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The Legend of Zelda 2
Die Erben der Macht



Autorin: Kim


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Prolog


In der Vergangenheit…

"Gnade!", stöhnte Naboru unter den Schmerzen auf.
Sie quetschte und quetschte sich weiter durch den elendig engen Tunnel.
Ein Ruck noch - endlich war sie durch!
Sie stand auf und klopfte sich seufzend den Staub aus den Kleidern. Der Geistertempel hatte sich nicht verändert!
Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Waren es vier oder fünf Jahre?
Das letzte Mal hatte sie der Held der Zeit aus den Fängen der Hexenweiber befreit. Seitdem war so vieles geschehen! Seit Lin und Benny in ihre Zeit zurückgekehrt waren…
Seit ihr Sohn diese Zeit verlassen hatte…
Seit Ganons Tod…
Tränen traten ihr in die Augen, aber sie zwang sie zurück.
Jetzt war nicht die Zeit zu weinen, nicht die Zeit zu trauern…
Behutsam holte sie den kleinen Lederbeutel heraus. Deswegen war sie hierher gekommen. All die Jahre hatte sie es nicht geschafft sich zu überwinden. Aber heute hatte sie den Mut gehabt.
Natürlich war sie nicht wegen eines Stück Leder hier, sondern wegen Dem, was sich darin befand. Langsam entwickelte sie das Bündel.
Ein silberner Armreif kam zum Vorschein. Es waren viele Zeichen in der alten Sprache darin eingeritzt, die für Liebe, Hoffnung, Glück, Frieden, Schönheit und Reinheit standen. Und zwischen den einzelnen Symbolen war jeweils ein winziger, blutroter Rubin eingegeben. Er schimmerte noch immer so vollkommen und rein, wie damals. Als Ganon ihn ihr geschenkt hatte.
Der Reif glitt über ihre Finger, über ihre Handfläche, über ihr Gelenk.
Sie flüsterte seinen Namen…

Als sie aus der Wüste kam, erwartete sie Ashanti bereits, zwei Zügel in der Hand. Sie hatte alles für den Aufbruch vorbereitet. Naboru lächelte und klopfte dem schwarzen Rappen auf den Rücken. "Armer alter Thunder.", kicherte sie. "Wird Zeit, dass du endlich in den Ruhestand gehst."
Der Rappe wieherte und schnaufte ihr ins Gesicht. Sie lachte.
Auch Ashanti lächelte schwach. Dann fragte sie mit ernster Stimme: "Bist du dir wirklich sicher, dass du dort hin willst?"
Naboru sah ihre Schwester an. "Wenn ausgerechnet der Held der Zeit das schafft, dann ist es doch eine Schande, wenn ich es nicht kann!"
"Du warst so lange nicht dort." Es klang fast wie ein Protest. Ein Argument um sie davon abzubringen.
Naboru schwang sich auf Thunders Rücken. Sie antwortete nicht, sie zog nur an den Zügeln. Der Armreif glitzerte an ihrem rechten Handgelenk…
Als sie am Hylia-See ankamen - erblickten sie Epona und noch ein weiteres Pferd am Ufer. Verwundert blickten sie sich an, stiegen von den Pferden und begaben sich zu den Brücken.
Schon von weitem konnte man sie hören, Link, Zelda - und deren Sohn.
"Davin!", tadelte Zelda ihren kleinen Sohn. Den Namen hab ich mir von Simon geborgt ^-^ "Nicht anfassen!"
Energisch hob sie ihren Sohn hoch, der sich beinahe die Hand an der scharfen Klinge aufgeschnitten hätte.
Link stand langsam auf, als bereite es ihm große Mühe.
"Verdammt noch mal!" Er quengelte wie ein kleines Kind.
"Was hast du, Link?", fragte Zelda besorgt.

Er sah auf seine linke Hand. "Ich weiß nicht, aber in letzter Zeit stimmt was nicht mit meiner Magie."
Zelda rollte die Augen. "Darum machst du dir Sorgen? Die Zeit der Kriege ist vorbei. Du brauchst keine Magie mehr!"
Link seufzte und nickte resignierend. Zelda hatte Recht. Er brauchte keine Magie mehr. Nachdenklich betrachtete er die schimmernde Klinge, die in der Erde steckte.
Noch immer war das Masterschwert ins Grab gestoßen. Das Heilige Reich gab es nicht mehr, oder zumindest war es jetzt - wie sollte man es ausdrücken - ein Teil eines lebenden Organismus, der noch nicht einmal geboren war!?!
Darum war das Masterschwert nun nicht mehr als ein Grabstein. Umwuchert von hochragenden Pflanzen, die daran hinaufkletterten.
"Das ist doch…", Link war außer sich. "Was fällt denen ein!"
Natürlich hatte sich der Tod des Großmeisters des Bösen herumgesprochen und Millionen von Leuten hatten lange Reisen unternommen, nur um einmal vor dem Grab zu stehen, es zu betrachten, zu schweigen…
Und trotzdem! Trotz der Verluste, die der jahrtausend lange Krieg gekostet hatte. Trotz des Leides, das im ganzen Land geherrscht hatte. Trotz der Dinge, die sie hatten durchgestanden! Einige hatten einfach ihre Namen und Besuchsdaten in den kahlen Baum geritzt!
"So eine Unverschämtheit! So eine Rücksichtslosigkeit! So eine Respektlosigkeit!", schimpfte Link.
Zelda kicherte. "Beruhige dich doch, Gemahl."

Dann hörten sie ein weiteres heiteres Auflachen. Abrupt fuhr Link herum. "Naboru!" Er konnte seine Überraschung nicht verbergen.
"Ist lange her, dass wir uns an genau diesem Ort einfanden.", grinste die Weise der Geister.
"Schön dass du da bist.", erwiderte Zelda. "Und du auch Ashanti."
Ashanti machte einen höflichen Knicks.
"Santi!", kreischte Davin auf und strampelte in Zeldas Armen. Er war jetzt drei Jahre alt. Doch statt, wie bei den anderen Kindern in seinem Alter, hing er nicht an der Mutter, sondern an Ashanti. Zelda setzte ihn ab. Sofort rannte er in ihre ausgebreiteten, erwartenden Armen. Er rannte sie fast um mit seinem Schwung.
Alle brachen in Gelächter aus.
Sie unterhielten sich lange. Sie redeten über vergangene Zeiten. Sie redeten über bedeutende Dinge. Sie redeten über das, was sich alles verändert hatte.
Und sie redeten über die Drei.
"Was denkt ihr, ob Kim die beiden gefunden hat? Immerhin, die Welt ist groß!", meinte Zelda.
"Ach, da würde ich mir keine Sorgen machen." Link zwinkerte beschwörend. "Wer weiß, vielleicht sind Lin und Kim schon verheiratet und haben ebenfalls Kinder…"
Dann konnte sie sich nicht mehr halten - Naboru brach in Tränen aus.
Heiße Tränen flossen über ihre Wangen.
"Tut mir leid.", murmelte Link schuldbewusst.
"Nein, es ist nichts.", winkte sie ab. "Ich…" Sie sprach nicht weiter.
Zelda klatschte so plötzlich und laut, dass alle zusammenzuckten und Davin vor Schreck anfing zu weinen.
"Wisst ihr was wir jetzt am besten tun? Wir gehen jetzt alle gemeinsam ins Schloss. Ich sage dem Küchenchef er soll uns die besten Gerichte kochen, die unsere Küche zu bieten hat!"
"Ja, genau! Wir laden euch zum Dinner!", begeisterte sich auch Link. "Und? Sagt ihr zu?" Er wandte sich an Ashanti und Naboru.
Ashanti sah ihre Schwester an, fast schon bettelnd.
Naboru lächelte und nickte mit dem Kopf. "Nur ein Esel lehnt so ein Angebot ab."
Link hob seinen Sohn hoch und setzte ihn sich auf die Schultern. Gemeinsam machten sie einige Schritte auf die Brücke zu.
Nur Naboru rührte sich nicht von der Stelle.
"Naboru?", fragte Ashanti vorsichtig.

Die Weise der Geister fuhr sich mit dem Handrücken über ihre roten Augen. "Geht bitte schon vor, ich komme gleich nach…", sagte sie mit heißer Stimme.
Die anderen taten wie ihnen geheißen, auch wenn es äußerst widerwillig war. Naboru sah ihnen nach, wie sie das Festland betraten. Auch dann noch, starrte sie hinüber, als Link und die anderen verschwunden waren.
Sie drehte sich zum Grab um - und viel auf die Knie.
Der frische Wind, der stets durch die langen Grashalme an den Ufern pfiff, hatte bereits die lockere Erde auf dem Grab abgetragen und dem Unkraut Platz gemacht um zu sprießen und zu wachsen.
"Warum?", keuchte sie. "Warum ist das nur alles passiert?" Wieder liefen salzige Tränen über ihre geröteten Wangen. "Ich wollte mich nie gegen dich stellen…" Ihre Schluchzer wurden vom Geplätscher des Wassers verschluckt.
"Alles was ich wollte war, an deiner Seite zu sein!" Sie schrie. "Ich wollte nie als Weise der Geister erwachen!"
Klack…
Und noch ein Klack, klack.
Mit einem Ruck fuhr sie herum.
Maaku betrat die Insel mitten im See.
"Warum weinst du so, mein Kind?", fragte sie mit sanfter und beruhigender Stimme.
Sie bewegte sich nur langsam und jeder Schritt kostete sie viel Kraft. Das Alter nagte an ihr. Die alte Frau setzte sich neben sie ins Gras.
Naboru versteckte das Gesicht in den Händen. "Ich weiß es! Ich habe es von Anfang an gewusst!"
Maaku sagte nichts, schwieg nur.

"Ich bin das Letzte!", schluchzte Naboru. "Ich habe Ganon verraten und jetzt den Helden der Zeit. Ich wusste was passieren wird und ich habe es Link verschwiegen!"
Sie wünschte sich Trost. Sie wünschte Maaku würde sie in den Arm nehmen und sagen, dass es nicht ihre Schuld war. Dass sie es sowieso nicht hätte verhindern können. Ihre Stimme war heiß und rau. "Jetzt ist es zu spät. Jetzt wird mein eigener Sohn das mit Lin machen, was Ganon mir angetan hat!"
Wieder brach sie in Tränen aus. Sie wollten einfach nicht versiegen.
"Meinst du, Lin wird es helfen wenn du weinst und bereust?", fragte Maaku.
Naboru nahm langsam die Hände vom Gesicht und wandte es der Frau zu.
"Ich bin genauso schuldig, denn ich war es, die so viele in den Tod geschickt hat. Ich wollte Ganon töten lassen, um genau dies zu verhindern! Ich wusste bescheid und doch habe ich die Chance nicht genutzt, die ich vor vielen Jahren hatte! Die einzige Chance alles zu verhindern! Ich habe es einfach nicht über mich gebracht."
"Was meint Ihr damit?"
Maaku hob den Blick zum Himmel. "Es nützt nichts wenn wir uns Vorwürfe machen! Nicht wir sind es, die nun leiden - Lin ist es!"

An jenem Tag…
An jenem Tag, als das Schicksal seinen Lauf nahm…
Saßen Lin und Kim am Ufer des großen Teiches im Park…
Sie saßen zusammen…
Und es sollte ihr letzter Augenblick sein, indem sie sich nicht als Feinde gegenüberstanden…
Kims Kopf lag auf ihrem Schoß, er hatte die Augen geschlossen.
Leicht und sanft ließ Lin ihre Fingerkoppeln über sein Gesicht gleiten. Ihre Haut glitt über seine Nasenspitze…über seine Wangen…über sein Kinn…
Über seine Lippen…
Er spürte die Berührung. Er roch ihren Duft. Und er fühlte die Wärme, die von ihrem Körper ausging.
"Und du kommst wirklich nicht zum Basketball?" Er öffnete die Augen.
Sie lächelte und erwiderte: "Wie oft denn noch? Ich habe einen wichtigen Termin! Den kann ich nicht so einfach verschieben!"
"Warum nicht?"
"Was ist denn so bedeutend, dass ich ausgerechnet heute zum Basketball kommen muss?"
Er antwortete nicht sofort. Er ließ sich Zeit und schloss erneut die Augen. "Nichts… Ich will einfach, dass du heute den ganzen Tag bei mir bleibst…"
"Aber das dauert doch nicht lange! Danach komme ich sofort zum Sportplatz, einverstanden?"
Noch immer öffnete er die Augen nicht, als er sagte: "Na gut."
Sie beugte sich so gut sie konnte zu ihm herunter.
Dann spürte er ihre Lippen auf den Seinen. Sie waren weich und warm.
Er spürte wie ihre glühende Zunge die Seine streichelte.
Und er wünschte sich dieser Moment würde niemals vergehen…
Lin setze sich auf und tippte ungeduldig gegen seine Schulter. "Ich muss langsam los!"
Mit einem missbilligenden Seufzen und äußerstem Widerwillen öffnete er die Augen und setzte sich auf.
Lin warf einen flüchtigen Blick auf ihre Armbanduhr, ehe sie aufstand und ihre Schultasche um die Schulter schwang. Sie sah seinen fast schon entsetzten Gesichtsausdruck. Skeptisch stemmte sie die Hände in die Hüften und schimpfe: "Du tust ja so als ginge morgen die Welt unter. Was ist nur mit dir los?"

Du ahnst ja gar nicht wie recht du hast, dachte er, erwiderte aber: "Ach nichts…"
Hätte sie mehr Zeit gehabt, dann hätte sie schon nachgeforscht. Irgendwie überkam sie ein ungutes Gefühl.
Trotzdem ignorierte sie es und fiel ihm um den Hals. Auch wenn er nicht mehr gegen irgendwelche Monster oder Leute kämpfte, hatten seine Muskeln kein bisschen darunter gelitten. Lin wurde noch immer rot bei seinem Anblick und seinen starken Berührungen. "Bis später!"
"Ja, bis später…"
Sie rannte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Kim sah ihr nach.
Ihr langes Haar wirbelte im Wind…
Sie war nicht mehr zu sehen.
Niemand war mehr zu sehen.
Du weist wo sie hingeht?
"Natürlich! Ich bin kein Idiot!"
Das nicht, aber manchmal sehe ich mich gezwungen, dich an deine Aufgabe zu erinnern!
Kim knirschte mit den Zähnen und rieb seine linke Hand. "Es ist mir nicht entgangen." Er ging zum Ufer des Teiches. Doch es war nicht seine Gestallt, die sich im Wasser spiegelte. Es war ein Junge, der ihm aufs Haar glich - nur dieser Junge war von der Sonne dunkelbraun gebrannt und hatte kleine weiße Flecken auf der Nase.
Kim schloss die Augen. Der Wind wehte stärker, zischte durch die Kronen der Bäume und wirbelte das Laub auf.
Du weist was du zu tun hast?
"Meister…" Kims Stimme war eiskalt. "Dieser Tag - ist der Anfang vom Ende!"
Er öffnete die Augen. Sie waren blutrot mit den schmalen schwarzen Pupillen. Der Wind brauste übers Wasser und ließ das Spiegelbild verwischen.
Doch es war zu hören…
Ganons Lachen…



1. Kapitel

"…schon seit drei Wochen wird die 15-jährige Lin Thelen vermisst…" Ein großes Foto von Lin wurde eingeblendet und die Nachrichtensprecherin fuhr fort: "Die Polizei fahndet noch immer, vergrößerte das Suchgebiet bis auf 10 Kilometer, doch bislang fehlt jede Spur. Mein Kollege ist vor Ort und wird sie weiter informieren..." Das Bild der Nachrichtensprecherin wurde kleiner und machte einem anderen Platz. Ein Mann, der ein breites, gelbes Mikrofon in der Hand hielt. Und neben ihm stand ein Mann mit Eintagsbart, dicke, schwarze Augenringe untern den Lidern und in einem braunen Mantel gehüllt. Im Hintergrund liefen Polizisten auf und ab. Manche mit Spürhunden an der Leine.
"Ja, die Polizei sucht auch bereits mit Helikoptern, noch ohne Erfolg. Ich habe hier den ermittelnden Detektiv neben mir. Mr. Martins, gibt es immer noch keine Spuren?" Mr. Martins räusperte sich. "Leider nicht. Darum ist es sehr wichtig, dass die Gemeinde mithilft." Der Detektiv sah starr in die Kamera. "Wenn Ihnen irgendetwas Merkwürdiges auffällt melden Sie das bitte umgehend der Polizei!"
"Mr. Martins.", erwiderte der Reporter. "Es geht das Gerücht um, dass die örtliche Behörde die Hoffnung schon aufgegeben…"
"Zu meinem Bedauern muss ich das bestätigen.", unterbrach der Detektiv. "Wir bezweifeln, dass wir das Mädchen lebend finden, aber noch ist alles offen…" Kurzes Schweigen.

"Glauben Sie, dass das Verschwinden des Mädchens irgendetwas mit dem Mord an ihrem Großvater zu tun hat?"
Erneut räusperte sich Martins. "Ja, das kann nicht ausgeschlossen werden, da-"
Benny schaltete den Fernseher ab.
Mr. Martins, dieser sogenannte Detektiv, war bereits einige Male bei ihnen gewesen und hatte sie befragt. Hatte ihm immer und immer wieder dieselben Fragen gestellt.
Wann er Lin das letzte Mal gesehen hatte…
Ob Großvater schon tot war, als er ankam…
Was er gesehen hatte…
Ob er einen Verdacht hatte… Einen Verdacht? ER WUSSTE WER ES WAR!!!
Er kannte den Täter doch!

Er blickte zum Esstisch, der auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers stand. Seine Mutter saß dort, das Gesicht in den Händen verborgen. Man konnte sie leise schluchzen hören. Sein Vater saß ihr gegenüber und blätterte in der Zeitung.
Noch immer waren täglich Berichte über Lins Verschwinden zu lesen. Und Tag für Tag stand immer Neueres darin. Immer ausgefallener und mysteriöser wurden die Gerüchte. Da weder Fingerabdrücke, noch sonstige DNA-Spuren gefunden wurden. Wieder stieg blanker Zorn in ihm auf. Er ballte die Hände zu Fäusten.
Mit einem Ruck stand er auf. Er setzte sich an den Küchentisch. "Aber Mama, Papa! Es war Kim! Ich weis es!"
Seine Mutter nahm die Hände vom Gesicht. "Bitte Benny. Hör auf damit! Ich weis ja, dass dich die ganze Situation stark getroffen hat. Ich verstehe dich. Aber du musst verstehen, dass deine Fantasie mit dir durchgeht."
"Aber…"
Auch sein Vater ließ die Zeitung sinken. "Benny! Es gibt keinen Jungen namens Kim! Das bildest du dir nur ein!"
"Wieso könnt ihr euch nicht erinnern? Er war doch in unserem Haus!"
"Wir haben doch auch Mr. Koboshi gefragt, weil du gesagt hast, dass dieser Junge dort gewohnt hat. Aber er hat bestätigt, dass es ihn nicht gibt!"
Er stand so schnell auf, dass der Stuhl umflog. "Er hat eure Erinnerungen gelöscht!"
Auch sein Vater stand schnell auf und knallte die Faust auf den Tisch. "Geh in dein Zimmer! Wir brauchen nicht noch deine Geschichten zu hören!"
Die Mutter fing erneut an zu weinen.
Benny sah seinen Vater in die Augen.
"Und wasch dir endlich die schwarze Farbe vom Gesicht!", befahl sein Vater.
"Das geht nicht!", brüllte Benny, drehte sich um und rannte die Treppe hinauf. Aus seinen Augen kullerten salzige Tränen.
Doch er ging nicht in sein Zimmer, sondern in das neben an. Lins Zimmer.
Leise schloss er die Tür und warf sich aufs Bett.
Wenn er doch nur wüsste was er tun konnte. Seine Verzweiflung trieb ihn in den Wahnsinn, er -
Jetzt öffne dich…

Die Stimme lispelte so leise in seinem Ohr, dass er sie nicht erkannte. Benny blickte sich verwundert im Raum um.
Hatte er sie sich nur eingebildet? Hä?
Was war das gerade gewesen? Hatte er geflüstert?
Nein, das hätte er gemerkt, außerdem warum sollte er sagen, dass sich irgendwas jetzt öffnen sollte? Seltsam.
Auf einmal war ihm übel. Sehr übel.
Sehr sehr übel…
Es kam ganz plötzlich.
Sein Kopf schmerzte, als spaltete er sich entlang der Schädeldecke.
Sein Gesicht brannte. Er legte die Hände aufs Gesicht - und fühlte, dass es nass war. Aber er schwitze doch gar nicht.
Benny nahm die Hände runter und starrte sie an…
Sie waren voller Blut!
Sein Magen blähte sich auf als wolle er sich von innen nach außen kehren.
Ihm war übel.
"Hilfe…", krächzte er mit leiser, heißer Stimme.
Er erbrach sich. Galle und Blut strömten auf den Boden.
"Hilfe…", krächzte er erneut. Um ihn herum drehte sich alles. Die Wände drehten sich wie in einem unnatürlich schnellen Karussell. Die Decke wurde zum Boden, der Boden zur Decke. Die Farben zerflossen und liefen ineinander.
"Hilfeeeeee!", schrie er aus ganzer Kraft.
Er hörte hektisches Getrampel auf der Treppe, die Dielen knarrten. Die Tür wurde aufgerissen. Zwei Schatten beugten sich über ihn.
"Benny!", kreischte eine Stimme.
Dann wurde es schwarz…

Frau Thelen umklammerte ihren Mann und weinte bitterlich. Ihre Augen waren schon rot und geschwollen und so müde, dass ihre Lider ständig auf und zugingen. "Was sollen wir nur tun? Erst Lin und Vater…und jetzt Benny!"
Herr Thelen streichelte ihren Kopf. "Es wird alles gut werden, vertrau mir…", versuchte er seine Frau zu trösten.
Sie standen im Wartezimmer der Stadtklinik und warteten auf den Arzt.
"Es ist alles so schrecklich!"
Der Arzt kam herein und räusperte sich leise. Frau Thelen sah sofort auf und rannte ihn fast um. Sie packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, wie ein frisches Lacken. "Was ist mit meinem Sohn? Was ist mit meinem Sohn?" Die Brille rutschte dem Arzt bis auf die Nasenspitze und drohte herunterzufallen und am Boden zu zerschellen.

Herr Thelen ergriff die Hände seiner Frau und drückte sie mit sanfter Gewalt zurück.
Der Doktor rückte seine Brille zurecht und wusste nicht was er sagen sollte, um die Frau zu beruhigen. "Ähm… Frau Thelen, ihrem Sohn geht es einigermaßen..."
"Was heißt einigermaßen?", fragte sie hysterisch. "Sagen sie mir, was er hat!"
Sie wollte wieder die Hände heben, doch ihr Mann hielt sie zurück.
Wieder räusperte sich der Arzt. "Nun, wir konnten nichts feststellen. Nun…" Und wieder räusperte er sich.
"Was ist mit ihm? Sprechen sie doch bitte endlich!", flehte nun auch Herr Thelen.
Der Docktor senkte traurig den Blick. "Er liegt im Koma…"
"Neinnnnnnnn…", schrie die Frau. Herr Thelen nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich…

Es war eine kalte, klare Nacht. Der Vollmond schien vom Himmel, umsäumt von Milliarden Sternen. Das Krankenhausgebäude war groß und bestand aus dem Hauptgebäude, dem östlichen, und dem westlichen Flügel.
Der Gang für Patienten mit Schlaganfällen, Epileptiker und Komapatienten lag im Ostteil.
Im Zimmer 243 piepste ein Herzschlaggerät. Grüne Wellen verliefen gleichmäßig über dem Monitor. Von einem Plastikbeutel tropfte eine glasklare Flüssigkeit über einen Schlauch genau in die Vene, der rechten Armbeuge des Patienten.
Ein weißlicher Schlauch verlief auch über den Lippen und lief in die Nasenlöcher.
Ein winziger roter Punkt leuchtete über dem Bett. Auf dem Knopf war eine Krankenschwesterkappe mit einem Kreuz aufgemalt.
Das Mondlicht fiel durch das dunkle Zimmer genau auf die kleine Gestallt, die noch kleiner wirkte in dem hohen Krankenbett.
Es war ganz still.
Das Gesicht der kleine Gestallt war verbunden und die Wunde, die quer über dessen Gesicht verlief, roch nach Desinfektionsmittel…
Plötzlich schien ein gleißend rotes Licht durch die Bandagen.
Sie rissen auf! Der Schnitt leuchtete und tauchte das gesamte Zimmer in glühendes Rot.

Aus der Wunde trat ein schwarzer Rauch auf, der das Zimmer einhüllte. Er legte sich auf die Fensterscheiben und verbannte das Mondlicht. Er hauchte durchs Schlüsselloch und die dünnen Spalten der Tür und legte sich auf den Gang.
Er durchdrang den Herzschlagmesser und legte ihn lahm. Er hüllte die Schläuche ein und schmolz sie weg. Er brachte den Beutel zum Platzen -
Bennys Augenlider schossen nach oben. Sein Atem ging schnell und rasend. Er konnte sein panisches Atmen hören. Sein ganzer Körper brannte, als stünde er in Flammen. Die Schmerzen durchdrangen ihn, bohrten sich durch seine Eingeweide.
Er schrie, aber aus seiner Kehle drang kein Laut. Es war stockdunkel, er konnte nichts sehen.
Benny fühlte jeden einzelnen Knochen in seinem Leib. Die Qual schwoll an und er wand sich in den Lacken, in denen er eingehüllt war. Erneut öffnete er den Mund um zu schreien. Er wollte nach Hilfe rufen, jemand, der ihm helfen konnte. Sein Hals tat weh. Es kam ihm vor, als wären seine Hände und Füße gefesselt, als würde man ihn auseinander ziehen.

Er walzte sich auf dem Bett, drehte und wendete sich und versuchte zu schreien. Mit einem Schlag setzte seine Stimme wieder ein und er schrie.
Die Stimme klang so tief und fremd… Das war nicht seine eigene Stimme.
Doch er schrie weiter und der Schmerz hämmerte immer stärker in seinen Gedanken. Er strampelte mit den Füßen, hämmerte mit den Fäusten auf das Kissen ein.
Um seinen Körper spannte sich etwas. Er riss sich den Krankenhausumhang vom Leib. Etwas schnitt in sein Becken, dann hörte er etwas zerreisen und der Druck ließ nach.
In diesem Moment hörte der Schmerz auf.
Einfach so…
Nur sein Gesicht brannte noch, entlang der schwarzen Linie.
Benny setzte sich auf. Ihm war schwindelig und schlecht. Vorsichtig setze er einen Fuß auf den Boden.
Sein Fuß knickte ab und er verlor das Gleichgewicht. Er knallte auf den Fließen auf. Was war das denn?
Der Boden fühlte sich so glatt und ununterbrochen an. Nicht wie der Parket bei ihm zu Hause. Also war er an einem anderen Ort.
Benny rappelte sich wieder auf und tastete durch die Finsternis, suchte den Lichtschalter.
Seine Hände berührten die Wand und glitten daran entlang.
Wo war dieser verflixte Schalter? Er irrte im Zimmer herum. Bis seine Hände nicht mehr den Putz fühlten, sondern Kunststoff! Eine Tür!
Er tastete nach oben, der Türklinke entgegen.
Aber da war keine! An der Tür war keine Klinke!
Er geriet in Panik. War er eingesperrt? Wo war er? Er konnte sich nur daran erinnern, dass er auf Lins Bett zusammengebrochen war.
Seine Hände fuhren unkontrolliert über den Kunststoff - und stießen auf etwas. Es fühlte sich nach Plastik an… Es war tatsächlich ein Griff!
So weit unten? War dieses Zimmer etwa für Kinder eingerichtet?
Benny drückte die Klinke nach unten. Die Tür schwang auf.
Leises Tropften war zu hören. Vorsichtig trat er einen Schritt hinein.

Der Boden war kein PVC-Boden mehr, sondern kalte Fließen. Unweigerlich zuckte er zusammen. Das musste ein Badezimmer sein.
Er tastete auf die rechte Seite, neben der Tür. Endlich fand er einen Lichtschalter und drückte ihn herunter. Gleich darauf, glühte der Wolframdraht der Deckenlampe auf und tauchte den Raum in helles Neonlicht.
Er schloss geblendet die Augen. Das Licht drang durch seine Lider. Benny senkte den Kopf und blinzelte. Seine Augen gewöhnten sich nur kläglich an das Licht. Aus dem Augenwinkel erblickte er ein weißes Klo und eine winzige Dusche.
Also doch ein Bad. Aber wo?

Neben dem Klo bemerkte er eine Behindertenstütze und einen kleinen Roten Knopf, der leuchtete. Also im Krankenhaus…vermutete er…
Sein Kopf pochte noch dumpf. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach vorne, zum Waschbecken. Mit den Händen stützte er sich daran ab und hob langsam den Kopf.
Ein Spiegel war darüber angebracht und er sah hinein -
Aus seinem Gesicht wich die Farbe. Blankes Entsetzen ergriff Besitz von ihm. Sein Kopf war mit einem Male leer.
Es war nicht er, den er im Spiegel sah! Nein! Das war nicht er!
Ein Junge mit blondem, kurzem Haar und tiefblauen Augen starrte ihm entgegen. Doch dieser Junge war nicht sein Spiegelbild - dieser Junge war fast erwachsen! In Lins Alter! Aber keine 8 Jahre!!!
Er sah an sich herab. Seine Hände, seine Füße waren größer. Seine Schenkel und Arme gewachsen. Seine Schultern und seine Brust breiter, genauso wie sein Becken.
Die blaue Unterhose war an der Nat aufgeplatzt. Er riss sie ganz herunter.
Gott, er hatte Haare am…
Er war gewachsen! Innerhalb einer Nacht war er um mindestens sechs Jahre gealtert!
Benny sah wieder in den Spiegel.
Der schwarze Strich war größer geworden…
Benny betastete ihn. Schmerz durchzuckte ihn.
Was sollte er jetzt tun? Er konnte so nicht zu seinen Eltern zurück. Sie würden ihn nie im Leben erkennen! Er war erst acht und sah aus wie fünfzehn!
Tränen liefen über sein Gesicht. Er klappte den Klodeckel herunter und setzte sich drauf. Verzweiflung war das Einzige was er fühlte. Er war nicht mehr er selbst. Er war nicht Benjamin Thelen, sondern ein verzweifelter nackter Jugendlicher.

Er weinte noch eine ganze Weile. Bis auf einmal das silbrige Licht des Mondes wieder durch das große Fenster, des angrenzenden Zimmers fiel.
Verwundert sah er auf. Die Dunkelheit hatte sich verzogen. Benny erhob sich, schaltete das Licht aus und trat wieder in das Krankenzimmer. Wie tanzende Schatten hoben sich die Silhouetten aus der tiefen Finsternis hervor.
Der Herzschrittmesser war abgestürzt, der Bildschirm vollkommen dunkel und leer.
Auf dem Gang war es hell, doch er hörte nichts. Keine leisen Seufzer von Patienten, die in Nebenzimmern lagen. Kein Geklapper von Schritten auf dem Gang, das die Nachtschwester ankündigte. Kein Surren der langen Neonlampen.
In diesem Moment der ewigen Stille und Finsternis - entschied er sich…
Benny entschloss sich dazu - zu handeln!
Er musste etwas unternehmen. Jetzt erst recht.
Er wollte Lin retten, so wie sie ihn gerettet hatte!
Und er würde sein Leben dafür riskieren, so wie sie ihres!
Felsenfest ging er hinüber zum Schrank. Tatsächlich, wie er vermutet hatte, lagen darin einige seiner Kleidungsstücke. Seine Mutter hatte sie sicher dort hineingelegt.
Benny zog eines nach dem anderen heraus und versuchte sich hineinzuquetschen, aber es war unmöglich. Er war zu groß und breit geworden…
Seufzend ließ er eines seiner weitesten T-Shirts auf den Boden fallen. Er musste zusehen, dass er erst einmal irgendwo Sachen herbekam, die ihm passten!

Zur Not tat es auch der Bettbezug. Benny streifte ihn von der Decke ab und sah sich nach etwas spitzem um. Er suchte in den Schubladen des Schrankes, auf dem Brett über dem Bett und noch in dem Fach des Nachttisches. Und dort fand er was er suchte. Eine kleine Schere. Sicher auch von seiner Mutter. Sie bestand immer darauf auch wirklich alles Lebensnotwendige bei sich zu haben. Alles was man auch nur im geringsten Falle gebrauchen konnte. Schnipp für Schnipp schnitt er unten etwas ab, drei Löcher in den Stoff und stülpte ihn sich über.
Nur noch die Füße, die Arme und der Kopf lugten heraus.
Nur langsam und zögerlich schritt er zum Fenster und öffnete es. Kalte Nachtluft blies ihm ins Gesicht. Durch seine Nase spürte er wie sie sich bis in seine Lungen zog. Kalt und schneidend wie sie war. Er fröstelte.
Mit zusammen gekniffenen Augen sah er hinunter. Er war im dritten Stock, schätze er. Aber wie sollte er da hinunter kommen? Unbemerkt durch das Gebäude bis zum Ausgang zu kommen, dass gelang noch nicht einmal einer Fliege.
Dennoch hatte er Glück! Sein Fenster war ganz außen - und eine Regenrinne verlief dort. Er stellte sich auf das Fensterbrett und sah nach unten. Der weit unter ihm liegende Asphalt drehte sich, ihm wurde übel. Panisch klammerte er sich an den Rahmen und schluckte. Er war nie besonders mutig gewesen und das änderte sich auch nicht nur weil der legendäre Held der Zeit sein Vorfahre war. Lin war die Mutige und Temperamentvolle aus der Familie, nicht er!

Nochmals schluckte er und lehnte sich hinaus, der Rinne entgegen. Erst packte er sie mit einer, dann mit zwei, und pendelte hilflos in der Luft zwischen Fenster und Rinne. Ganz langsam hob er das erste zittrige Bein und suchte Halt. Benny verlegte das Gewicht auf das Bein. Gut, er hatte genug Sicherheit. Das Zweite folgte - jetzt stand er komplett auf der Rinne. Er holte noch einmal tief Luft und begann den Abstieg.

Für jeden Schritt ließ er sich sehr viel Zeit und suchte bis es ausgeschlossen war, dass er abrutschen konnte. Er ermahnte sich immer wieder nicht nach unten zu sehen -
Jäh rutschte sein Fuß tatsächlich aus! Er kreischte auf und versuchte panisch neuen Halt zu gewinnen, was ihm gleich gelang. Benny atmete schnell und hörbar, konnte sein Herz in den Ohren rauschen hören. Nun wandte er den Blick doch nach unten. Wieder wurde ihm schwindelig, aber er hatte wenigstens schon die Hälfte hinter sich. Noch langsamer und sorgfältiger als zuvor kletterte er weiter und weiter.
Bump - sein Fuß tippte auf den Boden.

Er war wirklich schon auf dem Boden? Benny sah nach unten. Wirklich!
Er setzte auch den anderen Fuß ab und ließ die Rinne los. Erleichterung erfüllte ihn. Seine Handflächen waren rot und voller Blasen und Schürfungen.
So musste Lin sich damals gefühlt haben.
Egal, erst musste er sich anständige Kleidung besorgen und zwar bevor es hell wurde! Kurz überlegte Benny in welche Richtung er laufen sollte, dann beschloss er in die Boutique "Cool for Young" zu gehen. Dort kauften so ziemlich alle Teenager und Jugendlichen ein. Von dort schwärmte Lin immer wie toll die Klamotten dort waren. (Das es sauteuer war erwähnte sie in Gegenwart ihres Vaters nie, weil sie alle wussten wie empfindlich er aus das Thema Geldausgeben reagierte.)

Dort musste er doch etwas finden. Er wandte sich nach Westen.
Niemand begegnete ihm, die Straßen waren wie ausgestorben. Ab und zu fuhr ein vereinzeltes Auto vorbei, doch er hielt sich immer im Schutz der Dunkelheit…
Die dicke, zweiflügelige Glastür war fest verschlossen, aber das ließ sich ändern.
Benny sah sich verstohlen zu allen Seiten um. Seine Hand huschte über die Schlüssellöcher. Ein kurzer grüner Blitz zapfte hervor und mit einem Klick ging die Tür auf. Noch einmal sah er sich um und ging hinein.
Oh, Gott - er war ein Einbrecher! Er war zu einem schmierigen Dieb geworden!
Aber es war ja nicht seine Schuld! Er hatte nicht zu einem 15-jährigen werden wollen! Naja, jedenfalls erst in sieben Jahren!

Er wandte sich in die rechte Ecke. Dort war die Jungenabteilung.
Erstmal brauchte er anständige Unterwäsche. Benny wühlte an einem Kleiderständer herum, der mit sehr komischen Unterhosen behängt war. Auf diese Sachen traf das Wort Unterhose wörtlich zu! Das Zeug war so groß wie eine kurze Hose. Er nahm stark an, dass man so etwas fachsprachig Boxershorts nannte. Er wählte eine Rotblaukarierte, entfernte den Preis und zog sie an.
Am besten war es, sich mehr zu nehmen. Er wusste schließlich nicht, wohin ihn seine erzwungene Reise führen würde. Er sollte sich etwas Langes und etwas Kurzes nehmen, nur für alle Fälle.
Da fiel ihm ein…welche Größe hatte er jetzt? Benny hatte es vorher schon nicht gewusst (seine Mutter hatte immer die Klamotten für ihn gekauft), wie konnte er es in dieser Größe wissen?

Wahllos nahm er eine Hose nach der anderen, die seiner Meinung nach so ungefähr passen könnte. Die eine war zu klein, die andere zu groß. Die eine saß so eng, dass sie ihm in den Hintern schnitt, die andere schlabberte unkontrolliert um seine Beine.
Nein! Er brauchte ein bequemes und praktisches Model! Am besten mit extra vielen, großen Taschen!
Benny suchte, bis er eine Hose fand, die alle seine Anforderungen erfüllte. Endlich!
Danach nahm er sich einen riesigen Stapel voller T-Shirts und Pullover, und ging zu einer Kabine. Er streifte sich das Bettlacken ab und knipste eine Lampe an. Das Licht erfüllte die enge Kabine und blendete ihn.

Lin hatte immer von diesem Geschäft geschwärmt. Die Kabine sei ja so perfekt erleuchtet, damit man wirklich sich sicher werden konnte, wie einem etwas stand und ob man es wirklich haben wollte. Noch dazu sei eine zusätzliche Lampe an die Seite gebracht worden, die jeder Kunde selbst ein- und ausschalten konnte.
Jetzt sah sich Benny in seiner ganzen Größe. Er machte große Augen.
Sein Körper war hoch und schlank. Seine Schultern aber breit und muskulös. Ebenso wie Brust und Beine. Der Anblick faszinierte und beängstigte ihn zugleich.
Die Hose war in kakigrün mit großen Taschen an den Knieseiten, gehalten von einem schwarzen Gürtel mit silberner Schnalle. Auch Jungs gehen shoppen ;)

Schnell griff er nach einem T-Shirt, zog es sich über und betrachtete sich. Hm…nein. Das auch nicht, das auch nicht, das erst recht nicht, naja das auch nicht…
So ging es eine Weile hin und her. Er hatte gar nicht gewusst wie wählerisch er war. Das Nächste war ein schwarzes Ärmelloses. Es saß hauteng, so dass seine Muskeln sich davon abzeichneten. Wow, das gefiel ihm!
Er wurde rot bei seinem Anblick.

Das gleiche lange Probieren war auch bei den Pullovern. Benny wählte einen Beigefarbenen mit einem schwarzen Drachen auf dem Rücken und einer Kapuze. Jetzt war er zufrieden und komplett ausgestattet, was die Kleidung betraf.
Er knipste die Lampe wieder aus und verließ das Gebäude wie er es betreten hatte. Naja, nicht ganz. Fürs Aufräumen hatte er keine Zeit mehr gehabt.
Benny warf das Bettlacken in den nächstbesten Mülleimer. Jetzt musste er nach Hause. Aber…
Konnte er seinen Eltern etwas sagen? Würden sie ihn als seinen Sohn erkennen, oder ihn als Fremden bezeichnen? Seine Mutter hatte zu viel schon durchmachen müssen, das konnte er ihr nicht antun. Er würde ihnen nichts sagen.
So schnell er konnte, rannte er nach Hause.

Die verschlossene Haustür bekam er auf dieselbe Art auf wie die des Geschäfts. Leise und langsam schlich er den Flur entlang. Da fiel ihm ein, dass er Schuhe vergessen hatte! Zu dumm! Er überlegte.
Lins Schuhe waren ihm sicher zu klein. Die Schuhe seines Vaters zu groß.
Aber vielleicht passten ihm ja die Schuhe seiner Mutter! Sie hatte schon immer riesige Füße gehabt. Größe 41 oder so.
Benny schlich in Lins Zimmer, öffnete ihren Schrank und holte einen großen Rucksack hervor. Was könnte er so brauchen?
Er packte eine handvoll Stifte ein. Ihren Geldbeutel, den sie in einer ihrer Schreibtischschubladen hatte und ein Bild, das sie ihn Nahaufnahme zeigte.
Dann hob er das Bett zur Seite weg. Er wusste, dass Lin unter einer losen Diele ihre Schätze, wie sie es gerne nannte, aufbewahrte.

Vorsichtig hob er die Diele an und nahm den alten Schuhkarton, der darunter verborgen war, an sich. Mit nassen Augen setzte er sich auf die Bettkante und öffnete den Deckel. Er fand so viele kleine Dinge darin, die seiner Schwester viel bedeuteten.
Ihr erster Milchzahn, den sie in einen kleinen Samtbeutel aufbewahrte. Fotos in schwarzweiß, die ihre (und seine) Großeltern bei ihrer Hochzeit zeigten und ihre Mutter, als sie noch ein kleines Kind war. Farbfotos von der Hochzeit ihrer eigenen Eltern. Seine Mutter hatte ihm oft davon erzählt. Er musste plötzlich schmunzeln, als er sich daran erinnerte, wie sie ihm erzählt hatte, dass ihre Trauzeugin ihr aus versehen den Reis ins Gesicht geschmissen hatte.

Auf dem Foto, als sie gerade aus der Kirche kamen und die Treppe hinab stiegen. Ihr Bauch war groß und rund. Sie hatten spät geheiratet, warum hatten weder Mutter noch Vater jemals erwähnt. Aber sie war schwanger gewesen, mit Lin.
Sie bewarte auch ihre Murmel und Steinsammlung darin auf. Als sie noch kleiner gewesen waren, hatte sie ihn in der Gegend rumgestreift, auf der Suche nach schönen Steinen. Und klein und entdeckungslustig wie er war, hatte er sich gefügt und alles getan was sie ihm befohlen hatte.

Er entdeckte das weinrote Buch und zog es heraus. Ihr Tagebuch.
Benny hatte es früher immer witzig gefunden es zu suchen, wenn sie nicht da war und am Frühstückstisch daraus, natürlich reinzufällig, zu zitieren. Lin hatte sich jedes Mal aufgeregt und wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen oder hätte ihn mit Haut und Haaren gefressen. Er hatte dann immer gekreischt und sich hinter seiner Mutter versteckt.

Er blätterte darin herum. Sie hatte vor Jahren aufgehört es Tag für Tag zu führen. Stattdessen hatte sie vieles andere unsinnige Zeug hineingeschrieben - und hineingelegt. Getrocknete Efeublätter lagen zwischen den Seiten.
Und Zeichnungen?
Grafiken von immer demselben Turm. Ein riesiger Turm, der die Höhe eines Wolkenkratzers erreichte. In den Wänden waren alte Runen eingeritzt. Die gleichen Runen, die er im Geistertempel gesehen hatte!
Stromkabel liefen daran herauf und er war schwarz - schwarz schimmernder Marmor.
Und unter jedem Bild - der gleiche Satz:

Finde mich schnell, bevor die Welt für immer verloren ist. Gruß, Kim

Bennys Gesicht war bleich geworden und sein Mund stand offen. Wut kochte in ihm. Woher wusste Kim von diesem Versteck? Von dieser Schuhschachtel? Von dem Tagebuch? Er schloss das Buch und steckte es in den Rucksack.
Dann trippelte er in die Küche und stopfte drei 1,5 Literflaschen Apfelsaft und eine große Menge Riegel und Kekspackungen hinein. Hinter der Tür in der Küche hing ein Kalender. Mutter hatte es sich irgendwann, vor Jahrhunderten, zur Aufgabe gemacht jeden vergangenen Tag zu streichen. Er wusste, dass es Donnerstag gewesen war, als er zusammengebrochen war. Jetzt war es schon Samstag! Er war zwei volle Tage bewusstlos gewesen!

Wie schnell die Tage vergangen waren, in denen er nichts getan hatte. Er schämte sich für seine Schwäche und seine Furcht.
Im Flur ging der Schuhschrank mit einem leisen Quietschen auf. Er entschied sich für ein beiges Paar Turnschuhe mit dicken schwarzen Schnürsenkeln.
Einen allerletzten Blick warf er in den Flur.
"Mama… Papa…" Seine Stimme war ein heißes Flüstern.
Er verließ das Haus - und er sollte es so nie wieder sehen…
Die Bank stand immer offen, natürlich! Schließlich musste man ja auch nachts um halb vier zum Automaten und Geld abheben.

Hastig zog Benny den Geldbeutel aus dem Rucksack, zusammen mit dem Buch. Ebenso hastig blätterte er darin herum. Irgendwo musste sie doch stehen, die Geheimnummer. Er wusste, dass sie alles - wirklich alles - in diesem Buch notierte, was sie sich unbedingt merken musste. Aha! Da war sie. Es stand sogar Kontonummer darüber.
Er schob die Karte in den Schlitz, gab die Nummer ein und wartete.
Mehrere Auszahlungsbeträge erschienen, und in der rechten unteren Ecke die Aufschrift: Kontostand. Benny drückte den passenden Knopf. Sie hatte über fünfhundert Euro auf dem Konto. Da konnte er getrost hundert abheben.

Bevor er den Button drückte, faltete er die Hände, sah nach oben an die Decke und flehte Lin an ihm zu verzeihen. Er hätte ja von seinem eigenen Konto abgehoben - aber er war erst acht! Er hatte noch keine eigene Karte, zumindest nicht, dass er wüsste. Ein Fünfziger, zwei Zwanziger und ein Zehner wurden vom Automaten ausgespuckt. Gut, das genügte für den Anfang.
Als er wieder auf der Straße stand, blickte er sich verzweifelt um. Wo sollte er hin? Wo sollte er anfangen zu suchen? Wenn er doch nur einen Anhaltspunkt hätte!

Benny hatte den Turm vor Augen. Aber auf der Zeichnung war nur der Turm gewesen, auf einem steinigen Grund. Stand er also an einer Klippe? Auf einem Berg?
Er entschied sich, erst einmal in die große Stadt zu gehen. Also bog er zum Bahnhof ab…
Es war kaum jemand in der großen Wartehalle. Ein paar Penner lungerten herum, oder schliefen auf den Bänken, mit Zeitung zugedeckt. Eine Gruppe junger Erwachsener stand am Rande und lachte und nuschelte betrunken. Auch sah Benny einen Mann, im Anzug, der seinen ledernen Aktenkoffer umklammert hielt, als rissen unsichtbare Hände daran.

Von weitem sah er schon die Lichter des Zuges. Er hatte sich vom Automaten eine Fahrkarte gekauft. Jetzt stand er da. Ein kleiner ängstlicher Junge, dessen Schwester entführt wurde - von ihrem eigenen Freund! Außerdem war da noch die Bedrohung der Erde! Und er sollte das verhindern? Er pinkelte doch noch nachts ins Bett! Er war nicht mutig, er gehörte zu der Sorte Jungen, die von großen Kerlen bedroht wurden und denen das Pausenbrot abgemurkst wurde. Aber er musste stark sein! Er hatte schon einmal geholfen einen Untergang zu verhindern und war dem Tod entkommen - er schaffte es wieder. Mit dem Monolog in seinem Kopf versuchte sich Benny Mut zu machen und sich selbst gut einzureden.

Der Zug in die Stadt fuhr in den Bahnhof ein. Mit einem schrillen Ton kam er zum Stillstand. Der Mann mit dem Aktenkoffer stieg ein, Benny folgte ihm. Doch der Gentleman wandte sich nach links, zu dem Wagon erster Klasse. Benny hatte das billigste genommen - dritte Klasse. Er wandte sich nach rechts und arbeitete sich durch. Die Abteilungen wurden immer ungeschmückter, schlichter und enger. Er war in der dritten Klasse und er war allein. Benny suchte sich den schönsten und saubersten Platz am Fenster aus und legte den Rucksack auf den Nebenplatz. Die Nacht war immer noch vollkommen und undurchdringlich. Vor dem Fenster tanzten Licht und Schatten um die Wette und rangen um die größten Stücke.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Langsam fuhr er an und wurde immer schneller. Bis die Umgebung, vor dem Fenster, zu einem verschwommenen und verwischten Bild wurde. Benny seufzte und drückte sich noch fester in das Polster der Rückenlehne. Er fühlte sich, als sei er in einem Film. In einem Film, der von einem Jungen handelte, der von zu Hause abhaute. Und er spielte diesen Protagonisten. Ein dicker, verschlafener Schaffner betrat das Abteil. "Guten Abend", sagte er müde und mit ironischem Ton. Er musterte Benny neugierig und misstrauisch zugleich. "Sollten Kinder in deinem Alter nicht schon im Bett sein? Hast du morgen nicht Schule?"

"Morgen ist Sonntag.", gab Benny bissig zurück. "Außerdem bin ich gerade auf dem Heimweg!"
"Na gut…", brummte der Schaffner. "Dann, Fahrkarte bitte."
Benny reichte ihm das kleine Stück Papier. Der dicke Mann prüfte es übertrieben sorgfältig und stempelte es schließlich ab, ehe er seine Runde fortsetze. Nun war Benny wieder allein.

Er zog einen Riegel aus dem Rucksack und mampfte ihn mit Appetit. Erst jetzt war ihm bewusst, welch großen Hunger er hatte. Auch zog er das Buch und einen Stift heraus. Benny wollte sich später mit den Zeichnungen befassen, er war im Augenblick zu müde. Nur wollte er noch…
LINK???
Schrieb er mit großen Druckbuchstaben. Seine Hand rührte sich nicht.
LINK! BIST DU DA?
Dann bewegte sich seine Hand.
Sie kritzelte Kreise und Quadrate und Dreiecke auf das Blatt, aber keine Antwort. Wie auch. Immerhin bewegte er seine Hand bewusst.
Warum antwortete Link nicht? Jetzt, wo er ihn doch brauchte! Er musste ihm doch schreiben, was im Krankenhaus passiert war. Er hatte so viele Fragen.
Es hatte keinen Sinn. Die Augen fielen ihm immer wieder zu. Unordentlich stopfte er Buch und Stift wieder in die Tasche und den Müll in den kleinen Mülleimer.
Benny versuchte etwas zu Schlafen. Bis zur Stadt würden es ungefähr drei Stunden dauern.

"Ich träume… Das ist alles ein Traum! Ein grausamer Albtraum!"
Die Frau schrie und zog an ihren Haaren. Ihr Mann packte sie und versuchte sie zu beruhigen, doch sie schlug mit den Fäusten nach ihm. "Ich kann nicht mehr! Ich ertrage das nicht!"
Es war nicht einmal hell, als bei Frau und Herr Thelen das Telefon geklingelt hatte. Der Arzt war dran gewesen.
Und nun standen sie vor dem Krankenzimmer, in dem ihr Sohn hätte liegen sollen. Der Eingang war mit gelben Plastikbändern abgeriegelt und der Raum wurde von Polizisten und Spurentrupps untersucht. Sorgfältig tasteten die Männer und Frauen mit den Latexhandschuhen den Raum ab und suchten nach Spuren. Und sie fanden den immer gleichen Fingerabdruck.

"Nun, wie es aussieht", informierte sie Mr. Martins. "Es scheint, der Entführer ist über die Regenrinne und durchs Fenster hineingelangt. Er hat das Zimmer verwüstet, ihren Sohn gewaltsam von den Geräten gerissen und hat auf die gleiche Weise, mit dem Jungen natürlich, das Zimmer wieder verlassen. Der Täter benutzte Handschuhe und Einlagen an den Schuhen." Mr. Martins räusperte sich ausgiebig. "Allerdings ist das nur eine erste Vermutung."

Frau Thelen packte den Detektiv an den Kragen und würgte ihn. "Dann finden sie meinen Jungen! Verdammt! Was tun sie den ganzen Tag? Meine Tochter - und jetzt mein Sohn!"
Herr Thelen griff nach seiner Frau und drückte sie mit etwas stärkerer Gewalt als letztes Mal zurück. "Bitte, Schatz. Du musst dich beruhigen."
Sie klammerte sich an ihn. "Was sollen wir nur tun?"

Wieder räusperte sich Martins. "Also, wenn Sie meine Meinung hören wollen - da hat es jemand auf Ihre Familie abgesehen. Haben Sie irgendwelche Feinde? Jemand der Sie bedroht? Jemandem, dem Sie es zutrauen könnten?"
"Das haben Sie uns schon alles gefragt! Und wir können auch jetzt nichts anderes sagen außer Nein."
Plötzlich sah Frau Thelen auf. "Was ist mit diesem…diesem Kim! Von dem Benny uns erzählt hat!"
Ihr Gatte seufzte traurig und schüttelte den Kopf. "Bitte Liebling. Fang du nicht auch noch an! Du musst jetzt ganz stark sein…"
"Und was ist, wenn es ihn wirklich gibt?"
"Wen meinen Sie?", mischte sich der Ermittler ein.
Frau Thelen wurde rot vor Aufregung. "Benny hat uns von diesem Jungen erzählt. Er heißt Kim. Er soll aus der Vergangenheit…" Sie brach ab. Es war einfach zu absurd.
"Es ist irgendeine Fantasiegestalt unseres Sohnes. Er hat mit ihrer Manifestition versucht die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten."
"Aha. Erzählen Sie.", forderte Martins.
"Naja, da gibt es nicht viel. Anscheinend versucht dieser Junge die Welt zu zerstören. Er kommt aus dem Mittelalter oder so. Benny hatte auch behauptet, dass er und Lin vor einigen Monaten in die Vergangenheit gereist sind und ihrem Vorfahren begegnet sind… Nun ja, sie verstehen, dass wir diese Geschichte nicht sehr ernst genommen haben."

"Voll und ganz.", erwiderte Mr. Martins. "Aber es ist verständlich. Ihr Sohn ist noch ein kleines Kind. Er versteht die Dinge nicht, die geschehen sind."
Sie unterhielten sich noch lange und ausgiebig. Mr. Martins versprach sie zu informieren sobald die Laborergebnisse bei ihm auf dem Schreibtisch landeten und sie über jede winzigste Neuigkeit sofort in Kenntnis zu setzten.

Herr und Frau Thelen verließen das Krankenhaus. Er hatte einen Arm um die Schultern seiner Frau gelegt. Ihr langes, blondes Haar stand unordentlich in allen Richtungen ab und ihre Augen waren vor Müdigkeit und Weinen angeschwollen.
Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie sah ihn an.

"Es ist besser, wenn du eine Weile zu meinen Eltern fährst.", sagte er abrupt.
"Was?" Sie blieb stehen.
"Ich meine es ernst. Die ganze Sache macht dich völlig fertig. Du musst dich unbedingt erholen, sonst brichst du noch zusammen."
"Aber! Unsere Kinder sind entführt worden! Das ist nicht…!" Sie war empört und enttäuscht.
Er legte beide Hände auf ihre Schultern und sah sie ruhig und auffordernd an. "Ich meine es ernst! Ich bleibe zu Hause und warte auf sie! Ich rufe dich an, sobald wir mehr wissen."
Sie sah ihn immer noch an. Ihre eigentlich großen, runden Augen waren klein und trocken. Sie war müde und ausgelaugt.

"Glaub mir. Es ist das Beste für dich. Und ich schwöre dir, ich werde nicht zulassen, dass unseren Kindern etwas passiert!"
Lange standen sie so dar. Argwöhnisch starrte sie ihm in die Augen, doch er hielt ihrem Blick stand. Letztendlich nickte sie resignierend. "Vielleicht hast du recht… Aber versprich mir, dass du mich dort nicht versauern lässt!"
"Es wird alles gut werden…"



2. Kapitel

Er versuchte vergebens gegen den schwarzen Schleim anzukämpfen, der ihm am Arm emporkroch. Wenn er nur sein Äußeres wandeln könnte! Im Körper seiner 4-jährigen Gestallt konnte er nichts tun.
Der Dolch in seiner linken Hand bannte ihn, spuckte den schwarzen Schleim und verhinderte zugleich, dass er seine Magie freisetze.
Dennoch versuchte Link krampfhaft etwas zu unternehmen. Er hatte mit Benny Kontakt aufgenommen und die Verbindung zu seinem Nachfahren so unterdrückt, dass niemand außer ihm Bennys Worte hören konnte. Mit aller Macht versuchte Benny ihn zu warnen, aber er schaffte es nicht ohne sich dadurch zu verraten.

Auch verließ ihn allmählich die Kraft. Link konnte seinem kleinen Schützling schon nicht mehr antworten.
Mit der freien Hand versuchte er verzweifelt den Schleim abzuschlagen und wieder nach unten zu schieben, doch die schwarze Masse breitete sich über seine Brust entlang aus.
"Ach, gib es doch endlich auf. Als kleines Kind kannst du dich sowieso nicht verteidigen!" Ganon hockte vor ihm auf dem ausgetrockneten Grasboden und stütze das Kinn in der rechten Hand.
"Mach den Fluch sofort von mir los!", schrie er mit seiner piepsgleichen Stimme auf. Ganon grinste. "Soll dass eine Drohung sein?"
"Nein, ein Befehl!"
Der große, rothaarige Knabe erhob sich. "Verzeiht, Eure Majestät - König von Hyrule.", sagte er im spöttischen Tonfall.

Mittlerweile hatte der Schleim Link ganz eingenommen, nur sein Kopf war noch frei. Er spürte schon die kleinen Ranken, die sich um seinen Hals schlängelten.
"Verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen!", giftete Link und versuchte das panische Zittern in seiner Stimme zu verbergen. Doch es misslang.
Ganon verengte die Augen zu Schlitzen. "Ach, auf einmal?" Er beugte sich nach unten, packte Link an den Haaren und zog ihm den Kopf nach hinten, sodass der Junge ihm direkt ins Gesicht sehen musste. "Was willst du vor mir verheimlichen, Link?"
Der Schleim kroch über Links Wangen und Stirn und floss zäh sein Kinn entlang.

"Gar nichts!", zischte er zurück.
Jäh erklang eine Stimme - LINK???
Ganon fuhr überrascht auf und sah zum Himmel. Die schwache Jungenstimme, klang mechanisch und schien von überallher zu kommen.
LINK! BIST DU DA?

"Sieh mal an! Du kannst also Kontakt zu dem Bengel aufnehmen." Ganon riss noch stärker an den Haaren, dass Link vor Schmerz aufschrie.

Ganon ließ ihn los. Sofort überdeckte die schwarze Masse seinen Kopf. Ganon rieb sich am Kinn und überlegte. "Nun, gut dass ich bescheid weis. Ich denke, dass kann mein Sohn zu seinem Vorteil nutzen."
Der Schleim floss über Links Mund und in seine Nasenlöcher hinein. Er hustete und röchelte. Ganon blickte auf ihn herab, als hätte er ihn erst jetzt bemerkt. "Du bleibst am besten in deinem wohl vertrauten Gefängnis, so kommst du uns nicht in die Quere."

"Du…mieser…", keuchte Link.
Plötzlich explodierte die schwarze Masse und schoss um ihn herum - und erstarrte mit ihm. Link war gefangen in einem schwarzen Stein, aus dem der winzige Dolch leuchtete.
"Wie schnell doch die Zeit vergeht, auf diesem blauen Planeten.", sagte Ganon zu dem Stein. "Ein paar Atemzüge hier, sind Tage - gar Wochen - auf der Erde…"

Die schwarze Leere lichtete sich. Langsam erwachte das Bewusstsein…
In ihrem Kopf drehte sich alles. Farben und Lichter schossen aus dem Nichts hervor und vermischten sich. Er pochte und schmerzte höllisch, ihr Kopf.
Mit einem winselnden Seufzer hob sie schwerfällig den Arm und legte sich die Handfläche auf die Stirn. Sie fühlte sich heiß an. Langsam öffnete sie die Augen.

Ein schwaches Licht erfüllte den Raum. Es war herrlich warm.
Mühselig gewöhnten sich ihre Augen daran und behutsam spannte sie ihre Muskeln um sich aufzusetzen. Es schockierte sie, wie viel Mühe und Kraft es sie kostete. Es war als wären ihre Muskeln zu schrumpeligem Brei geworden. Ihr wurde unheimlich schlecht und ein benommenes Gefühl lähmte sie fast.
Lin drehte ihren Kopf vorsichtig von einer Seite zur anderen. Ihr Blick wanderte durch das Zimmer - nein, durch den Saal!

Das Zimmer war riesig und rund. Die Wände bestanden aus schönem, schwarzem Marmor und bezogen auch Boden und Decke. Ein Kamin war eingebaut, in dem aber weder Holz verbrannt, noch echte Flammen schlugen. Ein Hologramm, das eine gewisse Geborgenheit und Wärme vermittelte. Eine runde Kommode zog sich über zwei Meter entlang, auf der viele Schälchen mit Räucherwerk und Duftkerzen, die brannten, standen. Es waren würzige und doch süße Düfte, die den Raum erfüllten. Sie lullten einen regelrecht ein. Eine massive Tür, mit zwei Flügeln bildete Ein- und Ausgang.

Die silberne Oberfläche eines Spiegels glänzte. Ein steinerner Spiegel in einer Riesen Schlange, die die silbrige Fläche im Maul hielt. Ein Rubin schimmerte auf ihrer Stirn.
Lin schloss die Augen und massierte ihre Schläfen. Sie musste erst ihre Gedanken sammeln. Was war alles passiert? Wo, verdammt, befand sie sich?

Kim! Wie konnte sie sich nur so in ihm getäuscht haben? Wie konnte er sie nur so betrügen? Wie konnte er -
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Ihre Augen wurden feucht.
Da sah sie das dünne Plastikkabel, das von ihrer rechten Armbeuge hinauf zu einem Inhalierbeutel verlief. Geräuschlos floss Tropf für Tropf der Flüssigkeit von dem Beutel über den Schlauch, direkt in ihr Blut.

Wut schoss in ihr auf. Blitzschnell riss sie die Nadel aus ihrer Vene. Gleich darauf floss Blut heraus. Lin presste einen Finger darauf.
Sie lag auf einem großen runden Bett mit pechschwarzen Überzug. Und sie hatte nicht mehr ihre Jeans und ihr Top an. Ein schwarzes Seidenkleid überdeckte ihren Körper. Hektisch sprang sie auf, was allerdings ein Fehler war, denn sie sackte schwach wieder zusammen. Ihre Beine fühlten sich an als bestünden sie aus Gummi.

Langsam kroch sie bis zum Rand und schwang ihre Beine darüber. Der Boden war warm unter ihren Fußsohlen. Eine Bodenheizung? Auf jeden Fall sehr angenehm. Sie blieb so lange sitzen und legte stetig mehr Gewicht auf ihre Beine, bis sie sicher sein konnte, dass sie im Stande war, einige Schritte zu tun.

Lin wackelte, mehr schlecht als recht, zur Tür und drückte die Klinke nach unten. Sie öffnete sich nicht, sie war verschlossen. Also war es doch wahr - sie war entführt worden.
Vielleicht konnte sie ja aus dem Fenster klettern? Denn ein Fenster gab es, auf der gegenüberliegenden Seite. Fuß vor Fuß setze sie, um nicht zu stolpern.

Als sie dort angelangt war, stütze sie sich darauf und lehnte sich hinaus. Die frische Nachtluft umfing sie und Milliarden von Sternen leuchteten vom klaren Himmel herab.

Lin wäre auch so nicht im Stande gewesen aus dem Fenster zu klettern, auch wenn sie sich im Erdgeschoss befunden hätte. Sie war einfach viel zu schwach, konnte sich kaum auf den Beinen halten. Doch das spielte keine Rolle, sie war nicht im Erdgeschoss. Sie war auch nicht im ersten, zweiten oder dritten Stock. Das Zimmer, aus dessen Fenster sie sich lehnte, war im oberen Teil des schwarzen Turmes!
Metallfarbene und schwarze Stromkabel spannten sich vom Grund herauf, an ihrem Fenster vorbei und noch viel weiter nach oben. Lin konnte die Spitze gar nicht erkennen. Draußen erstreckte sich eine trostlose Ebenlandschaft. So weit sie auch blickte nur Grau.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als auch diese Fluchtmöglichkeit zu verwerfen.
Doch halt! Sie hatte doch noch ihr Handy! Sie wusste ganz genau, dass sie es in die linke Tasche ihrer Jeans gesteckt hatte.

Sie konnte damit ihre Eltern benachrichtigen. Die Polizei! Aber was sollte sie schon sagen? Dass sie sich in einem gigantischen Turm befand, irgendwo im nirgendwo? Egal, zumindest würde sie etwas Sicherheit haben, wenn sie nur ihr Handy in den Händen hielt. Eilig sah sie sich nach ihrer Jeans um - und strahlte vor Erleichterung. Die Hose hing über einem fein gepolsterten Sessel vor der Kommode.
Jetzt schon viel hektischer und unvorsichtiger als zuvor, überquerte sie den Raum, stürzte sich auf ihre Jeans und ließ die Hand in die linke Tasche fahren.
Nichts! Kein Handy!

Mit zitternder Hand durchsuchte sie die rechte. Dann die beiden Potaschen. Es war nicht da! Ihr Handy war nicht da!
"Ich nehme an, du suchst das hier."

Sie zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum. Das orange Licht des Kamins fiel auf Kims bleiches Gesicht und machte seine Züge dunkel und erwachsen. Er saß auf dem Fensterbrett, gegen den Rahmen gelehnt und ließ ihr Handy an dem winzigen Freundschaftsband baumeln, das sie einmal von Jenni bekommen hatte.
"Gib es mir! Sofort!" Ihre Stimme klang kalt und gebieterisch. Lin war sich sicher, dass er gerade eben noch nicht dort gesessen hatte. Dass sie ganz allein gewesen war.

"Das brauchst du hier nicht.", sagte Kim zog das silberne Gerät mit Schwung in die Höhe, sodass er es mit derselben Hand fing - und zerquetschte es, mit einem Ruck, zwischen seinen Fingern. Es zerbarst in etliche winzige Teile, die auf den Boden rieselten. Chipsplitter, Metallröhrchen und Plastikstücke.
Ihre wahrscheinlich einzige Möglichkeit, die sie hier hätte raus bringen können...

Kim setzte beide Füße auf den Boden und stand vom Fensterbrett auf. Und er tat einen Schritt in ihre Richtung.
"Bleib weg!", zischte sie entsetzt und sprang rückwärts.
Er blieb stehen. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst.
"Euch macht es wohl Spaß andere Leute zu entführen und irgendwo einzusperren!" Tränen stiegen ihr in die Augen.

Kim verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte, nicht freundlich sondern hinterlistig. "Nein. Bei deinem Bruder war es etwas anders. Er musste aus dem Weg geschafft werden, damit er mir nicht dazwischen kommt. Außerdem - was eignet sich besser dazu dein absolutes Vertrauen zu gewinnen, als ihn für dich zu retten?"

Ihr Gesicht wurde noch blasser und in ihrem Magen rumorte es. "Es war alles geplant… Wir waren nur Mittel zum Zweck für dich!" Ihre Eingeweide schienen anzuschwellen. "Los, erzähl! Ist alles so gelaufen wie du es wolltest? Hast du dein Ziel erreicht? Bist du nun zufrieden?"

Kim atmete lange und laut aus. "Ich will ehrlich zu dir sein. Es war genauso geplant. Dein Bruder sollte als Tribut dienen und als Versicherung, falls etwas schief läuft. Wir sollten den Held der Zeit befreien, damit er mich in diese Zeit bringt… Und du solltest dich von Anfang an in mich verlieben."
"Was?" Lin zitterte.
"Nur etwas war nicht geplant…", flüsterte er.
Wieder schritt er auf sie zu.
"Verschwinde!", schrie sie ihn an, fuhr herum und rannte zur Tür.

Es war sinnlos, dennoch rüttelte sie an der Klinke. Lin riss daran, als könne sie genug Kraft aufbringen sie herauszuheben. Aber die Tür gab ihr nicht nach. Jetzt brach sie in Tränen aus.
Kräftige Arme legten sich um sie, um ihren Bauch. Sie spürte Atem an ihrem Hals und Kims Stimme, die flüsterte: "Du musst in diesem Raum bleiben, zumindest bis das Kind geboren ist."

Ihre Tränen tropften an ihrem Kinn zu Boden. "Großvater hatte Recht.", schluchzte sie. "Er hat dich von Anfang an durchschaut. Schon nach deinem ersten Besuch hat er mir gesagt, dass du gefährlich bist und ich mich von dir fern halten soll… Und ich dumme Kuh habe mich aufgeregt und dich verteidigt."
"Nun ist es sowieso egal…", murmelte er.

Sie strampelte sich aus seiner Umarmung und fuhr herum. "Was soll das heißen?"
Er senkte den Blick, sah ihr nicht in die Augen.
"Los antworte!", befahl sie mit bebender Stimme. "Was ist mit meiner Familie?"
"Deinen Eltern geht es gut…", wich er aus.
"Und Opa und meinem Bruder? Was hast du mit ihnen gemacht?" Ihre Stimme wurde lauter und zittriger.

Einige Sekunden vergingen, bis er antwortete: "Ich habe sie getötet!"
"Nein! NEINNNNNNNNN!", schrie sie und legte die Hände aufs Gesicht. Er wollte sie an der Schulter berühren, doch Lin schlug seinen Arm weg.
Und dann hämmerte sie mit den Fäusten auf seine Brust ein und schrie ihn an und weinte.

Kim hielt sie nicht davon ab, verteidigte sich nicht. Er blieb einfach stehen und wartete - wartete bis sie nicht mehr genug Kraft hatte auf seine Brust zu schlagen, nicht mehr genug Kraft zu schreien und nicht genug zum Weinen.
Ihre Beine gaben nach und sie rutschte zu Boden. Kim ging mit ihr, in die Hocke, legte die Arme erneut um sie und drückte sie an sich.
"Ich hasse dich! Ich hasse dich!", krächzte ihre Stimme und die letzen Salztropfen flossen über ihre heißen Wangen.
"Du musst dich jetzt ausruhen. Dir steht eine harte Zeit bevor." Er strich ihr eine nasse Strähne aus der Stirn und flüsterte. "Schlaf…"
Und während sich ihre Lieder schlossen und jede Kraft aus ihrem Körper wich, küsste er sie. Er küsste sie auf die Stirn, er küsste sie auf die Wangen, er küsste sie auf die Augen und die Nase. Und er küsste ihre Lippen.

Als er sie zum Bett getragen, sie darauf niedergelegt und ein letztes Mal geküsste hatte, war er zur Tür gegangen. Mit einem Wink seiner Hand öffnete sie sich, er trat hindurch und mit einem weiteren Wink schloss sie sich leise hinter ihm und verriegelte sich wieder.

Auf dieser Seite war weder ein Gang, noch ein anderes Zimmer. Es war ein Fahrstuhl. Die Wände waren schwarz, wie alle im Hauptturm - dem neuen Teufelsturm.
Die Decke jedoch leuchtete und tauchte den Lift in einem hellen Schein.
"Ihr habt lange gebraucht, Herr."

Er wandte sich dem Jungen zu, der hier auf ihn gewartet hatte. Der Junge war nicht viel älter als er, war hochgewachsen und hatte rotbraune Haare, wie fast alle, in dessen Adern Gerudoblut floss. Alle hatten sie auf ihn gewartet und sich auf seine Ankunft vorbereitet. Es war ihnen von Geburt an bestimmt ihm treu zu dienen und als er in dieser Zeit angekommen war, hatte er sie gerufen. Er hatte seine dunkle Macht über die gesamte Welt gesendet und sie hierher gerufen. Und sie alle waren ihm gefolgt - bis auf einen…

Es waren nicht sehr viele, viel weniger als er sich vorgestellt hatte, das Gerudoblut hatte sich über die Jahrhunderte stark verdünnt, aber das spielte keine Rolle. Er brauchte kein großes Gefolge. Außerdem waren viele seiner Anhänger in hohen Positionen und/oder stinkreich. Das war auch nötig für den Plan…
Auf die Äußerungen des Jungen, erwiderte er nichts. Stattdessen schnipste er mit dem Finger und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Sie fuhren nach unten.

Der Junge räusperte sich. "Herr, der Chef dieses Elektrizitätsunternehmen möchte Euch sprechen…"
"Er soll warten." Kim lehnte sich gegen die kühle Wand des Fahrstuhls. Es herrschte wieder eine Schweigeminute.
Der Turm war gigantisch, es dauerte, bis man in den untersten Stockwerken war.
"Darf ich Euch etwas fragen?", fing der Junge vorsichtig an.
Er ging Kim allmählich auf die Nerven. Wenn er nicht ein Gerudoabkömmling wäre, hätte er ihn längst getötet, nur um ihn für immer zum Schweigen zu bringen.
"Weshalb beschleunigt Ihr die Geburt nicht?"
Kim dachte der Boden unter ihm würde urplötzlich nachgeben.
"Dann könnten wir uns viel Zeit sparen. Das Mädchen würde schon in drei, vier Tagen gebären und Ihr könntet -"

Schneller als der Junge sehen konnte, hatte Kim ihn am Hals gepackt. Seine Hand war zu einer Pranke geworden, die Fingernägel zu scharfen Krallen, die das Fleisch in ihrem Griff würgten.

"Wie kannst du es wagen, Matthew…", seine Stimme zitterte vor Zorn. "Wie kannst du es wagen, mir so etwas ins Gesicht zu sagen?"
Beide wussten, was dieser Vorschlag bedeutete. Das Kind wuchs, wegen der ungeheuren Menge an Magie, die es aus dem Leib seiner Mutter aufsaugte, sowieso schneller, als irgendein anderes. Und die Chancen, dass Lin überlebte, waren mehr als gering. Aber einen weiteren solchen Magieeinfluss überlebte sie niemals.

"A…ber…", würgte Matthew. "S…sie ist…doch nur…ein bedeutungs…loses Mädchen…"
"Dieses Mädchen ist meine Frau! Und du bist nicht mehr, als der Dreck unter ihrem Fingernagel!" Kim schleuderte den Jungen gegen die Wand. "Eines verspreche ich dir. Wenn Lin stirbt - stirbst du mit ihr! Also bette um ihr Wohlbefinden!"
Der Lift hielt mit einem schwachen Ruck an und die Türen glitten auf. Er trat hinaus in den Gang. Die Türen gingen wieder zu und der Lift fuhr davon, mit einem erstarrten Jungen, mit panisch aufgerissenen Augen, der seinen wunden Hals rieb.

Zwei Frauen kamen ihm entgegen und verbeugten sich. Die eine wagte es ihm in die Augen zu blicken. "Herr, wir warten auf Eure Befehle."
Er massierte seine Schläfen. "Nein, das hat Zeit bis Morgen. Ich habe heute keinen Nerv dafür."

Sie nickte und er lief an ihnen vorbei, durch eine Tür, in das Zimmer dahinter.
Der Raum war wunderbar abgedunkelt, eine Wohltat für seinen Kopf. In der Mitte stand einer der sieben Wüstenportale - die Schlangenkopfspiegel. Weiter nichts.
Noch immer massierte er seine Schläfen, während er auf- und ablief.

Ich bin für den Vorschlag dieses Gerudoabkömmlings, ertönte es in seinen Gedanken.
Kim sah auf und trat vor den Spiegel. Der Junge, der als Spiegelbild erschien, glich ihm, als seinen sie eineiige Zwillinge. Nur die Hautfarbe störte die Symmetrie; der Junge im Spiegel war braungebrannt und um die Nase sprossen weiße Pünktchen wie Sommersprossen. Kim verschränkte die Arme vor der Brust und stierte die junge Gestalt seines Vaters finster an.

Du weißt selbst wie gefährlich ihre Macht sein kann!
"Meine Mutter wusste auch von Anfang an über alles bescheid und hätte dich jederzeit verraten können. Trotzdem hast du sie nicht getötet!"
Mit Naboru war es anders…
"Ach ja? Warum? Weil du es sagst?"
Und warum hast du den Bengel nicht zur Stecke gebracht? Du hast seine Kräfte noch vergrößert!
Kim schnaubte abfällig. "Um den Wurm machst du dir Sorgen?" Er lachte. "Wenn ich etwas vor ihm zu befürchten hätte, wäre er längst unter der Erde."

Und du sagst dem Mädchen, dass du ihn getötet hast?

"Sie soll sich keine Hoffnungen machen. Hoffnungen führen zu Ergeiz und Ergeiz zu Fluchtversuchen. Die will ich ihr ersparen."
Nun schnaubte der Junge im Spiegel. Ich bin immer noch dafür sie zu beseitigen, sobald sie das Kind geboren hat!
"Ich weiß. Aber ich verfolge andere Pläne mit ihr. Und nun bin ich der König der Wüste! Ich habe dir nicht mehr zu gehorchen, sondern du mir!"

Ganon lachte. Dana hatte wirklich Recht, du bist das Ebenbild deines Vaters.
"Hör auf damit! Tu einfach worum ich dich gebeten habe."
Und wenn ich nicht tun will, worum du mich batest?
"Dann befehle ich es dir!"
Wieder lachte Ganon. Wie du es befielst… Ach da fällt mir noch etwas ein!
Kim hob ärgerlich den Kopf. "Was ist denn noch?"
Der Junge im Spiegel verschränkte die Arme vor der Brust und hob siegreich das Haupt. Link kann mit dem Bengel Kontakt aufnehmen!
Vor Überraschung weiteten sich Kims Augen. "Das ist nicht wahr…"
Ich lüge nie! Zumindest nicht in deiner Gegenwart.
Nun musste auch Kim lachen. "Das gibt es nicht. Wie gerissen der Kleine doch ist."
Es bedarf an viel Magie für so eine Fähigkeit. Er ist erstaunlich geschickt im Umgang mit seiner magischen Kraft.
"Siehst du, es wäre schade ihn zu schnell zu beseitigen. Vielleicht schenke ich ihm auch das Leben, nachdem die Rache vollzogen ist."
Gut, tu was du willst. Ich zweifle nicht an deiner Macht - ich habe dich schließlich selbst ausgebildet!
"Ich nehme an, du hast etwas dagegen unternommen?", erwiderte Kim.
Natürlich! Link ist für eine Weile außer Gefecht. Aber um den Bengel musst du dich selbst kümmern.

Das Spiegelbild verschwand, der glatte, klare Spiegel wurde matt und zeigte nichts mehr.
Kim rieb sich die Handflächen aneinander. "Möge bald das Spektakel beginnen…"



3. Kapitel

Benny erwachte davon, dass der Zug nach kontinuierlichem Langsamwerden endlich zum Stillstand kam. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und kratze sich an der Nase.
HIER IST ENDSTATION, dröhnte es aus dem Lautsprecher. BITTE AUSSTEIGEN! "Jaja, ich will hier nicht einziehen.", murmelte Benny vor sich hin, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.

Draußen herrschte immer noch die Nacht. Eine kühle Brise wehte um seine Ohren und ließ ihn frösteln. Da war er nun. Mutterseelen allein in einer fremden Stadt auf der Suche nach einer entführten Prinzessin, von einem riesigen schwarzen Drachen mit feuerroten Haaren bewacht, und er wusste nicht einmal wo der Turm stand. Er hatte keine Rüstung, kein Pferd, kein Schwert…
Seine Gedanken hörten sich an, als sei er immer noch im Mittelalter. Dabei war er längst fertig mit der Vergangenheit.

Immer noch todmüde torkelte Benny wie ein Betrunkener durch das Bahnhofsgebäude zum Haupteingang. Ein paar junge Punks saßen in einem dunkleren Winkel, schwangen ihre Bierflaschen und lachten. Auf den Bänken saßen einige Leute und warteten auf ihre Nachtzüge. Er seufzte.

Als er aus dem Gebäude trat, in die tiefe und eisige Nacht seufze er wieder. Jeder Ort wäre ihm recht, nur nicht dieser! Er wollte nach Hause in sein gemütliches Bett.
Plötzlich brach er in Tränen aus. Wie auch anders? Er war schließlich erst acht! Jeder 8-jährige würde in so einer Situation weinen!

Eilig rannte er die Stufen hinunter und den Bürgersteig entlang. Wo sollte er hin? Wo? Wo, wo, wo, wo???
Er war müde und er hatte Hunger! Und er wollte ein Bett in einem warmen, sauberen Zimmer!
Plötzlich stolperte sein Fuß über einen Stein und er fiel der Länge nach hin. Seine Handflächen waren weiß und rot und aufgeschürft, weil er seinen Sturz aufgefangen hatte. Neben den Tränen fing er jetzt auch noch an zu Schluchzen.

Er erhob sich und lief weiter, bis er zum Park kam. Die Bäume standen nicht so dicht aneinander, dass der Mond durchscheinen konnte und seinen Weg erhellte. Benny ließ sich einfach auf eine Parkbank plumpsen und ehe er sich versah - war er schon eingeschlafen.

Benny erwachte davon, dass jemand lachte. Er schreckte regelrecht aus dem Schlaf und suchte nach der Quelle dieses Lärms.
Eine Clique von Jugendlichen streifte den Weg entlang. Einige rauchten.
Einer der größten Jungen versetzte einem Kleineren einen Stoß und lachte. Die Andern lachten ebenfalls, auch der Gestoßene.
Benny stand auf und wollte nur schnell weg, bevor…

"Hey du!", rief ihm der Große zu. Benny erstarrte mitten in der Bewegung.
Mist! Ausgerechnet ihm - ausgerechnet jetzt!
"Hey Arschgesicht! Bleib stehen!", schrie ihm der Junge in den Rücken, als Benny wieder Herr über seine Beine war und rannte - vielleicht um sein Leben!
"Hinterher!", brüllte ein anderer Junge. "Der hat bestimmt Dreck am Stecken!"

Benny rannte und rannte. Seine Beine bewegten sich flink und geschmeidig. Er erstaunte selbst darüber wie schnell er war. Ob es mit dieser Alterung seines Körpers zu tun hatte? Egal, jedenfalls brachte er immer mehr Abstand zwischen sich und seinen Verfolgern. Er konnte sich nicht beklagen.

Benny rannte aus dem Park, über die Straße und in eine Seitengasse hinein. Jetzt musste er nur noch ein geeignetes Versteck finden oder noch besser - er sprang schnell in einen Bus und -
Eine Sackgasse! Vor ihn turmte sich eine hohe Mauer auf, die er nicht mal im Traum überwinden konnte. Er war in eine Sackgasse gerannt! Nun saß er fest.

Hastig drehte er sich um, vielleicht konnte er noch schnell in eine andere Straße einbiegen.
Doch es war zu spät. Die Jugendlichen hatten ihn bereits eingeholt. Einige waren außer Atem und hechelten nach Luft. Besonders die Mädchen, deren Röcke kürzer sein mussten als seine Handfläche! Außerdem lugte ihr ganzer Bauch aus dem Top und ihr Gesicht war so bunt geschminkt, dass Benny zu erst dachte, sie hätten sich als Clowns verkleidet.

Der Weg-Stoßer-Junge baute sich breit vor ihm auf, drückte die kräftige Brust nach vorne. "Jetzt seht euch Den an!"
Die Jugendlichen brachen erneut in Gelächter aus. Er wurde rot im Gesicht, am liebsten hätte er jetzt wieder geweint.
"Och, kuckt nur, gleich heult er!", gluckste das Mädchen mit dem ultrakurzen Mini. "Mein Gott!", schloss sich ein zweites an. "Blond und blauäugig, ich wette Der ist genauso blöd wie er aussieht!"
"Spielst wohl einen auf Indianer - oder was soll die Kriegsbemalung?"
Was sollte er jetzt machen? Er konnte nicht fliehen.
"Was hast du da im Rucksack?", fragte der Weg-Stoßer-Junge und griff nach ihm.
Er schlug den Arm weg und schrie: "Nein!"
Verwundert blickte ihn die Clique an.

"Bestimmt irgendwelche Drogen, wenn Der so heftig reagiert!", erwiderte ein Junge.
"Lasst uns mal nachsehen!", meinte der Wegstoßer und trat auf Benny zu. Er saß in der Falle!
"Was ist hier los?", durchschnitt eine Stimme das Geschehen.
Augenblicklich frohren alle ein, nur um nach zwei Sekunden wieder aufzutauen, sich umzudrehen und sich zu teilen, sodass Benny freien Blick auf die Ursache der Störung hatte.

Ein Mädchen stand da. Doch im Gegensatz zu den anderen hatte sie keinen Minirock an. Sie trug eine schwarze weite Hose mit breiten Seitentaschen und herunterhängenden Schnallen. Auf dem roten Top stand ein Wort: B-I-E-S-T - Biest!
Auf dem kurzen, wuschligen Lockenkopf prangte eine rote Kappe.

Die Hände hatte sie lässig in die Hüften gestützt. Benny hatte sofort Angst vor ihr. Sie strahlte regelrecht vor Autorität und Brutalität! Dabei schien sie eigentlich die Jüngste zu sein, sie war so alt wie er (wenn er so alt wäre wie er jetzt aussah), während die Meisten der anderen Jugendlichen eher etwas erwachsener aussahen - so ab 15 bis hin zu 20.

"Hey, Vivi! Wie geht's?", fragte der Wegstoßer und hob die Hand zum Gruß.
"Halt den Rand, Arschloch!", entgegnete das Mädchen. Dann erblickte sie Benny. "Joe! Wer is´n Der?" Dabei sprach sie das Wort Der so angewidert an, als rede sie von einer dicken Made in ihrer Suppe.
"Keinen Schimmer, aber der Penner ist neu, der Depp ist doch glatt in eine Sackgasse gerannt!"

Das schien diese Vivi zu interessieren, denn sie näherte sich, wobei ihr Gang genauso lässig und cool war wie ihre Haltung im Stehen. Breitbeinig stellte sie sich vor ihn hin und fixierte ihn aus zusammengekniffenen Augen. "Sag mal bist du zu blöd zum Schreiben, oder warum malst du dein Gesicht mit E-ding an, du Mamasöhnchen!"
Ihre herrscherische und laute Stimmte schüchterte Benny noch mehr ein. Er brachte es einfach nicht fertig den Mund zu öffnen.
"Na los, Milchbubi! Bist du taub?"

"Der Trottel redet nicht!", warf Ultra-Mini ein. "Er will sich mit dir anlegen, Vivi!"
Vivi wandte sich kurz zu ihr um, dann sah sie wieder ihn an und setze eine freudig überraschte Miene auf. "Ach, du willst dich also mit mir anlegen! Ja, ich glaube auch, dass du eine Abreibung brauchst. Bei dem Wetter!"
"JA!", brüllte die Menge. "Gib´s ihm, Vivi!"
Vivi formte eine Hand zur Faust und drückte mit der anderen darauf, die Knochen knaxten. Da hatte er den Ärger! Warum war er auch von Zuhause ausgerissen? Er konnte Lin doch sowieso niemals finden!

Er war viel zu schwach, zu dumm - schlicht einfach zu klein! Sowas sollten Polizisten und Detektive machen, nicht er! Andererseits - konnte irgendjemand gegen Kim ankommen? Nein! Nur er war in der Lage dazu! Kim war der Böse und er war der Held der Zeit! Er war dafür geboren worden, das Böse zu besiegen! Noch dazu war Lin seine Schwester UND er war es ihr schuldig!
Diese Vivi schlug zu.

Schnell kam die Faust. Sie zielte gut, daran gab es keinen Zweifel.
Dennoch - Benny konnte ihr doch tatsächlich ausweichen! Einfach so! Weder vorbereitet war er, noch hatte er darüber nachgedacht! Es war einfach ein Reflex…
Er war acht Jahre alt! Woher konnte er das?

Vivi zog erstaunt die Hand zurück.
"Hey!", stieß sie aus.
"Der will eine doppelte Abreibung, Vivi!", meinte einer der Größeren.
"Das sehe ich auch so!", entgegnete diese Vivi und holte erneut aus.
Jetzt war es ihm aber zu bunt! Er musste sich hier doch nicht verprügeln lassen! Von solchen halbwüchsigen Möchtegernstarken! Er hatte gegen etliche Gegner gekämpft, die millionenfach stärker waren als diese Jugendlichen!

"Lass mich in Ruhe!", schrie er und schuppste das Mädchen von sich weg. Nur war er sich nicht bewusst in welchem Umfang seine körperliche Kraft zugenommen hatte.
Benny schuppste sie so arg, dass sie das Gleichgewicht verlor und auf ihre zwei Buchstaben knallte.
Den Jugendlichen klappte der Mund nach unten.
"Spinnst du?", kreischten das Mädchen im Ultramini und ihre Freundinnen im Chor.
"Willst wohl eine auf die Fresse!", zischte ihm ein Junge entgegen und kaute noch aggressiver auf seinem Kaugummi herum.

Joe ballte die Fäuste und machte einen Schritt auf ihn zu.
"Stopp!", brüllte Vivi und schlug auf den Boden wie ein quengelndes Kind. Sofort hielt die Meute mitten in der Bewegung an.
Mit einem Gesicht, das vor lauter Wut mit einer Tomate konkurrieren konnte, sprang Vivi auf und tippte Benny gegen die Brust. "Für wen hälst du dich eigentlich, dass du es wagst mich zu schuppsen! Mich, die Anführerin der mächtigsten Gang im ganzen Bundesland!"

Benny war fest entschlossen nicht Kleinbai zu geben. Er war vielleicht kein Anführer irgendeiner Gang - aber er war der Held der Zeit! Und das war vieeeeeel bedeutender! Er schob ihren Arm beiseite. "Ich bin Benjamin…" Plötzlich verschlug es ihm die Sprache. Der Mut hatte ihn verlassen. Kleinlaut fügte er hinzu: "…Thelen…"

"Thelen?" Ein hagerer Junge mit großen Brillengläsern auf der Nase wurde hellhörig. "Sagtest du gerade Benjamin Thelen?"
Die Jugendlichen blickten stirnrunzelnd von Benny zu dem Brillenjungen.
Vivi stemmte mürrisch die Hände in die Hüften. "Was ist Serge? Was haste mit deinem Intellekt zu berichten?"

Der Junge, der Serge genannt wurde, rückte sich siegesgrinsend die Brille zurecht. "Sagt euch der Name Lin Thelen etwas?"
"Hä?", sagte die Gruppe wie aus einem Munde.
"Moment, da war doch was!", sagte Ultramini und tippte sich auf das Kinn. "Das war doch das Mädchen, das vor einigen Tagen - entführt worden ist!"
"Stimmt!", sagte der Kaugummikauer. "Ihr Opa ist doch im Haus erstochen worden, oder?"

"Das arme Mädchen!", schluchzte eines der Mädchen. "Wer weiß was ihr angetan wird, während die Polizei wie blöde herumirrt."
Serge kramte in seinem Ranzen, den er auf den Schultern trug. "Richtig! Genau die meine ich. Und jetzt seht mal was in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung steht!"
Der Brillenjunge hielt sie hoch, damit alle die Titelseite sehen konnten.
Darauf stand geschrieben:

Großvater erstochen, Tochter entführt - jetzt ist der Sohn verschwunden Wer will diese Familie zerstören?

Darunter war ein riesiges abgedrucktes Foto von ihm. Oh nein! Jetzt schon? Er war doch erst gestern Nach verschwunden! Leute ich weiß, dass die Schlagzeile eigentlich erst am nächsten Tag erscheinen müsste, aber wollt ihr wirklich, dass ich deswegen einen ganzen Tag mit Sinnlosigkeit verschwende?

Serge zeigte mit dem Finger auf sein Foto. "Das ist Benjamin Thelen, der kleine Bruder von dem verschwundenen Mädchen. Er ist gestern Nacht ebenfalls aus dem Krankenhaus verschwunden. Die Kriminalpolizei kann es sich nicht erklären."
Vivi riss ihm die Zeitung aus der Hand und trat vor Benny. Ihr Blick wanderte von dem Foto zu ihm und wieder zum Foto. Sie verglich.

Dann lachte sie auf und wedelte sich mit der Zeitung Wind ins Gesicht. "So ein Zufall aber auch! Dass du ausgerechnet wie der Furz aus der Zeitung heißt. Und ähnlich seht ihr euch auch…"
"Nein!", unterbrach er hektisch. "Das bin ich!"
Die Jugendlichen sahen sich verblüfft an - und brachen in schallendes Gelächter aus. Sie lachten sich, bis sie sich vor Bauchschmerzen krümmten.
"Aber sicher doch!", quetschte Vivi zwischen den Zähen hervor und hechelte um Luft. "Und da deine Eltern grade kein aktuelles Foto von dir zur Hand hatte, haben sie einfach das von deiner Einschulung abgedruckt."
"Nein! So ist es nicht! Ich bin wirklich Benjamin Thelen!", brüllte er über das Gelächter hinweg. Langsam stieg blinde Wut in ihm auf. Niemand glaubte ihm! Nicht als er klein war - und nicht wie er jetzt groß war.
"Halt die Klappe, Mann!", zischte Vivi ihm jetzt ernt entgegen. "Über so was macht man keine Witze!"
"Ich scherze nicht!", entgegnete er zornig.
"Hey Gummy! Gib ihm nen Kaugummi, damit er wieder auf den Boden zurückkommt!", lachte Joe. Der Kaugummikauer grunzte auf vor Lachen.
"Ruhe jetzt!", brüllte Vivi.

Mit einem Schlag wurde es still und die Jungen und Mädchen waren wieder ernst. Zufrieden wandte sie sich Benny zu. "Tja, mein Freund. Anscheinend weist du es noch nicht, aber wir sind nicht gerade dafür bekannt, dass wir Fremde mit offenen Armen empfangen. Das hier ist mein Revier! Aber da du mich zu Boden gebracht hast, etwas was noch nie jemandem zuvor gelungen ist, hast du meine Erlaubnis mich zur Werkstatt zu begleiten. Dort sehen wir, was wir mit dir machen."

Ende des 3. Kapitels


Nachwort der Autorin:
Hi an alle meine Leser!
Ich möchte mich erst einmal bei allen bedanken, dass ihr euch Zeit genommen habt meine Geschichte zu lesen.
Besonders bei Ricka-chan, die mich mit riesigen Löffeln voller Motivation gefüttert hat, und bei Simon, der nicht um die kleinste Kritik verlegen war.
Falls ihr etwas loswerden wollt, schreibt mir. Egal ob euch meine Fortsetzung gefällt, oder ob ihr etwas auszusetzen habt, schließlich möchte ich mich ja verbessern.
Ich freue mich immer über Post (außer über Rechnungen *lol*).
Ich werde eifrig weiterschreiben, Danke.

Eure Kim




Einen guten Rutsch ins neue Jahr an alle meine Leser!
Eigentlich wollte ich für meine Prüfungen im Mai intensiv büffeln, aber ich habe mich dann doch zum eifrigen Weiterschreiben verführen lassen. Ich hoffe ihr wisst mein schlechtes Gewissen zu schätzen und lest mit besonders viel Spaß weiter ;)
Eure Kim

4. Kapitel
Schon bevor die Werkstadt zu erkennen war hörten sie die Musik.
"…get it low…rh rh…"
Die Jugendlichen hatten Benny in ihre Mitte genommen und zerrten ihn mit. Vivi ging einige Schritte voraus.
"…to the window get it low…"
Die Werkstatt war wirklich eine. Eine Autowerkstatt in Form einer gigantischen Scheune.
Auf Tischen stapelten sich Werkzeuge, Ölflaschen, Taschenlampen und schmutzige Lappen. Aus einem ölverschmierten Ghettoblaster dröhnte der Bass der Musik.
Ein junger Mann polierte gerade mit einem Lappen sein Motorrad. Die dunkle Jeans und das zerschlissene T-Shirt starrten vor Dreck.
Er pfiff selenruhig das Lied mit.
Das Mädchen, das Vivi genannt wurde, ging schneller und schrie: "Dan! Dan!"
Der Mann, um die 19 Jahre, blickte verwundert auf. Als er sie erkannte winkte er und lief zur Stereoanlage um die Musik leiser zu drehen.
"He, Schwesterchen!", rief er ihr zu.
"Nenn mich nicht so!", brüllte sie ihm wütend entgegen. "Ich hasse das!"
"Ich weiß, sonst würde ich es ja lassen!", brüllte der Junge ihr lachend entgegen.
"Hey! Du hast ja deinen ganzen Trupp mitgebracht."
"Hi, Dan!", rief Joe.
Benny blickte verwirrt von dem Mädchen zu ihrem großen Bruder.
Warum hatten sie ihn hierher geschleppt?
"Eh? Wer bist´n du?", fragte Dan genauso überrascht als er Benny erblickte. Er holte einen Lappen aus seiner Hosentasche und wischte sich die schmierigen Hände daran ab. "Dich habe ich hier noch nie gesehen."
"Das ist´n Neuer.", erwiderte Ultramini. " Wahrscheinlich von zu Hause abgehauen."
"Bin ich gar nicht!", zischte Benny wütend.
"Ach ja?", entgegnete die. "Und was soll dann der Rucksack? Sag mir bloß nicht, dass dort dein Mathebuch drinnen ist!"
"Das geht euch gar nichts an!"
"Halts Maul! Sonst kriegst´ doch noch eins auf die Fresse!", drohte Joe und hielt ihm die Faust unter die Nase.
"Hört auf!", erwiderte Dan. "In der Werkstatt wird sich nicht geprügelt, ist das klar?" Dann wandte er sich an Vivi. "Wer ist das?"
Vivi zuckte die Achseln. "Irgendeiner. Den haben wir im Park aufgegabelt. Sein Name ist Benny."
"Benjamin!", verbesserte Benny. Er weigerte sich von diesen Raudies mit Kosenamen ansprechen zu lassen.
"Aha…", murmelte Dan. "Na dann zeigt ihm mal was wir von unverschämten Eindringlingen halten! Einen Nachmittag im Keller und der ist brav wie ein Ciwaua, der…"
"Ich hab keine Zeit dafür! Ich muss…"
Aber der junge Mann hörte gar nicht mehr hin. Er steckte den Lappen wieder ein und nahm einen Schraubenschlüssel in die Hand. "Im Kühlschrank ist ein Kasten Cola. Bedient euch." Dann wandte er sich seiner Suzuki zu. Mit zärtlicher Berührung liebkoste er das Motorblech. "Ich muss mich noch um mein Babe kümmern."
"Du meinst, du frisierst es wieder?", kicherte Serge, der Junge mit der Brille. Anmerkung: Serge hieß vorher Serge "Psst!", fauchte Dan und wedelte mit der Hand. "Das musst du ja nicht gleich jedem auf die Nase binden! Ich hab schon genug Stress mit den Bullen!"
"Diese beschissene Schrottkiste!", schimpfte Vivi und verschränkte die Arme vor der Brust.
Erneut streichelte Dan sein Motorrad. "Ganz ruhig, mein Babe. Sie hat es nicht so gemeint. Ganz ruhig."
"Und ob ich das so gemeint hab! Wenn du mir nur halb so viel Aufmerksamkeit schenken würdest wie diesem Scheißteil! Ich glaub dann fange ich an Kleider mit rosa Rüschchen zu tragen!"
Die Meute lachte sich halbtot.
Benny stand mitten drinnen und umklammerte eisern seinen Rucksack. Diese Kinder waren total übergeschnappt! Er musste hier schleunigst weg!
Vivi packte ihn am Pullover. "Komm mit!" Sie befahl es regelrecht.
Benny nickte resigniert und ließ sich in den Nebenbau der Werkstatt führen.
Dort sah es ganz und gar nicht mehr nach Reparaturgebäude aus. Eher nach einem riesigen Jugendtreffraum.
Ein Kühlschrank brummte in der Ecke. Überall standen alte Sofas und Sessel herum. Knapp unter dem Fenster war auch eine Hängematte angebracht.
Auf den niedrigen Tischen standen Flaschen herum. Auch einmal eine mit alkoholischen Getränken.
Aber im Großen und Ganzen das Gemütlichste, was er sich jetzt wünschen konnte. Am liebsten würde er sich jetzt auf eine Couch stürzen und einschlafen.
"Machs´ dir bequem.", forderte ein Mädchen im Minirock ihn auf. "Aber ja nicht zu sehr!"
Joe und zwei andere Jungen gingen zum Kühlschrank hinüber und holten die Colaflaschen heraus um sie unter den Anderen auszuteilen.
Ihm wurde keine angeboten.
Das Mädchen mit dem kurzen, wuschligen Lockenkopf griff in die Hosentasche und zog ein silbern glänzendes Metall-etwas heraus, das zwei Metallhälse aneinandergeklebt zu sein schien. Mit einer schwungvollen Handbewegung klappte sie es auf. Der eine Metallhals klappte weg und im Kreis wieder auf seinen Bruder.
Eine breite Klinge glänzte.
"Butterflys gehören zu den verbotenen Waffen.", erwähnte Serge wie beiläufig.
Vivi setzte die Klinge an den Flaschenkopf und sprengte wie mit einem Flaschenöffner den Kronkorken vom Flaschenhals. "Zeig mich doch an.", lachte sie und nahm einen kräftigen Schluck.
Benny setzte sich auf einen abseitigen Sessel und überlegte was er tun sollte. Er hatte keine Ahnung was Kim vorhatte, geschweige denn wo Lin war. Und statt nach Anhalspunkten zu suchen, hockte er hier und schlug sich mit Jugendlichen herum, die sich wie Kleinkinder aufführten - da fiel ihm ein, dass er ja selbst noch eines war.
Der Kaugummikauer stand plötzlich vor ihm, mit verschränkten Armen und wild rumorendem Kiefer. "Also? Wer…schmatz…bist du?"
"Ich bin Benjamin Thelen!", wiederholte er, wobei er stark bezweifelte, dass sie ihm jetzt endlich glaubten.
"Du kannst jetzt mit deinem Scheiß aufhören!", schnauzte ihn Joe an.
"Nur weil du dich für was Besseres hältst musst du längst nicht etwas sein!", zischte Ultramini.
"Zick nicht so rum, Jessi!", unterbrach Vivi, dann wandte sie sich abfällig Benny zu. "Du benimmst dich wie ein Achtjähriger."
"Ich bin ja auch einer!", stieß Benny ungeduldig hervor.
"Dann hättest du nicht so viel Fruchtzwerge essen sollen!", kicherte ein Mädchen spitz.
Die Gang lachte erneut.
Benny sprang wütend auf die Beine. "Das liegt nicht an den Fruchtzwergen! Es ist Magie!"
Plötzlich herrschte Totenstille.
Nur um darauf das lauteste Gelächter, dass Benny je gehört hatte, ausbrechen zu lassen. Die Wände hallten nur so von dem Geschrei.
"Klar doch! Magie!", jauchzte der Kaugummikauer. "Warum hast du das nicht gleich gesagt!"
"Abrakadabra!", kreischten die Mädchen im Chor.
"Leute! Habt Mitleid mit unserem Kleinen! Er kann doch nichts dafür, dass ihm die böse Fee von Dornröschen verzaubert hat!"
Benny schnaufte abfällig und verschränkte mit beleidigtem Gesicht die Arme vor der Brust. Sollten sie doch lachen, die gagernden Hühner! Bald schon würden sie merken wie der Boden unter ihren Füßen aufbrach und alles Leben verschlang…
"Seid ruhig!", brüllte eine Stimme. Augenblicklich erschraken alle Anwesenden, auch Benny, und drehten sich verwundert um.
Vivi musterte ihn von Kopf bis Fuß und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Colaflasche. Dann rülpste sie wie ein Mannsbild und wischte sich mit dem Unterarm über den Mund.
Ihre bestimmte Stimme hallte durch den Raum: "Beweis es!"
Die Clique starrte sie mit offenen Mündern an, auch Benny kuckte nicht schlecht.
"Was?", stieß Serge hervor.
"Das ist jetzt nicht dein Ernst!", quiekte Jessi.
"Aber absolut!", versicherte Vivi und wandte sich an Benny. "Wenn du so ne Klappe hast, kannst du deine Theorie von Spuck und Zauberei auch beweisen!"
Joe lachte laut auf. "Oh ja! Zeig uns was Sache ist, Bennylein!"
Der reißt ganz schön sein Maul auf, dachte Benny. Eigentlich hatte er seine geheimen Fertigkeiten nicht preisgeben wollen. Aber unter diesen Umständen…
Benny lehnte sich nach vorne und konzentrierte sich.
In sich spürte er die Magie durch seine Adern fließen. Es war wie Fieber. Man spürte die Hitze in sich aufsteigen.
In diesem Moment brodelte die Cola in Vivis Flasche. Kreidebleich starrten alle auf ihre Flasche. Ihre Hand zitterte, es sah aus, als würde sie sie jeden Augenblick fallen lassen.
Dann hörte das Brodeln so abrupt auf wie es entstanden war.
Nur damit die Flüssigkeit langsam am Flaschenhals aufsteigen konnte.
Wie gebannt verfolgten die Jugendlichen, wie die Cola langsam aus der Flasche drang. Wie eine Schlange, die sich aus dem Korb schlängelte, weil sie den Tönen eines Schlangenbeschwörers folgte.
Wobei Schlangen ja eigentlich taub waren.
Die Colaschlange wand sich in Spiralen in die Höhe. Immer höher, bis sie knapp über den Köpfen der Zuschauer kreiste. Sie schwebte immer weiter, bis sie über Joe zu einer Spirale erstarrte.
Die Augen der Jungen und Mädchen waren riesig wie Billardkugeln. Joe reckte den Kopf bis in den Nacken um die Windungen der braunen Substanz zu begutachten.
Dann plötzlich ließ Benny los - und die Cola klatschte Joe förmlich ins Gesicht.
Doch keiner lachte. Dafür war die Atmosphäre zu sehr von Spannung und Staunen geschwängert. In der Luft lag die Unbegreiflichkeit des gerade Geschehenen.
"Mein Gott!", sagte Jessi und hielt sich die Hand vor den Mund.
"Das gibt's nicht! Das geht nicht! Das…das ist physikalisch nicht möglich! Die Erdanziehungskraft ist doch…", stotterte der Brillenjunge.
"Was? Was war das?", stieß der Kaugummikauer energisch hervor und kaute noch energischer auf seinem Kaugummi herum.
"Ich sagte euch doch, dass es Magie gibt!", schnaufte Benny.
Die Jugendlichen fuhren zusammen und drehten sich zu ihm um. Als hätten sie ihn erst jetzt bewusst wahrgenommen.
"Das ist unmöglich! Das war ein Trick!", protestierte Vivi und knallte die Colaflasche auf den Tisch.
"Du wolltest doch einen Beweis!", rechtfertigte sich Benny. "Wie sollte ich es denn gemacht haben wenn nicht mit Magie?"
"Das…das war…", stotterte eines der Mädchen. "Atemberaubend! Ich kann es gar nicht glauben!"
"Wie hast du das gemacht?", die Mädchen versammelten sich um ihn wie die Fliegen um einen Misthaufen.
Benny fühlte sich augenblicklich bedrängt. Er zog die Beine an und starrte voller Entsetzten in die riesigen bemalten Gesichter dieser Hühner.
Auch den anderen Jungs gefiel das nicht, denn sie fühlten sich der Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts beraubt (die sie nie hatten).
"Hey, beruhigt euch!", rief Vivi. Sofort sahen die Mädchen auf.
Mit verzogenem Gesicht stolzierte Vivi vor den Sessel, auf dem er saß, und baute sich vor ihm auf. "Ich weis zwar nicht wie du das gemacht hast, aber wenn das nur ein billiger Trick war um uns Angst zu machen…"
Wütend sprang Benny auf die Beine und schrie ihr ins Gesicht: "Es war kein Trick! Ich wurde in die Vergangenheit entführt, etliche Tage irgendwo in der Wüste eingesperrt, zweimal beinahe umgebracht, mein Opa wurde ermordet, meine Schwester wird irgendwo gefangen gehalten und ich bin um fünf Jahre gealtert - ist das alles auch bloß ein billiger Trick?"
Vivi hob schützend die Hand und wich erschrocken zurück. "Schon gut, beruhige dich! Wir glauben dir ja…auch wenn es schwer fällt."
"He, wer schreit denn hier?", fragte Dan. Eine große Gestallt erschien im Tor zum Versteck der Clique. Der junge Mann wurde von seiner Ware, mehrere Kisten Farbe und zwei Spraydosen, die er auf den Armen trug, vollkommen verdeckt. "Bitte, meine lieben Kinder, keine so laute Konversation, einverstanden?"
"Dan, soll ich dir helfen?", fragte Gummy und stürzte schon zu dem Mann.
"Nein, ich schaffe das schon.", winkte Dan ab.
Hätte er bloß die Hilfe angenommen, den kaum zwei Sekunden später geschah das Unglück.
Er trat auf eine leere Colaflasche, die ein Junge fallen gelassen hatte, als die Colaflüssigkeit über ihren Köpfen getanzt hatte. Die Flasche war den Boden entlang gerollt und irgendwann zum Erliegen gekommen. Doch nun rollte sie unter dem Gewicht eines Mannes einfach weg - und riss ihn gleich noch von den Füßen.
Mit einem Aufschrei knallte Dan auf den Boden. Und mit ihm die ganzen Farbeimer, deren Inhalt sich nun über den Boden ausbreitete. Doch das war nicht alles.
Eine der Spraydosen knallte nicht auf den Boden. Nein!
Die Dose flog durch die Luft. Die Menge schrie auf, unfähig sich zu bewegen.
Vivi riss die Augen auf und sah die Dose, die immer näher und näher kam. Und die hart gegen ihren Kopf stieß. Sie schrie vor Schmerz.
Und mit ihr auch die Dose, in die eine große Kerbe gerissen wurde. Der Druckdeckel sprang ab und die Farbe zischte aus dem Metallmantel heraus.
Giftgrün…
Giftgrün ergoss es sich über Vivis Lockenpracht. Sie schrie wie am Spieß.
Bis die Dose ihren Geist aufgab und endlich auf den Boden fiel. Und Vivi sie anstarrte. Und die ganzen Leute um sie herum sie anstarrten.
Als sie den ersten Schock überwunden hatte sah sie, mit rasendem Atem, auf und merkte, dass sie von allen angestarrt wurde.
"Was ist? Warum glotzt ihr so blöd? He?"
Aufgeregt sah sie von einem Gesicht zum anderen.
"Vivi, reg dich jetzt nicht auf…", redete ein Mädchen langsam.
"Und schau nicht in den Spiegel, okay?", schlug Jessi ihr vor.
Vivis Visage wurde noch weißer. Sie sah geschockt zu Benny. Doch auch Benny starrte schockiert zurück.
Mit einem Schlag wandte sie sich ab und rannte in das kleine Klo, das noch an die Garage angebaut war. Denn über dem Waschbecken hing ein schmutziger Spiegel.
Und als Vivi in den Spiegel sah - hallte ein schriller Schrei durch die Straßen der Stadt…

Benny wurde von einem zischenden Geräusch geweckt.
Er öffnete die Augen. Und sah die Decke der Werkstatt - und setze sich kerzengerade auf. Seine verschlafenen Augen glitten die Wände entlang und er gähnte herzhaft.
Neben ihm gab Etwas grunzende Laute von sich. Er sah neben sich und verzog augenblicklich das Gesicht.
Vivis großer Bruder lag neben ihm auf dem, zum Bett umfunktionierten, Sofa und schnarchte vor sich hin. Benny schüttelte sich. Gähnend zog er die Decke weg und erhob sich. Er war nur noch in Boxershorts bekleidet. Und sein Haar war zerzaust.
Vivi kam aus dem kleinen Klo, mit einer giftgrünen Spraydose in der Hand.
Er riss die Augen auf. "Warum hast du jetzt deine ganzen Haare grün angesprüht?"
Frech lächelnd sah das Mädchen auf. "Sieht es gut aus?"
Gestern noch war Vivi rasend vor Wut gewesen. Die kaputte Spraydose hatte ihren halben Haarschopf grün gefärbt, es hatte wirklich dämlich ausgesehen. Jessi und die anderen Mädchen hatten ihre Haare am Waschbecken fünfmal hintereinander gewaschen, aber die Farbe hatte einfach nicht abgehen wollen.
Aber als Vivi sich beruhigt und mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, dass sie nun für eine Weile giftgrüne Haare haben würde, hatten sie sich einem anderen Thema zugewandt.
Benny hatte seine Geschichte erzählt. Von Anfang bis Ende. Die Jugendlichen hatten gelacht, sich gewundert und gestaunt. Ob sie ihm nun glaubten oder nicht.
Schließlich war es spät geworden und alle waren nach Hause gegangen. Bis auf Vivi und ihr Bruder. Die beiden waren nicht hinauf in die Wohnung ihrer Eltern gegangen, denn die waren auf einer gewonnenen Kreuzfahrt.
Und da Benny ebenfalls einen Schlafplatz brauchte, hatten sie schließlich in der Werkstadt geschlafen. Benny und Dan auf dem Sofa, Vivi auf der Hängematte.
Nun aber war sie schon wach und hatte sich die Haare ganz giftgrün gefärbt. Warum auch immer.
Aber irgendwie sah sie schon gut aus, dass musste Benny zugeben.
Wie sie dastand in hellblauem Spagettiträger und Hotpans und mit giftgrünen Haaren. Verführerisch gegen den Türrahmen gelehnt.
Oh Gooooooooooooooooooooooooooooooooooooooott!!!
Er war absolut schockiert über die Gedanken, die einfach so in seinen Kopf purzelten. Oh Gott! Was waren das für Gedanken?
Mädchen waren scheiße!
Mädchen sind scheiße! Hast du das verstanden, Hirn? Mädchen sind scheiße!
Das dachte Benny und lief purpurrot an.
Vivi setze sich in Bewegung und trat auf ihn zu. Sein Herz klopfte wie wild. Pfui! Was sollte das? So nah war ein Mädchen noch nie an ihn herangetreten.
"He, Knallkopf!", sagte Vivi. "Wenn du mich noch genauer anglotzt fallen dir gleich die Augen aus." Ihr Grinsen wurde noch breiter und frecher. "Wobei ich zugeben muss, dass du gar nicht mal so übel aussiehst. Gehst du ins Fitnessstudio, weil du so durchtrainiert bist?"
"Ne!" Benny schüttelte heftig den Kopf. "Mit acht Jahren doch nicht!"
Demonstrativ rollte Vivi die Augen. "Ach ja, ich vergas. Aber mal ehrlich - willst du wirklich wieder zu so n´ mickrigen Bettnässer werden? Bleib doch lieber so wie du jetzt bist. So gefällst du mir viel besser aus auf deinem Einschulungsfoto…"
"Es ist nicht das Einschulungsfoto! Das Bild ist von Lins letztem Geburtstag und der ist erst ein halbes Jahr her!"
Vivi schüttelte lachend den Kopf. "Schon gut, es ist nicht das Einschulungsfoto."
"Wasnlooos?", lallte Dan und hob den Kopf. "Kamannischnbischleschlaaaaaafn?" Er streckte sich auf dem Bett aus und gähnte aus ganzer Kraft.
"Wir sollten uns anziehen.", schlug Vivi vor und griff nach ihren Klamotten, die über einer Stuhllehne hingen.
Während sie sich ankleideten stand Dan schwerfällig auf, holte einen Molkedrink aus dem Kühlschrank und griff nach der Fernbedienung.
Erneut rollte Vivi die Augen und flüsterte Benny ins Ohr: "Er ist immer so scharf auf die Dauerwerbung über Küchengeräte, frag mich nicht warum!"
Mit einem ganz leisen Klick ging der altersschwache Minifernseher an.
"...live vor Ort.", sagte eine gutgekleidete Frau in ihr Mikrophon. Es war irgendwo draußen, der Morgenwind blies ihr um die Ohren und wehte ihr ihre dauergewellten Haare ins Gesicht.
"Hey!", stieß Dan enttäuscht hervor. "Fällt die Sendung heute aus?"
"Lieber Gott im Himmel, wie kannst du das meinem Bruder nur antun?" Vivi tat als viele sie gleich in Ohnmacht.
Dan griff nach dem Kissen und warf es nach ihr. Lachend wich das Mädchen aus.
"Niemand weiß woher er gekommen ist.", sprach die Frau weiter. "Etliche Schaulustige haben sich hier versammelt. Es ist wie im Märchen."
"Das sind die Nachrichten.", sagte Dan erstaunt. "Um diese Zeit kommen die doch gar nicht. Muss wohl was ganz außergewöhnliches passiert sein."
Benny kniff die Augen zusammen. "Was ist das im Hintergrund? Das Schwarze da." Die Kamera ging etwas nach hinten und vergrößerte den Blickwinkel.
"Wir sind hier mitten im großen Park und der schwarze Turm, den sie hinter mir sehen, war bis gestern Abend noch nicht hier gestanden."
Es stimmte.
Ein gigantischer schwarzer Turm hob sich zwischen den Bäumen und Büschen empor, wie ein Schatten in der Abendsonne.
"Bei meinem Babe - was ist das?", schnaufte Dan schockiert.
Die Reporterin setzte sich in Bewegung und mit ihr auch die Kamera. "Die Polizei ist bereits vor Ort um sich ein Bild von dem mysteriösen Turm zu verschaffen. Hier haben wir den Polizeichef Herr Hagen." Die Nachrichtensprecherin räusperte sich. "Herr Hagen, gibt es irgendwelche Neuigkeiten über diesen Turm?"
"Nun.", begann der Polizist. "Nicht viel, nur dass der Turm gestern Nacht aufgebaut worden sein muss…aber es ist mir ein Rätsel wie."
"Herr Hagen, hat die örtliche Polizei sich bereits Zutritt zu dem seltsamen Gebäude verschaffen können?"
"Auch das muss ich verneinen. Wir haben sogar begonnen über dem Boden, mit Hilfe von Hubschraubern, in das Gebäude einzudringen, doch es hat weder Türen noch Fenster. Es lässt sich absolut nichts über diesen Turm sagen, nur dass er jetzt einfach da steht."
Die Reporterin drehte sich zur Kamera. "Ich gebe zurück ins Studio."
Das Bild wurde kleiner und ein anderes nahm seinen Platz ein. Ein Moderator mittleren Alters und im Anzug nickte. "Danke an unsere Mitarbeiterin vor Ort. Wir werden sie natürlich auf dem Laufenden halten. Und nun…"
Benny hörte gar nicht mehr hin, er war schon zur Tür hinausgestürmt - mit seinem Rucksack. "Warte mal!", rief Vivi ihm nach und rannte ebenfalls zur Tür.
Als sie nach draußen kam sah sie Benny, der wie angewurzelt dastand und zum Park hinüberblickte. Der Turm erhob sich wie eine mächtige Säule aus dem Grün.
Vivi hielt sich die Hand vor den Mund. "Das ist…"
Benny kramte im Rucksack herum, bis er das Tagebuch gefunden hatte. Er schlug es auf und holte die Zeichnung heraus. Neugierig lugte ihm das Mädchen über die Schulter. Benny kümmerte es nicht, stattdessen verglich er den Turm mit der Zeichnung.
Letztendlich schlussfolgerte er: "Das ist nicht der richtige Turm."
"Wie?" Vivi verstand nicht.
Ohne ein Wort setze Benny sich in Bewegung.
"Mann! Bist du taub? Du sollst warten", fuhr Vivi ihn an und packte ihn am Arm.
Wütend drehte Benny sich um und befreite sich aus ihrem Griff. "Ich habe keine Zeit zum Warten, also lass mich in Ruhe!"
"Aber so…"
"Wo wollt ihr denn so schnell hin?", fragte eine schläfrige Stimme. Dan kam halbbekleidet aus der Werkstatt getorkelt.
"Benny will zu dem Turm!", sagte Vivi, es hörte sich wie ein Klagen an.
Dan stierte ihn verwundert an. "Zum Turm? Lass das mal lieber, die Polizei wird sich schon darum kümmern. Gehen wir lieber frühstücken, nach dem Aufstehen habe ich immer einen Bärenhunger."
"Was soll die Polizei schon ausrichten, gegen einen Turm voller Magie?", entgegnete Benny unverfroren.
"Was?", sprachen Vivi und ihr Bruder wie aus einem Munde.
"Ich kann sie bis hierher fühlen, obwohl ich ein gutes Stück entfernt bin…", murmelte Benny. Und erneut trat er voran. Während des Gehens stopfte er das Tagebuch zurück in den Rucksack.
Dan und Vivi sahen sich kurz an - und folgten ihm.
"Na toll, gehe ich halt mit leerem Magen aus dem Haus.", knurrte Dan und sein Magen schloss sich ihm an.
Nach wenigen Schritten fing Benny an zu rennen und Vivi folgte ihm.
Nach einem weiteren qualvollen Aufseufzen schloss sich Dan der Rennerei an. Es dauert nicht lange bis sie im Park, am Fuße des Turmes waren, da der gesamte Verkehr lahmgelegt war.
Blaue Lichter blinkten von den Polizeiautos durch die Menge, um den Turm war ein gelbes Kunststoffband gebunden und etliche Beamte versuchten den Wall sich vordrängelnder Leute zurückzuhalten. Während Männer und Frauen in weißen Anzügen und seltsamen Instrumenten den Turm abtasteten und absuchten. Auch die Reporterin und ihr Team standen nicht weit von ihnen entfernt und gingen ihr Sendeprogramm nochmals durch.
Und wie es der Zufall so wollte trafen sie gleich auf Jessi, Serge, Gummy und Joe, die ebenfalls der Schaulust nachgingen.
"Hey, Leute! Was macht ihr denn hier?", schrie Vivi über das Gemurmel der Menge hinweg. Die Jugendlichen drehten sich suchend um. Jessie entdeckte sie als erstes und winkte eifrig. Sie gingen zu den Gangmitgliedern hinüber.
"Schaut euch mal das riesige Ding da an!" Joe zeigte mit dem Finger auf den Turm. Serge richtete seine Brille auf der Nase. "Das ist physikalisch absolut unmöglich! Ein so hohes Gebäude kann nicht innerhalb einer Nacht errichtet werden, auch wenn es aus Fertigwänden besteht!"
"Das mit der Cola gestern war auch physikalisch unmöglich, aber du hast es mit eigenen Augen gesehen. Erklär mal das, Klugscheißer!"
Jessi legte die Hand gegen die Stirn um bessere Sicht zu haben. "Was passiert jetzt? Wozu steht der Turm plötzlich da?"
Benny tat es ihr nach. Der Turm war riesig, doppelt so hoch wie ein dreistöckiges Hochhaus. "Ich muss da rein!", verkündete er.
"Was???", riefen alle gemeinsam aus. Auch einige fremde Leute neben ihnen blickten ihn an als sei er geisteskrank. Doch er bahnte (und schupste) sich schon einen Weg nach vorne zur Absperrung.
"Dieser Junge ist einfach irre! Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank!", äußerte sich Gummy und fing an wie wild auf seinem Kaugummi herumzukauen.
"Kommt mit!", forderte Vivi sie auf und ging Benny nach.
Verstört fielen den Anderen die Kinnladen herunter, aber sie taten wie ihnen geheißen. Also kamen sie zur Absperrung, nur noch ein Plastikband stand zwischen ihnen und dem Turm.
Dan kratze sich am Kinn. "Der scheint aus schwarzem Marmor zu bestehen."
"Und was sind das für Rohre, die den Turm entlangführen?", fragte Jessi erstaunt.
"Das sind keine Rohre - das sind Stromkabel!", stieß Serge hervor.
"Stromkabel? Wozu das denn?", gab Joe seinen Senf dazu.
Vivi runzelte die Stirn. "Hä? Was ist das?"
"Was ist was?", fragte Dan.
Vivi deutete auf die Straße. "Das da! Und dort drüben ist noch eine und dort auch und dort!" Dan folgte ihrem Finger, sah aber nichts ungewöhnliches. Was meinte Vivi?
Währenddessen tuschelten Joe, Gummy, Serge und Jessi über die Funktion der Stromkabel und Benny konzentrierte sich auf die starke Magie, die den Turm umgab. Er musste sich irgendwie Zugang verschaffen, aber wie? Nirgendwo erblickte er eine Tür oder ein Fenster. Vielleicht kam er mit Hilfe seiner eigenen Magie hinein? So wie bei dem Geschäft. Es gab zwar kein Schloss, das er mit Magie aufschließen konnte, aber irgendwas musste er doch ausrichten können!
Er stieg über die Absperrung hinweg. Die Leute um ihn herum staunten nicht schlecht, auch nicht der Polizist, der sich mit aufgerissenen Augen ihm sofort in den Weg stellte.
"Entschuldigung, junger Mann. Aber die Absperrung ist doch wohl überdeutlich als eine zu erkennen!"
"Ja, ich hab sie gesehen.", erklärte Benny ihm. "Aber ich muss zu diesem Turm. Bitte, ich muss in den Turm gelangen!"
"Ich bitte dich wieder hinter die Absperrung zu…"
"Aber er muss da hinein!", protestierte Vivi stieg ebenfalls über das Band. "Glauben sie mir - dieser Junge muss einfach. Er weis was er tut!"
Mit empörtem Ausdruck öffnete der Polizist den Mund um etwas zu sagen, aber schon stiegen die anderen über das Band. Nur Dan, ebenso entsetzt wie der Polizist, blieb dem Gesetz treu und sprach: "Kommt sofort wieder her!"
Der Polizist legte Gummy eine Hand auf die Schulter. "Tretet sofort wieder hinter die…"
"Hast du nicht gehört, Vivi?" Nun tat auch Dan ein Bein über das gelbe Band.
"Hey! Nicht du auch noch!", brüllte der Polizist, jetzt wütend. Und auch die Schaulustigen protestierten jetzt gegen die Clique.
Benny nutze die allgemeine Aufregung und wandte seine Aufmerksamkeit ganz dem Turm zu. Er legte die flache Hand auf den Marmor. Der Stein war warm, wenn nicht gar heiß. Aber in den Nachrichten hatten sie das nicht erwähnt - wie auch? Er war der Einzige, der die Hitze der vielen magischen Energie spürte, die in den Turm floss. Aber woher kam sie?
Er ließ ein wenig von seiner Magie frei. Seine Magie fühlte sich kalt an im Gegensatz zu der Energie in dem Turm. Es war nicht verwunderlich. Die Energie im Turm war ebenso riesig wie das Gebilde selbst. Es waren Unmengen an Energie. Mehr als es je ein einzelner Mensch haben könnte. Ein menschlicher Körper reichte gar nicht aus um eine solche Masse in sich aufzunehmen und festzuhalten -
Oh doch! Da gab es jemanden, einen einzigen Menschen, der das wahrhaftig geschafft hatte. Und dieser Mensch war Lin, seine Schwester. Sie trug das Millionenfache an Magie in ihrem Körper, als dieser Turm in sich vereinigte. Aber diese Magie war in ihr verborgen, man konnte sie nicht fühlen. Nicht ein Funken Magie war an ihr zu spüren. Plötzlich fühlte er etwas anderes. Es war nicht die einfache Energie, die in den Turm hineinfloss - es war schwarze Magie und er hatte sie schon einmal gespürt.
In Ganons Schloss, als der schwarze Schleim ihn verschluckt hatte.
Und seine Ahnung sollte ihn nicht enttäuschen.
Er wollte die Hand zurückziehen, doch es war schon zu spät. Der Stein wurde zu Schleim, der blitzschnell zupackte. Benny erschrak so stark, dass er aufschrie.
Abrupt endeten alle Streitgespräche und die Gesichter wandten sich ihm zu.
Der Schleim hatte seine Hand samt Unterarm verschluckt. Wie ein Irrer zog und zerrte er an seinem Arm, doch der schwarze Schleim gab ihn nicht mehr frei. Im Gegenteil, er zog ihn Stück für Stück in sich hinein.
"Oh Gott!!!!!", schrie Jessi.
"Was ist das!?!", fragte Gummy.
"Es verschlingt ihn!", brüllte Vivi.
Der Polizist griff voller Schreck nach seinem Rucksack und zerrte daran. Vivi stattdessen packte Bennys anderen Arm und lehnte sich nach hinten. "Helft mir!", wies sie die anderen an. Sofort griff auch Joe zu und Jessi.
Serge griff ebenfalls nach dem Rucksack, Gummy war so in Panik, dass er nichts anderes wusste als noch energischer auf seinem Kaugummi herum zu malmen. Dan kam gar nicht durch.
"Zieht!", schrie Vivi.
Benny konnte nicht, weil fast sein ganzer Rumpf schon im Schleim versunken war. Nur noch ein Bein, ein Stück vom Rücken mit dem Rucksack, ein Arm und der Kopf sahen heraus.
"Hilfe!", kreischte er in Panik.
In diesem Augenblick riss der Rucksack. Und Serge und der Polizist fielen nach hinten, genau auf Gummy und Dan, die mit zu Boden gerissen wurden.
Benny wehrte sich mit aller Kraft und ebenso mit aller Kraft zogen die Jugendlichen an ihm.
Doch es war aussichtslos -
Als die schwarzen Schleimranken hervorschossen. Entsetzt schrieen sie auf. Joe ließ sogar den Arm los. Aber auch er entkam den Ranken nicht. Erbarmungslos umschlangen sie die drei Jugendlichen und zogen sie in den Schleim hinein.
Die Leute waren außerstande sich zu rühren. Zu groß war der Schock.
Also taten sie nichts anderes, als zuzusehen, wie die fünf Jugendlichen vom Schleim verschluckt wurden. Und wie der Schleim sich wieder glättete und hart wurde, zu Stein. So als wäre nichts gewesen.
Etwas abseits stand ein Auto. Eine schwarze Limousine stand auf der Straße.
Durch die getönten Fensterscheiben hatte die Insassin des exquisiten Luxuswagen das Geschehen beobachtet. Mit dem teuren Fächer in ihrer Hand fächelte sie sich Luft zu. Der Fächer stammte aus China und war extra für sie angefertigt worden. Die schönen chinesischen Zeichen auf der Rückseite zierten den Stoff. Auf der Vorderseite war eine atemberaubend schöne Landschaft aufgemalt worden. Von einer kleinen Wasserquelle, die eine Steinwand entlangfloss, umragt von zartrosanen Blumen.
Sie lachte leise und wandte sich an ihren Chauffeur. "James, sieht aus als hätten wir ihn endlich gefunden…"


5. Kapitel
"Good day my dear servants!", sprach Kim und verschränkte die Finger ineinander. Er saß in einem großen ledernen Sessel. Vor ihm war der gigantische Zentralcomputer. Der Bildschirm nahm die ganze Wand vor ihm ein.
Auf diesem waren mehrere Fenster zu sehen mit verschiedenen Männern und Frauen aus der ganzen Welt. Sie waren allesamt reich oder mächtig, ja manche sogar beides. Doch eigentlich hatten sie nichts miteinander zu tun. Nie.
Nur der leichte rote Schimmer der Haare war bei allen der gleiche. Allerdings hatten nicht wenige die Haare gefärbt oder waren gar so alt, dass die Haare ergraut oder ausgefallen waren.
Nun, sie hatten nie etwas miteinander zu tun gehabt, sie kannten sich nicht einmal persönlich - bis zu jenem Tag!
Als er, ihr König, in dieser Zeit eingetroffen war.
"Let our meeting began." Er lachte, was seine Untertanen am Bildschirm verwirrte.
Kim sprach fließend Englisch. Und auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Latein. Er hatte sich jahrelang nur darauf vorbereitet seine Bestimmung zu erfüllen. Demnach beherrschte er auch alle Sprachen, die die Landessprache einflussreicher Länder bedeutete und auf ihre Weise wichtig für ihn sein konnten.
Ein Mann in einem der mittleren Fenster räusperte sich und ergriff das Wort: "Lord, allows me, for all of your loyal subordinate, to emphasize that it is the greatest honour to greet you in our time!" (Wer mir den Satz korrekt übersetzten kann, dem widme ich den nächsten Teil ^o^) Zustimmendes Gemurmel erklang.
Kim konnte sich nicht erinnern je geduldig gewesen zu sein. Darum stieg allmählich Wut in ihm auf, aber er ließ sie sich nicht anmerken. Er hob nur die Hand um dem Getuschel Einhalt zu gebieten.
"Time and tide wait for no man, dear Ladies and Sirs!", sprach er.
Seine Diener wurden noch nervöser als sowieso schon, was ihn amüsierte, aber auch das ließ er sich nicht anmerken. Er hatte sich fest vorgenommen von Außen genauso kühl und gleichgültig zu wirken wie sein Meister. Es war nötig sich niemals eine Blöße zu geben, das hatte er gelernt.
Nun fuhr eine Frau fort: "My Lord, we did your advice…Ich glaube ihr habt die Nase voll vom English, darum übersetze ich mal ;)…wie Ihr es befohlen hattet!"
"Stehen die Türme also?"
Die Frau nickte leicht. "In jeder Stadt mit mehr als zweihunderttausend Einwohnern. Sie sind über Nacht errichtet worden, mit Hilfe der Magie, die Ihr uns über das digitale Netzwerk gesendet habt."
Ah, das Internet! Eine tolle Erfindung der heutigen Zeit. Er konnte seine Magie einfach digitalisieren und sie in normalen E-mails verschicken. Es war lächerlich einfach. Kim lachte in sich hinein. "Nun gut…", sprach er. Und er begann über seine Pläne zu sprechen, über die weiteren Vorgehensweisen und er gab die nächsten Befehle.
Er war es, der die meiste Zeit redete. Seine Untertanen wagten es kaum ihn zu unterbrechen, nachzufragen oder gar zu widersprechen. Als er geendet hatte verabschiedete er sie schnell, er wollte sich schnell ihrer entledigen. Ohne ein weiteres Wort trennte er die Verbindung zu allen seinen Anhängern auf dem Bildschirm, ausnahmslos.
Schließlich brauchte er seine Ruhe. Aber die ließ noch lange auf sich warten.
Hinter ihm traten drei Menschen ein.
Es waren Matthew und die beiden Frauen, denen er gestern im Gang begegnet war. "Was habt ihr zu berichten?"
Die drei fielen vor ihm auf die Knie, obwohl er ihnen den Rücken zugewandt hielt.
Matthew sprach: "Der Chef des Elektrizitätsunternehmen bittet um Eure Gnade. Es gab einige Komplikationen mit dem Satelliten, die in nächster Zeit nicht behoben werden können. Darum bittet er Euch Eure Pläne etwas zu verschieben."
"Das werden sie sowieso. Ohne mein Kind kann ich meine Aufgabe ohnehin nicht erfüllen! Aber sag, warum schickt er dich als Vermittler? Warum teilt er es mir nicht persönlich mit?"
Schweigen folgte. Keiner antwortete ihm.
Das erzürnte ihn nur noch mehr. "Klebt dir die Zunge am Gaumen?"
Eine Frau antworte an Metthews Stelle: "Herr, er sagte uns er fürchte sich vor eurer Reaktion, darum lag es ihm näher uns zu schicken."
"Verstehe…", erwiderte Kim und musste lachen. Es war ein kaltes und erbarmungsloses Lachen. Er erschreckte selbst über dieses Lachen. Es ließ ihm das Blut in den Andern gefrieren. Wie mussten sich dann die drei Untergebenen hinter ihm fühlen?
"Es ist schon seltsam. Ihr kennt mich gar nicht und habt schon so große Furcht vor mir. Und solch jämmerliche Gestallten dürfen sich die Nachkommen des Wüstenvolkes nennen…"Beschämt senkten die drei den Kopf.
Kim erhob sich aus seinem Sessel und trat um ihn herum. Die drei jungen Menschen knieten noch immer bibbernd am Boden.
"Erika!", befahl er. Die junge Frau, die eben gesprochen hatte, hob den Kopf. "Du wirst den Turm nicht verlassen. Ich will, dass du bei meiner Frau bleibst und sie umsorgst!"
"Ja, Herr." Die Frau erhob sich, verbeugte sich und verließ den Raum.
Dann musterte Kim die beiden Übrigen. "Ihr beide sorgt dafür, dass mir jegliche abnormalen Vorkommnisse im Zusammenhang mit den schwarzen Türmen umgehend berichtet werden. Die Menschen haben sie sicher schon zur Kenntnis genommen und wer weis was sie vorhaben. Ich will nicht, dass einer meiner Türme beschädigt wird!"
"Ja, Herr.", erwiderten auch die beiden im Chor und verließen umgehend den Raum.
Kim atmete erleichtert aus. Ihm gefiel seine Rolle ganz und gar nicht.
Jahrelang hatte er sich beschwert, dass er Ganon bedingungslos hatte gehorchen müssen und nun, da er der war, dem man bedingungslos zu gehorchen hatte, fühlte er sich überfordert. Herrscher zu sein war sehr gewöhnungsbedürftig.
Der Bildschirm sprang wieder an und er wäre vor Schreck beinahe hingefallen. Er hatte sich zu sehr von seinen Gedanken mitreisen lassen.
Ein Fenster, mit dem Gesicht eines jungen Mannes war aufgetaucht.
"Herr.", begann der Mann. "Erlaubt mir zu sprechen."
Kim klammerte sich an den Sessel fest und nickte. Er versuchte sein pochendes Herz zu beruhigen.
"Herr, es sind Eindringlinge im Turm Nr. 2649!"
Kim runzelte verblüfft die Stirn.
Jemand war in einen Turm eingedrungen? Wer und wie hatte es geschafft? Seine Türme waren durch einen seiner stärksten Zauber geschützt!
Mit einem Schwenker seine Hand setze er sich wieder auf den Sessel. "Zeig mir die Eindringlinge!"
Sofort tippte der junge Mann auf einer Tastatur herum, die vor ihm liegen musste. Das Fenster mit ihm wurde kleiner und machte mehreren Fenstern aus verschiedenen Perspektiven platz.
Überhaupt nicht schlecht staunte Kim über das, was er da zu sehen bekam.
Es war Benny, der sich, noch benommen, bemühte auf die Beine zu kommen. Mit drei Weiteren, die Kim nicht kannte. Aber die waren ohnehin bedeutungslos.
Es wunderte Kim wie schnell Benny seinen Weg gekreuzt hatte. Der Kleine gefiel ihm immer mehr. Das konnte noch sehr lustig werden. Dafür, dass ihm einmal nur eine Rolle als Pfandgut zugetan gewesen war, bewerte er sich jetzt.
"Soll ich sie gefangen nehmen oder gleich beseitigen?", fragte der junge Mann.
Kim schüttelte den Kopf. "Nichts von beidem. Lass sie nur machen…"
Der Mann schien über seinen Befehl schockiert. "Aber Herr! Wenn sie in den Enerigesammelraum gelangen und den Chip beschädigen ist der Turm zerstört!"
"Erst einmal müssen sie überhaupt dorthin gelangen und den Zauber brechen, der den Chip umgibt. Außerdem, sollte es ihnen gelingen, was ich stark bezweifle, macht es mir ohnehin nichts aus. Diese Stadt ist nicht von Nöten, so mickrig wie sie ist."
Der Mann schien überhaupt nicht mit seinem Befehl zufrieden, nickte aber und wollte sich bereits ausklinken als -
"Noch etwas!", sagte Kim abrupt. Der Mann sah auf. "Siehst du den Blonden?"
"Ja, Herr."
"Ich will sehen wie stark er ist. Messe dich mit ihm!"
"Ja, Herr."
Dann erlosch die Verbindung und der Bildschirm wurde wieder schwarz.
Kim lehnte sich tief in den Sessel hinein. Er war ziemlich müde, aber die Nacht ließ noch auf sich warten. Er massierte sich die Schläfen.
Leise…ganz leise glitt die Tür auf…
Mit einem Knarren, das nicht mehr als ein Flüstern zu sein schien.
Die schwarze Gestallt, in der Dunkelheit des Raumes verborgen, glitt ebenfalls hinein. Nichts war zu hören. Weder wie die Tür ins Schloss fiel, noch die Schritte der Gestallt. Einzig der raschelnde Atem hallte von den Wänden.
Kim trippelte mit den Fingerspitzen auf der Sessellehne.
Ein leises Lachen entfuhr seinen Lippen. "Ich hatte nicht gedacht, dass du kommst."
Die Gestallt kniete nieder und antwortete mit fester Stimme: "Herr, Ihr habt gerufen und ich kam. Nichts stelle ich über meine Loyalität zu Euch!"
"Ach, und ich soll dir vertrauen?", widersprach Kim.
Die Gestallt legte sich die flache Hand auf die Brust. "Seit meiner Geburt gehört mein Leben Euch. Kein Grund wäre gut genug um einen Verrat an Euch zu rechtfertigen."
"Nun gut. Dann sollst du gleich einen Befehl erhalten.", fuhr Kim fort und hob die Hand. Mit dem Finger zeigte er auf Benny, der damit beschäftigt war einem Mädchen auf die Beine helfen zu wollen. "Ich will, dass du ihn beobachtest und mir über alles berichtest was er tut. Weiche nicht von seiner Seite!"
Die Gestallt erhob sich und sprach: "Wie Ihr befiehlt, Herr."

Benny war der Erste, der sein Bewusstsein wiedererlangte.
Langsam und vorsichtig setzte er sich auf. Ihm war schwindelig. Darum packte er sich an seinen schweren Kopf und blinzelte. Ihm war kotzübel, dabei war es ja nicht das erste Mal.
Etwas von ihm entfernt lagen die anderen drei Anderen.
Noch benommen bemühte er sich auf die Beine zu kommen. Und dann versuchte er sein Gleichgewicht zu halten. Was mit dem Schwindel nicht gerade leicht war!
Seine Augen gewöhnten sich an die Umgebung und er blickte sich um.
Sie befanden sich in einem kleinen Raum, der keine Fenster besaß. Nur eine Tür wartete auf der Gegenseite darauf genutzt zu werden.
Doch es gab nicht einmal eine Lampe, weder an der Decke noch eine einfache Tischlampe, die in der Gegend herumstand. Trotzdem war es vollkommen hell, denn alle Wände, einschließlich Decke und Boden, gaben Licht ab. Ein farbloses Neonlicht, in dem sie schwammen.
Er trottete, mehr schlecht als recht, auf Vivi zu und berührte sie an der Schulter. "Vivi, wach auf! Wach auf!"
Der giftgrüne Schopf bewegte sich und Vivi gab einen nörgelnden Laut von sich. "Was ist denn los?", nuschelte sie und öffnete die Augen.
Plötzlich war sie hellwach und setze sich auf. "Wo sind wir?"
"Im Inneren des Turmes. Der schwarze Schleim hat uns hergebracht.", erklärte Benny. Vivi fasste sich an den Kopf. "Ich fühl mich als wäre ich zehn Stunden hintereinander Achterbahn gefahren."
Er reichte Vivi die Hand, er wollte ihr aufhelfen. Kurz sah sie seine Hand auch an, aber dann schlug Vivi sie weg. Während sie sich mühsam von selbst erhob fauchte sie: "So weit kommt es nicht, dass ich mir von einem Jungen aufhelfen lassen muss!"
Benny zuckte die Achseln und machte sich eilends daran auch die anderen Beiden auf die Beine zu bekommen. Joe erhob sich sofort.
Aber mit Jessi hatte er mehr Mühe. Sie weigerte sich erst aufzuwachen. Dann schrie sie: "Wo sind wir?"
Die Wände warfen ihren Schrei als Echo zurück. Hunderte von Jessis schrieen. "…sind wir….sind wir…"
"Mein Gott, Jessi, halt die Klappe!", zischte Vivi.
Beleidigt blies Jessi die Backen auf.
Vivi stemmte die Arme gegen die Hüften und ließ ihren Blick schweifen. Bis er an der Tür hängen blieb. "Gehen wir!"
Die drei Jugendlichen wollten sich in Bewegung setzen, doch Benny vertrat ihnen den Weg.
"Ich muss euch etwas sagen!", begann er. "Ich weis zwar nicht was genau uns erwartet, aber ich weis, dass es sehr gefährlich…"
Vivi stieß ihn zur Seite. "Jaja Superhero. Ich weis schon."
"Nein, ich meine es ernst. Ihr könntet euer Leben verlieren! Bleibt stehen! Ich weis wovon ich spreche! Verdammt noch mal!" Er war ja echt frustriert, wenn er schon anfing wie Lin zu fluchen.
Er lief ihnen nach und brüllte weiter in was für einer Gefahr sie sich befanden.
Plötzlich blieb Vivi stehen und er knallte gegen sie. Nachdem sie ihm einen Faustschlag in die Magengegend verpasst hatte, baute sie sich vor ihm auf.
"Na schön, du Warmduscher!" Sie griff in ihre Hosentasche, holte den Butterfly heraus und klatschte ihn Benny in die Hand. "Damit du dich etwas sicherer fühlst!"
Benny, und nicht nur er, starrte mit großen Augen auf das Metall in seiner Hand.
"Das ist doch nicht dein Ernst! Du gibst dem deinen Butterfly?"
Vivi zuckte die Achseln. "So wie er sich anhört hat er es nötig."
Doch Benny zerbrach sich über etwas ganz anderem den Kopf. "Aber dann hast du keine Waffe mehr! Wie willst du dich verteidigen?"
Vivi sah ihn an als gehöre er sofort in die Klapsmühle. "Wie bitte?"
"Ich meine es absolut ernst, Vivi!"
Das Mädchen rollte die Augen. "Okay, okay!" Erneut kramte sie in ihrer Tasche und holte ein rotes Taschenmesser heraus. "Da, siehst du? Ich habe noch was!"
Einigermaßen zufrieden nickte Benny und wandte sich ab. Er öffnete die Tür und wartete bis die anderen Drei sich zu ihm gesellt hatten. Gemeinsam traten sie in den neuen Raum.
Auch dieser war winzig klein. Und es führten zwei weitere Türen hinaus, eine links und eine rechts.
"Was machen wir jetzt?", fragte Joe. "Welche Tür?"
"Wo wollen wir eigentlich hin?", fragte Jessi.
Doch Vivi starrte schon wieder mit zusammengekniffenen Augen. "Da sind die ja schon wieder!" Sie ging an der Wand entlang, in Richtung der linken Türe.
"Eh, warte mal! Wo gehst du hin, Vivi?", fragte Joe.
Vivi drehte sich zu ihm um. "Na, ich folge den weißen Linien!"
Jessi hopste nach hinten, als hätten Vivis Worte sie verbrannt. "Was für weiße Linien?"
Vivi deutete mit dem Finger. "Na die da! Seid ihr blind? Die Linien, die an den Wänden zu der Tür führen."
Benny klappte der Mund nach unten. "Du kannst sie sehen? Du kannst die Energieströme sehen?"
"Energieströme?", wiederholte Joe verwirrt.
"Ich habe sie schon auf der Straße draußen gesehen…Was sind Energieströme?"
"Ich weis nicht genau aus was für einer Energie diese Ströme bestehen, aber sie werden irgendwo hier im Turm in Magie umgewandelt. Darum auch diese starke Ausstrahlung des Turmes, die ich spüre."
"Verstehe ich nicht.", erwiderte Jessi. "Aber ich will hier trotzdem so schnell wie möglich raus!"
"In Magie umgewandelt?", bohrte Vivi weiter nach.
"Ja, man kann alle Art von Energie in Magie umwandeln, wenn man es beherrscht. Ich habe mal gesehen wie Ganon Energie aus der Luft gezogen und zu einer explosiven Magiekugel umgewandelt hat. Wir wären fast gestorben!"
Joe fragte: "Aus der Luft gezogen?"
Jessi fragte: "Explosive Magiekugel?"
Vivi fragte: "Ganon? Der Vater von dem, der jetzt die Welt bedroht?"
"Ja, genau der."
"Das klingt wie in einem Computerspiel!", entgegnete Joe.
Benny schlug mit der Faust auf die flache Hand. "Er hat meine Schwester in der Gewalt und ich muss sie befreien!"
"Dann lasst uns gleich damit beginnen!", rief Vivi wie einen Kampfschrei aus und rannte zur linken Tür.
"He, warte mal!", stieß Joe aus und rannte ihr nach.
Benny und Jessi sahen sich an, zuckten die Achseln und wollten hinterher -
doch in diesem Moment vibrierte die Decke. Jessi kreischte. Und noch bevor die Vier begriffen wie es um sie geschah - donnerte eine Wand aus der Mitte der Decke und teilte den Raum in zwei.
Das eigentliche Problem bestand darin, dass sich Vivi und Joe auf der linken und Benny und Jessi auf der rechten Seite der Wand befanden. Was sollten sie jetzt machen?
Joe starrte voller Entsetzen auf die Wand, die aus dem Nichts gekommen war, naja aus der Decke, aber einfach so, ohne jeglichen Grund.
"Scheiße! Was soll denn das?"
Er machte anstallten zur Mauer zu laufen, aber Vivi hielt ihm am Kragen seines Pullovers fest. "Nix da! Wir gehen da lang!" Sie deutete auf die Tür.
"Aber die anderen Beiden sind doch…"
"Ich will endlich das ende dieser Ströme finden!", entgegnete Vivi scharf. Sie ließ keinen Widerstand durchgehen. Sie öffnete die Tür.
Dahinter…keiner der beiden wollte seinen Augen trauen. Eine breite Wendeltreppe schlängelte sich vor ihnen nach oben.
"Ne oder? Nicht da rauf!", pfiff Joe zwischen den Zähnen hervor.
Vivi sah ihn an und lächelte frech. "Und ob!"

***

Währenddessen hämmerte Benny mit seinen Fäusten auf die Wand ein. "Vivi! Joe!", brüllte er. "Könnt ihr mich hören?"
"Oh Gott! Was machen wir nur, was machen wir nur?", kreischte Jessi und zupfte hysterisch an ihrem knappen Mini herum.
Benny drehte sich zu ihr um. "Jetzt bloß keine Panik, in Ordnung? Wir kommen hier schon raus."
"Aber wie? Wie?", kreischte Jessi weiter.
Benny sah sich um. Da war nur die rechte Tür, die ihnen als einziger Weg zur Verfügung stand. Deshalb ging er zur Tür und schlug sie auf.
Vollkommene Dunkelheit starrte ihm entgegen.
"Da willst du doch nicht wirklich reingehen!", schluckte Jessi.
Doch er hatte keine Lust mehr ihr Gekreische zu ertragen, darum trat er einfach ein. "Benny! Lass mich nicht allein!", schrie Jessi in ihrer Verzweiflung und stürzte ihm hinterher. Sie knallte gegen ihn und trieb ihn tiefer in den Raum hinein.
Dann gab es einen lauten Knall, das Licht, das durch den anderen Raum hineingefallen war, erlosch mit dem Zuknallen der Tür. Auch folgte ein ebenso lautes Klicken.
Sie waren eingesperrt.
Benny erhob sich. Es war absolut finster, er konnte die eigene Hand vor Augen nicht annähernd erkennen. Wie Jessi anfing zu heulen hörte er allerdings doch.
"Was machen wir jetzt? Wir sind eingesperrt und es ist dunkel!", heulte sie. "Und wir sind ganz alleinnnnnnn…"
"Ihr seid nicht allein!", sprach eine Stimme plötzlich.
Es war weder Jessis noch Bennys Stimme.
Dur die Finsternis hallte ein Klatschen.
Genau in diesem Augenblick gingen die Lichter an. Ein Paar nach dem anderen. Es waren hunderte von runden kleinen Lampen, die in die Wände eingegeben waren. Der Raum war zehn Schritte breit, aber um das fünffache lang, wie ein Flur.
Und auf der gegenüberliegenden Seite war ein Spiegel auf die Wand gehängt. Ein Schlangenkopf mit aufgerissenem Maul, das die glatte Spiegelfläche hielt.
Genau davor stand ein junger Mann, eigentlich kaum älter als er selbst. Ein Junge, der an der Schwelle zum Mannsein stand.
Der Mann hatte einen Speer in der Hand. Mit ernstem und feindseligem Blick fixierte er Benny. Und nur Benny. Jessi schien er gar nicht wahrzunehmen.
"Ihr hättet niemals herkommen sollen! Mein Herr erlaubt keine Einmischung in seine Pläne!", sprach der Mann weiter.
Benny fuhr sich mit dem Handrücken unter die Nase und entgegnete: "Wenn ich ihn störe, dann soll sich dein Herr dorthin verpissen, von wo er gekommen ist!"
Das Gesicht des Mannes lief dunkelrot an. Mit vor Zorn zitternder Stimme schnaubte er: "Du wagst es meinen Herrn zu beleidigen!"
"Und ob…", wollte Benny fortfahren.
Jessi riss wie verrückt an seinem Ärmel. "Bist du bescheuert? Mach ihn doch nicht noch wütend!"
"…ich das tue! Dein Herr ist ein…" Er suchte nach einem besonders bösen Schimpfwort. Ein schmutziges, das an Vulgarität kaum noch zu übertreffen war. Etwas das so widerlich und ekelerregend war, dass es zivilisierten Leuten nicht einmal in ihren kühnsten Träumen über die Lippen kam. "…Blödmann!"
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Mit einem Schrei stürzte der Mann vor, mit schnellen Schritten und erhobenem Speer rannte er auf sie zu. Jessi schrie auf.
Doch Benny schrie: "Rühr dich nicht von der Stelle." Und stürzte ebenfalls dem jungen Mann entgegen. Nicht wegen seines nicht existentialen Mutes, sondern weil er vertraute. Er vertraute darauf, dass er der Held der Zeit war und somit eine angeborene Gabe zum Nahkampf. Er war eben nur ein naiver kleiner Junge.
Im Rennen klappte er das Messer von Vivi auf. Die Waffen trafen aufeinander. Es gab ein Klirren. Jessi beobachtete den Kampf aus sicherer Entfernung, jedoch mit großen Augen.

***

"Wie weit ist es denn noch?", klagte Joe. "Ich kann nicht mehr!"
"Hör auf zu jammern!", befahl Vivi.
Sie hatten schon tausende von Stufen hinter sich gebracht. Auch Vivi musste zugeben, dass sie durchgeschwitzt war und bald zusammenbrechen würde, wenn nicht endlich ein Ende in Sicht kam.
"Wie weit ist es denn noch?", klagte Joe erneut.
"Mann, hör endlich auf! Ich kann auch nicht mehr, also…"
In diesem Moment hörte die Treppe auf.
Überglücklich sprang Joe die letzten Stufen hoch und schnaufte erleichtert, als er oben angekommen war. "Ich liebe…dieses…Stockwerk!", hechelte Joe.
"In Ordnung, aber bei Fuß. Hopphopp mein kleine Wauwau!", entgegnete Vivi.
Joe winkelte die Arme an und hechelte übertrieben. Beide mussten lachen.
Die Tür, am Ende der Treppe zischte auf und beide fuhren zusammen. Erst sahen sie die Tür an und dann sich.
Vivi lacht über diese Einfachheit. "Worauf wartest du noch, Joe? Auf eine schriftliche Einladung?"
Hand in Hand trällerten sie durch die Tür. Doch als sie das Zimmer betraten - blieben beide wie zur Säule erstarrt stehen.
"Was ist das?", stieß Joe hervor.
Es war ein seltsames Gebilde, das da mitten in der runden Kammer stand. Ein merkwürdiges Geräusch ging davon aus. (Das von den Siegeln aus OoT - sorry, hab keine Ahnung wie ich das beschreiben soll) Es war furchtbar laut.
Mitten im Raum ragte eine Säule heraus. Darauf lag ein Glaskasten. Und von den Wänden stiegen gigantische Bögen heraus, die von Stromkabeln umwickelt waren. Alle liefen in eine kleine Spitze über, direkt über der Vitrine.
Der Weise Strahl schoss aus der Spitze und bildete eine Kugel aus weißem Licht um die Vitrine.
"Ist das dieser weiße Energiestrom?", fragte Joe erstaunt. Hier war so viel Energie vereint, dass auch er es sehen konnte.
Vivi überging seine Frage und stellte sich vor die Säule. Genau unter dem Glaskasten war ein schwarzes Feld angebracht, wie es sie auch auf Uhren mit Digitalanzeige gab. Darauf standen die zwei roten Buchstaben O und N - ON.
In der Vitrine befand sich ein…
"Ein Chip?", staunte Vivi. "Ist das ein Chip wie bei einem Computer? Ein Prozessor von irgendwas?"
"Finden wir es heraus.", meinte Joe kurz angebunden und griff nach der Vitrine. Doch als seine Finger die Kugel berührten wurden genau diese Stellen dunkelviolett. Das merkwürdige Geräusch verstummte.
Die Finger noch in der weißen Energiemasse blickte Joe auf. "Was ist jetzt los?"
"Ich weis nicht.", antwortete Vivi.
Plötzlich zischte ein Blitz aus der Energie und ehe Joe vor Überraschung schreien konnte traf dieser ihn mitten in den Bauch und schleuderte ihn an die Wand. Benommen und mit mordsmäßigen Bauchschmerzen rutschte er an ihr herunter und blieb liegen. Joe winselte am Boden.
Aus Vivis Gesicht war die Farbe gewichen. Sie eilte zu ihm. "Geht es dir gut?"
"Mir tut…alles…weh!!!", schnaufte Joe.
Ernst stand Vivi auf und marschierte mit säuerlichem Gesicht auf die Säule zu.
"Was machst du da…Vivi? Tu…das nicht!", brüllte Joe ihm hinterher.
"Und ob ich das tue! Ich werde mir jetzt den Chip schnappen!" Mit diesen Worten tauchte sie ihre Hände in die weiße Energie. Auch dieses Mal färbte sich die Energie dunkelviolett. Blitze zuckten heraus.
Ihre Hände fingen an zu schmerzen, als stünden sie in Flammen. Doch Vivi gab nicht auf! So sehr es auch schmerzte sie tauchte immer tiefer ein.
Joe, der in der Ecke lag, starrte sie an.
Die Blitze wurden immer mehr und wilder. Sie zischten durch den Raum. Die violette Farbe blieb jetzt nicht mehr nur um ihre Hände, sondern breitete sich in der ganzen Kugel aus. Das Brennen wurde so stark, dass Vivi anfing zu schreien. Doch je mehr sie schrie umso größer wurde das Verlangen die Vitrine zu erreichen.
Joe musste die Augen schließen, das Licht war zu grell.
Bis es ganz violett wurde - und mit einem saugenden Geräusch sich schließlich ganz auflöste. Vivi hatte die Vitrine berührt. Und sie atmete schwer wegen der Anstrengung. Auf der Digitalanzeige erlösch das ON und wurde zu dem Wort OFF.
Mit erstauntem ebenso wie entsetztem Gesichtsausdruck stand Joe auf und gesellte sich neben sie. "Wie hast du das gemacht?"
"Keine Ahnung.", entgegnete Vivi und holte ihr Taschenmesser hervor. Zwischen dem Dosenöffner, Korkendreher, Schraubenzieher und dem ganzen Rest klappte sie das Messer hervor und kratze am unteren Rand der Vitrine.
"Meinst du das ist eine Gute Idee, wenn du den Chip da rausholst?", fragte Joe skeptisch.
"Keine Ahnung.", wiederholte Vivi. "Wir werden sehen."
Mit einem leisen klick öffnete sich die Vitrine. Der Deckel aus Glas glitt nach oben. Wie ein Arzt bei einer besonders komplizierten Operation wischte sich Vivi den Schweiß von der Stirn und setzte das Messer an der Rille zwischen Chip und Nische. Mit einem Zug hievte sie das winzige Quadrat heraus und griff danach. Winzigklein lag es auf ihrer Handfläche. Und sie spürte etwas, das von ihm ausging. "Ist das Magie?", fragte sie.
"Hä?" Joe nahm es ihr ab. Doch er spürte gar nichts. "Also ich spüre gar nichts."
Sie nahm es ihm wieder ab und stopfte es mit ihrem Messer in ihre Hosentasche. "So, jetzt können wir nach einem Ausgang su…"
In diesem Moment vibrierte der Boden.
Das digitale Feld wurde wieder schwarz - und dann erschien das rote Wort ERROR.
Die Lampen wurden rot und eine mechanische Stimme surrte: "Error…Error…"
"Wir müssen hier schnell raus!", kreischte Vivi, packte Joe am Oberarm und rannte aus dem Raum und die Treppe hinunter.

***

Erneut peitschten die Waffen aufeinander. Die Gegner schuppsten sich gegenseitig nach hinten und gingen auseinander. Beide keuchten.
Benny hechelte um Luft. Er war außer Atem und bald schon ging ihm die Kraft aus, da war er sich sicher. Der Mann war stärker als er, er hatte nur den Vorteil besserer und schnellerer Reflexe, aber sie ließen nach.
Doch nicht nur ihn, sondern auch den Mann ging die Kraft aus. Er stützte sich mehr auf seinen Speer als auf seine eigenen Füße. Jessi stand währenddessen zusammengekauert neben der Tür. Sie hatte furchtbare Angst davor, dass Benny den Kampf verlor. Überhaupt was sollte das mit dem Speer? Waren sie im Mittelalter?
"Du kämpfst gut.", keuchte der junge Mann.
"Ich will meine Schwester zurück!", gab Benny zur Antwort.
Der Mann stellte sich kerzengerade auf. "Das kann ich nicht bestimmen. Der Herr lässt sie nicht gehen."
"Dann helfe ich eben nach!", schrie Benny hob das Messer und -
Der Boden vibrierte. Die neonweißen Lichter färbten sich signalrot.
"Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error...", tönte die mechanische Stimme.
Die drei Anwesenden fuhren auf und sahen sich um.
"Was ist da los?", kreischte Jessi und schrie wie von der Wespe gestochen.
Doch am entsetzten war der junge Mann. "Sie haben den Chip entfernt! Wie konnte das geschehen?"
Plötzlich strahlte der Spiegel auf. Und eine Stimme sprach: "Raik! Komm zurück. Der Turm ist verloren!" Es war die Stimme Kims.
Augenblicklich machte der junge Mann auf den Absätzen kehrt und rannte zum Spiegel.
"Vergiss es!", brüllte Benny und folgte ihm.
"Nein, Benny! Wir müssen hier raus!", kreischte Jessi und riss an der verriegelten Tür herum. Benny rannte und rannte, seine Beine wurden immer schneller.
Doch Raik hatte einen zu großen Vorsprung. Mit einem letzen Sprung - stürzte er einfach durch den Spiegel.
"Nein!", schrie Benny.
Sofort erlosch das Strahlen.
Benny knallte gegen den Spiegel.
Gleich darauf sprang er auf die Beine und donnerte seine Fäuste auf die schimmernde Fläche. "Lasst mich durch! Lasst mich durch!", brüllte er die Schlangenstatue an.
"Benny, der Turm stürzt ein!", kreischte Jessi voller Todesfurcht.
Vor Wut griff er nach dem Messer, holte aus - und stieß es in den Spiegel.
Als das Messer auf den Spiegel traf, zerbrach die Klinge in tausend kleine Stücke. Benny stand vor dem Spiegel und starrte sich an, er war verzweifelt.
Plötzlich entstand da, wo die Messerschneide hätte einen Stich hinterlassen müssen ein winziger Riss.
Aus dem Riss brachen kleine Ästchen von weiteren Rissen heraus. Diese wurden größer und größer. Bis auch der Spiegel in Scherben zerbrach. Vor Bennys Augen.
"Der Turm stürzte einnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn!", schrie Jessi. Benny sah auf, nach oben.
Die Decke stürzte auf sie hernieder…

"Bitte treten sie zurück!", brüllte der Polizist über das Gekreische der Menge hinweg.
"Was ist mit den Kindern!", schrie ihm eine Frau entgegen. "Wieso unternehmen Sie nichts? Die Kinder müssen befreit werden!"
"Wir tun was wir können, aber bitte treten sie zurück!", verteidigte nun ein anderer Polizist.
"Was sollen wir tun? Vivi und die anderen wurden einfach verschlungen!", sagte Serge.
"Von einem schwarzen…Schleim!", setzte Gummy nach.
"Von einer undefinierbaren, antimateriellen Masse! Oder nicht?", meinte Serge noch. "Bleibt ganz ruhig!", wies Dan sie an. "Wir können sowieso nichts tun!"
In diesem Augenblick vibrierte auch draußen vor dem Turm die Erde.
"Was ist das?", schrieen die Leute entsetzt.
"Ein Erdbeben?"
Plötzlich zeigte ein Mann hoch zum Turm und brüllte: "Der Turm stürzt ein! Der Turm!"
Die Menge stäubte auseinander. Panisch kreischende Leute rannten in alle Richtungen davon. Selbst die Polizisten hielt es nicht mehr zurück. Auch sie schrieen und rannten davon. Der Turm schwankte und bebte.
Serge und Gummy wollten ebenfalls davonlaufen, doch Dan hielt sie am Kragen fest. "Halt, wir bleiben da!"
"Spinnst du? Wir werden noch vom Turm erschlagen!", entgegnete Gummy protestierend.
Es war ohnehin zu spät. In diesem Moment fiel der Turm in sich zusammen. Die Spitze explodierte und stürzte auf das oberste Stockwerk, das viel auf das nächste und wieder das nächste. Wie ein Kartenhaus.
Nun schrie auch Dan entsetzt auf.
Der Turm stürzte ein - und verpuffte zu pechschwarzem Rauch.
Der Rauch war dicht wie Nebel und dunkel wie Russ. Der Wind blies ihn auseinander und lichtete ihn.
Vier schemenhafte Umrisse husteten und würgten darin.
"Da sind sie!", johlte Serge erleichtert.
"Sie haben es geschafft!", frohlockte auch Gummy.
Die Drei rannten durch den allmählich verschwindenden Rauch auf ihre Freunde zu.
"Hey, Vivi!", rief Dan.
Vivi, noch immer hustend, sah auf. "Ah…*hust*…Dan!"
Der Rauch verzog sich, sodass sich auch ihre Atemwege erholen konnten.
"Der Turm ist in sich zusammengefallen und plötzlich war da nur noch schwarzer Rauch!", hysterisierte Jessi und fuchtelte wild mit den Armen. "Ich dachte wir sterben!"
Keiner hatte große Lust ihr zuzuhören, darum wurde sie von allen ignoriert, was dazu führte, dass sie schmollend die Backen aufblies.
"Hier!", sagte Serge und überreichte Benny seinen Rucksack. "Der ist leider gerissen, als wir gezogen haben. Sorry!"
Benny lächelte erleichtert. "Ist nicht so schlimm." Dann wandte er sich an Vivi. "Ich muss dir auch was beichten…Ich habe dein Messer kaputt gemacht."
Erst sah sie aus als würde sie jeden Moment vor Wut explodieren. Benny zog den Kopf ein und lächelte blöd.
Aber dann, als er gerade ein visualisiertes Testament erstellte, lachte sie und klopfte ihm auf die Schulter. "Hab ich zwar von meinem Alten geklaut, aber der kommt sowieso erst in zwei Wochen!"
"Dein Vater ist im Besitz von unerlaubten Waffen?", staunte Serge.
"Aber schau mal, Benny. Was ich ergattert habe!" Damit zog sie den Chip aus ihrer Tasche.
Alle starrten mit gerunzelter Stirn auf das kleine Quadrat.
"Ist das ein Computerchip?", fragte Gummy.
Benny packte es und hielt es gegen die Sonne. Der Chip schimmerte leicht.
"Da ist ja massig viel Magie drin!", erwiderte er verblüfft. "Es muss wohl ein Magiespeicher sein."
"Ein Magiespeicher?"
"Ich bin mir nicht sicher. So was gibt es doch eigentlich nicht, oder doch?" Benny schnaufte. Wenn er noch im Besitz des Triforcenfragmentes der Weisheit gewesen wäre, dann hätte er es gewusst. Ach ja, das war eine schöne Zeit damals. Er hatte alles gewusst, war allwissend gewesen. Aber jetzt… "Aber woher bekommt Kim so viel Magie?"
"Und wozu braucht dieser Kim sie?", vervollständigte Vivi seinen Gedankengang.
"He, ihr da! Kinder!", durchschnitt eine Stimme ihr Gespräch. Es war der Polizist mit seinen Kollegen. "Was ist passiert? Wo ist der schwarze Turm hin?"
Benny steckte den Chip schnell in seine Hosentasche.
Ein Polizist, der ihnen noch nicht begegnet war staunte über Benny. "Junge, hast du dich verletzt als du im Turm warst? Sollen wir einen Krankenwagen rufen?"
"Nein, Herr Kollege.", antwortete der wohlvertraute Polizist an Bennys Stelle. "So sah er auch vorher schon aus." Dann beugte er sich ganz tief zu seinen Kollegen. "Muss unter den Jugendlichen wohl gerade in sein sich das Gesicht zu bemalen. Vielleicht ist er auch n´ Punk oder so." Sein Kollege nickte, allerdings mit doofer Visage.
"Also, was ist passiert?", fragte der Polizist.
Doch er wurde plötzlich von einer Hand beiseite geschoben.
"Wir sehen hier die mutigen Jugendlichen, die von einem Moment auf den anderen in den Turm…nun gesaugt wurden." Augenblicklich hatte Benny ein Mikrophon vor der Nase. "Was ist im Turm vorgefallen?", fragte die Reporterin.
"Ähm…", macht Benny.
Die Reporterin nahm das Mikro wieder an sich und drehte sich in die Kamera. "Es muss wirklich schrecklich gewesen sein, die Jugendlichen stehen noch völlig unter Schock…"
"Es war schrecklich! Das kann ich Ihnen versichern!", schnaufte Jessi.
Sofort witterte die Reporterin ihre Quelle für Einschaltquoten und zwängte ihr das Mikro regelrecht auf.
"Es war schrecklich! Erst sind wir irgendwo aufgewacht, wo es keine Fenster gab und sind durch eine Tür gegangen und dann ist auch noch eine Wand von der Decke gefallen und hat uns getrennt! Und dann…"
Die anderen rollten genervt die Augen. Jessi im Rampenlichtrausch.
Der Polizist runzelte die Stirn. "Naja, also ihr kommt jetzt erst einmal mit zur Wache wo wir euch verhö-"
Ein ohrenzerreisendes Hupen durchschnitt die Luft. Benny musste sich die Ohren zuhalten. Nun, es war klar, dass Jessi und die Reporterin erschrocken aufschrieen.
Die schwarze Limousine fuhr an den Rand des Rasens an. Die Fenster waren getönt, sodass man nicht ins Innere sehen konnte.
Erstaunt beobachteten die Anwesenden wie ein Mann im Anzug und Chauffeurmütze ausstieg und zu der Tür ein Stück weiter hinten ging. Mit einem geübten Schwung öffnete er sie.
Erst trat ein Bein heraus. Ein perfektes Bein. Ein schlankes, glatt rasiertes, makelloses Bein. Der perfekt geformte Fuß saß in einer goldfarbenen Sandale mit Riemchen, die mit kleinen und kostbaren Perlen besetzt waren. Die Fingernägel waren absolut perfekt manikürt und mit einem zartrosanen Nagellack perfektioniert.
Dann langte der Fahrer in die Kabine hinein und half der Lady aus der Limousine. Ein Mädchen, genauso alt wie Benny (wenn er so alt wäre wie er aussah) trat in den Sonnenschein.
Sie trug ein sündhaft teures Kleid aus rosaner Seide. Die Träger waren zwei fein gebundene Schleifen mit einer Perle in der Mitte. Leicht fiel es an dem perfekten Körper herab und schmeichelte der schlanken und zierlichen Figur. Der Saum fiel fließend und schräg bis zu den Waden, feingestickte Muster aus Perlen schmückten ihn aus. Das makellose Prinzessinnengesicht mit den hellblauen Augen blickte sich gelangweilt um. Das dunkelrotgefärbte Haar, zu einem feinen französischen Zopf gebunden, schwang leicht mit. In der einen ihrer, mit Goldhandschuhen besetzten, Hände hielt sie einen hübschen und genauso teuren asiatischen Fächer und wedelte sich damit Luft zu. Der Reporterin wäre fast das Mikrophon aus der Hand gefallen.
"Das ist doch… Alexandra von Liebgraf!!!!!!!!!!!!"
Sofort war Jessi vergessen und die Nachrichtensprecherin eilte zu ihr.
"Fräulein von Liebgraf, es heißt ihr Vater habe die große Ölfabrik in der Sahara gekauft. Damit sind Sie das zweitreichste Mädchen der Welt, was sagen Sie dazu?"
Das reiche Mädchen hielt gar nicht an. Es entfaltete den Fächer direkt vor der Kamera und sagte, mit einer zuckersüßen - und ebenso arroganten - Stimme: "Kein Kommentar!"
Benny hatte eine böse Vorahnung. Zu Vivi zischelte er: "Machen wir uns aus dem Staub!"
Doch es gab keine Rettung mehr - schon gar nicht für ihn!
Als diese Alexandra von Liebgraf ihn erblickte wäre sie vor Freude in die Luft gesprungen, wenn ihr das mit den Schuhen möglich gewesen wäre.
"Ich habe so lange nach dir gesucht und nun habe ich dich endlich gefunden!", flötete sie und stürzte ihm in die Arme. Benny lief tomatenrot an, so kalt traf ihn diese Überraschung.
"He, spinnst du?", schimpfte Vivi und versuchte Benny zu befreien. Alexandra ließ von ihm ab und musterte Vivi, mit angeekelten, abfälligen und auch bemitleidenswerten Blick. Und Vivi stierte zurück, trotzig, feindselig und streitsüchtig. Die Blitze funkten nur so zwischen ihren Augen herum.
Alexandra rümpfte die Nase und fächerte noch heftiger. "Oh, Entschuldigung. Aber ich werde deinen lieben Freund wohl entführen müssen. Er hat ein Date mit mir!"
Vivi verschränkte die Arme vor der Brust und verengte die Augen zu schlitzen. "Oh, Entschuldigung. Aber ich habe da absolut nichts mitbekommen. Mein lieber Freund hätte mir sicher schon davon erzählt."
Alexandra seufzte hochnäsig. "James! Gib diesen Sozialhilfeempfängern doch bitte etwas von meinem Taschengeld ab!"
"Hey, wir sind keine Sozialhilfeempfänger!", protestierte Joe.
"Genau, du blöde Kuh!", entgegnete Gummy. "Mein Vater hat eine eigene Imbissbude. Und der Große hier arbeitet schon! Außerdem, wer glaubst du wer du…"
Der Chauffeur öffnete eine große schwarze Brieftasche und knallte Joe sechs Scheine in die Hand.
"Wow, fünftausend Euro!", keuchte Joe. Ihm und den anderen fielen die Augen aus. Alexandra kicherte kurz belustigt über ihr Staunen und Starren, machte dann einen abfälligen Handschwänker. "Geht und kauft euch was schönes, ja?" Mit einem arrogant verzogenem Blick fixierte sie Vivi. "Es ist für einige von euch auch einmal zeit ihren…nun extravaganten Stiel zu ändern." Besonders das Biest-Shirt und die giftgrünen Haare waren wohl gemeint.
Wenn Vivi sie schon vom ersten Augenblick an nicht hatte ausstehen können, so hasste sie diese selbstverliebte Zicke nun ganz.
Vivi zeigte ihr den Mittelfinger. "Vergiss es! Wir lassen uns nicht bestechen!"
Die Jugendlichen, denen beim Anblick des Geldes schon der Speichel aus dem Mund floss, starrten sie bestürzt an.
"Lassen wir nicht?", fragte Joe enttäuscht. Vivi sah ihn so finster und wutverzerrt an, dass er augenblicklich den Schwanz einzog.
Erneut seufze Alexandra. "Na schon, seit ihr mit dem doppelten zufrieden?"
Vivi öffnete den Mund um zu sprechen, doch alle außer ihr und Benny kamen ihr mit einer Antwort zuvor. Einstimmig äußerten sie: "Ja!!!"
Durch Vivi fuhr blanker Zorn. Sie schwoll an und drohte nun wirklich zu explodieren. Mit voller Wucht trat sie Joe auf den Fuß.
Tapfer schluckte er den Schmerzensschrei hinunter und winselte ein leises: "Nein…"
"Wir lassen uns nicht einfach abschütteln! Entweder wir kommen alle mit zu deinem Date oder Benny geht nirgendwohin!", giftete Vivi und ballte drohend die Faust.
Benny war es ein Rätsel warum ihn niemand um seine Meinung fragte, wo er doch den Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung bildete.
Alexandra tat als falle sie gleich in Ohnmacht. "Immer das gleiche mit diesen armen Leuten. Reiche ihnen den kleinen Finger und sie nehmen die ganze Hand!" Sie schnipste mit dem Finger. "James, besorge doch bitte noch ein Vehicle für…diese Leute."
James, der Chauffeur, holte ein schwarzes Handy heraus und drückte nur einen Button. "Moment mal!" Endlich war auch der Polizist aufgewacht. "Das geht nicht! Sie müssen erst ins Revier und ihre Aussage machen! Und dann noch…"
Alexandra schwang ihm ihren Fächer entgegen. "Das geht schon in Ordnung, Herr Polizist. Mein Vater wird das schon mit der örtlichen Behörde klären!"
"Aber…", versuchte es der Polizist ein zweites Mal.
"Mein Vater wartet schon auf den Besuch und Sie möchten doch nicht dafür verantwortlich sein, dass der Baron von Liebgraf warten muss, oder?" Sie zwinkerte unschuldig und engelsgleich mit den Wimpern.
Dem Polizisten lief kalter Schweiß die Stirn herunter. Ihm verschlug es regelrecht die Sprache. Wieder wurde es ruhig.
Da, weil sie doch warten mussten, sah Benny seine Chance sich endlich an dem Gespräch zu beteiligen.
"Wenn ich auch mal was sagen darf…"
"Nein!", entgegneten Vivi und Alexandra gleichzeitig. Benny wurde purpurrot und verstummte wieder.
Mit einem erneuten Hupen fuhr eine zweite Limousine an. Allerdings war diese viel kleiner und schien doch nicht mehr dem absolut höchstem Luxusstandart zu entsprechen.
Überglücklich klatschte Alexandra in die Hände. "Wie dufte!" Ohne Vorwarnung harkte sich ihr Arm bei Benny ein. Mit noch einem letzten abfälligen Blick über die Schulter erwiderte sie: "James, begleiten Sie diese Sozialhilfeempfänger doch bitte zu ihrem Wagen." Dann lehnte sie ihren Kopf an Bennys Schulter und zog ihn hinter sich her. Benny sah unsicher zurück.
Vivi war nur eine Millisekunde von einer Explosion purer Wut entfernt. "Wir sind keine Sozialhilfeempfänger!"
Keiner von den Anwesenden bekam mit wie sie von der Gestallt im Verborgenen beobachtet wurden. Und sie würde Benny auch weiterhin im Auge behalten…
Okay, okay! Ich weis, dass diese Szene sehr übertrieben und unrealistisch ist, aber hey - es ist eine Fiction ;)

Der Spiegel zerbrach vor Kims Augen. In unzählbar vielen kleinen Scherben.
Er starrte auf den wundervoll schimmernden Boden.
Raik lag keuchend am Boden. Ehrfürchtig blickte er auf, zu seinem Herrn.
"Verzeiht mir, Herr! Ich habe versagt!"
Kim deutete ihm mit einer Handbewegung an aufzustehen.
"Es ist nicht deine Schuld, Raik. Du hast mich nicht enttäuscht.", sprach Kim.
Der junge Mann erhob sich. "Herr, wenn Ihr mir erlaubt eine Frage stellen zu dürfen." Kim nickte ohne ihn anzusehen. "Herr", sagte der Mann mit gesenktem Kopf. "Verzeiht, dass ich Euch mit diesem Bengel vergleiche, aber es kam mir vor als kämpfte ich mit Euch. Er hatte eine so tiefschwarze Aura wie ich sie nur bei Euch spüre."
Kim verschränkte lachend die Arme vor der Brust. "Das ist schnell erklärt, Raik. Ich habe ihm einen Teil meiner Kräfte übertragen."
Der Mann wurde bleich im Gesicht. Kim sah ihm an, dass er ihn für nicht ganz bei Sinnen hielt. "Herr, wie konntet Ihr das tun? Er ist Euer Feind!"
"War das ein Vorwurf, Raik? Eine Anklage? Ein Befehl es rückgängig zu machen?"
Nun war der Mann kreidebleich im Gesicht. Raik fiel auf die Knie. "Bei meiner Seele - nein, Herr! Wie könnte ich es je wagen Eure Entscheidungen in Frage zu stellen!"
Erneut lachte Kim. Sein Lachen klang schon wie das von Ganon. "Dann will ich deine Worte für dieses eine Mal überhört haben, Raik."
Der Mann berührte zum Dank den Boden mit der Stirn.
"Computer!", rief Kim aus.
Wie aus der Luft tauchte eine durchsichtige Scheibe auf. Es sah aus wie eine Glasscheibe, doch es war ein digitales Fenster. Eine mechanische Stimme fragte: "Was wünscht Ihr, Herr?"
"Zeig mir die letzte Aufnahme des Sammelraumes von Turm 2649."
Auf dem Fenster erschien die Aufnahme und Kim sah wie der fremde Junge nach der Vitrine griff und von dem Schutzzauber in die Ecke befördert wurde. Und auch wie es das fremde Mädchen versuchte - und tatsächlich den Schutzzauber brach, den er eigenhändig geschaffen hatte. Wie sie den, von ihm persönlich mit Magie geschaffenen, Siegelzauber mit ihrem Messer zerstörte und den Chip ohne Mühe herausholte.
Die Aufnahme war beendet. Das Bild hielt an.
Nachdenklich runzelte Kim die Stirn und kratzte sich am Kinn.
"Computer, ich will alle Daten über dieses Mädchen! Sofort!"
"Sehr wohl.", erwiderte die mechanische Stimme.
Um den Kopf des Mädchens erschien ein rotes Viereck. Der Rest des Bildes verschwand und das Viereck vergrößerte sich, bis es die Hälfte des Fensters einnahm.
Auf der anderen Hälfte blinkte das rote Wort - DOWNLOAD.
Kurz darauf verschwand es und machte den Daten Platz.
Die mechanische Stimme las vor: "Viktoria Elisabeth Mühlden / geboren 1. Februar.1990 / Eltern: Harald Mühlden - Besitzer einer Autowerkstatt und Elisabeth Mühlden - Hausfrau / Geschwister: Daniel Frederik Mühlden / Wohnhaft in…"
"Das reicht!", unterbrach Kim. Die mechanische Stimme verstummte. Kim verengte die Augen und musterte das Bild des Mädchens. "Viktoria…was für ein unpassender Name.", sagte er.
Und es traf zu. Das Mädchen sah kein bisschen so adelig aus wie ihr Name klang. Schon allein die giftgrünen Haare bewiesen das. "Dieses Mädchen scheint ein einfacher Mensch zu sein. Warum konnte sie meine Magie durchbrechen?"


6. Kapitel
Der Wecker klingelte…
Lin knallte ihre Hand auf den Alarmknopf. Der Alarm stoppte.
Murrend kuschelte sie sich wieder in ihre Decke. Sie hatte keinen Bock aufzustehen! Also schlief sie wieder ein.
Um nach fünf Minuten wieder geweckt zu werden. Ihr Wecker war so eingestellt, dass er zwei Mal klingelte, mit einem Zeitunterschied von genau fünf Minuten.
Lin war schon immer ein Morgenmuffel gewesen.
Also knallte sie erneut ihre Hand auf den Knopf, murrte Flüche über die doofe Schule mit ihrer Frühaufsteherei, warf die Decke zurück und streckte sich. Mit einem genüsslichen Gähnen. Ob sie nun wollte oder nicht - sie musste aufstehen.
Nun gut, sie stand auf.
Nun gut, sie folgte ihrem Früh-am-Morgen-Plan. Sie zog sich an, doch etwas anders als sonst. Sie verspürte große Lust den Minirock, den sie sich vor langer Zeit von Jenni geliehen und noch immer nicht zurückgegeben hatte, anzuziehen. Sie hatte sich in dem Fummel noch nie auf der Straße blicken lassen. Warum eigentlich? Er stand ihr doch wie angegossen, der dunkelblaue Jeansrock mit den Falten. Und dazu natürlich ihr weißes schulterfreies Shirt mit der schwarzen Katze auf dem Rücken.
Toll! Strahlte sie.
Sie wusch sich und kämmte sich noch die Haare und rannte nach unten.
"Guten Morgen!", rief sie noch während sie die Treppe hinunterstürmte. Sie wartete gar nicht auf Antwort -
Doch als sie in die Küche stürzte und sah, dass niemand am Tisch saß, der Tisch nicht einmal fürs Frühstück gedeckt war, wurde sie stutzig.
"Mama? Papa? Opa? Benny?", rief sie fragend. Keine Antwort.
Sie sah in jedem Zimmer nach, doch nirgends war auch nur einer der Vier aufzufinden. Wieder im Flur angekommen stemmte sie die Hände in die Hüften. "Wo seid ihr denn alle? Verdammt noch mal!"
In diesem Moment klingelte es an der Tür und Lin fuhr zusammen. Sie erschrak, wie sie noch nie im Leben erschrocken war. Mit aufgerissenen Augen blickte sie starr auf die Tür.
Es klingelte noch einmal.
Wer war da an der Tür? Hä? Wieso war keiner da? Und jetzt klingelte es an der Tür? Vielleicht hatten sich alle vier ausgesperrt?
Sie musste über ihre These lachen. Das wäre ja ein übertriebenen großer Zufall.
Noch immer lachend lief sie zur Haustür und öffnete sie -
Als sie sah wer ihr gegenüberstand - erstarrte sie mitten in der Bewegung.
Ein Junge stand auf der Türschwelle. Die Kleidung war einfach. Ein schwarzes Hemd und eine schwarze Stoffhose und dunkelbraune Stiefel.
Das feuerrote kurze Haar wehte leicht im Wind, der zwischen den Häusern pfiff. Die bernsteinfarbenen Augen, mit den schlitzförmigen Pupillen, sahen ihr direkt in die Augen.
Als erstes dachte sie - Kim?
Doch dann erkannte sie, dass es nicht Kim war.
Der Junge hatte eine dunkle, von der Sonne bebräunte, Haut und weiße Flecken auf und um die Nase.
Der Schock hielt nicht lange. Mit einem Ruck schmiss sie die Tür zu, doch der Fuß des Jungen steckte bereits zwischen Tür und Angel. Sie konnte die Tür nicht ganz zumachen.
Lin warf sich gegen die Tür, doch sie hatte nicht genug Kraft. Weder den Jungen zurückzuwerfen noch überhaupt die Tür an der gleichen Stelle zu halten. Mühelos öffnete der Junge die Tür und warf sie nach hinten um. Sie knallte mit ihrem Allerwertesten auf den Boden.
Der Junge stand vor ihr und starrte mit ernstem und Furcht einflößenden Blick auf sie herunter. Und sie starrte ängstlich zurück. Ja, sie hatte Angst!
Der eisige Blick des Jungen ließ von ihr ab und wanderte durch den Flur.
"Das ist also eine Wohnung des 21. Jahrhunderts!", schlussfolgerte Ganon. Er ging weiter in den Flur hinein. Lin starrte ihm nach.
Mit einer Hand öffnete er eine Tür, blickte kurz in den Raum und wandte sich zur nächsten. Irgendwann traf er auf die Küchentür, die Küche dahinter erweckte sein Interesse. Er betrat sie einfach. Genauso einfach, wie er in dieses Haus eingetreten war.
Lin sprang auf die Beine und lief ihm nach. Sie konnte es noch immer nicht fassen.
Doch als sie die Küche betrat, wäre sie fast von den Füßen gefallen.
Ganon hatte sich vor dem Kühlschrank postiert, die Tür war offen, und blickte in den kühlen Inhalt.
"Was machst du da?", entfuhr es Lin.
Weder antwortete Ganon noch drehte er sich um. Im Gegenteil er holte etwas aus dem Kühlschrank heraus. Ein Fertiggericht aus Kartoffelbrei, Erbsen und einem in Soße eingelegten Schnitzel.
"Mikrowellensneak - fertig in fünf Minuten.", las Ganon laut vor und blickte sich suchend in der Küche um.
"Was soll das?", versuchte Lin noch einmal. Doch auch jetzt wurde sie einfach ignoriert.
Ganon fand den schwarzen Kasten, in der er die Bedeutung einer Mikrowelle vermutete, öffnete die Tür und warf das Kunststoffding hinein. Nun bestand sein Problem in der Auswahl der Knöpfe, die es zu drücken galt. Er schüttelte den Kopf und sagte, wie zu sich selbst: "Ihr Menschen macht es euch wohl gerne kompliziert."
Er drückte einfach irgendwelche Knöpfe und betätigte den START-Button.
Augenblicklich erklang das rotierende Geräusch und der Kunststoffteller drehte sich.
Lin sah ihm zu, wie er neugierig das Rumoren des Haushaltsgerätes verfolgte. Sie fragte sich ob das ein Scherz sein sollte. Falls es ein Scherz war, war es alles andere als lustig!
Ein Klingeln beendete die Arbeit der Mikrowelle. In freudiger Erwartung holte Ganon das Fertiggericht heraus. Es war heiß, doch es machte ihm nichts aus. Schließlich war er in der Hitze geboren und aufgewachsen.
Eine Schublade nach der anderen durchsuchte er auf irgendwelches Besteck, das er nutzen konnte. Aus der gesuchten Schublade griff er gleich nach einer handvoll von allem möglichen an Besteck.
Danach setze er sich an den Küchentisch, knallte das Besteck darauf, zog die Folie von dem Kunststoffding und roch daran. Es roch köstlich!
"Ah! Endlich eine mir würdige Nahrung. In der Wüste gibt es so gut wie gar nichts. Und auch immer nur das gleiche." Ganon suchte nach dem richten Besteck. Dabei nutze er das Wissen seines Sohnes. Denn er hatte uneingeschränkten Zugang dazu. Also griff er sich eine Gabel und ein Messer.
Doch bevor er mit dem Essen beginnen wollte, sah er auf, zu Lin.
Ihr noch immer erschrockenes Gesicht vergnügte ihn. "Was siehst du mich so an, Mädchen?", fragte er. "Ich gehe nur meinen biologischen Grundbedürfnissen nach, nicht mehr und nicht weniger."
"Verschwinde aus meinem Haus!", entgegnete sie zornig, aber nicht minder furchtsam.
"Deinem Haus?", lachte Ganon. "Wir befinden uns nicht in einem Haus. Das ist lediglich ein Traum von dir. Er sieht wie dein Haus aus, weil du es sehen willst. Aber du bist nicht wirklich in deinem Haus. Du schläfst noch immer in deinem Zimmer - im neuen Teufelsturm."
Aus Lins Gesicht wich alle Farbe. Sie träumte also nur? Darum war auch ihre Familie nicht da, denn sie träumte nur. Ihr Körper war noch immer im schwarzen Turm und ihr geistliches Ich befand sich in einem Raum mit dem Großmeister des Bösen.
Was sollte sie nur tun?
Ganon schnitt das Fleisch in kleine Stücke. Ein Stück spießte er mit der Gabel auf, tauchte es in den Kartoffelbrei und ließ es sich auf der Zunge zergehen.
Er verzog das Gesicht, nur kurz.
Während des ersten Bisses musterte er Lin, ohne den Blick auch nur einmal abzuwenden.
"Nun, ich kann es meinem Sohn wirklich nicht verübeln, dass du ihm, unglücklicher Weise, den Kopf verdreht hast. Du bist wahrlich eine Freude für die Augen! Und dieser neue Stil kommt deiner Weiblichkeit viel besser zur Geltung als bei unserer ersten Begegnung."
Lin bereute es jetzt den Rock angezogen zu haben. Sie spürte ganz deutlich wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Und sie war wütend darüber!
"Ich stehe nicht auf alte Männer!", zischte sie wütend.
Unbeeindruckt spießte Ganon das nächste Stück Fleisch auf und entgegnete gelassen: "Und ich nicht auf schwangere Minderjährige."
Das verschlug Lin die Sprache. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass sie ein Kind bekam. Dass es in ihrem Bauch heranwuchs und ihren Bauch bald dicker und dicker machen werde. Ihr schossen die Tränen in die Augen.
Erneut verzog Ganon kurz das Gesicht, als er kaute. "Leg dich lieber nicht leichtfertig mit mir an, in jungen Jahren fehlte es auch mir nicht an Schlagfertigkeit!"
Lin wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. "Wie kommst du hierher? Ich träume doch nur!" Da kam ihr die Lösung. "Du bist auch eine Traumbild!?!"
"Nein.", entgegnete Ganon. "Ich bin kein Traumbild. Ich konnte hierher gelangen, weil du mein Blut in dir trägst."
Unwillkürlich faste sich Lin an den Bauch. Ganons Blut! Natürlich, schließlich war es auch Kims Kind! Wieder war dieses Ungeborene schuld! Es war zum verzweifeln!
Nach dem vierten Bissen reichte es Ganon. Verärgert warf er die Gabel auf den Tisch und schob die Brühe von sich weg. "Dieses Zeug schmeckt widerlich!"
"Natürlich schmeckt es widerlich!", entgegnete Lin. "Du hast die Mikrowelle auch völlig falsch eingestellt!"
"Dann geh und mach mir was Ordentliches!", befahl er.
Lin zeigte ihm empört den Vogel. "Ich bin doch nicht dein Dienstmädchen!"
Ganon schlug die Faust auf den Tisch. "Aber du bist eine Frau und du gebärst ein Kind! Du solltest deinem Mann gehorsam sein und ihn unterstützen, stattdessen jammerst du nur herum und stellst dich gegen ihn. Du hast mit meinem Sohn viel Glück, ich hätte nicht so viel Geduld mit dir wie er. Ich hätte dir längst gezeigt wo dein Platz ist!"
Nun fing auch Lin an zu schreien. "Ach so, deshalb warst du der König der Gerudos. Du hast die Frauen immer verprügelt, damit sie dir gehorchen!"
"Das war gar nicht nötig. Sie wussten von selbst wem sie ewige Treue zu schwören hatten!"
"Schön für dich! Aber ich habe keinen Vertrag unterschrieben in dem steht…" Lin holte noch einmal tief Luft um besonders laut zu schreien. "…dass Kim mich vergewaltigen, entführen und einsperren darf!"
Mit vor der Brust verschränken Armen lehnte sich Ganon zurück. "Für eine Frau hast du ein ganz schön großes Mundwerk!" Plötzlich fing Ganon an zu lachen. "Widerspenstige Frauen, die sich weigern sich unterzuordnen, waren zwar immer schon lästig, aber auch sehr interessant. Du warst wirklich eine gute Wahl!"
Lin war völlig verwirrt. "Wahl? Was für eine Wahl?"
Ganon lehnte sich wieder nach vorne. "Nun, da wären wir nun beim Punkt angelangt warum ich hier bin."
"Und der wäre?"
"Ich habe uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Erinnerungen, bewusste und unbewusste, und mein Sohn schickt mich, damit ich dir alles zeige was du wissen möchtest. Nun ja - fast alles." Jetzt war Lin noch irritierter als vorher.
Ganon sah es ihr an. "Ich verstehe schon, dass dich das verwirrt. Darum fangen wir wohl am besten ganz am Anfang an. Als das Böse das Licht der Welt erblickte."
Dann fing Ganon erneut an zu lachen. Doch dieses Mal war es ein kaltes Lachen, dass einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Und in diesem Augenblick, da er anfing zu lachen, versank das Haus in einem dichten Sandsturm. Einfach so, von einem Moment auf den anderen.
Lin schrie auf, was sich als Fehler herausstellte, denn gleich darauf hatte sie den Mund voll Sand. Sie verlor die Orientierung, sie wusste weder wo links und rechts noch wo oben und unten war. Sie drehte sich um sich selbst und ihr wurde schwindelig. Der Sand brauste ihr mit einem Pfeifen durch die Haare und die Kleidung.
Dann ließ der Sandsturm nach, ganz langsam zwar, aber immerhin.
Sie würgte und spuckte den Sand aus ihrem Mund und rieb sich die Augen.
"Folge der Frau!", hörte sie Ganons Stimme. Sie sah sich um.
Doch Ganon konnte sie nirgends entdecken. Dafür aber, ganz schwach, eine Gestallt. Sie rannte darauf zu - und sah eine Frau…

Der König der Wüste

Es geschah in einer dieser bitterkalten Nächte in der Wüste. Die zwei werdenden Mütter, bei denen die Wehen schon vor 3 Stunde angefangen hatten, waren bereits in den Geistertempel gebracht worden. Alle Kinder des Volkes wurden dort geboren, ohne Ausnahme.
Sará war auf dem Weg dorthin. Seit sie denken konnte wurde sie von ihrer Mutter - der vorherigen Hebamme - zur Geburtenhelferin ausgebildet. Alle erkannten sie als diese, denn sie trug ihr feuerrotes Haar unter einem Weisen Seidentuch, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie liebte ihre Aufgabe, denn sie war immer dort, wo neues Leben entstand.
Sie trug einen ledernen Beutel an der Seite, dort waren alle wichtigen Dinge enthalten, die sie brauchte.
Die junge Frau zitterte trotz des dicken Pelzmantels. So war es immer in der Wüste…
Der Tag brachte feurige Glut und die Nacht eisige Kälte…
"Sará, Sará!", rief eine tiefe Mädchenstimme und die Hebamme drehte sich verwundert um. Es war das 8-jährige Gör Dana, begleitet von einigen Frauen, die ebenfalls ihrer Neugier zum Opfer gefallen waren.
"Was machst du hier, Dana? Solltest du nicht längst bei den andern Mädchen schlafen?", fragte Sará aufgebracht.
"Ach sei nicht so, Mutter! Ich will doch auch einmal zuschauen.", verteidigte Dana sich frech.
"Du bist dir im Klaren darüber, dass du nicht dabei sein darfst?"
"Natürlich, ich warte brav draußen, versprochen!"
Letztendlich nickte Sará zustimmend, immerhin waren sie fast am Ziel. Jetzt noch das Mädchen zur Festung zurück zu schicken, wäre unverantwortlich.
Der Sandsturm legte sich und sie erreichten die Pforte.
Es war selten, das gleich zwei Gerudos gebaren. Und so bereitete sich Sará geistlich und körperlich auf ihre Arbeit vor.
Der Tempel lag in vollkommener Dunkelheit, nur eine Frau stand in der Halle, mit einer brennenden Fackel in der Hand, um ihnen den Weg zu erhellen.
"Wie geht es Nebu und Farina?", fragte Sará mit kühler und gelassener Stimme.
"Nebu gut, aber Farina hat sehr große Schmerzen."
Sará schüttelte missmutig den Kopf. "Es ist ihre erste Geburt, das wird sehr hart für sie werden." Und wie auf Kommando hörten sie die herzzerreißenden Schreie der jungen Farina. Sie war die Jüngste aller Gerudos, die je ein Kind unter ihrem Herzen trug und deswegen war sie in Schande geraten.
Denn, jede Gerudo musste ein bestimmtes Alter erreichen, bevor sie zu einer Frau werden durfte und Farina hatte dieses Alter noch nicht erreicht. Es war nicht absichtlich…und dennoch war es passiert.
Sará konnte sich noch genau erinnern wie sie schmutzig und mit zerrissenen Kleidern in der Festung angekommen war. Mit roten, verweinten Augen hatte sie erzählt was ihr widerfahren war:
Als sie auf der Jagd nach Wild gewesen war, im Wald nahe des Hylia-Sees, war sie einem Mann begegnet. Es waren die Gerudokriegerinnen, die sich ihre Männer aussuchten, doch bei ihr war es anders herum.
Der Mann hatte sich auf sie gestürzt und ihr die Kleider vom Leib gerissen…
"Was hast du gemacht?", hatte Sará sie verhört und Farina hatte noch lauter geschluchzt. "Ich schwöre bei meiner Seele, ich habe mich gewehrt, aber ich unterlag. Es dauerte eine Ewigkeit bis er erschöpft von mir abgelassen hat!"
Sará wandte sich von ihr ab. "Du bist eine Schande für uns…"
"ICH HABE IHN GETÖTET!", hatte ihr Farina nachgeschrieen.
Und nun gebar sie das Kind des Schänders. Aber Sará machte sich noch keinen Kopf darum. Später würden sich die Ältesten und Weisesten des Volkes zusammensetzen und um die Zukunft des Neugeborenen entscheiden - ob es bei ihnen leben durfte oder getötet wurde.
Sie erreichten den Kreissaal und die Hebamme und einige der Frauen traten ein. Viele Fackeln in metallenen Fackelhaltern standen an den Wänden und erleuchteten den Raum, als fiele vom Fenster Sonnenlicht herein. In der Mitte war ein riesiges Bett aufgestellt, mit goldenfarbigen Lacken. Nebu lag in einem bronzenen Gewand darauf und krümmte sich. Sie stöhnte laut auf und drückte die Hand einer Gerudo noch fester, um sich zu beruhigen. Diese flüsterte ihr zu: "Jetzt ist Sará da, bald ist es vorbei."
Mit leuchtenden Augen nickte sie heftig. Ein Eimer mit kochendem Wasser und ein Becken mit warmen wurden bereitgestellt.
Sará atmete tief durch, presste die Lippen aufeinander und langte in das brodelnde Wasser. Jede Geburt bedeutete für sie, sie musste sich die Hände leicht verbrennen, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich sauber waren. Sie wartete noch bis der Schmerz allmählich abklang, dann sagte sie Nebu, sie solle mit aller Kraft pressen. Das ließ sich Nebu nicht noch einmal sagen und gehorchte.
Eine Stunde dauerte es, bis das kleine neugeborene Mädchen endlich ihrem Mutterleib entglitten war. Und es schrie wie am Spieß. Mit kräftiger und heller Stimme schrie und schrie es unaufhörlich. Sará legte es auf ein sauberes weißes Tuch, ein Geburtstuch, wie es bei ihnen der Brauch war, und packte die Nabelschnur, die Mutter und Tochter noch miteinander verband. Sie biss und zerrte daran und schließlich riss die Schnurr. Sofort legte sie das schreiende Baby vorsichtig in die Wanne und tauchte es unter. Sorgfältig und mit größter Fürsorge wusch und untersuchte sie es. Nichts - das Baby war kerngesund, wie es sein kräftiges Stimmchen bereits angekündigt hatte.
Mit einem letzen Stöhnen Nebus verließ auch die Nachgeburt ihren Körper.
Lächelnd bettete Sará das Neugeborene auf ihre Brust. Überglücklich legte Nebu sanft einen Arm um ihre Tochter und abrupt verstummte diese - natürlich zur Erleichterung aller.
Plötzlich klopfte es an die Tür. "Das ist sicher die Botin", vermutete Sará. "Farina ist soweit! Holt frisches Wasser und last uns gehen." Die Helferinnen eilten los. Auch Sará setzte sich in Bewegung hielt dann doch kurz inne. "Ach Nebu, ich weiß schon einen Namen für deine Tochter", erwartend blickten alle sie an und sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Naboru - der Schrei."
Nebu lachte leise und nickte ihr begeistert zu. "Der Name ist überaus zutreffend, danke." Sará stülpte sich ihre Beuteltasche über und verließ den Kreissaal.
Zusammen mit ihren Helferinnen betrat sie die gigantische Halle - das Zentrum des Tempels. Hier stand die gewaltige Steinstatue der Wüstenpriesterin Shjra, ihre Göttin, die sie verehrten.
Die junge Hebamme klatschte in die Hände und auf diesen Befehl hin, fuhr ein Stück der Decke herab. Sie und die anderen Frauen stellten sich darauf und fuhren nach oben, bis vor das Gesicht der Statue - und liefen einfach hindurch.
Das steinerne Gesicht existierte nicht, es war ein Hologrammzauber, der nur den Anschein erweckte.
Sie schritten langsam durch den Flur zu einer Tür am anderen Ende. Dahinter hörten sie laute, unerträgliche Schreie einer Frau - fast noch die eines Mädchens.
Das Tor fuhr nach oben und ließ sie herein.
Ein Raum in dessen Wände lauter Runen eingraviert waren. Vier Säulen umkreisten ein hohes Plateau in der Mitte der Kammer. Sará begann den Aufstieg an einer Seite, wo eine Kletterwand angebracht war. Zwei andere taten es ihr gleich und trugen noch ein Ende eines Seils mit sich. Eine Frau blieb zurück und knotete ihr Ende des Taus an den Eimer. Oben angekommen zogen die Zwei den Eimer nach oben. Dasselbe Verfahren mit der Wanne.
Noch lauter wurden Farinas Klagen. "Du kommst spät, Sará!"
"Das Kind einer würdigen Kriegerin geht dem einer Geächteten vor!", erwiderte die Geburtenhelferin trocken. Farina lag nackt auf einem einfachen runden Kissen und wand sich vor Qual. Ihre Stirn glühte und ihr ganzer Körper war vom Schweiß benetzt.
Sara entnahm ihrem Beutel ein schwarzes Tuch und breitete es auf dem kalten Steinboden aus.
Empört und mit einem entsetzten Unterton in der Stimme herrschte Farina sie an: "Wie kannst du es wagen mein Baby in ein schwarzes Totentuch zu betten…"
"Schweig! Du solltest lieber beten, dass dein Mädchen überhaupt das Recht haben wird zu leben!", entgegnete Sará bitter und ernst.
Farina begann bitterlich zu weinen.
"Wirst du wohl endlich still sein! Du allein bist schuld, dass es deinem Mädchen so schlecht ergehen wird, also stell dich nicht so an!"
"Mein armes Baby, mein armes Mädchen!", heulte Farina. "Erst lasst ihr mich in diesem elenden Raum, statt dem Kreissaal, gebären, legt es in ein Totentuch und jetzt redest du auch noch minderwertig von meinem Kind."
Dann setzten die Geburtswehen ein und Farina schrie und krampfte sich zusammen. Eilig steckte Sará ihre Hände in das frische, kochende Wasser und den Schmerz ignorierend nahm sie den Kopf des Kindes, der schon aus der Scheide seiner Mutter herauslugte, entgegen.
"Press stärker!", sagte sie zu Farina.

Gemächlich und mit gerunzelter Stirn kam sie am Kreissaal an, vor dem die meisten Frauen schon auf sie warteten. Den kleinen Leib in dem Totentuch an sich gepresst. Sie spürte wie das Neugeborene mit den Lippen ihre Brust nach Milch abtastete.
Es war ganz leise und still zur Welt gekommen, hatte nicht einen Laut von sich gegeben. Und sie hatte es umsichtig gewaschen und untersucht. Genau wie Naboru war es kerngesund, was sie nicht erwartet hätte. Sie hatte noch nie einen Säugling gesehen, der nach seiner Geburt so ruhig gewesen war.
"Und? Was ist mit Farina?", fragte Eine.
"Sie ist vor Erschöpfung eingeschlafen.", verkündete Sará.
"Ist das ihr in Schande geborenes Kind?", fragte eine Andere.
"…Ja…"
"Oh, ich will es sehen! Darf ich, darf ich, Mutter?", kreischte Dana und fuchtelte wild mit ihren Händen.
"Natürlich.", Sarás Stimme klang matt und nachdenklich. Sie hob das Neugeborene von ihrer Brust und legte es längs auf ihren Arm. Dann schob sie das Tuch vom Kopf des Säuglings weg.
Die winzigen Äuglein waren geschlossen. Dünne, feuerfarbene Haare klebten auf dem Schädel. Die Haut war makellos weiß und die Wangen rosig. Die schmalen Lippen waren blutrot.
Mit großen Augen betrachteten die Gerudos das Kleine.
"Zugegeben, es hat die Schönheit seiner Mutter geerbt.", nötigte sich eine der Frauen ab.
"Wow", Dana war hin und weg. "Was für ein wunderschönes Mädchen!"
Sará blickte ebenfalls auf das Bündel, das ruhig in ihren Armen lag.
"Nun", sagte sie nach einer Weile. "Mädchen ist nicht ganz richtig."
Verwirrt verfolgten die Kriegerinnen, wie Sará den winzigen Leib des Säuglings entblößte.
"Bei der Priesterin Shjra!", stieß Eine hervor.
"Das zwischen den Beinen… das ist …"
"Ganz recht, meine Damen", bestätigte Sará. "Ein Penis. Der neue König der Wüste hat sich soeben einen Weg ins Leben gebahnt."
"NEIN!", fauchte eine Gerudo. "Das ist nicht unser König, das ist das Kind einer Geächteten! Wir sollten ihn so schnell wie möglich loswerden!"
"Rede nicht so einen Unsinn, Eleane! Wir halten einen Rat ab, um über das Schicksal dieses Jungen zu entscheiden."
Eleane funkelte sie böse an, warf noch einen letzten abfälligen Blick auf den Winzling und ging.
Wenige folgten ihr, die Meisten gingen in den Kreissaal um Nebu Gesellschaft zu leisten und noch einmal dem Geschrei der kleinen Naboru zu lauschen. Nur Dana musste beleidigt immer noch vor der Tür verharren.
Sará aber machte sich wieder auf den Weg in den höchsten Raum - zu Farina.
Die junge Frau wachte auf, als sie ihr das Baby auf die Brust legte.
"Dein Junge hat Hunger.", meinte sie knapp.
Farina versuchte sich etwas hochzustemmen und ihr Kind zu stillen. Noch immer war es ruhig.
"Er war ein Dieb…", erzählte Farina. "Er hat mir gesagt, er habe noch nie eine so schöne Frau wie mich berührt. Und dass ich seine erste Jungfrau bin, mit der er schläft." Sie strich zärtlich über den Kopf ihres Babys. "Ich habe ihn mit seinem eigenen Schwert erstochen…genau ins Herz." Noch immer hatte sie hohes Fieber. "Was haben die Anderen gesagt?"
Sará wog ihre Worte sorgfältig ab. "Wir werden in einer Verhandlung über dein Kind richten."
Farina kicherte, dann flossen erneut Tränen ihre Wangen herunter und tropften auf das trinkende Neugeborene. "Das ist nicht fair! Nebus Kind darf leben, meines nicht…"
Sará empfand Mitleid für die junge Mutter. "Denk nicht so, es ist noch nichts entschieden."
"Hör auf, Sará!", klagte Farina. "Ich will dein Mitleid nicht."
"Erhol dich, du wirst an der Versammlung teilhaben, dafür sorge ich. Außerdem ist dein Kind der neue König, keiner wird in der Lage sein, dies zu widerlegen.", Sará lächelte ihr zu. "Vertrau mir."

Das Gerücht, ein Junge sei der verachteten Farina geboren worden, verbreitete sich wie ein Buschfeuer. Alle vom Volk der Gerudos versuchten einen Blick auf ihn zu erhaschen, noch bevor die Entscheidung über sein Schicksal fiel.
Vier Tage später versammelten sich alle alten und weisen Gerudos in der Halle mit der gigantischen Statue. Auf einem kleinen Podest vor der Skulptur, zwischen zwei brennenden Fackeln, war eine Krippe aufgebaut, in der der Knabe friedlich lag. Noch immer waren seine Augen fest geschlossen.
Farina kaute auf ihrer Unterlippe herum um dem Drang zu widerstehen, ihn sofort wieder in ihre Arme zu nehmen.
Nur äußerst widerwillig hatte sie ihren Sohn herausgerückt, nachdem ihr gedroht worden war, ihn ihr gewaltsam zu entreißen und sie für ihren Ungehorsam auspeitschen zu lassen. Schmollend saß sie jetzt auf dem Boden neben den Anderen, die ebenfalls auf dem Stein Platz genommen hatten.
Reme, die oberste Richterin des Volkes, trat vor die Krippe. "Hiermit eröffne ich die Verhandlung um das Leben, dieses Kindes!" Sie deutete mit ihrem langen, dünnen Holzstab auf den Inhalt des Kinderbettchens.
Eleane sprang sofort auf. "Dieses Kind ist eine Missgeburt! Es hat den Tot verdient!"
"Schweig!", befahl ihr Reme. "Deine Zeit zu Reden ist gleich gekommen, aber lass mich erst ausreden." Ein leichtes Husten folgte. "Es ist sehr wohl der Säugling Farinas, doch was noch entscheidender ist - ihr wurde ein Junge geschenkt! Wir hatten schon seit mehr als 200 Jahren keinen König mehr, es ist an der Zeit…" Ein erneuter Hustanfall überkam Reme. "Wir brauchen einen neuen Herrscher!", beendete sie letztendlich ihre Rede. "Also Eleane, tritt vor und sprich!"
Und das tat die Gerudo auch, stolz und erhobenen Hauptes. Voller Verachtung beäugte sie den Säugling, der so reglos dalag, als ob in ihm niemals das Leben erblüht wäre. Dann drehte sie sich um, der Menge zu.
"Wie wir gehört haben ist es nun schon über 200 Jahre her, seit dem Ableben unseres letzten Königs. Wir alle - jede einzelne von uns erwartet den Tag an dem unser neuer Herrscher einer von uns geboren wird. Jede von uns betet und fleht zur großen Shjra…", Eleane hob die Hände gen Himmel und deutete auf die Skulptur. "…, dass ihr die Ehre zu teil wird, sie die Auserwählte sei, der der Junge mit der göttlichen Macht geschenkt wird. Und nun soll ausgerechnet ihr…", sie zeigte mit ausgestrecktem Finger und angewidertem Blick auf Farina. "…die, die sich einem Manne so hingab - die, die von uns verachtet wird, der König geboren sein? Dieser Junge ist ganz sicher nicht der Mächtige. Ich warne euch, wenn wir einem solchen Kind unser Volk anvertrauen, bedeutet das nicht nur den Verlust unserer Würde, sondern auch unseren Untergang!"
Manche nickten oder hauchten ein "Stimmt!", die Anderen blieben unparteiisch.
"Du Lügnerin!", schrie Farina und erhob sich. "Du lässt deine ganze Wut und deinen Hass auf mich an einem wehrlosen Säugling aus, wie tief bist du schon gesunken, Eleane, wie tief?"
Reme, die Richterin trat auf sie zu und gab ihr eine Ohrfeige. "Du unreifes Gör, wer hat dir erlaubt zu sprechen? Sei dankbar, überhaupt am Rat teilhaben zu dürfen!" Sie drückte die aufgebrachte Farina wieder auf den Boden. Mit Zornestränen in den Augen folgte diese.
"Nun gut", sprach Reme. "Trete vor, wer immer zur Verteidigung des Knaben etwas zu sagen hat!"
Es herrschte absolutes Schweigen. Niemand stand auf, niemand erwiderte etwas, niemand setzte sich für ihr Kind ein. Wenn sie nur dürfte, aber es war ihr verboten. Ihr Sohn würde sterben bevor sein Leben erst richtig angefangen hatte, daran zweiflete Farina nicht mehr, alle Hoffnung war von ihr abgefallen.
Ihr Zorn schlug in Angst und Panik um. Sará hatte ihr doch versprochen…
Sará stand auf und schritt auf die Krippe zu. Sie beugte sich herunter und küsste den Jungen auf die Stirn.
Ein großes Getuschel und Geflüster ging durch die Reihen, bis Sará mit einer Geste um Ruhe bat. "Ihr glaubt sicher, ich werde um das Recht dieses Kindes kämpfen, aber ihr irrt. Es braucht meine Hilfe nicht. Der König der Wüste ist bereits jetzt in der Lage sich zu beschützen und als ehrwürdig zu erweisen. Er ist unser Herr und keine von uns sollte auch nur eine Sekunde daran zweifeln!"
"Was redest du da, Sará? Hast du den Verstand verloren?", fuhr Eleane sie an. "Dieser Knabe ist nie und nimmer unser König…", einen Moment lang hüllte die Stille den Saal ein. Es schien als holte die Zeit selbst tief Luft. "…und ich werde es euch auch beweisen!"
Mit diesen Worten zog sie ihren Dolch aus der Scheide, die um ihre Hüfte gebunden war. Entsetzt sprang Farina auf die Beine um sich auf Eleane zu stürzen. Aber sogleich griffen viele Frauenhände nach ihr und hielten sie zurück.
"NEIN!", brüllte sie. "Tu ihm nichts!"
Sará werte mit der Hand ab. "Haltet sie ja fest. Und du Eleane, trete heran, wenn du seine Macht unbedingt am eigenen Leib zu spüren bekommen willst." Mit siegessicherem Lächeln schritt Eleane vor die Krippe. "Elender Wurm, du hast in unserem Volk keinen Platz!"
"BITTE NICHT!", bettelte Farina entsetzt. "Töte mich, aber nicht ihn!"
Sie hob den Dolch genau über den Säugling. "Viel Spaß im Jenseits, Winzling!"
Plötzlich öffnete der Junge seine Augen und Eleane stoppte mitten in der Bewegung. Der Blick brannte sich in ihr Gedächtnis, durchlöcherte ihre Gedanken. Der Dolch wurde glühend heiß, dass sie ihn mit einem lauten Aufschrei fallen ließ. Auf ihrer Hand bildeten sich überall hässliche Brandblasen inmitten der geröteten Haut.
Eleane starrte noch immer in die Augen, die gelb schimmernden Augen. Die Pupillen waren nicht rund, wie bei allen Menschen, sondern lang und schmal.
Sie fiel vor der Krippe auf die Knie. "Vergib mir, mein König, vergib mir meine Zweifel an deiner Kraft!"
Und zum ersten Male begann das Kind zu schreien und zu weinen. Es wirbelte und schlug um sich. Farina befreite sich von den Klammergriffen und rannte zu ihm. Sie nahm den Kleinen in die Arme und wiegte ihn. "Habt ihr jetzt begriffen, ihr blöden Kühe? Wehe der, die meinem Sohn noch einmal etwas Böses tun will!"
Die irritierten Kriegerinnen sahen einander an. Nur Sará blickte den Jungen im Arm der Mutter siegreich an. Ihre Vermutung hatte sich ganz nach ihrer Vorahnung bestätigt.
Der Knabe weinte weiter und Farinas Aufmerksamkeit wandte sich wieder ganz ihm zu. Beruhigend redete sie auf ihn ein: "Pssst…mein kleiner Ganon, deine Mutter ist bei dir…" Und sie summte leise.
Abrupt meldete sich die oberste Richterin zu Wort: "Ganon - der Überlebende? Hast du deinem Sohn gerade einen Namen gegeben?"
Ein lautes Einatmen aller erklang in der Halle und wurde von den Wänden noch lauter abgestoßen.
Trotzig schaute Farina in die Runde und blieb an Reme haften. "Na und? Jedes Kind bekommt einen Namen!"
Am Rande ihrer Geduld, aber bemüht ruhig zu bleiben, erinnerte Reme die junge Mutter: "Du weißt genau was im Gesetz steht! Der König darf keinen Namen tragen. Namen machen die Menschen verwundbar!"
"Ich allein entscheide was gut für mein Kind gut ist und ich pfeife auf die alten Gesetzte!", sagte Farina selbstsicher. "Er soll sein wie jedes andere Kind in seinem Alter auch…"
"Hihihi", ertönte plötzlich eine kreischende Stimmte. "Hör Kotake, wie vorlaut das Gör ist."
"Ja, Koume"; eine andere. "Schlimm, schlimm!"
Zwei gleißende Lichtkugeln erschienen über ihnen. Eine Rote und eine Blaue, die sich schnell um sich selbst drehten. Daraus formten sich langsam zwei uralte Weiber auf uralten Besen - Koume und Kotake, die Hexen des Geistertempels.
Beide trugen sie einen schimmernden Juwel auf der Stirn.
Koume, die den Feuerzauber beherrschte, besaß den Roten, zu ihren Feuerhaaren.
Kotake, die den Eiszauber beherrschte, besaß den Blauen, zu ihrem Eisklumpen als Haar.
"Aber was soll man da machen, Koume. Wenn es die Mutter des Herren so wünscht, ist ihr nicht zu widersprechen."
"Völlig richtig, Kotake."
Sie kicherten und flogen über den Köpfen der Anwesenden hinweg. Misstrauisch beobachtete Farina sie.
"Ja, ja, er hat wirklich Potenzial, der Kleine. Nicht Kotake?"
"Ja, ja, das hat er. Der Junge wird ein starker Mann werden, mächtiger als alle vor ihm!"
"Und er wird die Rache der Shjra ausüben, Kou…"
"Nichts wird er!", unterbrach Farina, die zwielichtige Unterhaltung. Die beiden Hexen beäugten sie verwundert und stoppten ihren wilden Flug.
"Was soll das heißen, ehrenwerte Mutter?", fragte Koume skeptisch. "Wir werden ihn erziehen und ausbilden, bis der Tag der Abrechnung anbricht."
"Das werdet ihr nur über meine Leiche! Ich lasse nicht zu, dass Ganon ein gefühlsloser Klotz wird, wie die Könige vor ihm. Shjra ist schon lange tot, sie braucht keine Rache mehr."
"Du wagst es, dich gegen deine Göttin zu stellen?", brüllten die beiden Hexen wie aus einem Munde. "Er muss seine Aufgabe erfüllen, daran kannst du nichts ändern!"
"Und ob ich das kann! Mein Sohn wird in seinem ganzen Leben nie auch nur einen Menschen umbringen!"
"Du!!!" Kotake bildete in ihrer Hand eine Wolke aus Eis und holte aus - "Halt!"
Die oberste Richterin trat vor. "Wir alle missbilligen den Wunsch Farinas, aber sie ist es nun einmal, die den König geboren hat. Wir haben kein Recht uns gegen ihr Urteil zu stellen."
Die beiden Hexen sahen sich an und brachen in schalendes Gelächter aus. "Traut ihr euch wirklich zu, das Gesetz auf solch obszöne Weise zu missachten?", lachte Koume. "Ihr wisst genau, was geschehen wird. Shjra wird euch alle vernichten, ihr die ihr alle ihre Kinder seid!"
Und in diesem Augenblick floss eine pechschwarze Masse von den steinernen Händen der Skulptur. Sie tropfte auf die Kriegerinnen herab, die schrieen und kreischten vor Angst. Sie standen auf und liefen panisch und orientierungslos in der Halle umher.
"BERUHIEGT EUCH!", rief ihnen Kotake zu. Und sofort stoppte der Fluss. Die Gerudo versuchten ihre Furcht zu bezwingen und wandten sich ihr zu.
"Na? Da habt ihr euren Beweis!", höhnte Koume.
"Aber…was sollen wir tun? Sagt es uns!", flehte Reme.
Koume und Kotake sahen sich erneut an und nickten sich gegenseitig zu. Dann deuteten sie beide auf Farina und sprachen wie aus einem Munde: "Für solch schlimmen Ungehorsam gibt es eigentlich nur eine Strafe - den Tod!"
Farina zuckte zusammen und drückte ihr Kind noch fester an sich.
"Aber in diesem Fall gibt es eine noch bessere Lösung!"
Wieder lachten sie und ließen die Frauen eine geschlagene Weile im Unwissenden. Dann stürzten sie ohne Vorwarnung auf Farina zu. Kotakes Eiszauber traf ihre Hände und schreiend verlor sie den Säugling aus der Hand. Koume fing ihn in der Luft und flog hoch, für die Mutter unerreichbar.
Farina presste ihre schmerzenden, gefrorenen Hände an sich. Sie konnte keinen Finger krümmen.
Das Junge fing an zu schreien.
"Na, na, nicht weinen. Wir kümmern uns schon gut um dich.", versuchte Koume ihn ruhig zu stellen. Mit ihrem knochigen, schrumpeligen Zeigefinger strich sie ihm über die Wange. "Gutschigutschigu…"
Farina wurde schlecht, wie sie mit ansehen musste was die Hexe mit ihrem Sohn machte. "Gebt ihn mir zurück!", befahl sie.
Kotake blickte auf sie herab. "Wir denken nicht dran, er gehört jetzt uns! Und für dich gibt es nur eins - Verbannung!"
Farina schaute von einer Gerudo zur andern. Aber sie alle wandten ihren Blick von ihr ab. Das war also aus ihr geworden, aus einer Geächteten nun eine Verbannte. Wohin sollte sie bloß gehen? Gerudos, die sofort an ihrem roten Haar zu erkennen waren, wurden überall gefürchtet. Sie hatte allein keine große Überlebenschance.
"Geh!", lachte Kotake. "Geh hinfort, Maaku - die Verstoßene!"
Sie wusste das sie keine Macht hatte sich zu widersetzten. Heiße Tränen flossen über ihr Gesicht, während sie langsam zum Tor schritt. Die Menge teilte sich um ihr platz zu schaffen. Mit einem Schweigen sahen ihr ihre ehemaligen Lebensgefährtinnen nach.
Traurig schaute Sará zu den alten Weibern empor. Sie werde sich dafür einsetzten, dass Nebu sich um den Kleinen kümmerte, bis er nicht mehr gestillt werden musste.
Jedoch - ob Farina ihren Sohn jemals wieder sah, wusste allein das Schicksal…


Zu Kapitel 7



by Kim


Anmerkung: Im Original heißt "Serge" eigentlich "Google". Leider konnten wir diesen Namen aus Patentrechten nicht benutzen. Der Name "Google" sollte eine symbolische Bedeutung der Suche haben. Wir haben daraus "Serge" gemacht, da sich dieser Name so ähnlich sie "search" (=Suche) anhört.


 

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