und sich dann zu entfernen. Als sie den großen Platz vor der Festung erreichten, erwartete sie ein Empfang von dutzenden von Gerudofrauen, die ihre Tätigkeiten unterbrochen und sich an den Seiten aufgestellt hatten. Als Ganon an den Reihen entlang schritt fielen die meisten von ihnen auf die Knie und legten sich in den Staub. Bei den ganz Kleinen unter den Kindern, die es nicht richtig wussten, musste nachgeholfen und der Kopf hinuntergedrückt werden, sanft aber mit Nachdruck. Nur die ganz hoch gestellten Kriegerinnen unter ihnen wagten es sich lediglich tief zu verneigen ohne den Boden mit der Stirn zu berühren. Jedoch bei allen zeigte sich das gleiche Gesicht. Von Neugierde gepackt beobachteten sie den kleinen Menschen. Leise Tuscheleien schwängerten die warmfeuchte Luft. Kim kannte die Blicke schon, die auf ihm ruhten. Bei den anderen Gerudos in Termina war es genauso gewesen. Als ob sie so etwas wie ihn noch nie in ihrem Leben gesehen hätten. Nun ja, tatsächlich war es bei vielen so. Die Kinder und jungen Mädchen, die das Gerudotal noch nie verlassen hatten, hatten tatsächlich noch nie einen kleinen Jungen gesehen. Ganon, ihr König, war überhaupt der einzige Mensch männlichen Geschlechts, den sie je zu Gesicht bekommen hatten. Das Gefühl regelrecht exponiert zu werden schüchterte Kim ein. Auch wenn er keine Angst hatte, wohl fühlte er sich jedenfalls nicht. Die Festung war, ganz anders als in der Wasserfestung, direkt in den Stein gesprengt. Die Festung wurde nicht vom Canyon eingeschlossen, sie war der Canyon. Sie hatten den Eingang in die Festung nicht erreicht, da trat ein Trupp aus genau diesem Tor heraus. Eine Frau mittleren Alters, doch muskulös und anmutig, an der Spitze. Im Gegensatz zu den meisten der Gerudos, die ihr rotes Haar zu langen Pferdeschwänzen trugen, hatte sie kurz geschnittene Haare. Ihre Kleidung war weiß mit bronzenen Fäden bestickt. Auch sie trug den grünen Smaragd, wie Leleo, sie war auch von besonderem Stand. Hinter ihr her schritten vier Wachen, sechs Dienerinnen. Und ein Mädchen genau neben ihr. „Herr!“, sagte sie und blieb stehen. Die anderen Frauen und das Mädchen verbeugten sich tief. Sie auch, jedoch nicht so tief. „Es ist lange her. Ich bin froh, dass Ihr zu uns zurückgekehrt seid.“ Ganon sagte nichts darauf, darum wandte sich ihre Aufmerksamkeit Kim zu. Kurz war sie verwirrt, doch gleich wieder gefangen. „Ist er das?“, fragte sie ohne den Blick von ihm zu nehmen. „Ja, Dana.“, antwortete Ganon.

Dana verbeugte sich also vor Kim. „Dann heiße ich auch dich willkommen, kleiner Herr.“ Durch Kim fuhr ein Schauder. Er sah sich um, um ganz sicher zu gehen, dass nicht jemand anders gemeint war. Ganon packte ihn von hinten und schob ihn Dana entgegen. „Sorg dafür, dass er verpflegt wird. Er bekommt ein Gemach im obersten Stockwerk.“ „In Ordnung. Wenn ihr mir bitte folgt, ich lasse sofort Essen und Trinken auftragen…“ „Nein, ich bin zu müde! Ich will ein Bad.“ Erneut nickte Dana und wandte sich zwei Dienerinnen zu. „Geht!“ Sie verbeugten sich und verschwanden in der Festung. Dann wandte sie sich an das Mädchen. „Ashanti, du kümmerst dich um den kleinen Herrn!“ Sofort war das Mädchen Feuer und Flamme. Euphorisch verbeugte sie sich vor Ganon. „Wenn Ihr gestattet, Euer Gnaden.“ Eine Antwort wartete sie gar nicht ab sondern griff nach Kims Hand. „Folgt mir, ich zeige Euch die Festung.“ Kim war misstrauisch, nur zögerlich gab er nach. Sein Blick haftete an dem gigantischen Bauwerk, das tausenden von Jahren getrotzt hatte. Sie verschwanden im inneren des Felsens. Schweigend blickten sie den beiden Kindern nach. Bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann brüllte er: „Geht wieder an die Arbeit!“ Und die Menge stob auseinander, aufgeregt und verängstigt. Nur Dana blieb gelassen neben ihm und wartete ab. Als sie alleine waren und keinen Mitlauscher hatten, fragte er ernst: „Wo ist Naboru?“ Dana sah ihn ebenso ernst an. „Sie ist auf die Jagd gegangen, allein. Sie wird wohl erst bei Sonnenuntergang wiederkommen.“ „Gut.“ Ganon blickte die Felswand entlang. „Schick sie dann in das Gemach, das mein Sohn bekommt, ich erwarte sie dort bei Sonnenuntergang.“ Wie erschrocken erstarrte Dana. „Was ist?“, knurrte er. „Warum sagst du mein Sohn und nicht unser?“ „Weil ich sie verstoßen werde.“ Er setzte sich in Bewegung und trat ebenfalls in die Festung ein. Dana blickte ihm traurig hinterher. Diese Worte bedeuteten das Ende für Naboru.

Erst jetzt, da er sich entspannen konnte, spürte Ganon die Strapazen der Reise. Das Bad hatte unglaublich gut getan. Und eine alte Dienerin hatte ihn massiert. Er fühlte sich wie neu geboren. Wunderbar! Danach hatte er sich noch etwas von dem leichten Wein gegönnt, den sie selbst herstellten. Bevor er die restlichen Stunden über geschlafen hatte. Die letzten Stufen der großen Treppe stieg er empor. Im Gang hier oben waren keine Wohnquartiere, dafür war es zu heiß. Nur Waffenlager und Laderäume waren hier deponiert. Er öffnete die Tür ganz hinten im Korridor. Die untergehende Sonne durchflutete das kleine Zimmer. Gerade noch war dies ein Arbeitszimmer gewesen, da es hier oben besonders warm und trocken war. Ideal zur Konservierung von Pergamenten und Büchern. Darum standen hier viele Regale mit Büchern vollgestopft, Kisten mit Dokumenten und anderen Pergamenten. Ein Schreibtisch ruhte unterm Fenster. An die Wand hatte man ein einfaches Bett aufgestellt, ein provisorisches Gestell. Es war vorübergehend noch ein Abstellraum, doch die Arbeiten das Zimmer zu einem hochwertigen Gemach umzufunktionieren sollten ab morgen beginnen. Kim lag ausgestreckt auf dem Bett. Ein dickes Buch in der Hand. Nur einen kurzen Blick warf Kim ihm zu und konzentrierte sich wieder auf das Buch. Auch er war gebadet worden und hatte Kleidung aus leichterem Stoff erhalten. Ganon trat ans Fenster. Die Sonne war bis zur Hälfte hinter dem Horizont versunken. „Was sind das für seltsame Symbole?“, fragte Kim als er sich aufgesetzt hatte. Ganon setzte sich auf den steinernen Fensterrahmen. Als er antwortete drehte er sich nicht um, seine Augen überflogen noch immer den Platz. „Alle Bücher sind in der alten Sprache geschrieben. Ich werde sie dir schon noch beibringen.“ Kim klappte das Buch geräuschvoll zu. Eine Staubwolke schoss wie eine Stichflamme empor. Das weckte Kims Spiellust. Erneut klappte er das Buch auf und schlug es zu. Eine weitere Staubwelle flog auf. Doch dieses Mal hob er den Finger und wirbelte in dem Staub. Er setzte seine Magie frei und schloss den Staub in eine unsichtbare Magiekugel ein. Der Staub legte sich auf den Boden der Kugel und er schüttelte sie. Der Staub wirbelte auf in der Kugel. Kim kicherte. Natürlich hatte er gelernt mit seiner Magie umzugehen, wenn sie auch noch nicht sonderlich stark war. Aber sie entfaltete sich rasch. Im Schatten auf dem Platz sah Ganon eine Gestalt. Zügig kam sie auf die Festung zu. Er erkannte sie schon aus solcher Entfernung. Naboru. Er erhob sich vom Fensterbrett und nahm Kim das Buch vom Schoß. Kurz überlegte Kim sich zu wehren um seinen Meister zu ärgern und sich für heute Morgen zu rächen, doch er unterließ es lieber. Er wollte heute keinen Streit mehr und schon gar keinen bei dem er den Kürzeren zog. Ganon legte es beiseite. „Ich glaube du solltest dich jetzt ausruhen.“, sagte er mit der sanftesten Stimme, die er aufbringen konnte und streichelte dem Jungen über die Wange. Kim wurde sofort misstrauisch. Das kannte er von Ganon nicht. „Ich habe schon genug geschlafen.“, sagte er patzig und machte anstallten vom Bett zu springen. Aber Ganon hielt ihn fest und legte ihm die Hand auf die Stirn. „Schlaf.“, sprach er. Die magische Kugel löste sich auf und der Staub breitete sich in Kims Hand aus. Seine Augenlider fielen nach unten. Jegliche Kraft wich aus dem kleinen Körper. Ganon fing ihn auf, bevor er wegklappen konnte und legte das schlafende Kind behutsam aufs Kissen und deckte es zu. Dann trat er wieder ans Fenster und wandte dem Zimmer den Rücken zu. Der Abend war warm wie jeder Abend auch. Der Sand war noch nicht ausgekühlt. Doch schon bald kam die Nacht und mit ihr die eisigen Winde. Es wurde an der Tür geklopft. „Herein!“, sagte er. Dana öffnete die Tür. „Herr, Naboru ist jetzt da.“ „Sie soll eintreten. Und lass uns allein!“ Mit einem Nicken bedeutete Dana der Gestalt am Ende des Korridors herüber zu kommen. Gleichzeitig verbeugte sie sich ein letztes Mal und wollte gehen, doch er hielt sie noch einmal auf. „Ich habe es mir anders überlegt. Er bekommt ein Zimmer im Geistertempel.“ Irritiert war Dana. Keiner aus dem Gerudovolk lebte im Tempel, ja hatte überhaupt nicht die Erlaubnis sich länger als nötig dort aufzuhalten. Als ob überhaupt jemand dort leben wollte. Der Tempel lag inmitten der Wüste und wurde von den Geistern und Irrlichtern gehütet. Die ganz jungen Gerudos durften deshalb noch nicht allein zum Tempel laufen, denn die Geister schickten jeden, den sie nicht passieren lassen wollten in den sicheren und qualvollen Tod. Jahre dauerte es, bis sie eine Gerudo endlich ziehen ließen. Der Tempel war nicht anders. Auch dort spukten die Geister und er lag so abgeschottet vom Rest der Welt. Und dort sollte ein kleiner Junge leben? Wie ein Gefangener… Doch sie wusste, dass das jetzt nicht zur Diskussion stand und so verließ sie schweigend das Stockwerk. Naboru schloss die Tür hinter sich. Gleich darauf sog sie erschrocken die Luft ein. „Es ist also wahr!“, flüsterte sie aufgezehrt. Sie stürzte ans Bett. Ein kleiner Junge lag eingekringelt und schlief. Naboru erkannte ihn und ihr wurde das Herz schwer. Und doch musste sie sich die Sehnsucht eingestehen, nach ihrem Sohn. Und war so glücklich ihn wieder zu sehen. Liebevoll streichelte sie ihm über die Wange und flüsterte auf ihn ein. Ganon schaute ihr eine Weile zu. „Er wird nicht aufwachen.“, sagte er schließlich. „Ich habe ihn mit Magie betäubt.“ Erschrocken sah Naboru auf. „Was? Warum?“ Ohne auf ihre Frage einzugehen erhob sich Ganon. „Schau ihn dir gut an.“, sagte er. „Denn es ist das letzte Mal, dass du ihn siehst!“ Naboru erhob sich. „Was meinst du damit?“ „Ich werde morgen verkünden, dass du verbannt worden bist. Du hast diese Nacht Zeit mein Reich zu verlassen.“ In diesem Augenblick verschwand die Sonne ganz hinter dem Horizont. Der Sonnenstreifen, der auf der einen Hälfte von Naborus Gesicht geruht hatte, verschwand und das Gesicht legte sich ganz in die Finsternis. Nur die grünen Augen schimmerten leicht. Naboru verstand nichts. „Ich… Du…du verbannst mich? Ich verstehe das nicht. Warum?“ Ganon schritt zur Tür und seine Hand legte sich auf die Klinge. „Ich muss mich nicht rechtfertigen – geh!“ Die Verzweiflung brach auf sie ein. Denn Ganon meinte es ernst. „Aber…wo soll ich denn hin?“ Tränen flossen über ihre Wangen. „Das ist mir egal!“ „Warum, Ganon? Warum? Ich verstehe nicht. Du hast den Shiekastamm gefunden und du hast doch bekommen was du wolltest! Wozu richtet sich deine Wut noch gegen mich?“ „Ich kann dich nicht dulden! Du wirst dich gegen mich stellen und mich verraten!“, entgegnete er eiskalt. „Nein! Das stimmt nicht! Niemals!“, protestierte Naboru. „Ach ja? Und warum hast du dann unseren Sohn weggegeben?“ Naborus Mund zog sich zusammen. Sie wusste einfach nicht was sie machen sollte. Sie spürte wie sie am ganzen Leib zitterte. Sie war außerstande etwas darauf zu erwidern. Stattdessen sprach sie voller Verzagtheit: „Ich werde mich nie gegen dich stellen!“ „Doch! Du wirst mich verraten und zu meinem Feind überlaufen!“ „Nein!“ Nun begann Naboru wirklich zu weinen. Sie fiel vor Ganon auf die Knie. „Glaub mir! Ich…ich werde nie wieder ungehorsam sein. Bitte, Ganon! Schick mich nicht weg! Bitte werde wieder der als den ich dich kennen gelernt habe! Ganon!“ Und für diesen winzigen Moment sah sie ein Leuchten in seinen Augen. Ein warmes Leuchten, wie damals, als sie noch Kinder gewesen waren. Sie dachte wirklich sie hätte es geschafft. Sie dachte wirklich ihre Liebe war stark genug ihn wieder zu dem zu machen was er einst war. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er ihr Flehen erhört. Ganon beugte sich nach vorne. Seine Finger berührten ihr Gesicht und es war ganz warm. Ihre Lippen berührten sich, ganz kurz. Es war ihr erster Kuss und es sollte ihr letzter sein. Er riss die Tür auf. „Wenn du mein Reich nicht vor Sonnenaufgang verlässt werde ich dich zum Tode verurteilen!“ Ihre Ohren hörten, doch ihr Verstand nicht. Sie suchte nach diesem warmen Leuchten in seinen Augen. Es war nicht mehr da. Nur noch die gelbe Kälte. Da wusste sie, dass ihre Hoffnungen umsonst gewesen waren, dass die Vergangenheit für immer vergangen war und dass ihr nichts mehr blieb. Er sah weg, um sie zu demütigen. Naboru legte sich die Hände aufs Gesicht um so viel wie möglich noch davon zu wahren. Im Raum war es eiskalt geworden. Der Wind pfiff durch die Festung und sang sein Lied. Sie sprang auf die Beine und lief davon. Außerstande noch weiter zu ertragen was sie ertragen musste und ertrug. Die Nacht verschlang sie. Dann war es wieder vollkommen still. Als hielte ganz Hyrule den Atem an. Ja, selbst die Zeit. Etwas rührte sich. Es war der Junge, der mit beiden Händen das Kissen umklammerte. Auf seinen Lippen ein Lächeln. Weil er nicht wusste, dass er nicht nur eine sondern zwei Mütter für immer verloren hatte. Ganon schloss leise die Tür und setzt sich an den Tisch. Der Mond schien hell über der Wüste. Dann tat er etwas, dass er seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Er weinte, reglos und still.

Das war eine blöde Idee gewesen! Eine blöde, blöde, blöde – sehr blöde – Idee! Welcher Teufel hatte sie geritten, so etwas Dummes zu machen? Mit beiden Händen und blanken Füßen klammerte sie sich an das Kabel. Der Wind blies ihr unters Kleid. Ihr war eiskalt. Sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. So eingesperrt und abgeschottet. Ohne irgendeine Nachricht von außerhalb. Aus dieser Verzweiflung heraus hatte sie sich zu dieser blöden Idee hinreißen lassen. Sie hatte also Erika nach Schaumkugeln geschickt, weil sie angeblich ein Bad nehmen wollte und weil sie angeblich Hunger hatte sollte die gleich noch etwas zum Essen mitbringen. Naja, Hunger hatte sie wirklich. Sie hatte ja ständig Hunger. Sie kannte das Sättigungsgefühl gar nicht mehr. Darum hatte sie jetzt auch so einen Bauch. Dieses Baby! Als ob es alles was sie zu sich nahm aufaß und ihr nichts übrig ließ. Das war doch nicht normal, oder? Wenn sie doch nur mit jemandem reden könnte! Mit ihrer Mutter! Das wäre ihr am liebsten! Ihre Mutter könnte sie gewiss beruhigen, wo sie doch so eine riesige Angst hatte! Sie wurde regelrecht verrück, wenn sie nur daran dachte, dass das Kind bald kam. Sie hatte ihre Mutter mal gefragt ob es in ihrem Leben was Schlimmeres gegeben hätte als ihre Geburt – ihre Mutter hatte verneint. Und bei diesem Gedanken sollte sie sich beruhigen? Sie war ja nicht mal volljährig! Aber eine einfache Gynäkologin würde ihr reichen. Ganz sicher! Doch während der Tage in diesem goldenen Käfig hatte sie nicht eine Ärztin zu Gesicht bekommen. Warum nicht? Kim war sich so sicher, dass alles glatt verlaufen würde, dass es nicht einer medizinischen Voruntersuchung bedarf? Himmel und Hölle tut euch auf! Jedenfalls war sie aus dem Fenster geklettert und an dem Kabeln hatte sie sich nach unten gehangelt. Nicht einmal weit. Gerade einmal drei Handlängen vom Fenster entfernt. Sie hatte ja nicht einmal vorgehabt zu fliehen! Das war unmöglich! Wo sie doch nicht den Boden sehen konnte! Sie wollte nur einen kleinen Ausflug machen. Nur ganz kurz. Ach, sie wusste selbst nicht mehr warum sie das getan hatte. Denn nun war ihr die Kraft ausgegangen. Nach dem kurzen Stück nach unten hatten plötzlich die Bauchschmerzen und die Übelkeit wieder angefangen. Darum hatte sie zurückklettern wollen. Aber aus ihrem Körper war alle Kraft gewichen. Lin hatte gerade genug sich festzuhalten. Doch auch dafür begann sie zu schwächeln. Diese Anfälle hatte sie in letzter Zeit sehr häufig. Manchmal wurde sie sogar bewusstlos. Und wenn sie jetzt bewusstlos wurde, es wäre ihr sicherer Tod. Während ihr Schweiß und Tränen das Gesicht hinunterperlten, suchten ihre Füße sicheren Halt. Sie musste irgendwie wieder nach oben gelangen. Ihre Hand zitterte. Lin wusste, dass sie es nicht schaffte. Sie war sich so sicher. Gleich gaben ihre Hände nach. Es war eine so blöde Idee gewesen! Aber wenigstens…Kim konnte seine Aufgabe nicht mehr erfüllen, weil mit ihr ein wichtiger Teil starb – das Kind. Ja, sie gab auf. Das erste mal in ihrem Leben. Ihre Hände gaben nach. Ihr Körper löste sich vom Turm und fiel in die Tiefe. Schmerzlich kam ihr ihr letzter Fall wieder in den Sinn. Damals, als sie über die Brüstung gefallen war. Das war vor hundert Jahren gewesen, wenn man es pingelig genau nahm. Das war ihr zweiter Fall, genauso tief. Damals hatte sie eine riesige Eule gerettet. Heute nicht. Damals hatte sie die Schläge der Flügel so unbeschreiblich laut gehört. Heute nicht. Heute hörte sie ein gänzlich anderes Geräusch. Ein widerliches Geräusch, als schlänge sich eine riesige Schlage durch den feuchten Matsch. Ehe sie sich versah, saß sie im schwarzen Schleim. Eine Ranke war aus dem Turm geschossen. Wie in einem Rettungstuch wurde sie aufgefangen, der Schleim gab nach und ihr Schwung wurde abgefangen. Sie saß in einem Netz. Nur über ihr gab er den Himmel frei. Oh, verdammt! „Ah, was für ein Vögelchen haben wir denn gefangen?“, lachte eine Stimme über ihr. Sie fuhr zusammen und sah auf. Ein kantiges Männergesicht war in der Öffnung erschienen. Eine Fliegerbrille auf die Augen gedrückt und eine Kappe auf dem Kopf. Leichter Bartwuchs. Der Misch aus Alt und Jung war albern. Als er sie erkannte, erschrak sich auch der Mann. Das Grinsen verging ihm gewaltig. „H…Herrin? Was…? Ich bringe Euch zum Herrn!“ Lin sprang auf. „N…“ Der Schleim zog sich zusammen, sie war eingeschlossen. „…ein…“ Schwach klappte sie in sich zusammen. „Nein, verdammt! Nein!“ Sie legte sich die Hände auf die Augen. Jetzt brachte dieser Mann sie zu Kim. Und was würde dann geschehen? Es würde nicht ausreichen Kim zu sagen, dass sie, als sie ihr Versprechen ablegte, die Finger überkreuzt hatte. Ganz gewiss nicht. Was sollte sie denn nur tun? Dieses verdammte Baby! „Du blödes Kind!“, fluchte sie. „Kriegst du nie genug? Warum hast du nicht noch etwas warten können!“ Danach tat es ihr schon leid. Sie streichelte sich über den Bauch. „Ich habe es ja nicht so gemeint.“, sagte sie sanft. „Aber du hast mich jetzt in große Schwierigkeiten gebracht!“ Nein, Lin. Das stimmt nicht! Du hast dich selbst in Schwierigkeiten gebracht. Du hättest gar nicht erst aus dem Fenster steigen sollen! Dumm, dumm, dumm! Sie lehnte sich seufzend zurück. Jetzt konnte sie nur noch abwarten was passierte. Aber wie könnte Kim ihr böse sein? Schließlich hatte er nicht nur ein kleines Versprechen gebrochen, er hatte sie verraten, betrogen, für seine Zwecke missbraucht! Gerade er hatte kein Recht jetzt auszurasten! Ja, genau! Bewegung kam in den Schleim. Also setzte sich Lin mit voller Würde auf. Vorbereitet auf alles! Der Schleim wich und gab den Blick frei. Auf einen einfachen kleinen leeren Raum. Kim stand vor ihr. Die Hände vor der Brust verschränkt, die Schultern hängend und das Gesicht ausdruckslos. „…hierher gebracht.“, beendete der komische Mann seinen Bericht. Lin wandte sich zu ihm um. „Was soll das? Wer bist du?“ Mit einem Grinsen, das gleiche wie zuvor, nahm er die Kappe vom Kopf und verbeugte sich. „Tom Salmann, Herrin. Ich bin für den Fluss der Magie im Hauptturm zuständig. Es ist mir eine Ehre!“ „Gut, du kannst jetzt gehen.“, sagte Kim noch immer ausdruckslos. „Jawohl, Herr.“ Der Mann schenkte ihr ein letztes Lächeln – und sprang tatsächlich aus dem Fenster. Schockiert stürzte Lin zum Fenster. War der Mann lebensmüde? Doch als sie nach unten blickte, stand da der Mann auf einem Vorsprung, der direkt aus dem Turm herausstach. Gerade zog er ein Instrument aus seinem Gürtel als er ihren Blick sah und fröhlich winkte. Dann ging er einfach davon. Unter jedem seiner Schritte bewegte sich die Außenwand, sie trat hervor, als bilde sich direkt ein Weg für ihn. Und er trat nach vorne als sei es selbstverständlich. Er verschwand aus ihren Augen. Irritiert wandte sie sich ab. „Ich bin wirklich dumm.“, lachte Kim. „Wie habe ich nur eine Sekunde glauben können, dass du es tatsächlich ernst meintest als du mir dein Versprechen gabst. Ausgerechnet ich hätte so einem Versprechen doch nicht trauen dürfen!“ „Kim, ich…“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. „SCHWEIGGGGG!“, brüllte er und in diesem Moment entstand ein Wind so mächtig, dass sie einfach von den Füßen gerissen wurde. Und unter seinen Füßen konzentrierte sich die Magie seiner Wut so stark, dass der Marmor zerbrach und die Risse, klaffenden Wunden gleich, sich den Boden und die Wände entlang schlängelten und bis zur Decke, und das Licht anfing zu flimmern. Ein Stück von der Außenwand am Fenster brach heraus und stürzte in die Tiefe. Doch Lin konnte es nicht einmal sehen weil der Wind ihr wild in die Ohren blies und sie ihr Gesicht vor dem Staub und dem Bröckeln der Wände schützen musste. Sie hatte so furchtbare Angst. Der Wind ließ nach und erstarb allmählich. Und Lin wagte es aufzublicken. Doch sie wünschte sich sie hätte es nicht getan. Kim stand über ihr und sah sie aus kalten Augen an. Aus diesen glühend roten Augen. „Ich habe dir vertraut und du hast mich hinter meinem Rücken bloßgestellt! Aber wenn du es nicht anders willst – ich bringe dir schon noch Gehorsam bei! Du wirst mir gehorchen und wenn ich dir dafür Schmerzen zufügen muss werde ich das tun!“ Sie öffnete den Mund, doch er wartete nicht ab. Er packte sie am Unterarm. Ein Schmerz pulsierte sofort auf. Kim zerrte sie auf die Beine und mit sich hinaus. Lin wurde grob den Gang entlang gezerrt, sie hatte mühe mitzuhalten. Aber das war nicht das was sie schockierte. Es war seine Hand, die ihre Haut berührte. Sie konnte ihn genau sehen, den Fluss der Magie. Kim war es nicht bewusst, aber er war so aufgebracht, dass er nicht merkte wie ihm seine Magie entzogen wurde. Aber Lin sah und spürte es, wie die Magie aus seinem Arm gezogen und in ihren überging, durch ihren Leib, bis sie sich in ihrem Bauch konzentrierte. Das ungeborene Kind sog alles auf und durch seine Magie wurde es angeregt. Sie fühlte wie es aufgeregt trat und sich wand. Und an ihrer Lebenskraft zog wie an einem Schnuller. Stärker als jemals zuvor und stärker als sie ertragen konnte. „Kim!“, versuchte sie. „Warte…bitte bleib stehen!“ Doch er hörte ihr nicht zu. Er ignorierte sie und zog sie weiter. Auf dem Flur kamen ihnen drei Gestalten entgegen. Zwei Männer und eine Frau. Als die Leute sie entgegenkommen sahen wollten sie ausweichen, doch es war schon zu spät. Kims freie Hand fuhr nach vorne und ein magischer Wind stieß durch den Gang. Nur einer der Männer schaffte es rechtzeitig zur Seite zu springen. Die anderen beiden wurden in die Luft gehoben und gegen die Wand geschleudert. Mit schmerzverzerrten Gesichtern und großer Angst zwängten sie sich gegen die Wand um ihnen Platz zu machen. Mit einer zitternden Verbeugung und gesenktem Kopf. Nur der eine Mann sah nicht weg. Es war Raik, der ihr direkt in die Augen blickte. Ohne Mitleid. Sie traten in einen runden Raum, hell erleuchtet. Hier blieb Kim abrupt stehen. Die Tür ging zu und der Raum setzte sich in Bewegung, nach oben. Es war ein Aufzug. Während sie warten mussten versuchte sie Kims Hand von sich zu lösen. Denn langsam entglitten ihr alle ihre Kräfte. Sie konnte schon nicht mehr klar denken. Schwindel war in ihrem Kopf. Und Übelkeit. „Kim, hör mir doch zu!“, versuchte sie ein weiteres Mal an seine Aufmerksamkeit zu gelangen. „Bitte, lass mich los. Kim…“ „Sei still!“, zischte er sie bitter an. „Aber, hör mir…“ „Sei endlich still! Ab jetzt wirst du nur noch reden wenn ich es erlaube, wie jeder mir Unterstehende! Du magst eine bevorzugte Stellung haben, aber ich bin dein Herr und du hast mir zu gehorchen!“ Sie verstand seine zornigen Worte kaum. Ihr Blick haftete noch immer auf seiner Hand aus der unentwegt Magie in sie überfloss. Sie war so schwach. Der Aufzug blieb stehen. Vor einem großen Tor. Ein Siegelkonstrukt wand sich darum. Mit einer Handbewegung Kims setzte es sich in Bewegung. Die Zahnräder drehten sich, die Metallriegel verschoben sich, die Drähte klickten sich ein. Das Tor schwang auf. Eine völlig aufgelöste Erika kam ihnen entgegen. Das Netz mit frischen Schaumkugeln in der Hand. Sie wirkte, als sei sie aus lauter Sorge beinahe dem Wahnsinn verfallen. „Herr! Oh, Herr! Ich…ich war nur kurz…und dann war sie nicht…ich habe überall gesucht…aber sie…“ Kim achtete nicht auf sie. Stattdessen stieß er Lin in den Raum hinein. Lin hätte beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre gestürzt. Vor ihren Augen zerfloss das Bild wie ein Ölgemälde, das man mit Toxin übergossen hatte. Ihr Bauch! Sie hatte so wahnsinnige Schmerzen! Erika erfasste ihren körperlichen Zustand sofort. „Oh nein, Lin!“, sagte sie, Kim hatte sie fast vergessen. Sie wollte auf Lin zueilen um sie zu stützen. „Lin, geht es dir nicht gut?“ Da stockte Kim und sah sie verwundert an. Für einen kurzen Moment verschwand das Rot aus seinen Augen. Wie angewurzelt blieb nun Erika stehen und wagte es nicht zu atmen. „Habe ich richtig gehört? Hast du meine Frau gerade geduzt? Hast du sie angeredet wie irgendein Mädchen auf der Straße?“ Dann war das Rot wieder in seinem Antlitz und er war zorniger denn je. „Wie kannst du es wagen! Sie ist deine Gebieterin!“ Damit streckte er ihr seine Hand hervor und der Wind fegte sie vom Boden gegen die gegenüberliegende Wand. Die Kugeln entglitten ihrer Hand und zerbrachen. „Ihr seid beide das Respektloseste was mir je unter die Augen getreten ist und darum werde ich euch strafen!“ Damit hob er die beiden Arme. Seine glutroten Augen durchdrangen den gesamten Raum. Im Zimmer wütete der Wind. Die Flammen der Kerzen wurden erstickt, die Asche in den Räucherschalen aufgeweht, so manches empfindliche Fläschchen wurde von der Kommode gerissen und zerschellte am Boden. Die Wände im Zimmer gerieten in Bewegung. Am Fenster und an der Tür. Der Schleim fiel über Fenster und Tür her – und verschlang sie, gnadenlos. Bis kein Loch in der Wand mehr übrig war, keine Luke zur Außenwelt. Keine Hoffnung. „Keine von euch wird diesen Raum verlassen ehe das Kind geboren ist! Und du!“, seine Stimme war eiskalt vor Zorn, als er ein letztes Mal zu Lin blickte. Er sprach es schließlich im Zorn. „Du wirst diesen Raum nie mehr verlassen!“ Mit Genugtuung wurde sein Körper pechschwarz. Und war verschwunden. Von einem Moment auf den anderen. Sie hatten das Schlimmste überstanden. Das glaubte Erika. Aber Lin wusste es besser. Das Kind hatte sich nicht beruhigt. Und tat es nie mehr. Es war so aufgebracht. Lin presste sich die Hände auf den Bauch. Die Schmerzen klangen nicht ab. Erika hatte sich inzwischen aufgerappelt und schweigend begonnen die Scherben aufzusammeln. „Erika!“, hauchte Lin. „Erika…es…tut mir…leid.“ „Herrin, Ihr solltet Euch hinlegen und ausruhen. Die Flucht muss sehr ermüdend für Euch gewesen sein.“, sagte sie kalt und sachlich. Man hörte den Schmerz in ihrem Rücken durch das leichte Zittern ihrer Stimme. „Erika! Ich bitte dich!“, keuchte Lin. „Herrin, bitte legt Euch hin, dann könnt Ihr uns wenigstens nicht in Schwierigkeiten bringen!“ „Eri…k…“ Doch Lin brach zusammen bevor sie hatte sprechen können. Aus ihrem Mund rann Blut. Als Erika sie sah, da ließ sie entsetzt die Scherben wieder fallen. „Lin! Oh mein Gott!“ Sie rannte zu ihr. „Lin! Es tut mir leid! Verzeih mir, ich hätte auf dich aufpassen sollen! Es ist meine Schuld! Du kannst nichts dafür, du wolltest schließlich nur deine Freiheit zurück. Es ist alles meine…“ „Ich…kriege…keine Lu…“ Die Frau legte sie hin, ihren Kopf im Arm. „Sprich nicht und amte ganz langsam.“ Erika war in Panik, sie war Krankenschwester, aber einen solchen Zusammenbruch hatte sie noch nie erlebt. Sie fasste Lin an die schweißnasse Stirn. „Du hast Fieber!“ Die Stimme kam aus weiter Ferne. „Diese Schmer…zen…“ „Lin! Du musst dich ins Bett legen! Lin, hörst du mich? Bleib wach! Bleich wach, Lin!“ Dann wurde alles schwarz…

Fast zwei Wochen waren sie außer Gefecht gesetzt. Denn Vivi war zu schwach gewesen überhaupt aufzustehen. Und dann war da noch das hohe Fieber gekommen. Sie hatten wirklich gedacht, dass Vivi sterben würde. Und das Problem mit dem Arzt! Herr Stone, in dessen Haus sie Einzug genommen hatten, musste einen Arzt auftreiben, der nicht allzu viele Fragen stellte. Wer würde ihnen schließlich ihre Story abkaufen, auch wenn es der Wahrheit entsprach? Doch nach zehn Tagen Bettruhe war das Fieber abgeklungen und Vivi stetig stärker geworden. Und sie hatten sich beruhigen können. Besonders Dan, der wie im Wahn war. Die verlorenen Tage setzten Benny jedoch stark unter Druck. Er spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Und an diesem Tag sollte er es sicher wissen. Gerade saßen sie am Tisch. Auch Vivi hatte sich dazugesetzt. Sie wirkte noch etwas müde, doch sonst war sie wieder die Alte. Herr Stone hatte ihnen Kakao und Kekse bringen lassen und bis auf Benny, der sich wie bei seiner Oma fühlte und kräftig zuschlug, kamen sich alle veräppelt vor. „Also“, begann Herr Liebgraf die Runde. „Ich habe mir so manchen Gedanken über das fremde Mädchen gemacht, dass ihr beide gesehen habt.“ „Über das blauhaarige Mädchen?“, versicherte sich Vivi mit schwankender Stimme. Liebgraf lächelte. „Ja. Was hat sie noch einmal gesagt?“ Vivi öffnete den Mund, doch Alexa kam ihr zuvor: „Dass wir als das erwachen müssen was wir sind und dass die Göttin unsere Hilfe braucht.“ „Genau! Ich habe mir Gedanken über diese Göttin gemacht.“, fuhr Herr Liebgraf fort. „Und die wären?“ „Nun, wir suchen eine Göttin, ja? So etwas wie Aphrodite, Artemis oder Athene?“ Benny kratzte sich am Kopf. „Wie?“ „Das sind Göttinnen der Griechen.“, erklärte Dan ihm. Benny schüttelte den Kopf. „Nein! Im alten Hyrule gab es nur drei Göttinnen.“ „Ja“, erwiderte Alexa. „Din, die Göttin der Kraft; Nayru, die Göttin der Weisheit und Farore, die Göttin des Mutes.“ „Aber das blaue Mädchen sprach nur von einer.“, wandte Vivi ein. „Woher sollen wir wissen welche gemeint ist?“ „Das ist es, worauf ich hinaus wollte.“, sagte Liebgraf. „Vielleicht suchen wir gar keinen Gott.“ Die Drei rissen die Augen auf. „Was?“ „Nunja…“ Herr Liebgraf legte sich die Worte zurecht. „Vielleicht suchen wir nach einem weiblichen Herkules.“ „Herkules?“, fragten Vivi und Alexa gleichzeitig. Dan nickte verständig. „Herkules war der Sohn von Zeus und einer einfachen Menschenfrau, dass heißt er hatte zwar göttliche Kraft, war aber sterblich.“ „Und was soll das jetzt heißen?“, bohrte Vivi nach. Dan verschränkte die Arme. „Wir suchen einen Menschen, der zwar keine Göttin aber gottgleich ist!“ Vivi und Alexa sahen sich irritiert an. „Oh mein Gott!“ Geräuschvoll fiel der Stuhl nach hinten um. Benny war auf die Beine gesprungen. „Lin!“ Herr Stone, der ja von alldem nichts verstand, erschrak sich fast zu Tode über seine heftige Reaktion. „Deine Schwester?“, fragte Vivi erstaunt. „Sie…sie…“, stotterte Benny fassungslos. „Sie hat doch das Triforce in ihrem Körper! Das Triforce ist das Relikt der drei Göttinnen…“ „Und jeder der es besitzt, dem werden alle seine Wünsche erfüllt.“, fuhr Liebgraf fort. „Damit ist der Besitzer so mächtig wie ein Gott!“ „Dann ist Lin also die Göttin nach der wir gesucht haben?“, fragte Alexa nach. „Aber das ist ja schrecklich!“, krächzte Vivi. „Sie ist doch in der Hand des Feindes! Wenn er das Triforce durch sie jetzt…“ „Nein, keine Sorge.“, entgegnete Benny. „Sie kann nicht mit Magie umgehen. Das Triforce nützt ihm nichts.“ Plötzlich fiel Alexa was ein. „Aber wozu braucht dieser Kim deine Schwester dann?“ Benny erstarrte mitten in der Bewegung. Ja, wozu eigentlich? „Ich habe keine Ahnung… Er…“ „Ich meine, Liebe allein reicht nicht. Er ist doch der Böse. Und wir wissen ja alle was aus der Affäre zwischen Paris und Helena hervorgegangen ist. Troja ist untergegangen!“ „Vielleicht hat er ja eine Möglichkeit gefunden das Triforce zu bekommen.“, überlegte Dan. „Vielleicht lässt er es ihr herausoperieren. Wie eine Niere oder so.“ „Igitt!“, fuhr Vivi auf. „Musst du so was jetzt sagen!“ „Nein! Das geht nicht!“, schlug Benny ab. „So kann man Magie nicht aus einem Körper herausbekommen.“ „Und wie dann?“ Benny zuckte die Achseln. „Keine Ahnung.“ „Keine Ahnung, keine Ahnung.“, äffte Vivi. „Weißt du überhaupt etwas?“ Das saß. Benny schrumpfte auf seinem Stuhl zusammen. Er wusste tatsächlich nichts. Er hatte ja nicht mal gewusst was für ein falscher Hochstapler Kim war. Und dass er es auf Lin abgesehen hatte. Und dass er alles geplant hatte. Und, und, und. Die Liste konnte ewig so weitergehen. Von einem Moment auf den anderen – fing Benny an zu heulen. Hemmungslos und laut. „Du hast Recht! *heul* Ich bin zu überhaupt nichts zu gebrauchen! *wein* Ich wünschte ich wäre tot!“ Die Anwesenden fuhren schockiert auf. „What’s happen?“, fragte Stone, ganz erstaunt über Bennys Ausbruch. „Vivi!“, klagte Dan seine Schwester an. Während Alexa den Arm um Benny legte und ihn tröstete, sie böse anfunkelnd. Trotzig lehnte Vivi sich zurück. „Ist doch wahr! Wir haben nicht einen Anhaltspunkt! Wir wissen weder wo das blaue Mädchen ist noch wo dieser Hauptturm sein soll. Was können wir schon ausrich…“ Jäh verdunkelte sich der Himmel. Von einen Moment auf den anderen. „Eine Sonnenfinsternis?“, staunte Dan. „Niemals!“ Sie stürmten ans Fenster. Man sah gar nichts. Von draußen hörten sie mehrere knallende Geräusche und laute Schreie. Ganz in ihrer Nähe hatte es mehrere Unfälle gegeben, verursacht von dieser plötzlichen Finsternis. Mühsam gingen die Straßenlaternen an. Mitten am Tag hatte sich die Sonne verdunkelt… In diesem Moment, da alle erschrocken zum Himmel hinaufblickten und die Wetterexperten und Astronomen ratlos auf ihre empfindlichen Instrumente starrten – erglühte in der Spitze des hiesigen schwarzen Turmes, der so nahe war, dass sie ihn hier, im ersten Stock, im Fenster sehen konnten, in einem gleißenden Licht. Nur die Spitze glühte, dort wo sich der Chip befand. „Mein Gott!“, keuchte Vivi. „Was passiert…?“ Plötzlich erstrahlte der ganze Turm. Die Magie schoss aus dem Chip heraus und davon, durch den Turm und in die Finsternis der Erde. In Bahnen dorthin, wo sie erwartet wurde… Dann war es so schlagartig wieder Tag, dass ihre Augen schmerzten. Es war alles wie zuvor, als ob nichts geschehen wäre. Halt! Nicht ganz alles! Der Turm selbst war in sich zusammengebrochen und hatte sich in eine dicke Rauchwolke aufgelöst. „Wow!“, stieß Dan hervor. „Was war denn das?“ Alle staunten – alle bis auf Benny. „Nein!“, schrie er. „Nein, das darf nicht sein!“ Die Selbstvorwürfe waren vergessen, die Tränen getrocknet. „Was ist?“, fragten Vivi und Alexa wie aus einem Munde. „Er hat begonnen!“, stieß Benny hervor. „Uns bleibt keine Zeit mehr!“ „Wie?“, auch Herr Liebgraf drohte die Fassung zu verlieren. „Wie viel bleibt uns noch?“ „Vielleicht ein paar Tage, aber ich kann das nicht schätzen.“ Benny schuppste sie aus dem Weg und eilte zu seinem Rucksack. Seine Hände kramten brutal darin herum. „Was machst du, Benny?“, fragte Vivi. Benny schlug das Tagebuch auf und kritzelte unruhig in irgendeiner willkürlich ausgewählten Seite herum. LINK! LINK, ANTWORTE! „Ich brauche doch Hilfe…“, murmelte er. Benny! Zum Glück!, schrieb seine Hand. Er hätte gleich wieder Heulen können vor Glück. Link! Warum hast du nicht… Doch dieses t ging gleich in ein anderes Wort über. Das ist jetzt unwichtig. Es bleibt nicht mehr viel Zeit! Aber was soll ich tun? Hilf mir! Ich kann dir nicht helfen! Das ist nicht mehr unser Kampf, weder meiner noch Ganons. Aber was soll ich machen? Ich habe gar nichts! Wie soll ich ihn besiegen? „Benny? Geht’s dir gut?“, fragte Dan. „Halt die Klappe!“, brüllte Benny ihn an. Dan erschrak. „Oh, he is concentrated on!”, stellte Stone fest. Ich habe Ganon mit den Lichtpfeilen besiegt! Du brauchst sie! Woher bekomme ich sie?
In der Zitatelle der Zeit…
Wo ist sie?
Diese Zitatelle gibt es nicht mehr!
Aber…
Halte dich an den Helden des Windes! Er weiß wo sie ist!
Wer?
Benny, ich kann mich nicht mehr einmischen. Tut mir leid.
Aber Link!
Die Spitze des Kugelschreibers stach in seinen Handrücken. Er schrie auf und kippte nach hinten um. Die losen Blätter des Buches verstreuten sich um ihn herum. „Gott, Benny!“, stieß Alexa besorgt hervor. Doch Benny rappelte sich eilends auf. „Wir brauchen die Lichtpfeile!“ „Die was?“, stieß Dan verblüfft hervor. „Wir müssen zur Zitadelle der Zeit! Jetzt!“ „Der was?“ „Sag mal bist du taub?“, brüllte Vivi ihren Bruder an. Zu Benny sagte sie: „Und wo ist die?“ Benny stockte. „Ich…weiß es nicht. Wir sollen uns an den Helden des Windes halten…“ „Held des Windes?“, staunte Herr Liebgraf. Bennys Hoffnung schwang. Er war sich sicher gewesen, dass Herr Liebgraf auch ihn kannte. „Hast du noch nie davon gehört?“ „Doch, ich glaube ich habe einmal irgendwo von ihm gelesen. Aber…ich kann mich nicht entsinnen. Stone, my friend, has you ever heard from the ‘hero of wind’?“ „Hero of wind? My friend – of course!”, antwortete Herr Stone. „You can say he is the American vision of the hero of time!“ Stone lachte. Dann begann er eifrig zu erzählen. Seine Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Herr Liebgraf und die anderen lauschten interessiert. Nur Benny sah ungeduldig von einem Gesicht zum anderen. Er verstand kein Wort. Als Stone geendet hatte, war endlich er an der Reihe. „Mein Freund erzählt“, begann Liebgraf zu übersetzen. „Es war viele Jahre nach der Regierungszeit des Helden der Zeit. Damals gab es eine neue Bedrohung, eine dunkle Macht, die ganz Hyrule bedrohte. Es war eine Hexe aus Termina, die sich der schwarzen Magie der Majoramaske – du weißt was das ist? – bedient hatte. Weil die Leute wussten, dass Link die Maske schon einmal besiegt hat, gingen sie dagegen vor. Das Problem war nur – Link war seit Jahren tot und auch seine Kinder und deren Kinder. Darum war das Wissen um die Maske verloren gegangen und die Übermacht der Hexe bedrohte bald auch die Nachbarländer Hyrules. Deshalb beteten die Priester zu den Göttinnen sie mögen das Böse für immer vernichten. Sie erhörten Hyrule. Doch es hatte seinen Preis – Hyrule ging mit dem Bösen unter. Dazu musst du wissen, zu dieser Zeit war die Welt ein einziger großer Kontinent. Dieser Kontinent wurde zerschlagen, nein, nicht in unsere fünf Kontinente, in viele tausend kleine Inseln. So wurde das Übel der Majoramaske für immer verbannt. Nur war die Welt zerstückelt. Darum erschufen die Göttinnen den Turm der Götter! Einer, der sich als würdiger Held erweisen würde, sollte die Prüfungen in diesem Turm absolvieren und wenn er sie besteht, so sollte sich auch die Welt wieder zusammenfügen. Und hier kommt der Held des Windes ins Spiel. Es war ein kleiner Junge in grüner Kleidung, der diese Prüfungen meisterte. Als er die Glocke auf der Turmspitze läutete fügten sich die winzigen Inseln zu unseren heutigen Kontinenten zusammen.“ „Dann war es also Links Nachfahre aus früherer Zeit?“ „Nein, dieser Junge hatte nichts mit dem Helden der Zeit zu tun. Sie waren nicht verwandt.“ „Und weiter? Wie sollen wir uns an diesen Helden halten, wenn er nichts mit Hyrule zu tun hatte?“ Bennys Arme fuchtelten wild in der Luft herum. Liebgraf gab die Frage weiter. Stone antwortete ihm noch euphorischer. „Stone meint hier an der Küste gibt es eine alte Ruine, die ’Tempel des Windes’ heißt. Es ist ein Denkmal, das der Held des Windes zu Ehren seines Vorbildes, den Helden der Zeit, hat errichten lassen. Es heißt, dort stand einmal eine alte Kirche, in der das Masterschwert seinen Sitz hatte.“ „Die Zitadelle der Zeit! Das ist sie!“, stieß Benny aus. Das war es! Eine Spur! Endlich konnten sie etwas unternehmen! „Lasst uns sofort aufbrechen!“ Vivi und Alexa sahen sich an… Versteckt, ganz in ihrer Nähe, beobachtete der Spion sie noch immer. Die Spiegelscherbe hatte er auf Benny gerichtet. Wäre es eine einfache Spiegelscherbe gewesen, hätte sie ihn verraten. Schließlich reflektierte Spiegelglas. Doch es war ja keine gewöhnliche Spiegelscherbe. Der Spion schüttelte den Kopf. „Was hast du nun wieder vor…“

Die Schulglocke klingelte. Sie war an der Schule angelangt. Den Schulranzen auf dem Rücken. Lin wusste, dass sie wieder träumte. Sie war froh darüber. Denn in ihren Träumen hatte sie keine Schmerzen, kein Fieber, keine Atemnot, keine Übelkeit und vor allem keinen Bauch, der so schwer aus ihr heraushing. Es war schwer gewesen unter diesen Schmerzen einzuschlafen. Sie war seit Tagen im Dämmerzustand. Nicht einmal mehr aufstehen konnte sie. Die arme Erika. So oft war Lin wach geworden und hatte sie erschöpft vorm Bett knien sehen. Ihr die Stirn mit einem feuchten Tuch abtupfend, ihr Tee einflößend oder weinend vor Besorgnis. Auch eine Ärztin war gekommen. Endlich. Aber sie war nie lange genug wach gewesen um zu verstehen was die Ärztin zu Erika sagte. Doch lange genug um das verzweifelte Gesicht der Ärztin zu sehen. Sie hatte zu hohes Fieber hieß es. Aber hier war es egal. Hier, im Traum, fühlte sie sich gesund. Sie war auf der Suche nach Ganon. Irgendwo hier im Gebäude war er. Das wusste sie längst. Im Klassenzimmer der Parallelklasse fand sie ihn vor. In der Klasse, in die Kim gegangen war. Als er ihr noch heile Welt vorgespielt hatte. Ganon stand vor der Tafel und schmierte sie mit Kreide voll. In der anderen natürlich – wie konnte es auch anders sein – ein Pausenbrot mit Leberkäse. In das er herzhaft hineinbiss. „Was machst du da?“, fragte sie erstaunt. War das etwa… Nein! Das konnte doch nicht wahr sein! „Integralrechnung. Die Fläche zwischen dem Grafen Gf und der x-Achse.“ „Aber… Das ist unmöglich! Du dürftest gar nicht wissen was das ist! Du…du lebst doch im Mittelalter!“ Mit erstaunt aufgerissenen Augen drehte sich Ganon um. Dann lachte er. „Meine Güte, Mädchen. Du müsstest dich hören können.“ Lin verstand die Welt nicht mehr. „Was…“ Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. „Dafür ist keine Zeit mehr. Es kostet mich bereits zu viel Mühe hierher zu gelangen. Bald ist es vorbei.“ Das konnte nur eines bedeuten – das Kind war bereit. „Du fragst dich sicher was das hier soll.“, er klopfte auf die Tafel. „Nun, ich zeige es dir.“ Dieses Mal sah sie wie der Traum sich veränderte. Sie spürte den Sog und wie er von Ganon ausging. Wie sich Farbe mit Farbe vermischte und Form mit Form. Und wie eine tiefe Finsternis sie fraß und nur ein fahles Licht übrig ließ. Das runde Zimmer war klein und niedrig und auch nur notdürftig eingerichtet. Durch das Fenster fiel fades Licht von unten herauf. Es wurde vom riesigen Lavasee abgegeben, über dem die Burg schwebte. Etwas seitlich des Fensters stand ein überladener tiefer Tisch, zu dem man sich hinknien musste. Verschiedene dicke Bücher stapelten sich über die hölzerne Fläche, dazwischen durcheinander gefegte Pergamente, allesamt vollgekritzelt. An einer Wand war auch eine Matte aus Baumwolle auf einer alten Holzkiste, zum Bett umfunktioniert, auf der sich Kim im Schlaf wälzte. Ja, es war der große, jugendhafte Kim, den sie kennen gelernt hatte. Es war mitten in der Nacht, er schlief tief und fest. Und dieses Mal gab es sogar zwei Ganons. Ein Traumbild, des erwachsenen Ganons, der am Tisch kniete und ein Buch durchblätterte und der junge, gerade erwachsen gewordene und doch schon seit langer Zeit tote Ganon. Dieses Mal war Ganon nicht verschwunden um sie allein in der Erinnerung wandeln zu lassen. „Komm! Ich zeige es dir. Ich beantworte dir deine Frage!“, sagte der junge Ganon und winkte sie zum Tisch. Wie ihr geheißen trat Lin an den Tisch. Und nur einen Blick warf sie in das Buch in dem Ganons Trugbild blätterte. Ein Blick, der daran kleben blieb, dass sie sich nicht davon lösen konnte. „Das…das…das kann nicht wahr sein!“, stockte sie. Es war ein Buch in dem alles Mögliche stand. Die physikalischen Formeln um eine Zugkraft zu errechnen. Die Größe des Eifelturmes. Eine Kritzelei vom Inneren eines Vier-Otto-Motors, sogar beschriftet und daneben eine saubere Zeichnung des gleichen Motors mit Beschriftung. Ein paar Sprichwörter, nicht nur in ihrer Sprache sondern auch in Englisch und Französisch und Latein. Die Namen der Fußballspieler der Nationalmannschaft. Das ökonomische Prinzip der Wirtschaft mit den Erklärungen des Minimal- und des Maximalprinzipes und deren Konflikte, die sich daraus ergaben. Eine Vollkostenrechnung und der chemische Aufbau der Dissimilation. Eine Tabelle der mendelschen Regeln und die verschiedenen Symbiosearten mit deren Erläuterung. Und schließlich ein sauber gezeichnetes Periodensystem. „Mein Sohn hat schon immer von seltsamen Dingen erzählt.“, begann Ganon zu erklären. „Schon als er klein war hat er mich und die Gerudofrauen mit Erklärung von so Vielem vollgeredet, von dem wir keine Ahnung haben. Von da an wusste ich, dass er für die Zeit nicht geschaffen war, in der er lebte. Das er – wie soll ich sagen…zu Höherem bestimmt war? Ich verbot ihm mit irgendjemandem außer mir oder seinen stellvertretenden Vormunden über derlei zu reden, ich gab ihm leere Bücher um sein Wissen heraussprudeln zu lassen und ich unterrichtete ihn wiederum um seinen enormen Wissensdrang zu stillen. Er hat es verschlungen, alles Wissen was es gibt. Schon viele Male habe ich mich gefragt ob es wirklich ein Mensch ist was ich da gezeugt habe. Ich weiß es nicht.“ Ganon lachte. „Das…das weiß er von selbst? Einfach so?“ Ganon nickte. „Ich habe keine Ahnung woher er das weiß. Es ist für mich genauso unverständlich wie für dich. Aber weil er davon sprach bin ich erst überhaupt auf die Idee gekommen ihn in die Zukunft bringen zu lassen. Das war genial, nicht wahr? In der Zukunft – wer glaubt da schon noch an Magie und wer weiß da noch von den Göttinnen und dem mächtigen Triforce, das sie hinterließen? Die Menschen der Zukunft mögen meinen sie hätten sich in all den vergangenen Jahrhunderten ernorm zivilisiert und wären den Menschen von früher viel überlegener, doch was sehe ich? Ihre Entwicklung ist bestimmt nicht besser, im Gegenteil, mein Sohn hat leichtes Spiel mit den Menschen deiner Zeit. Mir haben sich der Held der Zeit und seine Anhänger in den Weg gestellt, sie waren stark und ich habe mich oft grämen müssen. Aber wen gibt es, der sich meinem Sohn in den Weg stellen könnte? Dein Bruder? Er ist nichts als ein kleines hilfloses Kind, damals konnte er nicht kämpfen und heute kann er es auch nicht, was will er schon machen?“ „Wir werden einen Weg finden!“, sagte Lin trotzig. „Ihr werdet einen Weg finden?“ Ganon lachte nur noch lauter. „Welchen? Es gibt keinen! Ich habe lückenlos die Überführung meines Sohnes in die Zukunft geplant und er lückenlos die Rache der Shjra! Also, sag mir, Mädchen, was gibt es noch was du tun kannst?“ Lin biss sich auf die Lippen. „Na siehst du, Mädchen. Gib endlich auf und schließ dich uns an! Das macht es für uns alle leichter. Früher oder später musst du es sowieso.“ Wie ein begossener Pudel verschränkte Lin die Arme. „Warum gebt ihr nicht auf und lasst eure Aufgabe endlich fallen! Diese Shjra ist nicht mehr da, warum also hängt ihr so an ihr?“ Ganon seufzte. „Ob du es glaubst oder nicht, manchmal wünschte ich es wäre so einfach.“ Dann löste sich seine Gestalt vor ihren Augen auf und er ließ sie allein… Die beiden alten Weiber stürzten unangemeldet in sein dunkles Schloss. Ganon befand sich in einem der Privatgemächer – das oberste Zimmer im Turm. Niemandem war der Zugang hierher gewährt bis auf ihm und wenigen anderen. Es war das Schlafzimmer Kims. Ganon sortierte kopfschüttelnd die Bücher und zwar ordentlich, wie es sich für solch kostbare Bücher gehörte. Und überflog jede einzelne Notiz auf den Papieren. Er las von merkwürdigen Dingen von denen er nicht allzu viel verstand. Wobei die Handschrift seines Sohnes ihm nicht recht half. Schon allein mit dem Entziffern einzelner Wörter tat er sich schwer. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie so ein Geschmier gesehen. Kim war der miserabelste und untalentierteste Zeichner, den es gab. Darum zeichnete Ganon, der auf diesem Gebiet ein wahrer Meister war, nach seinen Notizen und Anweisungen die Skizzen für ihn. „Warum?“, fragte Kim und Ganon sah zu ihm auf. Kim schlief noch immer, er sprach im Schlaf. Er runzelte die Stirn und drehte sich auf die andere Seite. Die Decke war ihm zu kurz. Sie war ihm zwar bis zum Hals gezogen, aber seine Beine lugten bis zu den Knien heraus. Weshalb Kim überhaupt eine Decke benutzte, vermochte sich wohl niemand zu erklären. Er merkte es nicht einmal, wenn es im Zimmer kalt war. Ganon legte das letzte Blatt zurück und schritt zum Bett hinüber. Kim kratzte sich leise murmelnd an der Nase und gab einen Seufzer von sich. Belustigt setzte sich Ganon auf die Kante und beobachtete wie sich die Brust seines Sohnes hob und senkte. Viel zu rasch für einen ruhigen Schlaf. Seine Augen bewegten sich heftig unter den Liedern. Er schien wild zu träumen. Was er wohl träumte? Ganon legte ihm die Hand auf den Kopf und unvermittelt zuckte Kim zusammen. Leise lachend fuhr Ganon durch den schwarzen Haarschopf. Er spürte wie sich die Haare zwischen seinen Fingern bogen. Gleich entspannte sich Kim wieder und schnaufte. Freundlich klang es nicht. Ganon legte ihm die Hand auf die Augen und schloss die seinen. Sofort erschien ein verschwommenes Bild in seinem Geiste. Sobald es sich klärte würde er den Traum seines Sohnes selbst sehen können – Doch dazu kam es nicht mehr. Er öffnete die Augen wieder. Es erwartete ihn jemand am Fuße der Tür, durch die man nach einer schmalen Spiraltreppe hierher gelangte. Er zog die Hand zurück und stand auf. Dieses Mal wurde Kim wach. Mit einem langen Gähnen streckte er sich und sah verschlafen um sich. „Meister…“ Kim wollte sich aufsetzen, doch Ganon winkte ab. „Schlaf weiter.“ Kim nickte müde, legte sich wieder hin und zog die Decke über den Kopf. Das Licht der Lava störte ihn regelmäßig beim Einschlafen. Mit letztem Blick auf ihn öffnete Ganon die Tür und lief die Treppe hinunter. Karos verbeugte sich als er das Tor hinter sich schloss. „Was hast du zu berichten?“ „Verzeiht die Störung, Herr. Aber die beiden ehrenwerten Hexen warten auf Euch.“ Der Stalfos zögerte etwas. „Sie erbitten Zugang über den Lavasee.“ Ganon blickte skeptisch. „Und dafür hast du mich gestört?“ Karos räusperte sich. „Es scheint als seien sie…ihrer magischen Kräfte beraubt.“ Ganon stöhnte und massierte seine Schläfen. „Meinetwegen, ich erwarte sie im Thronsaal.“ Als er so auf seinem Thron saß und versuchte sich seine Müdigkeit und Desinteresse nicht anmerken zu lassen, dachte er an den Armreif. Nur kurz, dann war die Erinnerung verschwunden. Die beiden Hexen stürmten aufgebraucht gagernd in den Raum. Sie gestikulierten hastig mit ihren Besen, die sie in der Hand hielten. Ein ungewöhnlicher Anblick, sonst hockten sie darauf, hatten nicht einmal die Füße am Boden. Sie hechelten und hielten sich eisern an den Wachen fest, die sie begleitet hatten. Den Skeletten war es unangenehm und sie versuchten die alten Weiber möglichst unauffällig ab zu schütteln. Die Hexen konnten sich kaum auf den Beinen halten. „Also, was wollt ihr von mir, mitten in der Nacht?“ „Herr…“, keuchte Kotake. „Wir sind den ganzen mühsamen Weg hierher gelaufen!“ „Wir mussten auf Maultieren reiten!“, meldete sich auch Koume zu Wort. „Ich weiß bereits bescheid. Der Held der Zeit ist in den Tempel eingedrungen und eure Magie gebrochen.“ „Und Ihr habt niemanden geschickt uns abzuholen?“, quiekte Koume empört. Er stützte seinen Ellbogen auf die Armlehne und legte den Kopf auf die Faust. „Wozu sollte ich? Ich belohnte Versagen nicht. Außerdem tut frische Luft euren alten – sehr alten – Knochen gut.“ Amüsiert spürte er die Entrüstung und die Scham, die die beiden Weiber zu unterdrücken versuchten. „Aber wir haben noch eine schlechte Nachricht für Euch, Herr!“, japste Kotake und ihre Schwester stimmt zu: „Oh ja, ich fürchte eine sehr Schlechte!“ „Ach wirklich?“, fragte Ganon gespielt dramatisch. „Nicht nur der Geistertempel ist gefallen, auch Naboru unterliegt nicht mehr Euren Befehlen…“ Es dauerte einige Atemzüge bis Ganon den Sinn dieser Worte verstand. „Was?“ Wenn man aus der eigenen Haut fahren konnte, dann tat er es jetzt. Er fühlte eine zerreisende Explosion in sich. Blitzartig sprang Ganon auf. „Was habt ihr gesagt?“ Erschrocken machten nicht nur die Hexen einen Satz zurück. „Ähm…“, wagte Koume zu erwidern. „Wir haben Naboru an die Weisen verloren.“ „Wieso verloren?“ Ganon setzte ein falsches Gesicht auf und versuchte ruhig zu bleiben. Aber seine Arme vibrierten, seine Fingernägel bohrten sich in die Innenflächen. „Die Gerudo stand nie in meinem Dienst!“ Vorsichtig sahen sich die Hexen an und rangen mit sich. „Um ehrlich zu sein…“, fing Koume an zu erklären, brach jedoch ab, sodass Kotake fortfuhr: „Wir hielten es für eine gute Idee sie zu manipulieren. Sie ist eine vorzügliche Kriegerin…“ Ein Blitz zerschnitt die Stille. Doch er kam nicht vom Himmel, er kam aus Ganons rechter Hand. Der Stalfos sah an seinen Brustkorb herunter, wo die gewaltige Magie ihn getroffen hatte. Die Knochen waren zerrissen worden. Paralysiert blickte er zu seinem Herren – und zerbrach. Die Knochen gingen sofort in reine blaue Flammen auf und zerfielen zu Asche. Mit Entsetzen und panischer Angst starrten die Anwesenden auf die Stelle wo eben noch ein bewaffneter Krieger gestanden hatte. Doch damit nicht genug! Es fing leicht an. Lediglich ein gedämpftes Vibrieren des Bodens. Von den Wänden und der Decke rieselte grober Staub herab. Dann erzitterte und bebte das gesamte Schloss. Kreischend verloren die Hexen das Gleichgewicht und legten sich flach auf den Boden. Das Gemäuer erbebte und die Stützpfosten knirschten unter der gewaltigen Kraft, die sie zum Einsturz zu bringen drohte. Ganons Zorn war unermesslich. Jedoch, nach einer Weile klang das Beben ab. Die alten Weiber sahen zu ihm empor. „Verschwindet dorthin von woher ihr gekrochen kamt! Tretet mir nie wieder unter die Augen!“, zischte Ganon ihnen in die verängstigten Gesichter. „Solltet ihr es noch einmal wagen etwas ohne mein Wissen zu unternehmen – sterbt ihr eines grausamen Todes!“ Er gab der Wache ein Zeichen und der Knochenkrieger streckte den Hexen sein Schwert entgegen. „A…aber Herr…“, setzte Koume an. Weitere Wachen eilten herbei um die beiden alten Weiber zu entfernen. Sie protestierten und bettelten, doch Ganon schenkte ihnen nicht einen letzen abfälligen Blick. Ganon setzte sich wieder und atmete tief durch. Wie konnte so etwas passiert sein? Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können? Diese Hexen waren ihm nur im Weg, sein ganzes Leben lang schon! Aber es wäre töricht sie jetzt schon zu beseitigen, nein, noch waren sie nützlich. Etwas Geduld, dann konnte er sie für immer vernichten. Und was hatten sie gesagt? Er hätte Naboru an die Weisen verloren? Stimmt… Im Siegel hatte er deutlich die Magie der Wüste gespürt. Er hatte es geahnt, schon seit Jahren. Doch Naboru die Weise der Geister? Es half nichts, er konnte sich nicht beruhigen. Wutentbrannt stapfte er durch die Gänge. Die Leute in der Burg waren klug genug ihm aus dem Weg zu gehen. Nur als er um die Ecke bog stieß er fast mit Ashanti zusammen. Mit eiskalten Augen musterte er sie. Sie machte ängstlich einen Schritt zurück und verneigte sich. „Verzeiht, Herr!“ Dann ergriff sie eilig die Flucht, in die Richtung aus der sie kam. Ganon machte einen Umweg um an der Tür vorbei zu kommen, die in den höchsten Raum führte. Davor blieb er stehen und fixierte das dunkle Holz. „Geh zurück in dein Zimmer!“, zischte er. Erschrocken zog Kim die Hand zurück mit der er beinahe die Klinge berührt hatte. Wie erstarrt blieb er stehen und rührte sich nicht. Was war denn nun schon wieder? Er war durch das Beben geweckt worden und hatte vorgehabt nachzusehen was der Grund dafür war. „Muss ich mich wiederholen?“ „Nein.“, murmelte Kim als Antwort und begann den Treppenaufstieg. Was war nur los? Warum war Ganon so aufgebracht? Nicht das das so selten vorkam. Aber Kim hasste es immer als Letzter aufgeklärt zu werden – wenn überhaupt! Kaum war die Tür hinter ihm in die Angeln gefallen, hörte er von draußen lautes Geschrei. „Ah…wie könnt ihr es wagen uns so zu behandeln?“ Das war unverkennbar Kotakes Stimme. Die Gothama? Was wollten die hier? Die beiden Hexen waren hier unerwünscht. Worüber Kim auch froh war. Er konnte die alten Weiber genauso wenig leiden wie Ganon und der Rest der Gerudos. Er ging zum Fenster hinüber. Der Eingang der Burg lag auf der anderen Seite, aber wenn er auf die Fensterbank stieg, konnte er knapp um die Ecke spähen. Doch als er sich nach vorn beugte – knallte er mit voller Wucht gegen etwas. Ungläubig streckte er die Hand durch Fenster und berührte etwas Glattes. Eine unsichtbare Wand! Von der Erkenntnis überrumpelt rannt er zur Tür und drückt die Klinge herunter. Nichts. Er rüttelte daran, aber sie ließ sich nicht öffnen. Es machte auch keinen Sinn sie einzutreten, dahinter war ebenfalls eine magische Barriere. Kim schlug einmal mit der Faust gegen das Holz. „Was habe ich jetzt schon wieder verbrochen? Woran bin schon wieder ich schuld, du seniler Bluthund! Du…“ Es folgte ein ganzer Schwall von bitteren Flüchen, bis er heißer wurde. Gekränkt setzte Kim sich auf den Kasten, sein improvisiertes Bett, und zog die Beine an die Brust. Tief im Keller klangen Töne einer Orgel bis hier herauf. Er wusste genau was war. Ganon hatte ihn eingesperrt! Und jetzt musste er so lange hier drin bleiben, bis Ganons Zorn verflogen war. Auch wenn es den ganzen nächsten Tag dauerte. Eigentlich war Kims Macht so stark geworden, dass niemand mehr sich mit ihm messen konnte. Nicht einmal Ganon, nein, er war längst mächtiger als Ganon. Doch Ganon war sich dem mehr als bewusst. Darum hatte er das Schloss so konstruiert, dass es vollgefüllt war mit Bannen, die Kims Magie unterdrückten. Damit er ihn unter Kontrolle halten konnte. Kim legte sich hin, obwohl er gewiss nicht wieder einschlafen konnte. Immer lässt er seine Wut an mir aus, dachte Kim. Ich hasse ihn! Ich hasse sie alle! Er stopfte sich die Decke in die Ohren um der schrecklichen Melodie nicht mehr ausgesetzt zu sein… Es klopfte an die Tür. Erschrocken setzte er sich auf und stieß mit dem Knie gegen das Tischbein. Aus lauter Frust hatte er die Nacht damit verbracht sich durch seine Bücher zu walzen. Irgendwann musste er doch eingenickt sein. Kim rieb sich die Augen und sah aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf. Die sanften, hellen Strahlen streiften sein Fenster. Ein wunderbarer Morgen. „Hey, ich weiß, dass du da drin bist. Mach auf!“, sagte eine ihm wohl vertraute Stimme. „Ich kann nicht, ich bin eingesperrt!“, gab er zurück. „Der Herr hat den Bann aufgehoben und wünscht dich zu sehen.“ Eilig schritt er zur Tür und drückte die Klinke herunter. Tatsächlich! Mühelos ging sie auf und dahinter erwartete ihn Dana. Mit einer Waschschüssel in den Händen. „Warum?“, fragte er.

Mit einer Hand packte sie ihn an der Gurgel, dabei verschüttete sie etwas von dem Wasser. „Wenn du mich das jemals wieder fragst…“ Beide mussten lachen. „Ich komme schon.“, verkündete er, überglücklich über seine zurück gewonnene Freiheit. Sie überreichte ihm mit kritischem Blick die Schüssel. „Ich glaube nicht, dass deine Kleidung angemessen ist.“ Kim sah an sich herab. Im kniehohen Nachthemd stand er da. Er nahm die Schüssel entgegen und schob die Tür mit dem Fuß zu. Auf der anderen Seite lachte Dana: „Also bitte! Ich habe dich schon bei deiner Geburt nackt gesehen!“ „Aber nicht mit stolzen sechzehn Jahren!“ „Hast du Angst ich könnte dich vernaschen, du Früchtchen?“ Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, als sie schon die Treppe herunterging. Sofort wurde Kim wieder ernst. Eigentlich wollte er lieber weiter in seinem Zimmer schmollen, er war noch immer säuerlich. Aber es half nichts, es ging nicht nach seinem Willen. Er streifte sich das Baumwollnachthemd ab und formte mit den Händen eine Schale um sich das Gesicht zu säubern. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Mit beiden Armen hob er die Waschschüssel über den Kopf und drehte sie um. Klares Wasser fiel über ihn her. Es floss in vielen Adern über seinen Körper. Er spürte wie die letzen Tropfen seine Brust hinab flossen. Unweigerlich fuhr er mit den Fingern über die lange Erhebung, seine Narbe. Seufzend hob er den Deckel des Holzkastens an und holte seine Kleider hervor. Eilig zog er sich an. Langsam stieg er die Treppe herunter und zählte die Stufen. Es waren sechshundertsechsundsechzig. „Hast du es schon gehört?“, vernahm er auf der anderen Seite der Tür. „Ja, natürlich! Die Gefangene soll sich im Keller befinden…“ Er öffnete und schloss die Tür geräuschlos. „Was für eine Gefangene?“ Die zwei Gerudofrauen fuhren zusammen und gestikulierten durcheinander. „Bei der Shjra, erschreck uns doch nicht so!“ Risaku hob mahnend den Finger. Augenrollend drückte er ihren Arm wieder nach unten. „Was für eine Gefangene?“ „Das wissen wir nicht. Der Herr hat sie angeblich letzte Nacht gefangen genommen und in einen rosanen Kristall gesperrt.“, antwortete die andere. Natürlich wussten diese Frauen es nicht. Wer wusste denn schon was sein Meister wieder ausbrütete? Manchmal hatte Kim das Gefühl Ganon wusste es selbst nicht. Ohne ein weiteres Wort lief er an ihnen vorbei zum Thronsaal. Als er das Tor öffnete und eintrat, knieten Dana, Ashanti und drei weitere hohe Gerudos bereits. Mit vor der Brust verschränkten Armen lief Ganon vor dem Thron auf und ab. Er schien abwesend. Kim kniete sich neben Ashanti hin, die ihn nervös anlächelte. Ganon blieb stehen und sah von einem Gesicht zum anderen. Seine Stirn war in Falten gelegt. Nach einer Weile war er seinen Plan noch einmal bis zum Ende durchgegangen. Es lief alles zu seiner vollsten Zufriedenheit. Bis jetzt jedenfalls. Trotzdem überdachte er ihn immer und immer wieder und erwiderte kein einziges Wort. „Verzeih meine Frage, Meister.“, durchbrach Kim das Schweigen, weil ihm seine Unwissenheit auf die Nerven ging. Dass Ganon sie alle im Unwissen ließ. „Wer ist die Gefangene im Keller?“ Ganon sah ihm in die Augen. Noch eben hatte Kim gemeint Ganon wäre schrecklich konzentriert, aber bei seiner Stimme erwachte Ganon aus seinem Dämmer. „Seit wann habe ich dir Rede und Antwort über meine Tätigkeiten zu stellen?“ Sofort senkte Kim den Blick, auf den dunklen Stein des Bodens. Ganon hatte ihn gedemütigt – vor den Frauen! Er drückte seinen Kiefer aufeinander, er wollte gelassen wirken und darum schluckte er seine Wut herunter. Ganon setzte sich auf seinen Thron und baute sich darauf zu seiner ganzen Majestät auf, die er aufbrachte. „Nun, der Held der Zeit ist auf dem Weg hierher…“ Ganon brach ab um ein paar Mal einzuatmen. Eine Spannungspause. „Hör, was du zu tun hast, Dana! Ich übertrage dir die volle Befehlsmacht. Reite mit allen Gerudos nach Termina. Leleo wird euch aufnehmen. Bleibt dort und wartet auf ein Zeichen von mir!“ „Jawohl!“, erwiderte sie seufzend. Es war ein weiter Weg, der ihnen bevorstand. Er fuhr fort: „Ashanti nimm ihn mit in die hyrulianische Steppe und versteckt euch irgendwo in der Nähe!“ „Ja, He…“
„Aber“ Kim war aufgesprungen. „Ich will mich nicht irgendwo verkriechen! Ich will auch kämpfen! Bitte, Meister! Es wird mich niemand erkennen...“ Auch Ganon stand auf. „Sei still! Ich entscheide wie zu handeln ist und nicht du!“ Diesmal sah er Ganon eisern in die Augen und wandte den Blick nicht ab. Seine Muskeln zogen sich zusammen vor Anspannung. „Was stehst du da wie angewurzelt?“, meinte Ganon kalt. Dieses Mal beherrschte sich Kim nicht. In ihm zerbrach etwas – die hauchdünn gewordene Wand, die seine Wut zurück gehalten hatte. „ICH GEH JA SCHON! ICH MACHE DOCH IMMER WAS DU SAGST!“ Kim hatte die Worte geschrieen. Mit kochendem Kopf drehte er sich um und stampfte davon. Am Tor angelangt riss Kim es auf. Erschrocken rappelte sich Ashanti auf und rannte ihm nach. „Wartet auf mich, junger Herr!“ Er dachte nicht daran auch nur noch einen Atemzug zu verharren und knallte es mit voller Wucht zu. Und mit voller Absicht setzte er Magie frei, der das Tor nicht standhielt. Vor der ahnungslosen Ashanti barst die Tür in unzählig viele Holzsplitter, die sie unter sich begruben. Entsetzt und panisch kreischte die junge Frau. Ganon und die anderen Frauen starrten sie an, während sie sich beschämt die Splitter aus den Haaren und der Kleidung zupfte und eilends die Verfolgung wieder aufnahm. Dana drehte sich zu ihm um. „Hättest du ihm nicht einfach sagen können, dass dein väterlicher Impuls dir einfach verbietet ihn frühzeitig in eine Gefahr stürzen zu lassen?“ Ganon rümpfte die Nase und sah auf sie herab. „Erzähl du mir nicht wie ich ihn zu erziehen habe!“ Dana erhob sich und schüttelte augenrollend den Kopf. „Gut, wie du meinst.“ Sie machte auf den Absätzen kehrt und, geschmeidig zwischen den Überresten des Tores hinweg springend, verließ das Schloss. Kim hatte sich bereits sein Schwert umgebunden und den schwarzen Mantel übergestreift. Gerade war er dabei mit Ashanti Sattel und Saumzeug auf die Pferde zu binden, als Dana sie erreichte. „Proviant für euch“, sagte sie und hielt Ashanti den ersten Beutel hin. Dankend nahm diese ihn entgegen. Den Zweiten streckte sie Kim entgegen. Aber er unterbrach seine Tätigkeit nicht. Sie seufzte: „Er hat es nicht so gemeint!“ „Ich weiß genau wie er es gemeint hat!“, entgegnete Kim. Er überprüfte die Schnalle des Sattels und stieg auf Thunder, der aufgeregt schnaufte. „Jetzt hör doch mal zu…“, begann sie, aber er zischte sie an: „Hör auf dich ständig einzumischen!“ Dana ließ abrupt den Arm sinken. „Du reagierst schon genau wie er!“ Die Worte kränkten ihn zutiefst. „Halt die Klappe! Ich bin überhaupt nicht wie er!“ Er ergriff die Zügel. „Und ich hoffe er krepiert endlich!“ Damit gab er dem Rappen die Sporen und ritt davon. Mit ganz entsetztem Gesicht starrte Ashanti ihm nach. „Wie kann er nur so etwas Schreckliches sagen!“ „Er ist wütend, aber er fängt sich schon wieder.“, erwiderte Dana. „Also ich habe den Herrn als gütigen und stets abwägenden König kennen gelernt.“, sagte Ashanti, fast etwas trotzig. Dana musste lachen. „Na wenn das so ist, dann sage ich dir lieber nicht was ich von ihm halte, um nicht an deinem Weltbild zu kratzen.“ Ashanti verzog eine Miene. „Und jetzt los, sonst holst du ihn nicht mehr ein…“

Nach langer Fahrt waren sie endlich angekommen. Die Ruine, nahe Boston, lag friedlich vor ihnen, als sie aus der Limousine stiegen. Es war wirklich kaum noch etwas übrig. Nur vereinzelte rissige Mauerstücke standen verloren im hohen Gras. Steinbrocken lagen herum. Jedoch, genau in deren Mitte, hatte ein kleiner Schrein überlebt. Ein Gestell aus Stein, das spitze Dach von vier Säulen gehalten, die einmal mit kunstvollen Gravuren bestückt gewesen waren, jetzt jedoch längst verblasst. Sie waren mutterseelenallein. Niemand anders war in Sicht. Stone und Liebgraf unterhielten sich angeregt. Alexa und Dan hörten interessiert zu und brachten sich einige Male ein. Doch Vivi und natürlich Benny wunderten sich lieber über das viele Unkraut und das kniehohe Gras. Nur ein gewöhnlicher Weg führte hier herauf. „Diese Ruine ist nicht sehr bekannt und bei Touristen unbeliebt. Darum kommen nur selten Leute hierher um sie zu besichtigen. Für einen Geschäftsmann lohnt es sich nicht hier Führungen anzubieten.“, übersetzte Liebgraf für Benny. „Aha.“ Jetzt war alles klar. Warum auch nicht? Er selbst, schließlich, hatte nie vom Helden des Windes gehört und das wo er doch der Nachfahre eines berühmten Helden war. Und wenn hier niemand außer ihnen war – konnte auch niemand sie stören! „Warum ist diese Ruine nicht bekannt? Und ist das hier nicht ein Tempel? Warum sind hier keine wertvollen Dinge?“, fragte Vivi skeptisch. „Das war vom Helden des Windes mit Absicht so bewerkstelligt. Er wollte die Legende um Hyrule und den Helden der Zeit schützen, indem er ihn möglichst bedeutungslos machte. Nur sehr wenige kennen die alten Geschichten. Außer den direkten Nachfahren natürlich.“ Sie versammelten sich alle um die kleine Erhebung in der Mitte, dem Triforcewappen. In der Mitte der drei Dreiecke war ein kleiner länglicher Schlitz. Dan stieß einen Pfiff aus. „Ich wette meine Unterhose darauf, dass da das Masterschwert rein muss!“ „Du hast keine Gruppis!“, zischte Vivi ihm zu. Benny umklammerte den Schwertgriff noch ärger. „Meinst du wirklich?“ Zugegeben, die Öffnung erinnerte ihn an Opas Erzählungen. Der Held der Zeit zog die legendäre Klinge aus einem massiven Brocken, den heiligen Stein der Zeit. Und als die Spitze aus dem Stein glitt, da öffnete sich das Tor zum Heiligen Reich. Ohne weiteres Zögern wickelte Benny das Schwert aus dem Tuch, der provisorischen Scheide. Und als die Spitze in den Stein glitt, da öffnete sich das Tor zum Heiligen Reich nicht. Denn das existierte nicht mehr, es war unnötig geworden als Lin alle Magie in sich aufgenommen hatte. Dafür aber öffnete sich etwas anderes. Es gab ein knirschendes Geräusch. Wie zwei Steine, die aneinander rieben. Aufgeschreckt sprangen sie vom Stein herunter. Ohne zu atmen warteten sie was geschehen werde. Erst einmal geschah gar nichts. Das Geräusch verschwand so schnell wie es gekommen war. Sie warteten noch eine geschlagene halbe Stunde. Ehe es der ersten Person zu viel wurde. Vivi war diese Person. Von der Warterei angepisst sprang sie auf die Plattform und trampelte darauf herum. „Toll! Und was jetzt? Da ist gar nichts! Da sind bloß ein paar alte blöde Steine!“ „Vivi!“, stieß Dan hervor. Entsetzt über die Szene seiner kleinen Schwester. Auch Herr Liebgraf und Herr Stone wurden kreidebleich. Als Kunstliebhaber war dies das schlimmste Vergehen, das sie je mit ansehen mussten. Selbst den Diebstahl des „Schreis“ hatten sie besser verkraftet. Doch Benny und Alexa, der Warterei ebenfalls überdrüssig, hatten mühe ihr Kichern zu unterdrücken. „Und die haben das hier…“ Mit einem Ruck zog sie das Schwert aus dem Stein. „…nicht verdient!“ Nun wurden die Anwesenden allesamt gleichzeitig bleich. „Vivi, spinnst du!?!“, kreischte Alexa und sprang im vollendeten Hechtsprung zu ihr und entriss ihr das Schwert. „Was ist in dich gefahren?“ In Rage gebracht riss Vivi das Schwert wieder an sich. „Halt die Klappe!“, fauchte sie. „Ich weiß was ich tue!“ „Ach ja?“ Alexa riss es ihr erneut aus den Händen. „Dann tu lieber das was du nicht weißt! Das ist gesünder für uns alle!“ Rot wie eine Tomate öffnete Vivi den Mund und versuchte das Schwert wieder an sich zu reißen. Die beiden Mädchen stritten lautstark darum. Doch Benny, Dan und die beiden reichen Männer waren so gelähmt vor Erstaunen, dass sie nur zuschauen konnten. Plötzlich war das Geräusch wieder da. Die beiden Mädchen erstarrten augenblicklich. Unter ihren Füßen knirschte es. Beide mit beiden Händen am Schwertgriff, blickten sie gleichzeitig auf ihre Füße. Dann gab der Boden unter ihnen nach. Sie schrieen, als würden sie sogleich bis zur Hölle fahren. Tatsächlich verschwand ein Stück Boden und mit ihm die beiden Mädchen. Denn sie hatten auf einer geheimen Falltür gestanden. „Oh Gott, Alexandra! Viktoria!“, stieß Herr Liebgraf heraus. Benny war der Erste, der am Rand hinkniete und in die Düsternis hineinblickte. „Vivi? Alexa?“, schrie er in das Loch. „Uns geht es gut!“, kam es von unten. „Gut?“, kreischte Alexa nach. „GUT??? Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen und wir stecken hier fest! Außerdem bin ich schmutzig!“ „Halt die Klappe!“, zischte Vivi. „Benny, wir…was ist das?“ „Was ist was?“, fragte nun Dan, dessen Kopf ebenfalls über der Öffnung hing. „Eine Treppe! Hier führt eine Treppe nach unten!“, schrie Vivi freudig nach oben. „Eine Treppe nach unten?“, staunte Herr Liebgraf. „Dann ist dieses Gebäude nur eine Tarnung! Der eigentliche Tempel liegt unter der Erde!“ „Unbelievable!“, staunte auch Herr Stone. „Ich brauche eine Taschenlampe! Ich steige auch nach unten!“, entschied Benny. „Wir werden alle nach unten steigen.“, verbesserte Herr Liebgraf und lachte. „Den ganzen Spaß können wir dir doch nicht alleine überlassen!“ „Ich hab ne kleine Taschenlampe!“, sagte Dan und zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche. Eine winzige Taschenlampe, ein Werbegeschenk, baumelte ebenfalls daran. „Ich habe auch eine! In meinem Rucksack.“, erwiderte auch Benny. Als sie bereit waren, begannen sie den Abstieg. Benny ließen sie als erstes hinunter. Dann kam auch Herr Liebgraf und Herr Stone folgte. Dan, der zu eitel für die Hilfestellung des Chauffeurs war, dem im Übrigen für die ganzen Umstände eine Gehaltserhöhung versprochen worden war, sprang hinunter. Die Grube war nicht tief. Drei Meter, nicht mehr. Naja, nicht tief für Dan. Der sich geschickt abzurollen wusste. Danach hatten sie alle schmutzige Kleidung und Schweißperlen auf der Stirn. Aber ein triumphales Lächeln im Gesicht. Die Kegel der Taschenlampen waren auf die ersten Stufen gerichtet. Es roch etwas streng. „Müssen wir da wirklich runter?“, fragte Alexa verzweifelt nach. Vivi packte sie grob am Arm. „Jetzt komm schon!“ Sie eilte voraus. „Warte, Vivi!“, rief Dan ihr hinterher. „Sonst passiert wieder was!“ Sie rannten die Treppe regelrecht hinunter. Die Aufregung war zu groß um gelassen zu bleiben. Doch nur die ersten Stufen. Denn es waren hunderte an der Zahl. Irgendwann war die Euphorie von dem vielen ungewollten Sport verdrängt worden. „Wann hört denn diese verdammte Treppe auf?“, fluchte Benny. „Anscheinend gehen wir sehr tief in die Erde hinein.“ „Ja, schon. Aber wenn wir noch weit hinunter gehen, dann explodieren meine Ohren gleich!“ Herr Liebgraf lachte. „Das ist der Unterdruck, Benny. Der geht auf die Ohren wenn man zu tief oder zu hoch steigt.“ „Wir sind unten!“, stieß Vivi heraus. Sie war die Erste, die das Ende erreicht hatte. „Na endlich!“ Mit den beiden Taschenlampen suchten sie den Raum ab. Es war eine Höhle, die vor ihnen lag. Die Decke war zu hoch um sie mit dem Licht zu erfassen und der Gang war breit. Was dahinter lag, lag noch immer in völliger Finsternis. Die Luft roch feucht und salzig. Dan pfiff. „Wow!“ Ow…ow…kam das Echo zurück. „Da hinten!“ Vivi zeigte mit dem Finger. „Dort ist etwas!“ Sie rannten in die Richtung. Das Licht zitterte. „Wenn hier wieder nichts ist, dann…“, keuchte Alexa, die ungeduldig geworden war. Doch im nächsten Augenblick fiel das Licht auf etwas. Etwas Hartes und Weißes. Alexa schrie ein weiteres Mal auf. Vor Angst und vor Ekel. „Was ist das? Ist das ein Schädel?“ Das Licht ruhte auf dem Etwas. Zwei Hörner ragten aus dem Oval heraus. Das Gebiss mit den spitzen Zähnen lag frei und die leeren Augenhöhlen schienen sie anzustarren. Der Schädel war dreißigmal so groß wie ein menschlicher Schädel. „Oh, Mann! Was ist das denn?“, fragte auch Dan erschrocken. Doch von allen war Benny wohl am meisten erstaunt. „Das…das kann doch nicht…“ Er ließ das Schwert fallen. Die Taschenlampe schwenkte er hastig weiter, über ein weiteres Knochengebilde. Die Wirbel der Wirbelsäule waren riesig, wie drei Menschenfäuste zusammen. Die einzelnen Knochen des Brustkorbes erstreckten sich wie gebogene Säulen in die Höhe. Die Pranken des Skelettes streckten sich nach vorne. Die dicken Krallen schimmerten leicht. „Du bist es!“ Benny kamen die Tränen. „Du bist es wirklich! Valoo!“ „Valoo?“ Vivi wurde hellhörig. „Doch nicht etwa dieses Drachenbaby!“ Gerührt von dem unvorstellbaren Wiedersehen legte Benny die Arme um den Schädel. „Ich hätte nie gedacht, dass ich dich jemals wieder sehe!“ „Benny!“, sagte Alexa in einem Ton, der verriet, dass sie glaubte er sei wahnsinnig geworden. „Das Ding ist tot!“ Doch ihn störte das nicht, sollten sie ihn ruhig schräg anschauen. Auch Vivi gesellte sich zu dem Haupt der Langzeitleiche. „Hast du nicht gesagt, dass der Drache winzig war?“ „Ja schon! Aber Valoo war doch damals nur ein Baby! Der ist sicher über die Jahre gewachsen!“ „Und schon längst gestorben!“, setzte Alexa nach. „Oh, the legend includes a dragon!“, fiel Herrn Stone wieder ein und erzählte eifrig. Herr Liebgraf übersetze. „Damals, als das Land zerschlagen worden war, gab es einen Drachen, der sich auf einer Insel mit einem hohen Berg niederließ, dort wo sich ein Volk angesiedelt hatte. Zum Dank, dass die Bewohner ihn aufnahmen, schenkte er jedem einzelnen von ihnen eine seiner Schuppen. Durch diese Schuppen wuchsen ihnen Flügel und durch diese neue Fortbewegungsmöglichkeit gelangte das Volk zu Wohlstand und Frieden und der Drache wurde von ihnen verehrt, als heiliger Schutzpatron von Drakonia, wie die Insel hieß. Einmal fiel eine Plage über die Insel. Ein Monsterkäfer fraß sich durch den Schweif des Drachen, sodass der Drache nur noch zornig Feuer spuckte und es den Kindern der Bewohner nicht möglich war zu ihm hinaufzusteigen und die Drachenschuppe zu erhalten, die sie so dringend brauchten. Das fliegende Volk war verzweifelt, weil sie befürchteten, dass die nächsten Generationen niemals mehr fliegen könnten, doch dann kam plötzlich ein fremder Junge in grüner Kleidung, der den Käfer besiegte und den ehrenwerten Drachen erlöste. Dafür half der Drache dem Jungen, dem Helden des Windes, seine Prüfungen zu bestehen.“ „Das war bestimmt Valoo!“, strotzte Benny vor Stolz. „Ich habe mit ihm trainiert! Ashanti hat ihm ganz bestimmt das Fliegen beigebracht!“ „Echt?“ Vivi runzelte die Stirn. „Aber hier muss es doch noch mehr geben!“, meinte Dan. „Wozu sonst solcher Aufwand?“ „Naja.“, entgegnete Herr Liebgraf. „Immerhin war dieser Drache heilig und um ehrlich zu sein, ich würde mir dieses Skelett ein kleines Vermögen kosten lassen! Das ist der Beweis für die Existenz von Drachen und dafür, dass die Legende um die Helden der Zeit und des Windes nicht nur ein Mythos ist!“ Benny sprang auf. „Aber das darf nicht geschehen! Valoo darf nicht an die Öffentlichkeit!“ Herr Liebgraf sah ihn erstaunt an. Dann lachte er. „Darüber können wir später diskutieren. Erst gilt es eine Welt zu retten!“ Plötzlich erstrahlte ein Licht. Sie wurden geblendet. Dan schreckte auf und verlor das Gleichgewicht. Im Durcheinander um den Drachen hatte er sich nach vorne gewagt, auf den Platz über den das Skelett wie ein kuppelartiges Gebilde ragte. Als er sich mit seiner kleinen Taschenlampe neugierig umgesehen hatte – war plötzlich dieses Licht erstrahlt. Eine kleine Lichtkugel schwebte in der Mitte und tauchte den kleinen Fleck, auf dem das Skelett sich ausbreitete in Licht. Jetzt kam das ganze Ausmaß des Drachen zum Vorschein. Er war riesig! Die Wirbelsäule spaltete sich unter dem Hals und zwei Flügelknochen ragten heraus. Die Hinterläufe erstreckten sich mitsamt dem mächtigen Schwanz weiter nach hinten, wo das Licht schwächer wurde. „So etwas gibt es eigentlich nicht! Ein Wirbeltier mit mehr als vier Gliedern!“, stieß Herr Liebgraf weiter heraus. „Das ist doch jetzt egal! Was ist das für ein Licht!“, fragte Vivi. „Dan! Was hast du wieder angestellt!“ „Gar nichts!“, verteidigte sich Dan. „Gar nichts habe ich gemacht!“ Die Anwesenden versammelten sich um das Licht. „Was glaubt ihr was das ist?“, fragte Alexa zitternd. Nicht nur aus reiner Nervosität, es war auch bitterkalt hier unten. Benny, der das Schwert wieder an sich genommen hatte, hob die Spitze. „Ich weiß es nicht. Aber wir müssen das herausfinden!“ Er tauchte die Metallspitze in die Lichtkugel. Plötzlich erklang eine helle Stimme, die alle zusammenfahren ließ: „Seid gegrüßt! Endlich habt ihr euch hier einbefunden, im Denkmal der Zitadelle der Zeit!“ „Wer bist du?“, fragte Vivi. „Habt Geduld! Erst – tritt näher junger Nachkomme des Helden des Windes und erwecke die Magie, die hier ruht.“ „Hey! Sag mal rede ich chinesisch? Wir machen gar nichts ohne zu wissen wer was von uns will!“ „Vivi, halt die Klappe!“, zischte Dan. „Wer ist dieser Nachfahre?“, fragte Alexa überrascht. „Wir haben hier nur den Nachfahren des Helden der Zeit!“ „Das stimmt nicht.“, entgegnete die körperlose Stimme. „Der Nachfahre weiß nur nichts davon. Bitte, erwecke die Magie, die hier ruht mit dem Lied des Windes und eure Fragen werden beantwortet. Schnell! Die Zeit drängt!“ „Welches Lied?“, fragte Herr Liebgraf. „What it talk about?“, fragte Herr Stone. In der Hoffnung er könnte es wissen wandte Herr Liebgraf sich ihm zu. Doch Herr Stone zuckte nur mit den Achseln. Er wisse zwar von einem Lied, das dem Helden des Windes ermöglicht hatte den Wind zu kontrollieren, aber die Melodie sei nicht überliefert worden. Auch die anderen waren ratlos. Was sollten sie tun? Wovon sprach diese Stimme? Nur Vivi! Die wurde ganz nachdenklich. „Was ist, Vivi?“, fragte Alexa.
Doch Vivi wandte sich gleich an ihren Bruder. „Was summst du immer, wenn du an deinem Mottorad rumbastelst? Oder unter der Dusche?“ Dan lief knallrot an. „Äh…ach das…das ist nur so…so was mir durch den Kopf geht. Das gehört hier nicht her!“ Herr Liebgraf begriff worauf Vivi hinaus wollte. „Du glaubst eure Familie stammt vom Helden des Windes ab?“ „Entweder unsere oder eure oder Herr Stone. Aber ich glaube Herr Stone entfällt, weil die Stimme uns in unserer Sprache und nicht seiner angesprochen hat.“ „Und einer von uns kennt das Lied? Einfach so?“, mischte sich auch Alexa ein. „Der Held des Windes war unbedeutend, vielleicht sogar so sehr, dass in seiner eigenen Familie seine Geschichte in Vergessenheit geraten ist. Nur das Lied ist vielleicht unbewusst weitergegeben worden. Vielleicht hat es unsere Mutter uns vorgesungen, oder deine Frau hat es Alexa vorgesungen als sie noch klein war. Jedenfalls vielleicht.“ „Also meine Mutter war es nicht. Die hat mir nur Märchen vorgelesen.“, meinte Alexa übellaunig, weil sie an den hässlichen Tag erinnert wurde, da sich ihre Eltern hatten scheiden lassen. „Eben! Dan was singst du immer unter der Dusche?“ „Hey! Jetzt reicht…“ „Ja genau! Ich will es auch wissen!“, kicherte Alexa. „Danilein, sing uns doch was vor!“ „Ich finde das nicht lustig!“ Vivi rollte die Augen. „Tu es einfach! Mach schon!“ „Äh…ich kann aber gar nicht singen!“
„Pfeif einfach!“, schlug Benny vor.
„Na gut! Aber ich habe euch gewarnt.“ Dan räusperte sich kräftig. „Aber wenn es nun doch nicht…“ „Dan!“, stießen Vivi, Alexa und Benny gleichzeitig hervor. Also begann Dan zu pfeifen. Das Lied, das er einmal aus Langeweile gesummt hatte, als er noch jung war. Ganz leise, im Matheunterricht. Danach war es ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und je mehr er pfiff, desto mehr fiel von ihm ab und desto lauter wurde er. Und mit seiner Melodie nahm eine leichte Brise Einzug, in die sonst windstille Höhle. Und je lauter er wurde, desto stärker wurde er. Bis ihnen ihre Haare um die Ohren flogen. Und je stärker der Wind wurde, desto heller erstrahlte das Licht. „Was passiert hier?“, schrie Herr Liebgraf über den Wind hinweg. „Wird jetzt die Magie frei?“ „Ich glaube schon!“, antwortete Benny. „Ich spüre eine fremde Magie erwachen!“ Der Wind wurde zu stark. Sie wurden zurück geblasen, von der Lichtquelle. Selbst Dan war verstummt. Stattdessen hielt er sich eisern an einer Rippe fest. Auch Benny stemmte sich gegen den Wind, im Schutz der Knochen. Mit brennenden Augen sah er auf. Und erstarrte. „Vivi! Alexa!“ Die beiden Mädchen standen als einziges noch da und starrten ins Licht. Als könne ihnen der Wind nichts, als säßen sie im Auge des Tornados. „Kommt, meine Schwestern!“, sprach die Stimme. „Lasst uns unsere Kräfte vereinen!“ Vivi und Alexa waren wie in einem Bann gerissen. Das Licht über ihnen erstrahlte, wie ein Stern in der Dunkelheit. Es war so warm und so leicht. Ihre Stirn begann zu leuchten. Es war ein weißes Licht, das auf Vivis Stirn leuchtete und auf der Stirn Alexas. „Kommt!“ Wie Federn im Wind hoben sie vom Boden ab. Ihre Füße verloren den Halt. Die Kugel, um die sie schwebten, tauchte sie in ihr Licht und ihr ganzer Körper strahlte. Und begann sich zu färben. Die Anwesenden sahen wie gebannt zu. Sie starrten mit offenen Mündern. Es war ein atemberaubender Anblick. Vivis Körper erstrahlte in einem leuchtenden Grün und Alexas Körper in einem leuchtenden Rot. Sie drehten sich um die strahlende Kugel. Doch sie bildeten auch eine Lücke. Diese Lücke wurde gefüllt. Denn von dem weißen Licht löste sich eine kleine Lichtkugel in leuchtendem Blau. Sie gesellte sich zum Tanz der beiden Mädchen. Das Licht in Vivi und das in Alexa bündelte sich. In ihren Stirnen. Es wurde zu einem kleinen Dreieck inmitten der Stirn. Ein Grünes und ein Rotes. Dann sanken sie leicht zu Boden. Mit einem Schlag verschwand der Wind und mit ihm alle Magie. Die weiße Lichtkugel lag ruhig und friedlich da, ganz wie zuvor. Überhaupt war alles wie zuvor. Nur das blaue Lichtlein schwirrte verloren umher. „Vivi! Alexa!“, rief Benny aus und eilte zu ihnen. „Geht es euch gut?“ Die beiden Mädchen sahen einander an. „Was war das gerade eben?“, fragte Alexa perplex. Auch Dan trat heran. „Woher sollen wir das wissen! Ihr wart es doch, die…die…“ Doch Vivi klatschte übermütig in die Hände. „Dann ist es also wahr? Wir stammen auch von einem Helden ab! Cool! Wir sind die Nachfahren eines berühmten Helden!“ Herr Liebgraf klopfte sich den aufgewirbelten Staub aus der Kleidung und schlug auch seinem Freund scherzhaft auf die Schulter. „It was fantastically!“, stieß Herr Stone hervor. Wie alle anderen konnte er seinen Augen kaum trauen. „Oh, yeah!“, stimmte Herr Liebgraf ein. Ehe er sich an die beiden Mädchen wandte. „Aber was ist das für ein Symbol auf eurer Stirn? Ein Dreieck?“ Gleichzeitig betasteten die Mädchen ihre Stirn. „Ich weiß nicht. Ich hatte plötzlich dieses Gefühl von Wärme und Glück. Ich musste einfach zu diesem Licht!“, versuchte Vivi sich zu erklären. „Genau!“, stimmte Alexa zu. „Aber ist nicht irgendwas jetzt anders? Ich meine, so eine Szene für nichts und wieder nichts? Das kann doch nicht sein!“, entgegnete Dan. „Vielleicht habt ihr tatsächlich die Magie in dieser heiligen Stätte erweckt!“, überlegte Herr Liebgraf. „Wir sind nur nicht aufmerksam genug sie zu sehen.“ „Aber wo sind dann die Lichtpfeile? Sie müssen hier irgendwo sein!“, erinnerte Benny sie an den Grund ihrer Expedition. Er hatte sein momentanes Ziel nicht vergessen – die Lichtpfeile. Die Gruppe verfiel wieder in ungeduldiges Schweigen. Jeder für sich überlegte. „Vielleicht“ Dan kratzte sich am Kinn. „Sind die Lichtpfeile hier drin!“ Er zeigte auf die strahlende Kugel, der Quelle, die ihnen Licht spendete. „In dieser komischen Kugel!“ „Die Lichtpfeile werdet ihr nicht finden! Sie sind nicht von Menschenhand geschaffen sondern aus der Magie der Erde entstanden. Folglich sind sie zerstört worden. Es gibt sie nicht!“ Überrascht von der fremden Stimme fuhr die kleine Gruppe auf und suchte nach dem Ursprung. Nur Benny nicht. Seine Finger legten sich noch fester um den Schwertgriff und sein Gesicht nahm eine ungesunde Farbe an. Denn er hatte die Stimme erkannt. „Zeig dich, du…du…“
Die Stimme lachte.
Dann trat die Gestalt aus dem Schatten ins Licht. „Du solltest lieber deine schwachen Nerven schonen, Benny!“, sagte Kim gehässig. Die anderen erschraken, ob des Unbekannten, der wie aus dem Nichts erschienen war. „Halt die Klappe!“, schrie Benny, mit zitternden Händen und wutverzerrtem Gesicht hob er das Schwert über seinen Kopf. „Ich bringe dich um!“ Mit einem Kampfesschrei stürzte Benny nach vorne, auf ihn zu. Entschlossen zuzuschlagen, komme was da wolle! Und wenn er selbst dabei draufging! Aber Kim wich nicht einen Millimeter. Er blieb gelangweilt stehen, erwartete ihn regelrecht. Das entging Benny nicht und er bereitete sich auf einen mächtigen Gegenschlag vor, aber den Angriff brach er niemals ab! Schließlich hatte er nicht mit dem rechnen können, was tatsächlich geschah. Sein gesamtes Gewicht steckte Benny in den Angriff und war bereit zuzuschlagen. Doch stattdessen – fiel er einfach durch Kim hindurch. Wie durch Luft. Davon wurde Benny so überrascht, dass er sein Gleichgewicht verlor und sein eigener Schwung ihn zu Boden riss, über den er noch einige Meter purzelte, mitsamt seinem Schwert. Natürlich hatten es auch die Anderen mitbekommen. „Ein Hologramm!“, sagte Herr Liebgraf verblüfft. Ermutigt von der Tatsache, dass der Feind nur ein Abziehbild war und nicht echt anwesend, hob Vivi drohend die Faust. „Du bist also dieser Kim? Genieß deine Zeit als Bösewicht solange du noch kannst! Denn schon bald werden wir dir kräftig in den Hintern treten!“ Kim verzog herablassend eine Miene. „Ganz schön frech für ein so unbedeutendes Gör!“ Er hob die Hand in ihre Richtung. „Aber ich verzeihe dir, du wirst genug Zeit haben es zu bereuen – wenn ich euch erst getötet habe!“ Die Gruppe atmete entsetzt auf. Aus Kims Hand schoss ein Strudel aus dunkelvioletter Magie. Der Wind blies auf und die Magie brannte auf ihrer Haut. Und auf der der anderen. Allesamt fielen sie auf die Knie und schrieen. Es war so heiß. „Nein!“, schrie auch Benny. Er packte das Schwert und sprang auf die Beine. Wie sollte er Kim aufhalten? Wenn er ihn nicht berühren konnte? Und ein magisches Schild aufzubauen nützte auch nichts, die Magie Kims war zu stark, sie würde seinen Schild mühelos durchbrechen. Benny konnte nichts tun, nur zusehen wie seine Freunde starben. Jäh schoss die leuchtende blaue Kugel zwischen Kim und der Gruppe. Ihr Licht erstrahlte und das Blau umschloss sie schützend, wie eine Barriere. So mächtig, dass Kims Magie sie nicht durchdringen konnte, sondern nur daran abprallte. Kim ließ es geschehen, obwohl er den Schild hätte brechen können. Also war nun auch die Dritte erschienen – und diese konnte mit ihrer Magie umgehen. Sicher er war mächtiger, auch als Diese. Er war gar nicht gekommen um irgendjemanden zu töten. Er hatte sich nur vergewissern wollen, ob hier wirklich die Dritte geruht hatte. Es war nicht nötig sich die Hände schmutzig zu machen, nicht mehr. So oder so – Benny hatte keine Chance! Trotzdem, er konnte es sich nicht erlauben durchschaut zu werden. Kim zog seine Hand zurück. „Was fällt dir ein? Wer bist du?“ Auch der Schild verschwand. Und das Licht formte sich, nahm Gestalt an. Zu einem Mädchen. Ein Mädchen mit lockigem blauem Haar und in einem weißen Kleid. Ein blaues Dreieck leuchtete auf ihrer Stirn. „Oh, Ihr kennt mich, junger Großmeister des Bösen. Wir sind uns bereits einmal begegnet!“, sprach das Mädchen mit ihrer hellen Stimme. Misstrauisch musterte Kim sie. „Ja, jetzt erinnere ich mich.“ „Verzeiht meine Unhöflichkeit, aber ich muss Euch auffordern augenblicklich zu gehen! Diese heiligen Hallen sind dem Bösen verwehrt!“, setzte das Mädchen nachdrücklich hinzu. Kim lachte. „Ich werde hinausgeworfen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber eines solltet ihr wissen!“ Drei Finger hob er in die Höhe. „Drei Tage habt ihr um euch von eurem Leben zu verabschieden!“ Mit diesen Worten war das Hologramm verschwunden. Das blaue Mädchen atmete tief durch. Es schien anstrengend für sie gewesen zu sein. Die Gruppe rappelte sich wieder auf. „Du bist das blaue Mädchen!“, stieß Alexa erstaunt heraus. Das Mädchen drehte sich zu ihr um und lächelte. „Es freut mich euch endlich kennen zu lernen, Schwestern!“ „Aber wer bist du?“, fragte Benny und trat auf sie zu. Strahlend vor Glück verbeugte sich das blaue Mädchen. „Mein Name ist Navi!“ „Navi?“ Benny konnte es nicht fassen. „Du bist…Links kleine Fee? Aber das kann doch nicht sein! Du bist tot!“ „Doch, die bin ich.“, lächelte das Mädchen. „Ich war so gut wie tot, denn ich war zwischen den Zeiten gefangen und konnte nicht in die Welt zurückkehren. Doch du“ Damit wandte sie sich an Dan. „der jüngste männliche Nachkomme des Helden des Windes, hast es mir ermöglicht wiedergeboren zu werden. Als eine der drei Weisen – die Weise der Weisheit!“ „Ei…eine Weise?“, wiederholte Dan verständnislos. „Eine der drei Weisen!“ Sie packte Vivi und Alexa bei der Hand. „Und ihr seid die anderen Beiden! Alexandra, die Weise der Kraft und Viktoria, die Weise des Mutes!“ „Wir sind Weise?“, fragte Vivi überwältigt. Navi nickte. „Wir müssen der Göttin helfen! Unbedingt! Aber zuerst müssen wir dem Masterschwert die Macht zurückgeben das Böse vom Antlitz der Welt zu verbannen!“ „A…aber wie sollen wir das denn machen? Nur weil du weißt wie man das macht heißt das nicht, dass wir das können!“, entgegnete Alexa. „Ihr könnt es!“, versicherte Navi. „Ihr wisst es noch nicht, aber ihr könnt es! Bitte, Held der Zeit, komm her und halte das heilige Schwert vor dir und wir legen unsere Hände auf deine, damit unsere Kraft auf dein Schwert übergehen kann!“ Benny tat wie ihm geheißen und wartete ab. Aber Vivi und Alexa waren absolut nicht überzeugt. „Bitte! Glaubt an euch! Wir sind auserwählt worden dem Held der Zeit zu helfen!“ Vivi sprang auf. „Du hast Recht, Navi! Wir haben nur noch drei Tage! Wir sollten es versuchen!“ Sie legte Benny ihre Hand auf die seine. „Na schön! Lieber klappt es nicht als wenn ich mich von dem töten lasse!“, entschloss sich auch Alexa und legte ihre Hand auf Bennys andere Hand. Navi, die neue Hoffnung geschöpft hatte, legte als letztes ihre Hand auf Bennys. Es passierte rein gar nichts. Benny kam sich so albern vor. Gerade eben hatte er gedacht er könnte Kim besiegen, weil er die Lichtpfeile erhalten würde. Dann hatte er gedacht er könnte Kim besiegen, weil Navi so überzeugend reden konnte. Aber jetzt? Plötzlich durchströmte ihn eine seltsame Wärme. Als hebe er gleich vom Boden ab. Das Triforcewappen des Schwertes leuchtete auf. „Göttinnen, wir rufen euch!“, betete Navi. Es war als ginge ein Licht in ihren Köpfen auf. Gemeinsam, wie mit einer Stimme, beteten sie alle drei weiter. „Schenkt dem Helden der Zeit eure Kraft, damit das Böse für immer vom Antlitz der Welt verbannt wird!“ Ein leichtes Vibrieren, die Klinge leuchtete auf. Dieses Leuchten, Benny spürte es, wie es in ihm aufging. Benny merkte es nicht, aber der schwarze Strich in seinem Gesicht wurde allmählich geläutert. Er verschwand keineswegs, doch er verlor ein wenig an Kraft. Hauchdünner schwarzer Dampf stieg davon auf und der Strich wurde kleiner. Plötzlich durchdrang ihn das Licht nicht nur, es formte sich, wie zu einem Panzer, einer Rüstung für ihn. Doch nur einen kleinen Augenblick, kaum erkennbar. Dann war es ganz erloschen. Die Lichtkugel, die über ihren Köpfen geschwebt hatte, senkte sich nur auf das Schwert herab. Es umschloss die leuchtende Klinge und wurde hart und glänzend. Eine Scheide für das Masterschwert. Es war aus blaugefärbtem Metall, bespickt mit goldenen Verziehrungen und eingegossenen Saphiren. Dann war der Zauber verflogen, die Gebete vollbracht. Und um diesen Schluss zu vervollständigen – rutschte Benny die Hose hinunter. Doch er hatte gar keine Zeit rot vor Scham zu werden. Denn in diesem Augenblick erlosch das Licht und es war wieder stockdunkel in der Höhle…

Sie war in ihrem Haus. Lin war wieder zu Hause. In diesem Trugbild ihres Hauses. An ihrem Schreibtisch. Vor ihr das Mathebuch ausgebreitet. Ohne jedes Zögern, als wäre es ganz normal, was schon lang nicht mehr der Fall war, schlug sie es zu und erhob sich. Ganz sicher war Ganon irgendwo im Haus. In der Küche vermutete sie ihn als erstes, aber, es war unglaublich, da war er nicht! Der Kühlschrank schien gar unangetastet! Stirnrunzelnd durchsuchte sie das ganze Haus. Nichts. Lin merkte erstmals wie erschöpft sie war. Der ganze Wirbel und erst recht der rasch anschwellende Bauch! Wahnsinnige Schmerzen durchdrangen sie wenn sie wach war. Und wenn sie schlief war sie unruhig. Sie wollte nur noch Ruhe. Stille. Orangerote Sonnenstrahlen durchdrangen das Wohnzimmerfenster. Die Sonne ging unter. Bewusst hatten sie sich ein Haus auf dieser Straßenseite ausgesucht. Denn hier lag der Garten im Westen. Nachmittags wärmte die Sonne und abends konnten sie den Sonnenuntergang genießen. Großvater hatte das immer geliebt. Während sie seinen Geschichten über den Helden der Zeit gelauscht hatten. Lautlos öffnete sie die weiße Verandatür. Und trat hinaus auf die gepflasterte Veranda. Es war so schön warm, dass sie die Augen schloss und sich ihr Haar vom Winde aufbrausen ließ. „Ach ja! Den Sonnenuntergang können sogar Feinde gemeinsam genießen.“, seufzte da jemand. Lin wandte sich um. Auf dem alten Liegestuhl aus Holz lag er. Schwerfällig. Mit geschlossenen Augen. „Der Sonnenuntergang ist immer das Schönste in der Wüste gewesen! Auch der Sonnenaufgang hat etwas, aber es ist kein Vergleich zum Sonnenuntergang! Wenn der Sand abkühlt, noch heiß, aber man kann bereits barfüßig darauf laufen. Wenn die Sonne an Kraft verliert und die kühlen Winde die Hitze verdrängen ohne einen frösteln zu lassen.“ Lin biss auf ihrer Unterlippe herum. Sie rang mit sich. „Ich…“, begann sie mit ihrem Satz. „Ich muss mit dir reden!“ „Nein, das musst du nicht.“, unterbrach sie Ganon. „Es ist alles gesagt worden was es zu sagen gab. Das ist unser letztes Beisammensein. Nun bin ich bald für immer verschwunden, da will ich nicht reden. Mach einfach die Augen zu und genieße den Sonnenuntergang…“ Sie tat wie ihr geheißen. Dann redete Ganon doch. „Eine Frage ist noch nicht geklärt, das stimmt. Du möchtest wissen warum gerade du ausgewählt worden bist.“ Er legte die Arme hinter den Kopf. „Ich werde dir nun zeigen, was in jener Nacht geschah von dem du nichts weißt…“ Nachdem der Großmeister des Bösen gefallen war, der Held der Zeit in die Vergangenheit zurückkehren wollte, das Siegel aber brach, als der König der Gerudos den Erretter Hyrules gefangen genommen hatte und sich das Land erneut in Finsternis hüllte, schwebte die schwarze Burg von neuem und dennoch in alter Pracht über dem tobenden Lavasee, im Zentrum des Reiches und doch abgeschirmt von allen Feinden. Und er war mit Ashanti zurückgekehrt… Die Nacht brach inzwischen herein und die ersten Sterne stahlen sich aufs Firmament. Kim stand vor dem Fenster, mit einem dicken, aufgeschlagenen Buch in der Hand. Aber er las nicht darin. Keineswegs. Wieder riss er eine Seite heraus und knüllte sie zusammen. Er streckte die Hand aus und öffnete sie. Das Papier flog nach unten, in die Tiefe, und er beobachtete den sachten Fall. Und wie das Pergament verglomm noch ehe es die heiße Flüssigkeit überhaupt berührte. Gelangweilt wiederholte er das Spiel. Gerade streckte er den Arm zum Fenster hinaus. „Findest du es gut Gegenstände von solchem Wert zu vernichten?“ Die Tür fiel in die Angeln. Er hatte Ganon ins Zimmer kommen hören. „Es ist mir egal!“, entgegnete er trotzig. „Wenn du die Hand öffnest werde ich dich bestrafen!“ Kim wandte ihm den Kopf zu. Sein ausgestreckter Arm zitterte für einen Augenblick, dann öffnete er sowohl die Hand als auch warf er das ganze Buch mit voller Wucht hinterher. Kim hatte nicht die Zeit sich zu verteidigen, geschweige denn auszuweichen. Er spürte eine Hand, die ihn packte und gegen die Wand schleuderte. Er spürte einen Schlag, der ihn zu Boden riss, seine linke Wange brannte. Aus seiner Nase quoll Blut und im Mund hatte er einen ekligen Geschmack. „Solange ich am Leben bin, befolgst du jeden meiner Befehle, jeden!“ „Ich bete jeden Tag, es möge nicht mehr lange dauern!“, entgegnete Kim und hielt sich die Hand unters Kinn, weil er beim Reden Blut spuckte. Ganon ging darauf nicht ein. „Komm mit!“ Nur äußerst widerwillig folgte Kim ihm durch die dunklen Gänge. Sie waren am Tag genauso dunkel wie bei Nacht, sie schienen das Licht regelrecht zu absorbieren. Sie gelangten in einen kleinen Raum, der von vielen Fackeln an den Wänden erleuchtet wurde. In der Mitte stand eine Schlangenkopffigur. In ihrem Maul trug sie eine glänzende Fläche. „Ein Spiegel.“, stellte Kim unbeeindruckt fest. „Und?“ „Hast du unseren Plan schon vergessen? Es fehlt noch – die Frau!“ Kim rollte die Augen. „Na und? Irgendeine lässt sich schon finden.“ „Rede nicht so naiv! Wir suchen kein gewöhnliches Mädchen!“ Kim verschränkte die Arme vor der Brust. „Na gut! Und du meinst es bringt etwas wenn wir hier herumstehen und in einen Spiegel starren? Während sie da draußen rumläuft?“ Nun grinste Ganon breit. „Wer sagt denn, dass sie hier herumläuft? Schließlich wirst du deine Aufgabe auch nicht in dieser Zeit erfüllen!“ Kim fiel die Kinnlade herunter. „Du meinst das Mädchen kommt…und wir…“ „…werfen einen Blick in die Zukunft!“, beendete Ganon den Satz. Kim nickte und stellte sich vor den Spiegel, Ganon hinter ihm, damit sie beide genug Platz hatten. Sie sahen ihre eigenen Spiegelbilder. Ganon zeigte mit dem Finger auf einen Punkt der glatten Fläche und sprach einen Vers in der alten Sprache. Dort wo sein Finger hindeutete geriet sie in Bewegung. Die Wellen breiteten sich über den Spiegel aus, wie wenn man einen Stein ins Wasser warf. Die Spiegelbilder verschwanden und an ihre Stelle traten andere Bilder. Formen von hohen, gigantischen Häusern, von fahrenden Autos mit Schweinwerfern, von Schaufenstern mit allen möglichen Gegenständen und vielen weiteren Dingen. Alles durch moderne Spiegel, Fenster, ja sogar durch Wasserpfützen. Die Zukunft war beeindruckend und interessant und so neu! Es war fast unmöglich sich ein Leben dort vorstellen zu können. Ganon legte seinem Sohn die Hand auf den Kopf und flüsterte dicht an seinem Ohr: „Und nun – schlaf!“ Schon spürte Kim wie die Müdigkeit ihn übermannte. Seine Knie zitterten und seine Lieder wurden schwer. „Warum lässt du mich jetzt…“ Weg war er. Bevor er nach vorne fallen konnte, fing Ganon ihn und lehnte ihn an seinen eigenen Körper. Er hielt Kims Kopf gerade. „Wir werden jetzt die Frau suchen, die die Ehre hat, dein Kind austragen zu dürfen.“, lachte Ganon. „Die Welt ist groß, aber wir haben Zeit. Also wähle weise, mein Sohn!“ Die Flammen im Saal färbten sich reinblau und es wurde kalt. Ganon konnte seinen Atem sehen. Die Magie seines Sohnes war aktiv. Und schon erschien im Spiegel ein Zimmer. Auf dem Bett lag ein junges Mädchen, in Kims Alter, das ohne Arg ein Buch las. Keine Reaktion! Das Bild verschwamm und ein anderer Raum erschien. Ein Mädchen saß auf einer Couch und küsste sich mit einem Jungen. Wieder keine Reaktion! Ein neues Zimmer entstand. Ein Mädchen starrte sich im Spiegel an und fuhr sich mit einem Stift über die Lippen, der rosa Farbe darauf hinterließ. Noch immer keine Reaktion! Ein noch größerer Raum entstand und in diesem versammelten sich gar haufenweise junger Leute, die saßen und tranken und sich zu lauter Musik unterhielten. Viele Mädchen standen zur Auswahl, doch es gab keine Reaktion. Dann wieder erschien ein weiteres Zimmer, in dem zwei sich sehr ähnlich aussehende Mädchen befanden und die auf dem Bett tanzten und laut dazu sangen. Doch nichts geschah! So vergingen etliche Stunden, ohne Erfolg! Aber Ganon wollte – durfte – unter keinen Umständen aufgeben. Ihm entwich ein verzweifeltes Seufzen, als schon das unzähligste Bild verschwand, auf das es nicht die geringste Reaktion gegeben hatte. Es war wirklich zum Verzweifeln! Es konnte noch Jahre so weitergehen! Nein, Jahre sicher nicht, dass redete er sich nur ein, weil er die Geduld verloren hatte. Sie hatten ja noch viel Zeit, also konnten sie sich auch Zeit lassen. Es war ermüdend, doch notwendig! Es gab eben mal nur ein einziges Mädchen, das auserwählt werden konnte! Aber…vielleicht war es genug für heute… Ein nächster Blick gab sich frei und wäre er nicht höchst merkwürdig gewesen, so hätte Ganon führ heute aufgegeben. Und vielleicht hätte er sie dann nie gefunden… Es war eine kleine dunkle Küche. Ein Schatten bewegte sich und ein Geräusch von plätschernder Flüssigkeit war zu vernehmen. Die Gestalt lief auf sie zu und wandte sich zur Tür. Zuerst hielt Ganon sie für einen Jungen, denn der große, dicke Pullover versteckte die Weiblichkeit. Doch es war ein Mädchen, ihr weicher Gang verriet es. Mit einem Glas in der Hand bemerkte sie den Spiegel und stellte sich davor. Sie hatte feine weibliche Züge und Augen von dunklem Blau und langes blondes Haar. Ein sehr hübsches Gesicht. „Sehen meine Haare schrecklich aus!“, stöhnte das Mädchen und zupfte mit der freien Hand an einer Strähne herum. Plötzlich öffnete Kim die Augen. Sie leuchteten auf. Ganon war sicher, dass er nicht wach war, dass nur die Macht in ihm nun endlich reagierte. Also hatte sie gewählt! Er richtete sich auf und trat einen Schritt auf den Spiegel zu. Noch immer blickte er auf das Mädchen, seine Augen schienen selbst die Luft zu durchschneiden. Die Flammen schossen in die Höhe und brannten bis zur Decke. Ein Wind fegte durch den Saal und ließ Haar und Kleidung wehen. Und in diesem Augenblick erstarrte das Mädchen auf der anderen Seite. Das Glas fiel ihr aus der Hand und zerschellte klirrend auf dem Fließen. Sie starrte Kim angsterfüllt in die Augen. Seine wurden rot, leuchtend rot, und seine Pupillen verengten sich noch mehr. An den Wänden zerplatzten einzelne der aufgeschichteten Steine. Der Staub rieselte. Ganon konnte es nicht vermeiden, ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken. Die Lieder des Mädchens sanken bis zur Hälfte herab und die Augen wurden leer. Sie war in Trance, sie stand unter Kims absoluter Kontrolle. Kim streckte den Arm aus und legte die Handfläche auf den Spiegel. Sofort hob auch das Mädchen die Hand, als ob sie erwartete, dass er ihr etwas überreichte. Was Ganon dann sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte gewusst, dass die Macht seines Sohnes gigantisch war, doch nicht, dass er in der Lage war selbst Raum und Zeit zu durchbrechen! Erst durchdrangen die Finger den Spiegel, dann die ganze Hand. Das Mädchen nahm die Hand entgegen und umschloss sie mit den ihren. Seine Augen strahlten intensiver. Sie fiel auf die Knie und küsste seine Hand. „Mein König…“, wisperte das Mädchen. Er legte ihr die Hand auf die Wange und sie sah hoch zu ihm. Ihre Hände fielen schlaff in den Schoß – Dann entstand der Sog! Blitzschnell zog er die Hand zurück. Seine Iris geriet in Bewegung und färbte sich wieder gelblich. Dann war die Magie verschwunden und er verfiel in wirklichem Schlaf… Lin sprang auf die Füße und riss die Augen auf. Sie konnte sich nur an gelbe Augen im Spiegel erinnern. Panisch sah sie nach hinten, da war nichts. Sie drehte sich wieder zum Spiegel, aber nichts… Mit einem Schlag erwachte Kim. Er atmete schnell und stoßweise. Sein Blick irrte umher, bis er feststellte, dass er am Boden lag. Ganon stand über ihm und starrte in den Spiegel, der kein Spiegel mehr war. Ein Loch war ins Netz der Zeit gerissen worden. Ein Portal in die Zukunft. In seinem Kopf pochte es wie wild, als er sich aufsetzte. „Was ist passiert?“, murmelte Kim. Er konnte sich an rein gar nichts mehr erinnern. Doch Ganon rieb sich vergnügt die Hände. „Dass es so leicht ist hätte ich mir gar nicht erträumen können!“ Mit gefährlich schwankenden Knien erhob sich Kim ganz. „Was meinst du? Was ist hier los, Meister?“ Er war vollkommen irritiert. Nun wandte Ganon sich an ihn. „Es gibt ein paar Planänderungen. Geh in dein Zimmer und schau aus dem Fenster!“ Kim, so wie er es sich angelernt hatte, wurde sofort misstrauisch. „Warum?“ „Frag nicht! Tu einfach was ich sage. Schon bald wird etwas geschehen und das solltest du unter keinen Umständen verpassen!“ „Werde ich nicht eingeweiht?“ „Nein.“, winkte Ganon ab. „Zumindest jetzt noch nicht.“ Lustlos zuckte Kim die Achseln und verließ den Raum. Es hatte keinen Sinn zu Trotzen, das hatte bei Ganon noch nie einen Sinn gehabt. Gähnend machte er sich auf den Weg ins oberste Zimmer. Eigentlich konnte er sich noch ein wenig hinlegen. Er fühlte sich plötzlich so müde. Ein Schrei ließ ihn aufhorchen. „Versammelt euch, Männer!“, brüllte Karos. Dann hörte er lautes Getrampel der Skelett-Krieger. Kim konnte Karos nicht ausstehen, zumal Karos nichts weiter war als ein zum Leben erweckter Knochenrest eines toten Menschen! Und die anderen Monster, von denen die Burg verseucht war, auch nicht. Ihm waren die Gerudos in ihrer Festung lieber, als eine rabenschwarze Burg mit Monstern. Weil er seiner Abscheu Luft verschaffen wollte stellte sich Kim einfach in den Weg und blieb mitten im Gang stehen, als die Krieger angerannt kamen. Karos führte die Stalfostruppe an, die gerade zu einem Einsatz gerufen worden war. Wozu, das wusste keiner, nur Ganon. Doch als sie Kim bemerkten und sahen, wie er absichtlich den Weg versperrte, da verstummten sie und blieben stehen. Unsicher warteten sie ab. Karos starrte ihn mit seinen roten Augen an. Kim hielt dem Blick locker stand. Und Karos blieb nichts anderes übrig als nachzugeben. Er winkte nach hinten. „Nehmt den anderen Gang!“, befahl er. Seine Leute gehorchten ohne Murren. Denn in ihren Köpfen war es leer und hohl. Sie waren nur dazu da Befehlen zu gehorchen. Karos jedoch hatte einen eigenen Willen bekommen um als Oberkommandant zu fungieren. Seine Wut unterdrückend zischte er: „Wenn du nicht der Sohn des Herrn wärst, ich würde dir auf der Stelle den Kopf von den Schultern schlagen!“ „Und wenn ich nur aus Hundefutter bestünde, würde ich mein Maul nicht so aufreißen!“, gab Kim arrogant zurück und schritt einfach an Karos vorbei, ihm den Rücken zuwendend. Um ihn zu demütigen. Er konnte riechen wie wütend Karos war und fast schon spüren, wie die Knochenhand auf dem Schwertgriff ruhte und zitterte. Wie sie das Schwert am liebsten benutzen würde. Kim war äußerst amüsiert. Erheitert betrat er sein Zimmer und verschanzte sich vor dem Fenster. Er war ja sehr gespannt darauf was da geschehen werde, dass er es sich nicht erlauben konnte es zu verpassen. Aber etwas Interessantes musste es schon sein, sonst würde Ganon nicht eine ganze handvoll von kostbaren Stalfosen schicken, wo es doch so viele unbedeutende und verzichtbare Echsenkrieger, Wolfsheimer, Irrlichter und andere Sorten an Ungeziefer gab…

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by Kim